Ein Gnadengesuch

Listig und selb­st­be­wusst for­mulieren die Weber — wahrschein­lich mit Unter­stützung von Bres­lauer Advokaten — ihre Eingaben an den preußis­chen König. Eigentlich sind alle zufäl­lig am Ort des Geschehens gewe­sen und nichts lag ihren ferner als die Teil­nahme an einer Revolte, Bestra­fun­gen wer­den als ungerecht und willkür­lich dargestellt. Arbeit­slosigkeit und die Not der Fam­i­lie wer­den häu­fig vorge­bracht, um die Jus­tiz milde zu stimmen.

Aller­durch­lauchtig­ster Mächtigster,

Allergnädig­ster König und Herr

Seit dem 25ten Juli vorigen Jahres zu har­ter Zwangsar­beit verur­theilt, und meinen und meiner Fam­i­lie gän­zlichen Unter­gang vor Augen sehend, unter­fange ich mich, Euerer Königlichen Majestät mit der fle­hentlichen Bitte um allergnädig­ste Erlö­sung von unver­di­en­ter Schmach zu nahen:

Als näm­lich im vorigen Som­mer durch unruhige Weber die Dierich´schen Fab­rikge­bäude in Lan­gen­bielau zer­stört wur­den, habe ich mich mit in der Nähe befun­den, ich kam hinzu, nach­dem das Mil­itär bere­its geschossen hatte, stellte mich ruhig an eine Hausecke, und habe von hier aus nur gese­hen, wie das Mil­i­tair sich vor dem aufrührerischem mit Steinen wer­fenden Haufen zurück­zog. Danach bin ich mit angegeben, zur Unter­suchung gezo­gen, und zu ein­jähriger Stra­far­beit auf der Fes­tung Schwei­d­nitz verur­theilt wor­den, weil, wie es in den Grün­den heißt, sich nach meinen Angaben und den erfol­gten Ermit­tlun­gen nicht bezweifeln ließe, daß ich die wieder­holte Auf­forderung der bewaffneten Macht „sich zu ent­fer­nen“ ver­nom­men, und darauf unbe­folgt gelassen habe.
Diese Annahme ist aber (…) eine dur­chaus irrige, ich stand gar nicht in unmit­tel­barer Nähe, und es hatte, als ich durch Schüsse aufmerk­sam gemacht, hinzukam, doch Handge­menge und der Tumult schon begonnen, diesem war wahrschein­lich die beze­ich­nete Auf­forderung schon voraus­ge­gan­gen, wenig­stens kann ich wieder­holt bei Allem was mir heilig ist, aus­führen, daß ich diese Auf­forderung nicht gehört habe, wie dies bei dem Zusam­men­lauf vieler tausend aufgeregter Men­schen wohl sehr natür­lich ist, überdies wäre es mir, da ich im Gedränge stand, nicht möglich gewe­sen, fortzuge­hen, sofern nicht auch die mich dicht Umgeben­den sich ent­fer­n­ten.
Ich habe also nur zuge­se­hen, was ich nicht hin­dern kon­nte, und ich beklage die Verblendung der Tumul­tuan­ten tief, daß ich aber auch nur großen schuld­baren Antheil genom­men hätte, läßt sich schon nur deshalb nicht ver­muthen, weil ich als Fär­ber und Drucker ja nur durch die Weber und Fab­rikan­ten Beschäf­ti­gung finde. Habe ich mich den­noch bisher der über mich ver­hängten Strafe unter­zo­gen, so geschah es theils, weil ich davon, daß das Rechtsmit­tel gegen das Erken­nt­niß inner­halb 10 Tagen vorge­bracht wer­den müßte, nicht wußte, theils mit der gewis­sen Hoff­nung, daß mein hoher Herr mir seine gewiß nicht unver­di­ente Gnade nicht ver­sagen werde. Durch bisher stets unbescholtenes Leben in meinem Mil­itär– und Gewer­bev­er­hält­niß, namentlich durch ruhiges Ertra­gen der gewiß nicht leichten Strafe, habe ich die Hoff­nung darauf noch mehr begrün­det, und um nicht meinen alter Vater, welcher jetzt allein steht, und sein Gewerbe ohne mich kaum noch verse­hen kann, dem Kum­mer über ein solches Unglück erliegen zu sehen, auch um nicht selbst ein ganzes Jahr meiner besten Leben­szeit zu ver­lieren, nehme ich mir die Frei­heit, unterthänigst die Bitte zu den Füßen des Throns niederzule­gen:
Eure Königliche Majestät wollen allergnädigst geruhen, mir den gerin­gen Rest meiner Strafe zu erlassen.
Mein ganzes Leben würde ich dafür in Dankbarkeit an unseren gnädi­gen Herrscher ruhiger Arbeit weihen.

In tief­ster Ehrfurcht bleibe ich stets
Eurer Königlichen Majestät

unterthänig­ster
Moritz Jaeger*
Landwehrmann und Kat­tun­drucker aus Ernsdorf

* in Ger­hart Haupt­manns Weber-Drama tritt ein Moritz Jäger auf, der als Fremder von außen in die Gruppe der Weber hinein­wirkt. Haupt­mann hat aus seinen Quellen mehrere Per­so­nen­na­men in sein Drama über­nom­men (z.B. Ansorge, vgl. Lutz Kro­neberg, Ger­hart Haupt­mann: Die Weber. Schaus­piel aus den vierziger Jahren, 1982, mit Ergänzun­gen auf dieser Home­page unter „Ger­hart Haupt­mann“). Daß Ger­hart Haupt­mann von dem Moritz Jaeger wusste, der hier sein Gnadenge­such an den preußis­chen König richtet, kann nicht belegt wer­den. Inter­es­san­ter ist der Umstand, daß beim Abfassen dieses Gesuchs offen­bar ein Advokat zur Seite stand, der für Argu­men­ta­tion und Schrift­form gesorgt hat. Die Argu­men­ta­tion zeigt viel Selb­st­be­wußt­sein, keine Reue, er sei nur zufäl­lig am Ort des Geschehens gewe­sen, er hätte ja gar nicht weglaufen kön­nen, weil die anderen ihm alle im Weg gewe­sen seien – und dann auch noch sein armer Vater, und seine eigene beste Lebenszeit.

 

Geheimes Staat­sarchiv Preußis­cher Kul­turbe­sitz I. HA Rep. 84a Jus­tizmin­is­terium, Nr. 50245. Strafver­fahren gegen 90 Teil­nehmer am Weber­auf­s­tand in Schle­sien im Juni 1844, enthält u.a.: Urteile und Per­son­alangaben über einzelne Angeklagte, S. 273 — 276
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