Carl Wilhelm Hübner, Die schlesischen Weber, 1844/45

“Ein Bild, das wirk­samer für den Sozial­is­mus agi­tiert als hun­dert Flugschriften” — so charak­ter­isierte Friedrich Engels 1846 dieses Gemälde des aus der Düs­sel­dor­fer Maler­schule stam­menden Carl Wil­helm Hüb­ner. Es gibt drei Fas­sun­gen von diesem Gemälde, alle von Hüb­ner ange­fer­tigt. Denn so groß war die Nach­frage in der Folge des Weber­auf­s­tandes in Schle­sien, dass schle­u­nigst noch zwei weit­ere, inhaltlich prak­tisch iden­tis­che Fas­sun­gen gemalt wur­den, die anschließend auf Wan­der­ausstel­lun­gen gin­gen und in ganz Deutsch­land aus­gestellt wurden. 

Heute findet man die noch kurz vor dem Auf­s­tand ent­standene Erst­fas­sung im Lan­desmu­seum Bonn des Land­schaftsver­ban­des Rhein­land und die (kleinere) Kopie eben­falls aus dem Jahr 1845 im Kun­st­mu­seum Düs­sel­dorf. Die Zweit­fas­sung wurde 1849 in New York aus­gestellt. Die 1846 ent­standene kle­in­ste Ver­sion des Gemäldes fand sich im Pri­vatbe­sitz des Staa­tratsvor­sitzen­den Wal­ter Ulbricht (warum er das wohl haben musste?) und ist heute im Deutschen His­torischen Museum Berlin zu sehen. 

Bere­its vor dem Weber­auf­s­tand hatte Carl Hüb­ner ein viel­beachtetes Bild mit dem Titel ‘Die schle­sis­chen Weber’ gemalt. Zahlre­iche Besprechun­gen des Bildes machten den zur Düs­sel­dor­fer Maler­schule gehöri­gen Maler und sein Werk bekannt. Engels meinte gar, daß das Bild ‘wirk­samer für den Sozial­is­mus agi­tiert hat als hun­dert Flugschriften’. Sicher­lich richtig ist, daß ein­dringlich und sin­n­fäl­lig der Kon­trast zwis­chen Webern und Ver­leger während einer Comp­toirsszene dargestellt ist. Aber über das unmit­tel­bar Sicht­bare und Dargestellte hin­aus nimmt Hüb­ner ein Ele­ment auf, welches dem Bild mehr gibt als Appell an den Gerechtigkeitssinn oder das Mitleid des Betra­chters. Die Art der Darstel­lung des Zwis­chen­händlers weist deut­lich Ele­mente der Darstel­lung abso­lutis­tis­cher Herrscher im 18. Jahrhun­dert auf, man denke an Rigauds Lud­wig XIV. oder Dup­lessis’ Lud­wig XVI. Nur ger­ing sind Hal­tung des Kopfes, des Stand– und Spiel­beins verän­dert. Während aber Lud­wig XIV. sich auf eine poli­tis­che Machtin­signie stützt, ´stützt´ sich der Ver­leger auf gewebtes Tuch, die Grund­lage seines Reich­tums und seiner Macht: Der Ver­leger als absoluter Herrscher mit neuer Legit­i­ma­tion, der Kap­i­tal­ist im Sta­tus des Gottesgnadentums.”

Hans Adler: Weber­lit­er­atur und soziale Frage im Vor­märz. — In: Weber-Revolte 1844. Der schle­sis­che Weber­auf­s­tand im Spiegel der zeit­genös­sis­chen Pub­lizis­tik und Lit­er­atur. Hrsg. von Lutz Kro­neberg und Rolf Schloesser. Infor­ma­tion­s­presse – c.w. Leske. Reihe iLv leske repub­lik, Band 7. S. 271

Friedrich Engels schreibt in seinem Auf­satz “Rascher Fortschritt des Kom­mu­nis­mus in Deutsch­land” (MEW 2, S. 510 f.):

