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Ernst Adolf Willkomm (1810-1886) besucht ab 1830 die Universität Leipzig und studiert Rechtswissenschaft, bald aber Philosophie und Ästhetik. Seine ersten literarischen Arbeiten entstehen während seiner Studienzeit. Von 1837 bis 1839 gibt er zusammen mit Alexander Fischer in Leipzig die ´Jahrbücher für Drama, Dramaturgie und Theater´ heraus. In Leipzig hat er Kontakt zu den jungdeutschen Schriftstellern Karl Gutzkow (1811-1878) und Ferdinand Gustav Kähne ( 1806-1888). Ernst Willkomm gilt als )Vater des deutschen sozialen Romans.

Die Weberprosa des Jahres 1845 stammt zum überwiegenden Teil von ihm. Schon 1844 schreibt er die Novelle 'Der Lohnweber´ , die im 'Deutschen Bürgerbuchfür 1845´ erscheint, in dem auch Wilhelm Wolffs Aufsatz 'Das Elend und der Aufruhr in Schlesien´ abgedruckt wird. 1845 erscheint in den ´Rheinischen Jahrbüchern zur gesellschaftlichen Reform´ wie das 'Bürgerbuch´ von Hermann Püttmann herausgegeben, die Erzählung 'So lebt und stirbt der Arme´. Im gleichen Jahr kommt Willkomms fünfbändiger Roman 'Weisse Sclaven oder die Leiden des Volkes' heraus. Umfang und Inhalt der beiden Novellen und des Romans belegen, daß Willkomm sich eingehend mit der Lage der Spinner und Weber beschäftigt hat. In seinem 1843 erschienenen Roman 'Eisen, Gold und Geist' läßt er die Arbeiter noch Maschinen zerstören, der Fabrikant wird durch seine eigenen Maschinen vernichtet. In den 1845 veröffentlichten 'Weissen Sclaven' wird der Fabrikherr zwar auch Opfer seiner Maschinen, aber sie werden nicht zerstört, sondern sollen zum Nutzen der Arbeiter eingesetzt werden. Willkomm sieht in einem gerechteren Lohnsystem eine Möglichkeit zum Ausgleich des sozialen Gegensatzes. Am Ende des Romans 'Weisse Sclaven' gewinnen die Arbeiter Einfluß auf den Produktions- und Geschäftsgang, der Grundlohn wird verdoppelt und ein Beteiligungslohn eingeführt.

 

 

 

 

Ernst Willkomm

So lebt und stirbt der Arme

Erzählung aus dem Leben des Volkes, 1845

 

Auf Endermanns Hofe rauchten die Schornsteine seit drei Tagen ununterbrochen. Wohlriechender Duft stieg aus den Küchenfenstern auf und verbreitete sich über Blumen- und Baumgarten. Das Klappern der Teller, das Gerassel der Kasserolle, das Rufen und Befehlen des Kochs hörte von früh bis in den späten Abend nicht auf und störte nicht wenig den alltäglichen Geschäftsgang. Man hätte glauben sollen, so große Vorbereitungen zu solennem Festmahle gälten der Vermählung einer Tochter des Hausbesitzers, deren Endermann zwei von blühender Schönheit besaß. Es waren aber bloß die gewöhnlichen Anstalten zur alljährlichen Geburtstagsfeier des steinreichen Mannes, wobei er etwas darauf gehen zu lassen liebte.

Die Jugend Endermanns verhieß ihm keine großen irdischen Genüsse. Er war der einzige Sohn eines simplen Leinenwebers, der auf eigene Rechnung arbeitete, wenige treue, fleißige Gehilfen in seinem unscheinbaren Hause fortwährend beschäftigte und gut dafür bezahlte, und es sich überhaupt sein Leben lang sauer werden ließ. Gewohnt an mühsamen Erwerb, ging der Vater stundenweit durch die Gebirge bis auf die Kämme der Riesenberge, um bei den armen Spinnern, die ihn wohl kannten, einzukehren und das beste Garn zu seinen Leinwanden selbst einzukaufen. Kein Faden, den er nicht mit eigenen Augen geprüft, den seine Hand nicht gefühlt hatte, wurde bei ihm verarbeitet. Daher kam es aber auch, daß Garn-Endermanns Leinen, wie man ihn seines Garnsammelns wegen nannte, überall gesucht und als vortrefflich bekannt waren. Er machte gute Geschäfte, ohne ungeheure Verdienste zu haben. Denn nie pflegte er seine Kräfte zu überschätzen, nie Bestellungen anzunehmen, die er nicht mit Hilfe seiner erprobten Arbeiter liefern konnte. Das war nun zwar sehr ehrenwert von dem braven Manne, aber es verstieß schnurstracks gegen den Geist der Spekulation. Weil er aber ein Starrkopf war, und durch seine Art zu handeln seinen übrigen spekulierenden Genossen das Gewerbe nicht verdarb, so ließ man ihm den Willen und lachte ihn heimlich aus, wenn er sich Tag und Nacht Für geringen Lohn plagte.

Garn-Endermann wäre schwerlich ein reicher Mann geworden ohne den erwähnten Sohn Gotthardt. Das war ein kluger Junge von Kindesbeinen an, der mit hundert Augen nach dem Erwerb schielte und keinen andern Gedanken hatte als den Verdienst. Als er der Schule entwachsen war und nun am Geschäft. des Vaters teilnahm, mußte er auf dessen Geheiß das gesammelte und gewissenhaft sortierte Garn auf dem Schiebkarren in die Bleiche fahren, und zwar vier Meilen weit auf Wegen, die man heutigentags für unbetretbar halten würde. Der Vater gab ihm zu achttägigem Zehrgelde einen halben Taler mit und die Mutter einen Laib Brot, und damit konnte Gotthardt sehen, wie er auskam, denn Schulden pflegte Endermann nicht zu bezahlen.

Auf diesen Schiebkarren-Reisen in die Bleiche lernte der junge Endermann eine Menge Fabrikanten kennen, mit denen er sich in Gespräche über das Gewerbe einließ. Er lernte dadurch manches Gute, allein noch weit mehr Schlechtes. Es war die Zeit, wo mancher Linnenfabrikant Versuche im Schnellbleichen machte. So gebleichtes Garn hatte ein weit schöneres Ansehen als das auf die althergebrachte Weise zubereitete. Die Leinwand schimmerte in reinerer Weiße und fühlte sich zugleich feiner an. Auch hörte Gotthardt, daß ungleich mehr durch die Schnellbleiche zu verdienen sei und daß so gebleichte Linnen sozusagen reißenden Absatz fänden.

Gotthardt teilte diese Erfahrungen gelegentlich dem Vater mit, fand jedoch bei dem starren Manne zu seinem Leidwesen kein Gehör. Endermann hielt es mit dem Hergebrachten, weil er dieses für gut erkannt hatte.

Gotthardt mußte sich gedulden. Nach einigen Jahren aber vermochte er den Vater zu überreden, daß er ihm ein kleines Kapital vorschoß, mit dem er auf eigene Hand nach Belieben wirtschaften konnte. Endermann nahm keine Zinsen von dem Sohne, doch genehmigte er, daß ihm derselbe im Fall guten Glückes einige Prozente vom reinen Gewinn auszahlen solle.

Nun handelte Gotthardt auf seine Weise. Er kaufte Garn von geringerem Werte, das aber ebenso schön aussah wie das seines Vaters. Auch erlaubte er sich unter dem Vorgeben, daß der Linnenhandel ein unsicheres Geschäft sei, die Spinner ein klein wenig zu drücken, was ihm dadurch gelang, daß er seine Einkäufe immer bar bezahlte. War es ihm irgend möglich, so geschah dies in damals noch gebräuchlichem Konventionsgelde. Dann zog er den Spinnern von jedem Taler fünfzehn Pfennige ab. Wie diese armen Leute im Gebirge, die sich Brot und Kartoffeln meilenweit aus der Ebene holen mußten, zu ihren Verlusten kamen, das kümmerte den klugen Spekulanten wenig. Er befolgte den weisen Grundsatz, den er häufig hatte anpreisen hören: >Handel und Wandel duldet keine Freundschaft!<

Und siehe da, des jungen Endermanns Geschäfte blühten zu seines eigenen Vaters Erstaunen. Sein kleines Kapital kehrte verdoppelt zurück, die Bestellungen mehrten sich. Es wäre unklug, ja in Gotthardts Sinne geradezu lästerlich gewesen, hätte er aus Liebe zum Alten das zu allen Fensterscheiben hereinlächelnde Glück mit der Faust ins Gesicht schlagen und für immer vertreiben wollen. Deshalb gab er jetzt Arbeit aus dem Hause, nahm da und dort, wo er sie recht billig haben konnte, Weber in Lohn und ließ soviel wie möglich arbeiten. Ohne Wissen seines Vaters erlaubte er sich auch, bei sehr feinen Leinwanden den Schuß mit Baumwolle zu versetzen. Den schlauen Betrug merkte niemand, selbst nicht der Kenner, und Gotthardt, oder wie sich jetzt auf Anraten des spekulativen Sohnes Garn-Endermann nannte, >Endermann und Sohn<, verdienten in wenigen Jahren ungeheure Summen.

Da Gotthardt inzwischen mündig geworden war und sich verheiratet hatte, konnte ihm der Vater nicht billig Vorschriften machen, wie und nach welchen Grundsätzen er die Weberei betreiben sollte. Der alternde Mann blieb sich selbst treu. Er webte nach wie vor bloß auf solide Bestellungen die solidesten Linnen auf seinen eigenen Stühlen, konnte es aber nicht hindern, daß der Sohn sich zu einem Weltkaufmann ausbildete. Die bescheidene Bezeichnung >Weber< hatte Gotthardt mit der eines >Fabrikanten< vertauscht, das einfache Weberhaus in ein Etablissement verwandelt. Er baute große Gebäude, wie sie seinen Zwecken entsprachen, gab nach und nach das Linnengeschäft fast ganz auf und legte sich auf die Fabrikation von baumwollenen Waren, die reicheren Gewinn versprachen. Um alles selbst betreiben und den Vorteil dadurch steigern zu können, legte er auch Färbereien und eine Mangel an und war in kurzer Zeit der angesehenste Mann im Gebirge. Um diese Zeit starb Garn-Endermann. Er ward pomphaft begraben und hinterließ dem einzigen Sohne ein großes Vermögen.

Auf solche Weise war Endermann der Jüngere ein reicher Mann geworden. Dies genügte seinem Ehrgeize nicht; er wollte auch ein vornehmer Mann sein. Deshalb umgab er sich mit allem Glanz der gesteigerten Kultur. Er ließ sein Wohnhaus erweitern, einen Gesellschaftssaal darin anlegen, die kostbarsten Spiegel, Möbel und Kronleuchter kommen und das ehemalige Weberhaus allerschönstens damit ausschmücken. Weil er aber selbst die große Welt nie gesehen und von echtem Kunstgeschmack keinen Begriff hatte, so überfüllte er zwar sein Etablissement mit überaus kostbaren Gerätschaften, verstieß aber sowohl in der Wahl der Kostbarkeiten wie in Anordnung und Verwendung derselben gegen jede Regel der Schönheit. In seinem Hause sah es aus wie in einem überfüllten Raritätenkabinett.

