
“Bereits vor dem Weberaufstand hatte Carl Hübner ein vielbeachtetes Bild mit dem Titel >Die schlesischen Weber< gemalt. Zahlreiche Besprechungen des Bildes machten den zur Düsseldorfer Malerschule gehörigen Maler und sein Werk bekannt. Engels meinte gar, daß das Bild >wirksamer für den Sozialismus agitiert hat als hundert Flugschriften<. Sicherlich richtig ist, daß eindringlich und sinnfällig der Kontrast zwischen Webern und Verleger während einer Comptoirsszene dargestellt ist. Aber über das unmittelbar Sichtbare und Dargestellte hinaus nimmt Hübner ein Element auf, welches dem Bild mehr gibt als Appell an den Gerechtigkeitssinn oder das Mitleid des Betrachters. Die Art der Darstellung des Zwischenhändlers weist deutlich Elemente der Darsteilung absolutistischer Herrscher im 18. Jahrhundert auf, man denke an Rigauds Ludwig XIV. oder Duplessis' Ludwig XVI. Nur gering sind Haltung des Kopfes, des Stand- und Spielbeins verändert. Während aber Ludwig XIV. sich auf eine politische Machtinsignie stützt, ´stützt´ sich der Verleger auf gewebtes Tuch, die Grundlage seines Reichtums und seiner Macht: Der Verleger als absoluter Herrscher mit neuer Legitimation, der Kapitalist im Status des Gottesgnadentums.”
Hans Adler: Weberliteratur und soziale Frage im Vormärz. - In: Weber-Revolte 1844. Der schlesische Weberaufstand im Spiegel der zeitgenössischen Publizistik und Literatur. Hrsg. von Lutz Kroneberg und Rolf Schloesser. Informationspresse – c.w. Leske. Reihe iLv leske republik, Band 7. S. 271
Carl Wilhelm Hübner (1814-1879), Schüler Schadows und Sohns, wichtiger Vertreter des sozialkritischen Genres im Vormärz; Ausstellungen auch im Ausland. Die schlesischen Weber, 1844, Sign. u.r. Carl Hübner aus Königsberg Prs., Düsseldorf 1844, Öl auf Leinwand, 78 x 104,9 cm erworben von der Galerie Paffrath, Düsseldorf 1976, Inv.Nr. 1976-1, durch das Kunstgeschichtliche Institut der Ruhr-Universität Bochum.
Friedrich Engels schreibt in seinem Aufsatz "Rascher Fortschritt des Kommunismus in Deutschland" (MEW 2, S. 510 f.):
"Lassen Sie mich bei dieser Gelegenheit ein Bild von Hübner, einem der besten deutschen Maler, erwähnen, das wirksamer für den Sozialismus agitiert hat als 100 Flugschriften. Es zeigt einige schlesische Weber, die einem Fabrikanten gewebtes Leinen bringen, und stellt sehr eindrucksvoll dem kaltherzigen Reichtum auf der einen Seite die verzweifelte Armut auf der anderen gegenüber. Der gut genährte Fabrikant wird mit einem Gesicht, rot und gefühllos wie Erz, dargestellt, wie er ein Stück Leinen, das einer Frau gehört, zurückweist; die Frau, die keine Möglichkeit sieht, den Stoff zu verkaufen, sinkt in sich zusammen und wird ohnmächtig, umgeben von ihren zwei kleinen Kindern und kaum aufrecht gehalten von einem alten Mann; ein Angestellter prüft ein Stück, auf das sein Eigentümer in schmerzlicher Besorgnis auf das Ergebnis wartet; ein junger Mann zeigt seiner verzagten Mutter den kärglichen Lohn, den er für seine Arbeit bekommen hat; ein alter Mann, ein Mädchen und ein Knabe sitzen auf einer Steinbank und warten, daß sie an die Reihe kommen; und zwei Männer, jeder mit einem Packen zurückgewiesenen Stoffes auf dem Rücken, verlassen gerade den Raum, einer von ihnen ballt voll Wut die Faust, während der andere die Hand auf des Nachbarn Arm legt und zum Himmel zeigt, als ob er sagt: Sei ruhig, es gibt einen Richter, der ihn strafen wird. Diese ganze Szene spielt sich in einem kalt und ungemütlich aussehenden Vorsaal mit Steinfußboden ab; nur der Fabrikant steht auf einem Stück Teppich, während sich auf der anderen Seite des Gemäldes, hinter einer Barriere ein Ausblick in ein luxuriös eingerichtetes Kontor mit herrlichen Gardinen und Spiegeln öffnet, wo einige Angestellte schreiben, unberührt von dem was hinter ihnen vorgeht, und wo der Sohn des Fabrikanten, ein junger Geck, sich auf die Barriere lehnt, eine Reitgerte in der Hand, eine Zigarre raucht und die unglücklichen Weber kühl betrachtet. Dieses Gemälde ist in mehreren Städten Deutschlands ausgestellt worden und hat verständlicherweise so manches Gemüt für soziale Ideen empfänglich gemacht."
"Zwei Monate vor dem Weberaufstand im schlesischen Peterswalau (4.-6. Juni 1844) wählte Hübner hier ein Thema der Tagespolitik, doch kündigt sich weniger ein historischer Moment an, als ein individuelles Schicksal. Die Weber, die in mühsamer Handarbeit das Leinen hergestellt haben, kommen nun im Sonntagsstaat gekleidet, um ihren Lohn abzuholen. Doch die herablassende Herrschergeste des Fabrikbesitzers im linken Bilddrittel läßt erkennen, daß er ihnen den Lohn verweigert, weil ihm die Qualität des Produktes nicht genügt. Ein altes Paar in der Mitte ist ganz verzweifelt, ein Familienvater, dessen Frau in Ohnmacht zu fallen droht, versucht den Fabrikanten zu beschwören und mit großer Geste das Unglück abzuwehren. Bald darauf erhoben sich jedoch die Weber zum Aufstand, der bereits schwelende Konflikt zwischen der Handarbeit als Produktionsform kam zum Ausbruch. Friedrich Engels zog dieses Bild zur Illustration des Heineschen Weberliedes heran, da es manches Gemüt für soziale Ideen empfänglich mache und wirksamer für den Sozialismus sei als hundert Flugschriften. Vergleicht man die Arbeit Hübners etwa mit der berühmten Rue Transnonain von Daumier, in der die Brutalität der französischen Polizei bei der Niederschlagung eines Arbeiteraufstandes gegeißelt wird, so zeigt sich die entschieden größere Modernität des Franzosen, die vor allem im Verzicht auf jegliche Sentimentalität zum Ausdruck kommt."
Quelle: Homepage des Kunstgeschichtlichen Instituts der Ruhr-Universität Bochum
www.kunstgeschichte.rub.de