Lassen Sie mich bei dieser Gele­gen­heit ein Bild von Hüb­ner, einem der besten deutschen Maler, erwäh­nen, das wirk­samer für den Sozial­is­mus agi­tiert hat als 100 Flugschriften. Es zeigt einige schle­sis­che Weber, die einem Fab­rikan­ten gewebtes Leinen brin­gen, und stellt sehr ein­drucksvoll dem kaltherzi­gen Reich­tum auf der einen Seite die verzweifelte Armut auf der anderen gegenüber. Der gut genährte Fab­rikant wird mit einem Gesicht, rot und gefüh­l­los wie Erz, dargestellt, wie er ein Stück Leinen, das einer Frau gehört, zurück­weist; die Frau, die keine Möglichkeit sieht, den Stoff zu verkaufen, sinkt in sich zusam­men und wird ohn­mächtig, umgeben von ihren zwei kleinen Kindern und kaum aufrecht gehal­ten von einem alten Mann; ein Angestell­ter prüft ein Stück, auf das sein Eigen­tümer in schmer­zlicher Besorg­nis auf das Ergeb­nis wartet; ein junger Mann zeigt seiner verza­gten Mut­ter den kär­glichen Lohn, den er für seine Arbeit bekom­men hat; ein alter Mann, ein Mäd­chen und ein Knabe sitzen auf einer Stein­bank und warten, daß sie an die Reihe kom­men; und zwei Män­ner, jeder mit einem Packen zurück­gewiese­nen Stoffes auf dem Rücken, ver­lassen ger­ade den Raum, einer von ihnen ballt voll Wut die Faust, während der andere die Hand auf des Nach­barn Arm legt und zum Him­mel zeigt, als ob er sagt: Sei ruhig, es gibt einen Richter, der ihn strafen wird. Diese ganze Szene spielt sich in einem kalt und ungemütlich ausse­hen­den Vor­saal mit Ste­in­fuß­bo­den ab; nur der Fab­rikant steht auf einem Stück Tep­pich, während sich auf der anderen Seite des Gemäldes, hin­ter einer Bar­riere ein Aus­blick in ein lux­u­riös ein­gerichtetes Kon­tor mit her­rlichen Gar­di­nen und Spiegeln öffnet, wo einige Angestellte schreiben, unberührt von dem was hin­ter ihnen vorgeht, und wo der Sohn des Fab­rikan­ten, ein junger Geck, sich auf die Bar­riere lehnt, eine Reit­gerte in der Hand, eine Zigarre raucht und die unglück­lichen Weber kühl betra­chtet. Dieses Gemälde ist in mehreren Städten Deutsch­lands aus­gestellt wor­den und hat ver­ständlicher­weise so manches Gemüt für soziale Ideen empfänglich gemacht.”

Home­page des Kun­st­geschichtlichen Insti­tuts der Ruhr-Universität Bochum:

Zwei Monate vor dem Weber­auf­s­tand im schle­sis­chen Peter­swal­dau (4.-6. Juni 1844) wählte Hüb­ner hier ein Thema der Tage­spoli­tik, doch kündigt sich weniger ein his­torischer Moment an, als ein indi­vidu­elles Schick­sal. Die Weber, die in müh­samer Han­dar­beit das Leinen hergestellt haben, kom­men nun im Son­ntagsstaat gek­lei­det, um ihren Lohn abzu­holen. Doch die her­ablassende Herrschergeste des Fab­rikbe­sitzers im linken Bild­drit­tel läßt erken­nen, daß er ihnen den Lohn ver­weigert, weil ihm die Qual­ität des Pro­duk­tes nicht genügt. Ein altes Paar in der Mitte ist ganz verzweifelt, ein Fam­i­lien­vater, dessen Frau in Ohn­macht zu fallen droht, ver­sucht den Fab­rikan­ten zu beschwören und mit großer Geste das Unglück abzuwehren. Bald darauf erhoben sich jedoch die Weber zum Auf­s­tand, der bere­its schwe­lende Kon­flikt zwis­chen der Han­dar­beit als Pro­duk­tions­form kam zum Aus­bruch. Friedrich Engels zog dieses Bild zur Illus­tra­tion des Heineschen Weber­liedes heran, da es manches Gemüt für soziale Ideen empfänglich mache und wirk­samer für den Sozial­is­mus sei als hun­dert Flugschriften. Ver­gle­icht man die Arbeit Hüb­n­ers etwa mit der berühmten Rue Transnon­ain von Dau­mier, in der die Bru­tal­ität der franzö­sis­chen Polizei bei der Nieder­schla­gung eines Arbeit­er­auf­s­tandes gegeißelt wird, so zeigt sich die entsch­ieden größere Moder­nität des Fran­zosen, die vor allem im Verzicht auf jegliche Sen­ti­men­tal­ität zum Aus­druck kommt.”

www.kunstgeschichte.rub.de

 

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