Als sich Endermann zu solcher Höhe emporgeschwungen hatte, begann er, ein Haus zu machen, das heißt, er lud an hohen Festtagen, am Kirchweihfeste und an seinem Geburtstage außer dem Gutsherrn des Ortes noch eine Menge Rittergutsbesitzer aus der Umgegend, ein oder zwei Geistliche, mehrere Amtleute und andere Personen, vor denen der gemeine Mann die Mütze tief zu ziehen pflegt, bei sich zur Tafel. Da Endermann bei solchen Gelegenheiten einen vortrefflichen Tisch führte, die feinsten Weine spendete und überhaupt in jeder Weise dartat, daß er nicht bloß ein reicher, sondern auch ein liberaler Lebemann sei, so erhielt er auf solche Einladungen nie abschlägige Antworten. Seine Gäste taten ihm die Ehre an zu erscheinen, mit ihm zu essen und zu trinken. Beim Scheiden drückten sie ihm äußerst gerührt die Hand und lachten ihn auf dem Heimwege aus. Endermann aber lachte ebenfalls, denn er kannte das Geheimnis, sich aus den Beuteln der Geladenen gelegentlich seine lukullischen Gastmähler wieder bezahlen zu lassen.

Am glänzendsten waren Gesellschaft und Mahl an Endermanns Geburtstage. Dieser war jetzt wiedergekehrt, und weil in dasselbe Jahr der Tag fiel, wo er vor fünfundzwanzig Jahren zum ersten Male selbständig handelnd aufgetreten war, so ließ er diesmal mehr als sonst darauf gehen. Um ja hinter den Anforderungen höchst gebildeter Feinschmecker nicht zurückzubleiben, hatte Endermann einen Koch aus der Residenz für vieles Geld verschrieben. Die feinsten und teuersten Weine, die ausgesuchtesten Leckereien, mochten sie auch erstaunliche Summen kosten, wurden herbeigeschafft. Der ehrgeizige Fabrikant würde zweifelsohne auch Pfauenzungen in Pasteten verwandelt haben aufsetzen lassen, hätte der in der Kochkunst des Altertums nicht bewanderte Eßkünstler den genialen Einfall gehabt, ein derartiges Gericht zeitgemäß und vor allem vornehm zu finden.

Die Gesellschaft war zahlreich und durchaus von bestem Ton. Es gab nicht einen einzigen unter ihr, den man besitzlos hätte nennen können. Alle, die an Endermanns mit Silber- und kostbarem Porzellan-Geschirr bedeckten Tafel schwelgten, rühmten sich, immer wohlgefüllte Börsen, feine Kleider und darunter ein Herz zu tragen, das Bettelei und Armut als Laster betrachtete, die man sich fernhalten müsse. Sie waren über alle Maßen glücklich, diese guten, mit Gott und Welt recht zufriedenen Leute. Sie schlürften mit Behagen roten Burgunder, perlenden Champagner und die heißen, goldgelben Funken des ältesten Xeres". Auge, Mund und Wange lachten den Glücklichen, wenn einer oder der andere aus Anerkennung der großen Verdienste Endermanns um die Industrie im allgemeinen und um die Kultur der gestreiften Baumwollenzeuge insbesondere, die er jährlich zu Hunderttausenden in alle Welt versendete, dem edlen Wirt ein begeistertes Hoch ausbrachte. Endermann wußte solche Ausbrüche herzlicher Freundschaft ebenfalls anzuerkennen. Er weinte vor Rührung, vor Dank gegen Gott, dessen Gnade er alles zu verdanken haben wollte. Er faltete die Hände, zog sein Sammetkäppchen und schlug freudig bewegt die tränenvollen Augen zum Himmel auf. Es war der glücklichste Tag seines Lebens, der Triumph seiner Tätigkeit, den er feierte! —

Während in dem Festsaale des Endermannschen Hofes die ungetrübteste Freude waltete und jene selige Zufriedenheit sich aller bemächtigt hatte, die gewöhnlich das Kennzeichen eines übersättigten Magens ist, stand ein Mann in dürftiger, aber reinlicher Kleidung an der Schwelle der Haustür, die schäbige Deckelmütze ehrfurchtsvoll in der Hand haltend, welche auf seinem Wanderstabe ruhte. Ein Sack von grober Leinwand hing schlaff auf seinem Rücken, ein Zeichen, daß weder Garn noch fertige Ware darin sein konnte. Innerhalb der Tür lehnte ein wohlgenährter junger Kerl an dem granitnen Pfosten, beide Daumen unter die Tragbänder seiner Beinkleider steckend. Eine blaue Schürze, steif und glänzend, vor der Brust in einem Latze endend, gab ihm ein recht stattliches Aussehen und bezeichnete ihn dem ärmlich Gekleideten als Herrn Endermanns Garnsortierer. Das häufige Aufstoßen, von dem er inkommodiert' wurde, und das glühende Gesicht mit den verschwommenen Augen ließen nicht verkennen, daß er zu besserem Gedeihen seines Herrn Speise und Trank mehr als bloß mäßig zugesprochen hatte.

»Glaubt Ihr, daß die Herrschaften noch lange tafeln?« fragte der Weber, denn einen solchen erblicken wir in dem Manne vor der Haustür. »Auf eine Stunde oder zwei soll mir's nicht ankommen.« — »Heut wird nicht Feierabend gemacht vor sinkender Nacht, das heißt«, setzte der Garnsortierer lachend hinzu, »im Essen, Trinken, Tanzen und Lustigsein. Es ist des Herrn Geburtstag, und wenn Ihr gescheit seid, Moser, und den rechten Augenblick abwartet, um Herrn Endermann eine recht rührende Gratulation vor die Füße zu legen, da wirft's am Ende auch etwas Klingendes für Euch ab. Ihr seid ja immer so erpicht aufs Geld, als verhilf's zum ewigen Leben!« Und der junge, halbtrunkene Gesell schlug eine rohe Lache zu seiner letzten Bemerkung auf.

Über die eingefallenen Wangen des Webers lief ein leichtes Rot, denn die Worte des Garnsortierers beleidigten und schmerzten ihn. »Gebe Gott«, versetzte er, »daß Ihr nie den Tag erleben mögt, wo Euch ein elender Groschen soviel wert ist als das ganze liebe Paradies, so schön und prächtig ausstaffiert, wie's uns der Pfarrer auf der Kanzel ausmalt! Wer keinen Hunger hat, der kann an solchen himmlischen Gemälden wohl Gefällen finden; wenn aber der Magen knurrt wie ein bissiger Hofhund, da machen einen die roten Pomeranzen, die so unnütz unter den Bäumen im Paradiese verfaulen oder von den Affen gefressen werden, unwirsch und von den seligen Freuden ist nicht viel zu spüren.«

Der Garnsortierer lachte, daß ihm der Bauch schütterte. »Meiner Seele, Moser, Ihr seid witzig!« sagte er. »Und ich hielt Euch seither immer für einen Duckmäuser. Ihr wißt schon, so einer, der allen Heiligen die Zehen abfrißt, wenn's was einbringt! Nun, Moser, seid nicht böse, man kann sich irren.«

»Behüte!« versetzte der Weber. »Ich nehm es keinem Menschen übel, wenn er Böses, ja das Schlechteste von andern denkt. Aber, um nicht eins ins andere zu reden, geht doch jetzt, Friedrich, und meldet mich dem Herrn! Das Gläserklingeln und Schreien will ja gar nicht mehr endigen. Mein Gott, wie viele darbende Arme könnten mit dem unnütz verpraßten Gut gesättigt und glücklich gemacht werden! Wenn das Garn- Endermann, des Herrn Vater, mit ansehen müßte, ich glaube, er ginge brummend seiner Wege. Das war doch ein ganz anderer Herr als sein reicher, vornehmer Sohn.«

»Ein Knauser war's«, erwiderte der Garnsortierer, »ein Geizhals, der ärgerlich wurde, wenn junges Blut sich lustig machte.«

»Solange ich ihn kannte, war er das nicht«, sagte der Weber. »Er gab dem Bedürftigen, gönnte dem Arbeiter außer dem Lohn auch einen mäßigen Gewinn und war immer und überall mildtätig. Der hätte keinen seiner Weber eine Viertelstunde warten lassen, um ein paar Krebsscheren auszuschlürfen und ein überzähliges Glas Wein zu trinken.«

»Nun, nun, Murrkopf, ich gehe schon«, versetzte Friedrich, »aber das sag ich Euch, viel Hoffnung habe ich nicht.«

»Herr Endermann braucht ja gar nicht selbst herunterzukommen, wenn er nicht will«, rief Moser dem Fortwankenden nach. »Ich will ja bloß Einschlag für die letzte Werfte, er weiß es schon. Den könnt Ihr mir ebensogut einhändigen wie der Herr.«

Endermann hielt eben eine höchst sentimentale Dankrede an den Gutsherrn, der ihn im Namen sämtlicher Gäste mit großem Phrasenschwulst betoastet und alles irdische und himmlische Glück auf ihn herabgerufen hatte. Bescheiden wartete Friedrich, bis die Dankrede zu Ende ging und mit abermaligem Gläserklingen bewundernd und dankend aufgenommen wurde. Jetzt trat der Garnsortierer hinter den Stuhl des glücklichen Fabrikanten, legte seine Hand auf dessen Schulter und sagte ziemlich laut, um sogleich verstanden zu werden:

»Herr Endermann!«

Der Gerufene wandte sich erschrocken um und starrte mit weinverklärten Augen den nicht minder Glücklichen an.

»Was — was — soll ich?« fragte er stotternd.

»Es ist einer unten, der Sie sprechen will.«

»Bin nicht zu Hause«, erwiderte barsch der Reiche. »Das hättest du ihm gleich sagen sollen, Esel! Wie kann ich heut, so beschäftigt und von so vornehmen Freunden umgeben, für andere Menschen zu sprechen sein?!«

»Der Mann bittet so sehr — er verlangt Schuß.«

»Er möge sich in acht nehmen, daß ich ihn nicht schieße! Ich dächte, diese Hungerleider wüßten es längst, daß ich alles Mahnen nicht leiden kann! Und heut zumal, heut, an meinem Geburtstage, meinem Ehrenfeste!«

»Es ist der arme Moser, der vorm Jahre das Unglück hatte, die rechte Hand zu brechen. Seit der Zeit will er gar nicht mehr zu Kräften kommen.«

»Soll morgen wiederkommen!«

»Wenn Sie mir das Fach bezeichnen wollten, wo der Schuß liegt.«

»Morgen wiederkommen! Morgen wiederkommen!« rief Endermann, schon zornrot im Gesicht. Friedrich wich jedoch nicht von seinem Platze, vielleicht, weil es ihm in seiner halbtrunkenen Laune Spaß machte, den reichen Brotherrn ein wenig in Harnisch zu jagen.

