Soziale Frage heute

Als Alexan­der Schneer 1844 im Auf­trag eines Bres­lauer Hil­fsvere­ins die schle­sis­chen Weberei­dis­trikte besuchte und anschliessend einen anschaulichen Bericht über die Not­lage der schle­sis­chen Leinen­we­ber veröf­fentlichte, da ging ein Auf­schrei des Entset­zens — begleitet von ungläu­bigem Staunen — über so viel Elend durch Deutsch­land, zusät­zlich ange­facht durch die schle­sis­che Weber-Revolte vom 3. bis 6. Juni 1844 in Lan­gen­bielau und Peter­swal­dau. Wenn im Jahr 2008 zwei Tex­ti­lar­bei­t­erin­nen aus Banglade­sch, die Klei­dung auch für deutsche Kun­den her­stellen, ihre men­sche­nun­würdi­gen Lebens– und Arbeitsver­hält­nisse schildern, dann ist die öffentliche Res­o­nanz eher beschei­den. Das Wei­h­nachts­geschäft rollt. Die Nation schaut gebannt auf die Umsatz­zahlen des Einzel­han­dels. Huber­tus Pel­len­gahr, Sprecher des Hauptver­ban­des des Deutschen Einzel­han­dels (HDE), darf jedes Jahr im Dezem­ber in der Tagess­chau ran. Inter­es­sant ist nur, was er nicht sagt: Dass seine Mit­glieds­fir­men in den ver­gan­genen Jahren Tex­tilien, z.B. aus China und Banglade­sch, immer gün­stiger eingekauft und damit ihre Han­delsergeb­nisse gesteigert haben.Nun wis­sen wir es inzwis­chen ja fast alle: Tex­tilien wer­den heute kaum mehr in Deutsch­land gefer­tigt, son­dern kom­men aus China, Indien, Banglade­sch, Malaysia, Indone­sien, Kam­bod­scha und Viet­nam und eini­gen weni­gen anderen Län­dern, der Türkei, Marokko und Mexiko. Den Ton in diesem Konz­ert geben die Chi­ne­sen an, für arme Län­der wie Banglade­sch ist die in den let­zten 15 Jahren ent­standene Tex­tilin­dus­trie der einzige Industriezweig.

Zwei mutige Frauen aus Banglade­sch, die Näherin Suma Sarker und die frühere Tex­ti­lar­bei­t­erin und jet­zige Gew­erkschaf­terin Shahida Sarker, berichteten am 1. Dezem­ber 2008 in der Friedrich-Ebert-Stifung (Bonn) über ihren Arbeit­sall­tag, ihre Arbeits– und Lebens­be­din­gun­gen, ihre Sor­gen und ihre Hoffnungen.

Es bleibt nichts übrig am Monat­sende“, sagt Suma Sarker, Mut­ter eines zwei­jähri­gen Sohnes. Bei täglicher Arbeit an sieben Werk­ta­gen von 10 Stun­den kommt sie als erfahrene Näherin auf einen Monat­slohn von 29 Euro. Nur mit Über­stun­den und Son­der­schichten kann sie bis zu 50 Euro im Monat erre­ichen, was aber nur sel­ten der Fall ist. Im Durch­schnitt mögen es 40 Euro im Monat sein, über die sie ver­fü­gen kann. Davon zahlt sie 5 Euro Miete für ein Zim­mer in einer Well­blech­hütte, das sie sich mit drei Kol­legin­nen teilt. Für das Essen benötigt sie 15 Euro im Monat. Für den zwei­jähri­gen Sohn, der sechs Auto­busstun­den ent­fernt bei ihrer Mut­ter lebt und den sie nur zweimal im Jahr besuchen kann, bringt sie 10 Euro auf, für ihre Mut­ter eben­falls 10 Euro. Wenn sie krank wird, hilft die Fam­i­lie, wenn sie kann.

Luft, Licht, Trinkwasser sind schlecht in ihrer Fab­rik, beein­trächti­gen die Arbeit und die Gesund­heit. Die Men­schen arbeiten auf eng­stem Raum. Eine bek­lem­mende Frage: Arbeiten diese Men­schen im Jahr 2008 unter noch elen­deren Umstän­den als die Spin­ner und Weber 1844 in Schle­sien, in Man­ches­ter, Lyon und den vie­len weit­eren Tex­tild­is­trik­ten in Europa? Die Fab­rik in Dakha hat acht Eta­gen, auf jeder Ebene arbeiten 200 bis 250 Men­schen, schnei­den, nähen und kon­fek­tion­ieren Klei­dung für den mode– und preis­be­wußten Ver­braucher in Nor­damerika und Europa, also auch für uns. Fast 2 Mil­lio­nen Men­schen, meis­tens Frauen, arbeiten in der Tex­tilin­dus­trie von Banglade­sch. Am Monat­sende kön­nen die meis­ten, sofern sie ihr Geld pünk­tlich aus­bezahlt bekom­men, nur fest­stellen, dass es wieder nicht gere­icht hat, etwas zu sparen, einen beschei­de­nen Wohl­stand aufzubauen, vielle­icht Rück­la­gen für die Aus­bil­dung der Kinder zu bilden.