»Bist du taub?« fuhr ihn Endermann nochmals an. »Morgen wiederkommen, sag ich, und jetzt schicke den Lumpen zum Henker!«

»Am Ende nimmt ihn der nicht an, wenn er ihm nicht ein Trinkgeld fürs Angreifen vorausbezahlt«, sagte lachend der rohe Garnsortierer. »Ich möchte Sie deshalb in Mosers Namen darum gebeten haben, um ihm die Antwort zu überzuckern und weil doch heut Ihr Geburtstag ist, Herr Endermann.«

Über den drolligen Einfall des Sortierers mußte der reiche Fabrikant überlaut lachen. Er fand ihn gar zu originell, griff in die breite Tasche seiner buntgeblümten seidenen Weste und langte Friedrichen ein altes Guldenstück hin. »Das ist für dich, Mordkerl«, sagte er kordial. »Trinke dafür auf nächsten Sonntag nochmals meine Gesundheit, dem Bettel-Moser aber sage, ich wollte ausdrücklich, daß er morgen wieder zu mir komme. Und, hörst du, Friedrich, hat die zerlumpte Kreatur Hunger, so laß dir in der Küche ein paar Knochen vom Koch geben und etwas Zusammengegossenes. Das mag er essen. Es wird ihm wunder wie delikat schmecken gegen seine wässrigen Erdäpfel. Man muß doch mild sein und freigebig an seltenen Ehrentagen, darum also, ein paar Hühnerknochen und was Gebratenes aus der Küche, Friedrich, aus der Küche! Geld hab ich nicht zu verschenken, das muß ein guter Wirt fein zusammenhalten.«

Friedrich ging, überbrachte dem Weber Endermanns Antwort und forderte ihn auf, in der Küche einen Löffel Warmes zu essen.

»Es sind lauter vornehme Sachen da«, sagte er, »Gerichte, wie sie Euch Euer Lebtag noch nicht vor den Schnabel gekommen sind — gebratener Schinken, gespickte Perlhühner, Krebspasteten, Wiener Schnitzel — sapperment, Ihr sollt Euch wundern!«

»Mir fehlt's an Appetit«, versetzte Moser mit niedergeschlagener Miene. »Lieber wär es mir gewesen, Herr Endermann hätte mir Garn gegeben. Ich muß nun einen ganzen 'Tag faulenzen und kann nichts verdienen. Wie soll ich das wieder einbringen mit meiner lahmen Hand! Und dazu ist die Susanna bettlägerig!«

»Ei, so nehmt's Elend doch auch einmal auf die leichte Achsel!« gegenredete der lustige Garnsortierer. »Es trägt sich, weiß Gott, viel bequemer und hockt sich nicht so fest auf, als wenn Ihr immer so griesgrämig in den Tag hineinseht!«

Moser seufzte, warf aber doch seinen Leinwandsack ab, hing ihn über den Stock und lehnte beide in einen Winkel des Hausflurs. Dann folgte er Friedrich nach zur Küche. Als sie eben eintreten wollten, kam von der Hoftüre her ein anderer Gast ins Haus. Es war ein schlanker Mann, bleich von Gesicht, mit schwarzen, schlicht über Stirn und Schläfen gekämmten Haaren. Er trug einen schwarzen, bis an den Hals zugeknöpften Tuch­rock, ebensolche Beinkleider und hohe, bis an die Knie reichende, glänzend gewichste Stiefel. Tracht, Aussehen, Haltung, alles verriet in dein Fremden einen katholischen Geistlichen. Er zog höflich grüßend den Hut und fragte den Garnsortierer, ob er nicht einige Worte mit dem Herrn sprechen könne.

Friedrich maß ihn mit unsicherm Blicke, dann sagte er kurz hingeworfen: »Aus Prag, scheint mir.«

»Von dejt barmherzigen Brüdern".«

»Gedulden Sie sich nur ein paar Augenblicke, ich bin gleich wieder bei Ihnen.«

In gewaltigen Sätzen, daß die hölzernen Stufen knallten, rannte Friedrich die Treppe hinan. Moser und der barmherzige Bruder aus Prag standen sich gegenüber.

»Seid Ihr krank?« fragte mild und freundlich der Katholik. »Ja, ich habe den Aussatz.«

»Den Aussatz?« wiederholte der barmherzige Bruder und trat unwillkürlich einen Schritt zurück. »Und Ihr wagt es, frei und frank mit andern Menschen zu verkehren?«

»Ach, mein lieber junger Herr«, erwiderte Moser, »es ist nicht ein Aussatz, der ansteckt, es ist bloß einer, der verachtet wird! Die entsetzliche, fluchbeladene Krankheit der Armut hat mich ergriffen und für sie haben Staat und Ärzte keine Mittel oder wollen keine haben. Man zuckt bedenklich die Achseln, rümpft die Nase, wirft, wenn es hoch kommt, solchem rettungslos Erkrankten einen schlechten Pfennig oder einen rauchenden Knochen hin und geht seiner Wege. Solch einen Knochen will ich mir jetzt holen, wenn Sie's erlauben, und wollen Sie sehen, daß meine Krankheit in unseren Tagen dem Aussatze gleichgeachtet wird, so geben Sie acht auf die Küchenmägde.«

Mit diesen Worten stieß Moser die Tür zur Küche auf, trat keck hinein und sagte: »Etwas vom Abhub bitt ich, Herr Endermann hat's befohlen!«

Die Mädchen steckten die Köpfe zusammen, der Koch kratzte verschiedene kalte und warme Speisen auf und reichte einen Teller voll einem der aufwaschenden Mädchen. Dieses schob das Hackemack dem Weber mit verächtlicher Gebärde zu, indem es sagte: »Dort hinter der Tür steht ein Bänkchen. Da könnt Ihr niedersitzen, damit Ihr niemandem im Wege seid!«

Moser empfing den Teller, wendete sich nach dem barmherzigen Bruder um und warf einen Blick auf ihn, in dem der Schmerz einer ungerecht mit Füßen getretenen Seele um Rache zum Himmel schrie. In diesem Moment rief Friedrich von der Treppe herab dem Katholiken zu:

»Wollen Sie sich gefälligst heraufbemühen, Herr Endermann und seine Gäste werden sehr erfreut sein, den frommen Bruder bei sich zu sehen.«

Moser lachte still für sich und verschlang die empfangenen Speisen mit großer Gier, denn obwohl er keinen Appetit hatte und ohne Genuß die ungewohnten Leckereien aß, plagte ihn doch der Hunger, den er erst während des Essens recht fühlte.

Inzwischen erreichte der barmherzige Bruder den Gesellschaftssaal, grüßte die schwelgerische Versammlung und bat, als Bote der barmherzigen Bruderschaft in Prag, um eine kleine Unterstützung für die Verfolgung ihrer wohltätigen Zwecke. — Es ist nichts Seltenes, daß diese geistlichen Brüder auf ihren Almosenwanderungen nach Sachsen und Schlesien kommen, wo unsere Geschichte sich zutrug. Bescheiden, höflich, nur den Zweck ihrer Sendung im Auge, sind sie überall gern gesehen und bekommen oft ansehnliche Gaben. Man weiß, daß diese wahrhaft christliche Wohltätigkeitsanstalt Leidende und Bedürftige ohne Ansehen der Person, ohne Unterschied der Religion mit gleicher Liebe, Sorgfalt und Ausdauer unterstützt und unentgeltlich verpflegt, und schon aus diesem Grunde verlassen sie nie ein Haus ohne Spende.

Endermann war seiner Natur nach kein Freund vom Geben, wo er sich aber als freigebiger Mann zeigen konnte, da ließ er sich nie zweimal auffordern. Er steuerte zu allen möglichen Vereinen, half die Missionare in Indien und China bezahlen, gab in die Armenkassen, in die Mäßigkeitsvereine, kurz, wo er darauf rechnen konnte, daß sein Name genannt werde. Den armen, zitternden Greis aber, der, halb erblindet und kaum mit Lumpen zur Notdurft bedeckt, an seinem Stabe von Tür zu Türe fühlte und um eine Krume Brot zur Stillung seines Hungers bat, den wies er mit barschen Worten ab, weil er regelmäßig in die Armenkasse gab. Noch weniger fiel es ihm ein, die arme arbeitende Klasse, die nur von Tag zu Tag lebt, zu unterstützen. Das nannte er: das Volk verziehen und übermütig machen. Auch war es Grundsatz und vielleicht Überzeugung bei ihm geworden, daß, wer durch eigenes Bemühen und Arbeiten nichts vor sich bringe, von der Vorsehung zu einem irdischen Leben in Not und Elend bestimmt sei. Dies eigenmächtig ändern zu wollen, dünkte ihn frevelhaft. Er tröstete sich mit dem Gemeinplatze, daß Gott es nicht anders wolle, und, da er in anderen Fällen, wo es ihm paßte, ein starker Bibelheld und Verehrer des Wortes war, so sagte er wohl lächelnd: Das arme Pack sei am Ende noch zu beneiden, da ihm die himmlischen Freuden ja gewiß wären! Gott möge wissen, ob er

nicht dort oben gewaltig werde leiden müssen, auch dann, wenn er an das Bettelvolk scheffelweise Geld austeile. Darum wolle er es lieber abwarten und dem Spruche vertrauen: >Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählet!<

Endermann ging daher dem barmherzigen Bruder zuvorkommend entgegen, reichte ihm selbst einen Römer des besten Weines und drückte ihm zwei Dukaten in die Hand. Die Gäste folgten dem guten Beispiele ihres Wirtes, und der geistliche Bruder aus Prag verließ den Saal mit reichen Gaben beschwert. Während er die Treppe herabstieg, überzählte er das Geld. Es waren mehrere Goldstücke darunter und eine Menge alter Silbermünzen. Er klimperte noch im Hause damit, als er an der Küchentür vorüberging. Moser hörte den Klang des Silbers und sah den Geistlichen nach dem Hofe schreiten. Rasch stand er auf und trat ihm entgegen.

»Sie haben eine gute Ernte gehalten, nicht wahr?« redete er den Katholiken an, sich mit umgekehrter Hand den Mund wischend.

»Ich muß Gott von Grund meines Herzens danken«, versetzte dieser und schlug in jener eigentümlichen Art die Augen auf, die man nur bei römisch-katholischen Priestern findet.

»Danken Sie Gott, ehrwürdiger Herr, auch dadurch, daß Sie selbst barmherzig sind«, sagte der Weber mit bewegter Stimme. »Ich bin arm, ein halber Krüppel und ohne alles Geld. Mein Weib liegt krank daheim und erwartet stündlich ihre Niederkunft. Sie werden sich einen doppelten Gotteslohn verdienen, wenn Sie ein geringes Scherflein von der reichen Gabe mir darreichen. Denken Sie, daß es nur ein Brosamen ist, der von des Reichen Tische fällt! Ich flehe Sie darum, ehrwürdiger Herr, in der Angst meines Herzens!«

Und der Weber faltete krampfhaft seine knöchernen Hände und hielt dem barmherzigen Bruder seine schäbige Mütze entgegen, während ihm die Knie schlotterten vor Angst und Scham, denn es war das erste Mal in seinem Leben, daß er mit lautem Wort um ein Almosen bat.

Der barmherzige Bruder warf einen Blick tiefen Mitleids auf den Weber, indem er das empfangene Geld laut klingend in seine Tasche gleiten ließ.

»Lieber Mann«, entgegnete er, »seid überzeugt, dal3 ich teilnehme an Eurem Leid und Euch aufrichtig bessere Tage wünsche, allein, Eure Bitte kann ich nicht erfüllen, so tief sie mich rührt. Ich bin arm, bin ärmer wie Ihr, denn ich besitze nichts. Was mir gutherzige mildtätige Menschen geben, gehört unserer heiligen Bruderschaft. Es ist ein Depositum, was meinen Händen anvertraut wird, und worüber ich meinen Oberen Rechenschaft ablegen muß. Ich würde eine schwere Sünde begehen, wollte ich es angreifen und nur einen Pfennig als mein Eigentum betrachten.«

»0 das sollen Sie auch nicht, ehrwürdiger Herr«, fiel Moser ein. »Sie sollen es ja bloß einem Notleidenden schenken!«

»Ich vergriffe mich immer an mir anvertrautem Gute, armer Mann, und davor behüte mich Gott und die heilige Jungfrau! Darum dringt nicht mehr in mich, ich bitte Euch, geht lieber hinauf zu den frommen gutherzigen Menschen, die so gern mitteilen. Ich, lieber Mann, kann nichts für Euch tun als zu Gott beten, daß er Eure Lage verbessern möge! Gelobt sei Jesus Christ!«

Der barmherzige Bruder verließ das Haus des reichen Fabrikanten, Moser aber machte seinem Schmerz und Ingrimm durch ein schauerliches Hohngelächter Luft. »Geht hinauf zu den frommen gutherzigen Menschen«, wiederholte er. »Daß sie vor mir ausspucken, mich Lump und Bettler schimpften und mir wohl gar die Tür wiesen? — Nein, mein guter Herr, das will ich doch bleibenlassen! Ehe ich bei den Reichen bitte, gehe ich bei den Hunden zu Gaste!«

So sprechend, warf er seinen Leinwandsack wieder über die Schultern, nahm seinen Stecken und verließ in dumpfem Ingrimm Endermanns Hof.

 

 

Bei ruhiger Betrachtung unserer modernen sozialen Zustände könnte man zuweilen veranlaßt werden, an eine Prädestination zu glauben. Damit ist freilich nichts geholfen, aber man hat doch einen Weg gefunden, den man in allen Fällen zu eigener Rettung einschlagen kann. Es fällt uns dann nicht ein, an Gott, an einer weisen Weltordnung, an einer Vorsehung zu zweifeln und zuweilen das ganze liebe Welt- und Himmelsregiment auf gut deutsch zu vermaledeien! Die Vorausbestimmung ist das sicherste und nachhaltigste Mittel, allen Seeleningrimm, allen Verzweiflungsmut, alle Widersetzlichkeit gegen göttliches und weltliches Gesetz aus dem Grunde zu kurieren! Es mußte so kommen — es hat nicht anders sein können — es war seine Bestimmung — Gott hat es so gefallen in seiner Weisheit — mit solchen und ähnlichen frommen Altweibersprüchen lullt man dann bequem die jammernde Seele ein. Niemand denkt an Neuerung, Umgestaltung und Umsturz. Der Mensch wird ein glücklicher Bürger, weil er immer befriedigt bleibt, und Staat und Kirche können sich geziemend, ohne störende Einreden Unberufener, in dem Kreise entwickeln oder zusammenwickeln, den die erhabene Weisheit der weltlichen und geistlichen Machthaber fest um sie gezogen hat. — Moser gehörte zu diesen prädestinierten Unglücksvögeln, denn was er auch angriff, es schlug ihm alles fehl. Die Glücklicheren zuckten die Achseln und meinten gleichgültig: Der Mann hat Unglück. Die Frommen verdrehten die Augen und seufzten: So straft Gott die Sünden der Väter an den Kindern! Es wußte aber Mosers Eltern niemand etwas Böses oder gar ein Verbrechen nachzuweisen. Sie waren ehrlich und arm gewesen wie der Sohn, sie hatten zur Miete gewohnt, sie hatten gearbeitet und gedarbt, um als ehrbare Leute leben und sterben zu können, und der Vater war bereits mit dem innigen Seufzer zu Gott auf der sterbenden Lippe, daß es seinem Sohne ein klein wenig besser gehen möge als ihm, sanft in dem Herrn verschieden. Ach, es ist kaum zu glauben, wie genügsam die Wünsche des Armen sind, um wie wenig er zu bitten wagt! Und doch, wie selten findet eine so kleine Bitte Erhörung! —

Mosers Vater hatte ebenfalls vergeblich gefleht. Sein Sohn blieb arm wie er und brachte es ungeachtet seiner Tätigkeit zu nichts als zum kargen täglichen Brot. Leider hatte er bei seiner Armut noch den tollen Einfall, sich in ein hübsches junges Mädchen zu verlieben, die so arm war wie er selber. Als ob der Arme ein Recht habe, auf das Glück der Ehe Anspruch zu machen! Susanna war ebenfalls in den schmucken Weber vernarrt, und weil ihre Eltern eine Verheiratung beider nicht zugeben wollten, geschah, was in solchen Fällen unter jungen Liebesleuten in der Regel zu geschehen pflegte. Die Hochzeit der Liebenden fand erst zwei Monate nach der ersten Kindtaufe statt, die inzwischen auch für lange Jahre die letzte bleiben sollte.

Moser würde sich aus diesem Unglück, wie die Leute einen solchen Vorfall zu nennen belieben, wenig gemacht haben, wäre nicht die Unduldsamkeit und der brutale Fanatismus des Ortspredigers ihm wie brennender Schwefel in die Seele gefallen. Es war Sitte, wie man dies fast überall auf den Dörfern findet, daß die Wöchnerin nach Ablauf von vier bis sechs Wochen zur Kirche ging, um Gott für ihre Wiederherstellung zu danken. Dies wird von der Kanzel herab öffentlich bekanntgemacht und von seiten der Geistlichen ein kurzes Dankgebet verbunden. Vorher muß sich die Kirchgängerin auf der Pfarrwohnung melden und ihr Wiedererscheinen im Tempel des Herrn herkömmlicherweise bezahlen. Auch Susanna unterzog sich dieser Sitte, weil sie nicht zu umgehen war; aber sie erblaßte, als der strenge, zelotische Geistliche ihr die begangene Sünde mit harten Worten vorhielt, sie unverhohlen eine H . . . nannte und auf ihren ferneren Lebenswandel genau zu achten drohte. Völlig vernichtet ging nun Susanna zur Kirche. Die Worte des Pfarrers brannten wie glühende Kohlen in ihrem Herzen.

Weinend setzte sie sich in ihren Kirchstuhl, der unfern der Kanzel an einem Pfeiler angebracht war. Von ihm aus konnte sie ihren Geliebten und erklärten Bräutigam sehen, der, im vom Vater ererbten Sonntagsrocke, auf der Empore stand und forschende Blicke auf sie heftete. Der Prediger donnerte gewaltig über das sündhafte Leben der Verworfenen und meldete die Hölle mit den allerschönsten Feuerfarben, um recht tiefen Eindruck auf seine Zuhörer zu machen. Als er nach beendigter Strafpredigt an die Abkündigungen kam und jetzt auch die Kirchgängerinnen erwähnte, unterließ er nicht, die arme Susanna, die so glücklich war als Mutter und baldige Gattin des armen Webers, vor der ganzen Gemeinde als arge Sünderin hinzustellen. In heulendem Tone bat er für sie und die Frucht ihrer Sünde um Gnade, flehte zu Gott, daß er dem in Sünden und Lastern empfangenen Kinde durch das Bad der heiligen Taufe einen christlichen Geist möge eingeflößt haben und ermahnte schließlich alle tugendsamen Mädchen, sich ein warnendes Beispiel an der Gefallenen zu nehmen!

Moser tobte, als er an der Kirchtüre die ganz darniedergebeugte, schluchzende Susanna umfaßte, und es bedurfte ihrer schmeichelndsten Liebesworte, um den Erzürnten von einem raschen und vielleicht übereilten Gange auf die Pfarrwohnung zurückzuhalten. Ihn empörte nicht, daß seine Braut so schonungslos von dem Eifernden abgekanzelt worden war, sondern daß dergleichen geistliche Roheiten immer nur an der Armut verübt wurden. Bei dem Reichen, der in solchen Fällen den salbungsvollen Händedruck des Seelenhirten mit einem Goldstück bezahlt, wurde der Sache weiter gar keine Erwähnung getan.

Seit diesem Vorfalle haßte Moser den Pfarrer und vermied, mit ihm zusammenzutreffen. Sein Wunsch ward erfüllt. Er hatte keine Gelegenheit, nach der Trauung in persönliche Berührung mit dem strengen Manne zu kommen, denn seine Ehe mit Susanna blieb zu seiner größten Betrübnis kinderlos. Nur einmal mußte er noch einen schweren Gang zum Geistlichen antreten, als das Scharlachfieber ihm und seinem Weibe das Kind ihrer Liebe für immer entriß. Um allen ungehörigen Bemerkungen vorzubeugen, die er auf des Pfarrers gekrümmter Lippe sich breitmachen sah, ließ er es in größter Stille beerdigen.