Jeans für ab 5,99 €, T-Shirts ab 1,99 €, Win­ter­jacken mit 12 Reissver­schlüssen, dickem Fut­ter, Kapuze für 24,99 € — toll, Klasse, da kön­nen Hartz IV-Betroffene und son­stige sparsame Men­schen doch gar nicht ´Nein´ sagen, ein­fach nur toll, wie das die vie­len Tex­til­lä­den immer wieder für den Ver­braucher hinkriegen, so viele schöne bil­lige Klam­ot­ten in die Regale zu legen. Muster­beispiel KiK (Kunde ist König, Tengelmann-Gruppe):

Eine Ziel­grup­penansprache, die gle­icher­massen zynisch und dumm dem Pro­duzen­ten wie dem Ver­braucher gegenüber ist. Ein Mar­ket­ing und eine Geschäfts­führung, die eine solch image­bildende Wer­bung zulassen, ver­höh­nen ihre Kun­den, die ja ange­blich hier König sind, und schaden dem Ruf ihres Unternehmens nach­haltig.
Eine Wer­bung noch unter der Niedrigst-Nivau-Werbung „Ich bin doch nicht blöd“: Die Beschäftigten in den KiK-Filialen wer­den mit 4,90 € die Stunde, jetzt nach Gericht­surteilen mit 5,20 € abge­speist, müssen die Fil­ialen auch reini­gen, die Schaufen­ster putzen — aber Haupt­sache, der Ver­braucher ist zufrieden und die Bilanz von Ten­gel­mann stimmt. Aber Vor­sicht: Es sind nicht nur die Tengelmann-Verbraucher, die Tex­tilien erwer­ben, die mit der Gesund­heit der Tex­ti­lar­beiter in Banglade­sch, China oder ander­swo bezahlt werden.

Durch alle Verkauf­s­räume, ob bei H & M, Tommy Hil­figer, Tommy Tay­lor, C & A, Tchibo, Esprit, P & C, Karstadt, Metro oder Wal­Mart und all die anderen, geis­tern die Gesichter der Aus­ge­beuteten, bei der Arbeit Erniedrigten, der früh Krankw­er­den­den – jener Armen, die bei angestrengtester Arbeit ihrem Elend und ihrer Unter­drück­ung nicht entwe­ichen kön­nen. In denen aber die Flamme der Hoff­nung lodert, dass es eines Tages für sie und ihre Kinder ein besseres Leben geben werde. Ein Boykott ihrer Arbeit – nein, der falsche Weg. Ungerechtigkeiten anprangern, Über­griffe von Auf­se­hern der Polizei melden, bei Arbeit­sau­seinan­der­set­zun­gen mit Hilfe von Recht­san­wäl­ten vorge­hen, die Ein­hal­tung der beste­hen­den Gesetze ein­fordern, die Kor­rup­tion bekämpfen. Wahrlich, Suma und Shahida Sarker wis­sen, wo es lang geht. Eigentlich war es auch in Deutsch­land so: die Entwick­lung der indus­triellen Arbeit war ein wichtiger Nährbo­den für die Emanzi­pa­tion der Frau.