Auf seinem einsamen Heimwege von Endermann durchlief Moser nochmals diese seine ganze Vergangenheit. Er suchte mit wahrer Fieberangst nach einem haltbaren Grunde für seine Not. Hätte er ihn gefunden, er würde sich wie Tausende beruhigt, in Geduld gefaßt, in das Unabänderliche geschickt haben. Aber er fand nichts, gar nichts! Er hatte bloß arbeitsvolle Tage an Tage zu reihen, schlaflose Nächte zu zählen, in denen er bei trüb brennender Lampe unermüdlich geschafft hatte. Und doch kein entsprechender Lohn für so schwere Arbeit, doch seit Jahr und Tag nicht einmal mehr das dürftigste Auskommen! — War es ihm zu verdenken, wenn er sich im Grolle umkehrte und mit der machtlosen Hand hinaufdrohte nach dem glänzenden Hause des Reichen, wo jetzt so viele Glückliche, denen es an nichts gebrach, die nie erfahren hatten, welch bittere, seelenzerstörende Speise das Hungertuch gewährt, in den angehäuften Schätzen schwelgten, die er mit seinem sauren Schweiße hatte verdienen helfen? —

Moser wohnte zur Miete in einem kleinen Häuschen, dessen Besitzer ebenfalls Weberei trieb und sich zuweilen auch noch einige Groschen durch Handarbeit bei den Bauern verdiente. Er war ein robuster Mann von unverwüstlicher Gesundheit, dem die trockene Kartoffel jahraus jahrein täglich immer gleich trefflich schmeckte. In diesem Häuschen hatte Moser ein Stübchen inne, das kaum acht Ellen im Quadrat Flächenraum enthielt. Dieser war noch beengt durch einen ansehnlichen Ofen von grünen Kacheln, der unvermeidlichen Ofenbank, einem Topfbrett, zwei Webstühlen, einem Tisch und drei Schemeln. Denn so viele brauchte der Weber, da seine alte Mutter noch bei ihm wohnte. Für dies Stübchen und eine luftige Bodenkammer von weit geringerem Raume, nebst einem sogenannten Kartoffelloche unter der schief bis zur Erde reichenden Bedachung der Abseite des Hauses, mußte er jährlich vier Taler Miete zahlen, eine Summe, die er häufig kaum erschwingen konnte.

Die alte Mutter ernährte sich vom Spinnen und trug von dem unglaublich geringen Verdienst ihr Scherflein bei zu Bezahlung der Miete. Gertrud hatte beinahe ihr ganzes Leben lang gesponnen und zwar, wie es zu ihrer Zeit Sitte war, auf der Spindel oder Spille. Durch unendlich lange Übung hatte sie eine so große Fertigkeit in dieser Beschäftigung erlangt, daß sie in ihren blühendsten Spinnjahren das allerfeinste Garn zu verfertigen sich weit und breit rühmen durfte. Allein, der Lohn stand mit der Mühe in keinem Verhältnis. Die Gertrud konnte kaum leben und spann sich im Laufe der Zeit fast blind! Und diese stille, fleißige Märtyrerin der Armut kannte niemand! Auf sie achtete keiner der Vorübergehenden, wenn sie an warmen Sommerabenden vor der Tür des kleinen Häuschens saß und unablässig die braune Spindel um die grauen, flatternden Haare tanzen ließ.

Seit Gertrud von den feinen abspringenden Flachsteilchen eine heftige Augenentzündung bekommen hatte, für die sie aus Mangel an Geld und Zeit keine ärztliche Hilfe ansprechen konnte, verdiente das arme Weib täglich bloß noch zwei Pfennige, was man begreiflich finden wird, wenn man bedenkt, daß die alte Spinnerin den rohen Flachs kaufen und, weil sie es selbst nicht vermochte, durch Fremde zubereiten lassen mußte. Zahlte sie auch nur eine Kleinigkeit dafür, so war es immer genug, um verhältnismäßig dadurch in ihrem reinen Verdienst empfindlich geschmälert zu werden. Außerdem bedurfte sie jetzt einer dreimal längeren Zeit als ehedem, um einen Strähn zu spinnen, da sie sich ganz allein auf ihr Gefühl verlassen mußte. Wie große Mühe sich aber Gertrud auch gab und wie langsam sie immer spann, das Garn ward ihr unter den Händen immer stärker und unegaler, und die Garnkäufer verkürzten ihr infolge davon den Lohn so sehr, daß ihr täglicher Gewinn nur zwei Pfennige betrug. Und doch faltete diese alte, fleißige Frau früh, mittags und abends ihre kraftlosen Hände, dankte Gott, daß er sie gnädig beschützt, vor größerem Unglück bewahrt und bisher notdürftig gesättigt habe, und bat ihn, ohne zu ermüden, um ein sanftes seliges Ende! —

Susanna saß neben der alten spinnenden Gertrud auf der Ofenbank und hatte beide Arme in ihre kattunene Alltagsjacke gehüllt, die sie bei der Arbeit zu tragen pflegte. Das arme Weib war hochschwanger und fror, daß es sie schüttelte, obwohl das Wetter warm war.

»Du bist recht lange weggeblieben«, sagte sie, als Moser von seinem fruchtlosen Gange zurückkam. »Es gab wohl viel zu tun?«

»Erschrecklich viel«, erwiderte dieser, ein bitteres Lachen unterdrückend. »Ich möchte schon wissen, ob sie um Mitternacht ihre Arbeit einstellen werden.«

»So viel Geschäfte sind doch auch eine Last! Die Leute werden ihres Lebens nicht froh; ich möchte es nicht haben.«

»Zu Zeiten doch, Susanna! Heute zum Beispiel hätte ich gewünscht, die Armen der ganzen Welt wären auf Endermanns Hofe zusammengekommen. Vom bloßen Geruche der Speisen, die das übermütige Volk verschlang, wären sie schon satt geworden. Straf mich Gott, es ist eine Sünd und Schande, so zu fressen und schlimmer wie's liebe Vieh zu saufen, während Tausende nicht das trockene Brot im Hause haben! Und doch rühren diese ihre Hände mehr als jene! Hilf Gott, wo ist da Sinn und Verstand drin!«

»Was gab's denn?« fragte die Kranke, verwundert aufsehend zu Moser, dessen Heftigkeit ihr seltsam und ungewohnt vorkam.

»Wenn unsereiner fünfundzwanzig Jahre schlecht und recht ein ehrliches Leben unter Sorgen und Mühen, unter Kummer und Tränen verbracht hat«, erwiderte Moser, »oder seine silberne Hochzeit mit der Weblade feiert, da schlägt man an seine Brust, dankt Gott, daß es abgegangen ist ohne gar zu auffällige Not und fällt abends vor Schlafengehen auf seine Knie, um sich durch Dank und Bitte zur Fortsetzung des schweren Lebens zu stärken. So macht's unsereiner, sag ich. Die Reichen aber, die quirlen ein Dutzend Brühen ein, mit allen Gewürzen der alten und neuen Welt versetzt, verschreiben sich ein halbes Schock vornehmer Schmarotzer und essen und trinken, bis sie Sonne, Mond und Sterne für Hefeklöße und den Himmel selbst für einen Dudelsack ansehen! Ich wollt, die Kränk schlüg der ganzen Klerisei in die Knochen!«

»Mein Gott, sie haben's ja!« sagte Susanna beschönigend. »Laß sie's doch genießen, das liebe Gut; wo sollen sie hin damit!«

»Wohin damit?« fuhr Moser auf. »Weib, du bist nicht recht klug! Wohin damit! — Ei, dahin, wo man alle Finger nach einer Faser kräftigen Fleisches leckt! Dahin, wo der Arme im Elend verkümmert, wo der redliche Arbeiter die Sündenmast verdienen hilft! — Gott soll mich bewahren, meine Hand nach fremdem Gut auszustrecken oder dem Reichen sein Vermögen zu beneiden! Ich bin nicht habsüchtig, nicht nach eitlem Geld und Gut geizig. Aber essen will ich, weil mich hungert, und weil ich nicht essen kann, ohne zu arbeiten, so fordere ich Arbeit und Lohn für meine Arbeit. Wenn mir aber weder das eine noch das andere gegeben wird, bloß weil es die Prasserei stören würde, siehst du, Frau, so wollt ich, alle Karpfen und Hechte, die bei Endermanns heute gesotten und gebraten auf den Tisch gekommen sind, hätten sich in giftige, feuerspeiende Drachen verwandelt und die ganze Gesellschaft in Brei zermalmt!« —

Moser setzte sich den beiden Frauen gegenüber auf den Tisch und schlug seine Arme über die Brust. Der Zorn des Armen, der sich seiner Ohnmacht wohl bewußt war, hatte einen fast komischen Anstrich, obwohl hinter der drolligen Maske das Schreckensantlitz des fürchterlichsten Ernstes, der hoffnungslosesten Verzweiflung grinste.

Gertrud schüttelte den Kopf, um ihre Mißbilligung über die heftigen Worte des aufgebrachten Sohnes zu erkennen zu geben, und Susanna seufzte, da sie wohl einsah, daß ihr ergrimmter Mann recht habe. Die Stubentür ward aufgestoßen und der Besitzer des Häuschens, Fürchtegott, trat ein. Der kräftige, überaus robuste Mann ging barfuß in zerrissenen Schuhen, die er sich aus abgetragenen Stiefeln zurechtgeschnitten hatte. Eine Leinwandhose, die kaum bis übers Knie herabreichte, schlotterte um das muskulöse Bein. Darüber trug er nach Art der Weber eine vielgewaschene Schürze, die ehedem blau gewesen sein mochte, jetzt aber mehr ins Aschgraue schimmerte. Ein schwarzes Lederkäppchen saß ihm schief auf dem starken, struppigen, mit Garnstaub gepuderten Haar.

»Guten Tag, Nachbar!« sagte der Häusler. »Warum so verdrießlich?«

»Hätte ich einen guten Tag, so würde ich nicht so verdrießlich sein.«

»Werft's hinter Euch, Moser, wenn Euch was drückt. Leichtes Blut und resolutes Wesen hilft über vieles hinweg. Vordem, seht Ihr, trieb ich's gerade wie Ihr und hatte keine frohe Stunde. Alles schmeckte mir nach Galle. Seit ich mich aber bei der Arbeit aufs Singen gelegt habe und manchmal einen >Dünnen kippe<, seitdem scher ich mich den Teufel um die Welt! Hat der Herr mit Euch gezankt?«

Moser schüttelte den Kopf und sah finster vor sich hin. »Wißt, Nachbar, Euer Brotherr gehört zu den Feinen! Wenn der Euch zwickt, so müßt Ihr ihn kneipen.«

»Wie meint Ihr das?«

»Das meine ich so: Endermann gibt, wo er's machen kann, gern ein paar Pfennig weniger als ausbedungen ward, das nenne ich zwicken, und dafür, seht Ihr, müßt Ihr die Lade was lockerer auffallen lassen, damit das Gewebe dünner und eher fertig wird. Auch habt Ihr dabei den Vorteil, daß vom Schuß ein paar Gebinde übrigbleiben. Das heiße ich denn kneipen. Begriffen?«

»Die Manier gefällt mir nicht.«

»Gefallen oder nicht gefallen, wenn sie nur hilft und zu Frühstück und Vesper ein halbes Viertelchen abwirft.«

»Ich trinke nicht, wie Ihr wißt, auch denke ich: Ehrlich währt am längsten. Betrügt uns der Reiche, nun, so wird ihm unser Herrgott aus solchem Gewinn auch kein himmlisches Ruhekissen stopfen.«

»Ei, ei, Moser! Wollt Ihr mich unehrlich machen, weil ich auf meinen Vorteil sehe? Handel und Wandel, Nachbar, und leben und leben lassen, das sind meine Grundsätze! Wenn der Reiche schwelgt, so will der Arme wenigstens was zu knuppern haben, damit es ihm nicht in die Zähne fährt und er Gelüst bekommt, damit ins Fleisch zu beißen.«

»Es ist Sinn in dem, was Ihr sagt, Fürchtegott. Ich will mir's überlegen und wenn ich mich zurechtfinden kann mit meinem Gewissen, Eurem Beispiele folgen.«

»Tut's und Ihr werdet Euch wundern, wie geschwind Ärger und Verdruß auf und davon laufen! Aber was ich eigentlich sagen wollte, Moser, das ist: Der Gemeindebote war da und hat Euch für künftigen Monat zu Hofe gebeten. Ihr seid, glaube ich, noch im Rückstande, und da sollt Ihr für diesmal gleich aufanderthalb Tage Euch einrichten und Hacke und Schaufel mitbringen. Es sollen, denke ich, Gräben gehoben oder ein Fahrweg ausgebessert werden.«

Moser lachte laut auf: »So ein Hofetag kommt doch immer wie gerufen, platterdings wie vom Himmel heruntergefallen«, sagte er. »Wenn ein armer Teufel kein Brot im Hause hat und wegen unverschuldeter Versäumnisse sich vierteilen möchte, um nur ja die Arbeit schnell abliefern zu können, da schickt die gnädige Herrschaft den Boten herum und befiehlt, daß man für sie arbeiten soll. Wenn ich nur noch wissen sollte, wer vor alters die Gesetze gemacht und das aufgebracht hat? Ich bettelte mir einen Dreier zusammen und gäbe ihn zu einem Denkmale, das solchem Hauptkerl von feinem Spitzbuben gesetzt werden müßte!«

»Lieber Mann«, fiel Susanna ein, »wie kannst du dich so ereifern! Es ist ja die Herrschaft und die anderen tun es ja auch.«

»Freilich, es ist die Herrschaft, aber warum? Sooft mir die Frage wie ein Schwärmer durch den Kopf schwirrt, werde ich jedesmal schwindelig. Ich kann den Grund nicht finden und bin doch verdammt zu einem Gründlinge!«

»Moser«, versetzte der minder skeptische Fürchtegott, 'entweder seid Ihr krank oder nicht recht bei Troste, oder Ihr fangt an, mit der Latte zu laufen'! Wenn ich Euch raten soll, so nehmt Krausemünze ein. Das reinigt das Blut und scheuert den Magen aus, den Ihr Euch sicher verdorben habt.«

»Vermutlich, vermutlich!« erwiderte Moser bitter lachend.

»Die paar abgeknaupelten Hühnerknochen aus Endermanns Küche müssen das große Wunder bewirkt haben.«

»Gott behüte Euch, Nachbar, und gute Besserung, wenn Ihr's nicht übelnehmt? Also aufden Montag früh um 6 Uhr mit Hacke und Schaufel auf den Hof.« Fürchtegott ließ die Tür wieder zuklappen und hüpfte pfeifend in seine Stube, aus welcher bald darauf das taktmäßige Anschlagen der Weblade wieder erklang.

Moser versank in sein voriges düsteres Nachsinnen. Lauteres Seufzen und Stöhnen seiner armen Frau weckten ihn daraus. Er sah auf und fragte, was ihr fehle? Susanna winkte ihn zu sich.

»Meine Stunde naht«, flüsterte sie ihm mit schwacher Stimme zu. »Vielleicht erlöst mich Gott.«

Moser unterdrückte einen Seufzer, zog seine Jacke wieder an und nahm die Mütze von dem Stangenende, die im Viereck den Ofen umgaben. »Mutter«, sagte er, »Ihr tut meinem armen Weibe wohl eine Handreichung, wenn sie's bedarf. Ich gehe, ihr Hilfe zu holen.«

Gertrud steckte die Spindel in ihren Rocken, nickte dem Sohne freundlich zu und rückte dann auf der Bank fort bis zu ihrer Schwiegertochter, die sie mit ihren hageren, zitternden Armen umfing und nötigte, den matten Kopf an ihre Brust zu lehnen. Moser aber verließ eiligen Schrittes seine ärmliche Wohnung, um der Kreißenden den nötigen Beistand herbeizuschaffen.

 

 

Arme haben selten Glück. Es ist, als entsetze sich die heitere Göttin vor dem Anblick der Elenden und weiche ihnen aus, um sich ihr schönes, heiteres Dasein nicht trüben zu lassen. Der arme Weber sollte dies zu seiner namenlosen Bestürzung jetzt, wo er doch des Glückes so sehr bedurfte, mehr denn je erfahren. Die Hebamme war vor kurzem zu einem reichen Bauern des Dorfes geholt worden, dessen junge Frau ihrer Niederkunft entgegensah. Moser lenkte seine Schritte nach dem Bauernhofe, denn er kannte den Besitzer, er hatte vor Jahren seine Frau unzählige Male auf der Schaukel geschwenkt. Sie war damals ein munteres, lebenslustiges, gefälliges Mädchen gewesen. Bei ihrem Vater stand er ehemals als Erntearbeiter in Diensten und hatte ihm manche kleine Gefälligkeit erwiesen, manchen Gang für ihn um ein >Vergeh es Gott< getan. Er hoffte Teilnahme, vielleicht sogar Unterstützung zu finden.

Als Moser in die Wohnstube des Bauern trat, saß die Hebamme am gedeckten Tische, trank Kaffee und aß dazu große Stücke frischgebackenen Kuchens. Die junge hübsche Frau lag im Bette und plauderte gemütlich mit der Alten. Ihre Niederkunft war noch fern. Der Weber hörte mit freudigem Dankgefühl diese Nachricht und bat darauf die schmausende Kindermutter, ihn womöglich sogleich zu begleiten, um seiner armen Frau bei­zustehen. Die Alte schlürfte gelassen ihre Tasse aus und sah den Armen mit großen Augen an.

»Zu Eurer Suse?« sagte sie. »Wenn ich bei der Jungefrau nicht mehr werde nötig sein, will ich kommen.«

»Das würde zu spät sein, gute Frau«, versetzte der Weber. »Mein armes Weib ist krank und obendrein gebricht es ihr am Besten. Die Zeiten sind schlecht, ein armer Weber verdient sich kaum noch das tägliche Brot, und wenn gar Krankheiten einreißen — «

»Ihr seid sehr zu beklagen«, unterbrach ihn die Hebamme, aus der blanken, zinnernen Kanne von neuem ihre Tasse mit dem Absud der braunen Bohne füllend, »aber Ihr seht selbst ein, daß ich die junge hübsche Frau nicht allein lassen kann. Es wäre gegen Gewissen und Pflicht, und wir geplagten Frauen werden bei jedem kleinen Unglück sogleich zur Verantwortung gezogen.«

»Ach, bleibt ja, gute Eberten!« bat die Bäuerin und nahm eine recht leidende Miene an. Mosers Blick fiel wie eine Feuerflamme auf sie.

»Dorel«, sagte er, »Ihr könnt mich doch nicht ganz vergessen haben die paar Jahre her, daß ich nicht mehr bei Eurem Vater auf Arbeit gegangen bin? Ich war Euch immer gefällig in allen Dingen und kletterte Euch zuliebe auf die höchsten Obstbäume, wenn Euch grade ein rotbäckiger Apfel oder eine goldgelbe Birne in die Augen stach. Denkt daran, Dorel, ich bitt Euch, und seid barmherzig gegen einen recht elenden Mann! Wenn Ihr der Ilberten ein gutes Wort gebt, so schlägt sie mir's gewiß nicht ab. Es ist gar so dringend!«

 

 

Die Bäuerin wollte sich jedoch all der kleinen Gefälligkeiten nicht mehr erinnern, die der Weber anführte. Sie wußte, daß Moser arm war und sich ganz der Weberei ergeben hatte, sie sah nur den ärmlich gekleideten, machtlosen Mann vor sich, der ihr nichts schaden, nichts mehr nützen konnte, und so hatte sie denn gar keine Veranlassung, ihm eine Bitte zu gewähren, die scheinbar mit einem Opfer für sie verbunden war. Sie erklärte daher auf das bestimmteste, daß die Eberten nicht über die Schwelle gehen dürfe, wenn sie auch noch über vierundzwanzig Stunden bei ihr warten müsse. »Nicht wahr, es geht nicht?« setzte sie hinzu, indem sie sich sanft in die Kissen ihres Bettes zurücklehnte.

»Es wäre Mord, mein Engelchen, wenn ich Euch nur einen Augenblick lang verlassen wollte«, erwiderte die Hebamme, kehrte dem vor Angst zitternden Weber den Rücken und fing an, mit der jungen Bäuerin leise zu flüstern.

Seiner armen harrenden Susanna und ihrer ganzen Hilflosigkeit gedenkend, verließ Moser das Bauernhaus in einer Seelenstumpfheit, die keine Feder zu schildern vermag. Erst vor dem drohenden Anschlagen des Hofhundes, der frei im Garten herumlief, kam er wieder etwas zu sich. Er blieb stehen und griff mit beiden Händen in die leeren Taschen seiner blau und rot gestreiften Kattunjacke.

»Jesus Christus«, rief er aus, »die Frau in Kindesnöten, kein Brot im Hause und keinen Dreier, keinen Heller in der Tasche! — Und in der Schrift steht: Suchet, so werdet Ihr finden? Und: Selig sind die Armen, denn das Himmelreich ist Ihr! — Ha, ich will ewig verdammt sein, wenn ich das ganze nebelblau ausgeschlagene Himmelreich nicht für eine Handvoll blanker Taler an den ersten besten Hausierjuden verhandelte! — Himmelreich und das Elend im Hause! Trost bei Gott aufs Ungewisse hin, und daheim ein kreißendes Weib und kein Geld, kein Geld!«

Moser schrie die letzten Worte in voller Raserei und schlug sich mit der Faust vor die Stirn, daß eine Brauscheit auflief. Aber der Unglückliche fühlte es nicht. Die Geier an seinem Herzen fraßen so gierig und schlugen ihre Fänge so tief in das innerste Mark seines Lebens, daß er keines gewöhnlichen Körperschmerzes geachtet haben würde. Nach einigen Augenblicken des ratlosen Zauderns begann er zu laufen, durchschnitt den Grasgarten des reichen Bauern in grader Linie, sprang behend über die Stangen, die ihn vom Feldwege schieden, der hinter der Hofraite fortlief und rannte wie ein Besessener querfeldein eine Lehne" hinauf, über welche sich ein vielbetretener Fußsteg schlängelte. Eine Stunde hinter dieser Feldlehne lag der nächste Nachbarort, wo sich seit einigen Jahren ein Wundarzt und Geburtshelfer niedergelassen hatte. Diesen wollte Moser jetzt aufsuchen, obwohl er nicht wußte, ob er den Mann zu dem verlangten Dienste bewegen werde und wovon er ihm seine Mühwaltung bezahlen solle. Aber sein Weib rang vielleicht mit dem Tode, sein Weib wollte ihn mit einem Kinde, um das sie den Himmel so lange Jahre vergeblich gebeten hatten, beschenken, und Moser liebte dies Weib mehr, als hundert Reiche zusammen in ihrem gefühllosen Herzen Liebe auftreiben konnten. —

Nach einstündiger angestrengter Wanderung erreichte der zum Umsinken müde Weber das Dorf. Er fand den Wundarzt zu Hause, erzählte ihm seine Not und bat, ihm doch um Gottes Barmherzigkeit willen zu helfen! Der Arzt war ein milder, menschenfreundlicher Mann, der schon an manchem Lager der Armut gestanden und der Not in die stieren Augen gesehen hatte. Bereitwillig sagte er dem Weber seine Hilfe zu, ließ sich die Lage des Hauses beschreiben, reichte dem Kraftlosen einen stärkenden Trank und ermahnte ihn, Gott zu vertrauen. Dann warf er sich auf sein treues Reitpferd und jagte im schnellsten Galopp dem Dorfe des Webers zu.