Tat­säch­lich berichtet Dr. Pra­tima Paul-Marunder (Insti­tut für Entwick­lungsstu­dien BIDS, Banglade­sch), dass die Tex­tilin­dus­trie für Banglade­sch — als einziger Indus­triezweig gle­ichzeitig natür­lich auch der wichtig­ste — vor allem für die Frauen viele pos­i­tive Verän­derun­gen gebracht hat: Erst­mals in ihrer Geschichte kön­nen Frauen über eigenes, selb­stver­di­entes Geld ver­fü­gen. Viele Män­ner wür­den sich den Gegeben­heiten anpassen und Hausar­beit übernehmen, z.B. das Kochen. Noch vor eini­gen Jahren unvorstell­bar im mus­lim­isch geprägten Banglade­sch. Und trotz des über­mächti­gen Konkur­renten China könne sich Banglade­sch am Welt­tex­til­markt behaupten und jährlich Pro­duk­tion­ssteigerun­gen und eine Zunahme der Beschäf­ti­gung ver­melden.
Natür­lich küm­mern sich Organ­i­sa­tio­nen in Europa und in Deutsch­land um diese The­matik. Die Run­dreise von Suma und Shahida wird von zahlre­ichen Organ­i­sa­tio­nen und Grup­pen unter­stützt. Organ­isiert hat sie NETZ-Banladesch, Gisela Bur­ck­hardt und Dirk Saam. NETZ ist Mit­glied der Kam­pagne für Saubere Klei­dung, einem Trägerkreis, wo gew­erkschaftliche (ver.di) und kirch­liche Grup­pierun­gen, aber auch Nichtregierung­sor­gan­i­sa­tio­nen wie NETZ und TERRE DES FEMMES Mit­glied sind. Natür­lich darf die Frage erlaubt sein, wieso denn in Deutsch­land, z.B. im Tex­til­bere­ich, z.B. bei KiK, Arbeitsver­hält­nisse beste­hen, die es den Beschäftigten nicht erlauben, mit dem Ver­di­en­ten beschei­den und auskömm­lich zu leben? Wie wollen Gew­erkschaften, die so ein Prob­lem jahre­lang nicht vor der eige­nen Haustür regeln kön­nen, den Tex­ti­lar­bei­t­erin­nen in Banglade­sch wirkungsvolle Unter­stützung geben? (Hin­weis: In China kommt man an diese Arbei­t­erin­nen gar nicht heran, weil sie kaserniert und kon­trol­liert auf dem Fab­rikgelände leben.) Das Leuchten in den Augen von Shahida Saker, als sie von ihrer gew­erkschaftlichen Arbeit unter den Tex­ti­lar­bei­t­erin­nen in Banglade­sch spricht, sollte allein schon Ans­porn sein, diese Arbeit in Banglade­sch tatkräftig zu unter­stützen: Mit dem Aus­bau einer gew­erkschaftlichen Organ­i­sa­tion, mit der Ver­fü­gung über Kom­mu­nika­tion­s­mit­tel wie Kopierer, Mobil­tele­fo­nen und und und. Ob die von gew­erkschaftlicher Seite inter­na­tional koor­dinierten Anstren­gun­gen (manche nen­nen dies schon „Kampf“) in der For­mulierung und Durch­set­zung von Sozial­nor­men und Selb­stverpflich­tungserk­lärun­gen das Papier wert sind, auf dem sie ste­hen? Wer weiß das schon? Suma und Shahida wis­sen am besten, was vor Ort richtig und notwendig ist. Von gew­erkschaftlicher Seite allerd­ings auf den hiesi­gen „Sozial­part­ner“ zu set­zen, der dann z.B. in Banglade­sch, Indien oder China die hier definierten Nor­men und Selb­stverpflich­tungserk­lärun­gen kon­trol­liert – Suma und Shahida wis­sen, dass das vor Ort nicht klappt und schildern es anschaulich, aus China liegen ähn­liche Berichte vor.
Suma und Shahida Sarker — wenn sie denn ideell, per­son­ell, tatkräftig, finanziell und sol­i­darisch unter­stützt wer­den — kön­nen die Arbeitsver­hält­nisse in ihrem Land verän­dern. Zu ihrem eige­nen Vorteil und dem ihres Lan­des, was wir ihnen von ganzem Herzen wün­schen und gön­nen. Für uns bliebe irgend­wann das beruhigte Gewis­sen, Klei­dung am Leib zu tra­gen, die nicht auf dem Prinzip der Aus­beu­tung des Men­schen durch den Men­schen beruht.

Quellen und Ansprech­part­ner: Gisela Bur­ck­hardt, Vertreterin von NETZ Banglade­sch in der Kam­pagne für Saubere Klei­dung, Tel. 0228–944 99 682, gisela.burckhardt@web.de
Die Kam­pagne für Saubere Klei­dung / Clean Clothes Cam­paign ist ein inter­na­tionales Net­zw­erk aus Gew­erkschaften und Nicht-Regierungsorganisationen, das sich für eine Verbesserung der Arbeits– und Lebens­be­din­gun­gen der Arbei­t­erIn­nen in der glob­alen Tex­til– und Bek­lei­dungsin­dus­trie ein­setzt.
Copy­right: Lutz Kro­neberg, An der Pönt 48, 40885 Ratin­gen
Lutz.Kroneberg@manteion.de
www.manteion.de

Abdruck mit Quel­lenangabe hon­o­rar­frei. Belegex­em­plar erbeten.