Moser fühlte sich etwas erleichtert. Er machte sich Vorwürfe über seinen Kleinmut, bat Gott um Verzeihung wegen seiner sündhaften Reden und machte sich nach einiger Zeit wieder auf den Rückweg.

Nachmittags in der fünften Stunde hatte Moser seine Wohnung verlassen und abends nach Sonnenuntergang sah er von der Lehne herab das Dorf mit den rauchenden Hütten im Nebeldämmer unter sich liegen. »Gott gebe, daß sie es überstanden hat, die Arme! Daß ich ein gesundes Kind an mein banges Vaterherz drücken kann!«

Und weil grade aus der Ferne aufden Fittichen des Windes die harmonischen Klänge einer Dorfglocke über das Blachfeld zogen, die zum Feierabend läutete, nahm der Weber seine Mütze ab, faltete die Hände darüber und sprach recht aus dem tiefsten, gläubigsten Herzen ein andächtiges Gebet. Dadurch gestärkt, betrat er das Dorf mit mehr Mut und Vertrauen, als er es vor einigen Stunden verlassen hatte.

Langsam ging er die Gasse hinab, denn es bangte ihm vor der Heimkunft. Niemand begegnete ihm, es war still und öde wie meistens um diese Stunde auf den Dörfern, deren Bewohner im Sommer mit der Sonne zu Bett zu gehen und ebenso mit ihr wieder aufzustehen pflegen. Hier und da hörte er in den Häusern, an denen er vorübergehen mußte, ein Lied singen, manchmal von einer einzelnen Stimme, manchmal von mehreren. Es waren aber stets ärmliche Wohnungen, aus denen solcher Gesang in die herabsinkende Nacht hineinhallte. Wohlhabende unterlassen solche nutzlosen Singübungen, da sie zu genau wissen, daß auch mit dem inbrünstigsten Gebet nicht ein Groschen zu verdienen ist. Nur der Arme, der noch hofft, ist so albern, mit seinen Bitten sich unmittelbar an den Herren Himmels und der Erde zu wenden, da ihm auf Erden selbst niemand die rettende Hand reicht. Im Geiste sang Moser all diese Lieder, deren Melodien ihm wohlbekannt waren, mit und sah endlich Fürchtegotts Häuschen in weißlichem Nebelgrau vor sich liegen. Ein Lichtstrahl fiel durch den Spalt eines Fensterladens, der nicht fest geschlossen war. Dahinter lag Susanna.

»Werd ich eine glückliche Mutter begrüßen?« sagte Moser und erhob fragend den Blick zum matt Bestirnten Himmel. Dann drückte er sanft die Klinke der Haustür auf und trat in die Hütte.

Er lauschte und horchte, ob er das Geschrei eines Neugeborenen vernähme, aber es blieb alles still. Nur in Fürchtegotts Stube schnurrte noch das Spulrad in regelmäßig steigender und fallender Tonschwingung. Unter lautem Herzklopfen stieß Moser behutsam die Stubentür auf und warf einen forschenden Blick in sein enges Stübchen. Auf dem Tische in verborgenem Klötzelleuchtet-18, wie der Arme sie gebraucht, steckte ein Funkel brennendes Pfenniglicht, dessen Schnuppe sich in der trüben, spritzelnden Flamme krümmte. Am Boden neben dem Ofen lagen die wenigen Betten, die Moser besaß. In den dunkelkarierten Kissen schimmerte das bleiche Gesicht Susannas wie das einer Leiche. Zu ihren Häupten kniete Mutter Gertrud und lauschte auf das röchelnde Atmen der Kranken. Zur Seite des Lagers kauerte der Wundarzt und war eben bemüht, ein menschliches Wesen in armselige Fetzen zu hüllen.

»Gott sei Dank!« rief Moser aus, jetzt rasch in die Stube tretend. »Die schwere Stunde ist vorüber.«

In demselben Augenblicke traf herzhaftes Kindergeschrei sein Ohr. Der Wundarzt stand auf und wendete sich zu dem Weber.

»Gottlob, es ist vorüber!« sagte auch dieser. »Euer armes Weib ist sehr kraftlos, Ihr werdet sie mit vieler Sorgfalt pflegen müssen. Aber sie hat Euch auch zum glücklichen Vater von zwei lieblichen Mädchen gemacht.«

»Wie!« stieß Moser heraus und ergriff den zunächst stehenden Schemel, um nicht umzusinken. »Sie scherzen wohl, Herr Doktor"?«

»Lieber Mann, Eure Frau hat Zwillinge geboren. Kinder sind ein Segen Gottes.«

»Ein Segen Gottes!« wiederholte Moser, trat an das Lager seines Weibes, schlug die Arme übereinander und heftete mit entsetzlichem Ausdruck der grenzenlosesten Verzweiflung seine Augen auf die beiden Neugeborenen, die neben dem Wundarzte zu seinen Füßen lagen.

»Vergib mir, himmlischer Vater, wenn ich Dir für so viel Segen einstweilen den Dank noch schuldig bleibe«, sagte er bitter, schüttelte sich wie im Fieberfrost und kniete neben der Mutter nieder, um der matten Susanna die bleichen, feuchten Lippen zu küssen.

 

 

Nach einer kummervoll durchlebten Nacht trat Moser am frühen Morgen ein paar schwere Gänge an. Es galt, die Geburt der beiden Mädchen auf der Pfarrei zu melden, die Taufe zu bestellen, die Paten zu wählen. Ein glücklicher Vater geht solche Wege mit frohem Herzen. Moser war aber kein glücklicher Vater mehr, denn er sah für die Neugeborenen, die ihm das Leben zu verdanken hatten, nur eine Zukunft voll namenlosen Jammers aufdieser unvollkommenen Erde. Und konnte er wissen, ob diese schuldlosen Seelen, wenn sie dereinst zur Erkenntnis ihrer Lage kämen,nicht die schmachtenden, vom Kummer welken Lippen zum Fluche über ihn öffnen würden? Dieser Gedanke drückte ihn so gänzlich zu Boden, daß er mehrmals halblaut aufseufzte: »Nimm sie wieder zu Dir, die armen Seelen, Vater im Himmel! Sie sind besser bei Dir aufgehoben wie bei mir. Nimm sie zu Dir in Dein Vaterhaus, die Kosten für einen gemeinsamen Sarg will ich gern vor den Türen zusammenbetteln!«

Indes mußte doch für das Allernotwendigste auf irgendeine Weise Rat geschaffen werden, denn in den nächsten Tagen gab es unabwendbare Ausgaben. Vor allem waren die Stolgebühren auf der Pfarre zu bezahlen und diese mußte der Weber auftreiben, wenn er nicht abermals einer harten Strafpredigt entgegensehen wollte. Deshalb schlug Moser zuerst den Weg nach Endermanns Hofe ein, um seinen Brotherrn abermals um Schuß und einiges Geld zu bitten. Er war ja ohnehin auf heut bestellt worden und hatte also ein doppeltes Recht, vor dem Reichen in so früher Morgenstunde zu erscheinen.

Die Leute des Fabrikanten waren bereits in voller Tätigkeit, denn weil am vergangenen Tage wenig getan worden war, mußte das Versäumte durch verdoppelten Fleiß heut nachgeholt werden. Schon von weitem hörte er das Geräusch der Garnklopfer, die in Menge vor dem Hause tätig waren. Die Essen der Färberei rauchten, die große Mangel rollte dumpf in dem eigens dazu errichteten Gebäude. Moser durfte heut nicht warten. Friedrich meldete ihn sogleich, und Endermann nahm keinen Anstand, den Armen in seinem Privatkabinett zu empfangen.

Unter hohen Stößen feinen weißen und gefärbten Garnes saß der reiche Mann an einem altväterlichen, mit großen Blumen geschmacklos bemalten Tische und beschäftigte sich eben damit, Coupons abzuschneiden. Eine große Menge solcher schmalen Papiere lag in kleinen Häufchen auf dem Tische verteilt. Er ließ sich durch den Eintritt des armen Webers nicht in seiner leichten Arbeit stören. Dem Armen leichthin mit dem Kopfe dankend, sagte er auf dessen Morgengruß:

»Ist die Webe fertig?«

»Hätte ich gestern den Einschlag erhalten, so würde ich getan haben, was meine Kräfte vermögen, Herr Endermann; so mußte ich feiern wider meinen Willen.«

»Warum kamt Ihr nicht ehegestern? Ihr wußtet, daß ich gestern Gesellschaft hatte und mich da nicht mit Euch und Euern Quengeleien abgeben konnte. Ich habe Einbuße von der Verzögerung! In den nächsten Tagen geht ein großer Warentransport von mir ab, da sollte Euer Stück Arbeit mit auf den Markt gebracht werden, und nun muß ich's liegenlassen, wie lange! Wer weiß, ob nicht inzwischen das Muster aus der Mode kommt! Dann kann ich Zunder daraus brennen!«

Moser hätte sich gern verteidigt, denn er fühlte sich in seinem vollsten Rechte, allein, er besorgte auch, daß Endermann seine Verteidigung übellaunig aufnehmen und ihn wohl gar aus dem Dienste entlassen könnte. Ein entsetzlicherer Schlag in seiner bedrängten Lage hätte ihn nicht treffen können, und um diesem zu entgehen, schwieg er lieber zu den Vorwürfen des Reichen. Dieser fragte jetzt, bis zu welcher Zeit Moser die Arbeit bestimmt abliefern könne?

»Bis künftigen Montag abend ganz sicher«, versetzte der Weber zuversichtlich. Im Eifer der Antwort vergaß er den angesagten Hofetag. Endermann legte die Papierschere weg und zählte an den Fingern ab, in welcher Frist seine Spekulation beendigt sein müßte.

»Nun, auf Eure Verantwortung, Moser!« sagte er dann, indem er aufstand und aus einem Garnschranke den erforderlichen Einschlag hervorzog. »Ich will's draufwagen, da Ihr bisher immer so leidlich pünktlich gewesen seid. Aber das sage ich Euch: Laßt Ihr mich länger warten, so sind wir geschiedene Leute! Ich könnte ohnehin diese Arbeit jetzt billiger bekommen, denn abgesehen, daß nichts mehr dabei zu verdienen ist, laufen auch so viele Weber herum, die Arbeit suchen, daß sie mir um den halben Lohn dienen würden. Doch das mag und will ich nicht, denn Ihr wißt es, Moser, ich bin kein Leuteschinder.«

Auch darauf schwieg der Weber. Endermann setzte sich wieder an den Tisch und schnitt Coupons ab. Moser packte das Garn zusammen, aber er ging nicht fort.

»Wollt Ihr sonst noch etwas?« fragte der Fabrikant.

»Wenn Sie mir's nicht übelnähmen, hätte ich wohl eine große Bitte an Sie, Herr Endermann.«

»Laßt hören!«

»Meine Frau hat mich vergangene Nacht mit ein paar Zwillingen beschenkt —«

»Zwillinge?« unterbrach ihn der Fabrikant. »Euch sind Zwillinge geboren worden? Ja, sagt mir nur Moser, ob Ihr gescheit seid? Habt selbst nicht das trockene Brot und setzt noch Zwillinge in die Welt! Ich dächte doch, Euch sollte der Kitzel vergehen! Aber das lebt in die Welt hinein wie's liebe Vieh! Schämt Euch, alter Sünder, und dankt Gott, daß ich Euch nicht auf der Stelle verabschiede; denn was, ich bitt Euch, was soll aus der Arbeit werden bei Kindergequiik und einer hinfälligen Wöchnerin!« Endermann hatte sich ganz zornig gesprochen und sah mit flammendem Auge den niedergedonnerten Weber an. Dieser war über das Aufbrausen seines Brotherrn fast noch mehr bestürzt als über die rohen, herzlosen, verletzenden Worte, deren er sich bediente. Kein anderer hätte ihm ähnliches ungestraft sagen dürfen, doch Endermann, der reiche Fabrik- und Handelsherr, konnte ihn vernichten, wenn er ihm die Arbeit nahm, und so ließ er denn mit fürchterlicher Selbstüberwindung die maßlose Schmähung ohne Murren über sich ergehen.

»Wollten Sie wohl bei einem der armen Würmchen, die mir Gott geschenkt hat, Patenstelle vertreten?« sagte der Weber, indem er die Augen niederschlug und eine brennende Röte sein blasses, eingefallenes Gesicht übergoß.

Endermann schüttelte bedenklich den Kopf, dann wandte er sich wieder zu dem Weber und versetzte im Tone eines ruhig Belehrenden: »Moser, hört mich ruhig an, damit Ihr mich recht versteht und mich nicht hinterher mißdeutet. Gevatter stehen kann ich bei Euch nicht, tät ich's, so reichten die Tage im Jahre nicht zu den Kindtaufen aus, denen ich als Pate allen beiwohnen müßte. Die ganze Armut, Bettelvolk, Landstreicher und sonstiger Janhage würde mich zu Gevatter bitten, ließ ich mich einmal schwach finden. Damit ich mir nun eine solche Last vom Leibe halte, Moser, darum schlag ich's Euch ab. Geht zu euresgleichen, klopft an die Gemeindehäuser, wenn's Euch an Paten fehlt, und Ihr werdet die würdigsten Taufzeugen für Eure Sprößlinge finden. Denn glaubt mir, alter Narr, was Ihr da ins Leben gerufen habt, das wird der Gemeindekasse noch teuer zu stehen kommen! Sind's Jungen, he?«

Dem Weber stürzten über diese neuen harten Worte die heißen Schmerzenstränen in die Augen.

»Ein paar Mädchen, lieber Herr«, versetzte er schluchzend, »liebe, kleine muntere Dinger, rot und frisch wie ein Paar Feldröschen! Gott erbarme sich ihrer!«

»Wann sollen sie getauft werden?«

»Künftigen Sonntag, so Gott will und gute Menschen mich unterstützen!«

»Habt Ihr Geld?«

»Ach, das ist es ja eben, was mich so unglücklich macht und meine Freude über die glückliche Geburt der lieben Kinder so niederhält! Sie könnten mir wohl aus der Not helfen, guter Herr Endermann, wenn Sie mir den Lohn für die letzte Webe statt Montag schon heut auszahlten.«

»Immer vorschießen— ich bin es müde, Moser, denn es ruiniert alle Ordnung in meinem Hauptbuche.«

»Sie retten damit eine ganze arme Familie, Herr Endermann!«

Kopfschüttelnd griff der Reiche wieder zur Schere und schnitt noch einige Coupons ab. »Na«, sagte er dann barsch, »ich will heut noch einmal ein guter dummer Teufel sein und Eurer Bitte willfahren, aber zum letzten Male ist es, das verspreche ich Euch.«

So sprechend, zog er den Schubkasten des Tisches auf, in welchem eine kleine Schwinge voll Goldstücke stand. Endermann suchte unter diesen und legte einen beschnittenen Dukaten und einen halben Friedrichsdor' auf den Tisch. »Was darüber ist«, sagte er, »nehmt von mir als Patengeschenk an.«

Obwohl Moser seinem Brotherrn dankbar war für die Bereitwilligkeit, ihm aus der drückendsten Not zu helfen, konnte er das Gold doch nicht ohne Widerrede annehmen.

»O Gott segne Sie, Gott segne Sie, Herr Endermann!« rief er aus, »aber nichts für ungut — wollen Sie mir wohl Silbergeld geben?«

»Habe keins!«

»Ich brauche es so notwendig! Auf Pfarrei und Schule kann ich nicht wechseln, eine Wartefrau muß ich auch bezahlen und Brot, Herr, Brot, muß ich gleich auf dem Rückwege in der Mühle kaufen!Überall wollen die Leute Silbergeld.«

»Habe keins!«

»Und wenn's derweil bloß zwei Taler wären!«

»Seid Ihr taub, Moser? Ich sage, daß ich kein Silbergeld habe, keins für Euch haben will! Gold ist jetzt die kuranteste Münze. Ich bekomme es, ich muß es wieder in Umlauf setzen. Wechselt' s um beim ersten besten Bauern, aber laßt mich ungeschoren, oder wir sind ein für allemal geschiedene Leute!«

Das war die fürchterliche Zauberformel, mit der Endermann von seinen Webern alles erlangte, mit der er alles durchsetzte. Moser holte tief seufzend Atem, krümmte die hageren Finger seiner kraftlosen Hand und nahm die Goldstücke an sich.

»Vielen Dank, Herr Endermann!« sagte er, während ihm Tränen des Kummers aufs neue die Augen füllten. »Werfen Sie keinen Groll auf einen Armen, weil er aus Not flehentlich zu bitten wagte!«

Der Fabrikant würdigte den Armen keines Blickes mehr. Er zählte die abgeschnittenen Coupons, und erst als Moser das Kabinett verlassen hatte, spuckte er verächtlich aus und sagte vor sich hin:

»Widerliches Bettelvolk! Verdirbt einem, straf mich Gott, mit dem ewigen Lamentieren und Zetern den Appetit!« —

Auf dem Wege zum Pfarrhofe mußte der Weber an der Mühle vorüber; Landleute pflegen in der Regel ihr Brot selbst im Hause zu backen. Ist dies schon mit einigen Beschwerlichkeiten verbunden, so werden diese vollkommen dadurch aufgewogen, daß sie ihr Brot billiger essen. Nur der Arme, der sich weder Mehl noch Holz anschaffen kann, muß groschenweise das Brot vom Bäcker kaufen, der in der Regel der Müller ist. Grade diejenigen also, welche das unentbehrlichste Lebensmittel so billig wie möglich erhalten sollten, müssen es teurer bezahlen als der reichste Bauer oder Fabrikant. Denn der Bäcker will auch verdienen und weiß um so mehr zu verdienen, als er häufig genötigt wird, dem mittellosen, hungernden Armen Kredit zu geben. Damit er im Fall der Nichtzahlung nicht zu viel verliere, macht er die Brote etwas kleiner als es erlaubt ist und läßt sie nicht ganz ausbacken. Dadurch wird das Gebäck kluntschig und der schnelle und häufige Genuß desselben wohl gar der Gesundheit nachteilig. Weiß dies auch der gemarterte Arme, so muß er doch schweigen, um nur überhaupt noch essen zu können. Strenge Aufsicht gibt es nicht, und weil kein Kläger gegen den unredlichen Bäcker auftritt, so kann dieser sein Unwesen so lange und so arg forttreiben als er will.

Moser stand schon seit beinahe vierzehn Tagen im Schuldbuche des Müllers und doch mußte er heut Brot haben! Ja, es war unerläßlich, ein paar Gevatterkuchen backen zu lassen, um den armen Leuten, die er zu Taufzeugen für seine beiden Kinder ins Kirchenbuch würde verzeichnen lassen, doch etwas vorsetzen zu können. Mit Silbergeld in der Tasche wäre solche Bestellung für ihn nicht bedenklich gewesen. Er hätte dann das zu kaufende Brot bar bezahlt, ebenso Mehl und Zubehör für die Kuchen, und der Müller würde ihn an seine bereits angelaufene alte Schuld nicht gemahnt haben. Nun mußte er aber um jeden Preis Gold wechseln und noch dazu einen leichten Dukaten und einen hal­ben Friedrichsdor, die beide nicht sonderlich in Kurs standen. Den Verlust hätte er gern verschmerzt, denn Endermann hatte ihm beinahe einen halben Taler über den Betrag seines Lohnes gegeben. Allein, er sah voraus, daß der Müller beim Wechseln nicht allein beide Goldstücke so niedrig wie möglich veranschlagen, sondern sich auch vor allem davon bezahlt machen würde! Und der arme Mann hatte sich nicht getäuscht! Der Müller versprach äußerst freundlich die Gevatterkuchen zu backen, wog die Goldstücke, schüttelte den Kopf, zahlte Mosern die Summe auf und strich zwei Taler davon wieder in seine Hand.

Mit dem Reste seines Geldes ging nun der Weber endlich zum Geistlichen. Zum Glück hatte der ihm abhold gesinnte Mann wenig Zeit, so daß er für diesmal etwaige Zurechtweisungen und christliche Nebenbemerkungen unterlassen mußte. Als christli­cher Seelsorger, der allsonntäglich die Religion der Liebe, des Erbarmens, der Mildtätigkeit von der Kanzel herab verkündigte, hätte er dem armen Weber, aus dessen Auge, Kleid und Haltung der Kummer sah, die Stolgebühren wohl erlassen können, indes er tat es nicht, eingedenk des Wortes Christi: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gott ist!

Dennoch fühlte sich Moser erleichtert, daß alles noch so leidlich gut abgelaufen war. Er machte sich eiligst auf den Weg und ging, in seiner dürftigen Hütte angekommen, sogleich mit ausdauerndem Fleiß an die Arbeit. Sehr zustatten kam es ihm bei seinen beschränkten Verhältnissen, daß der menschenfreundliche Wundarzt durchaus keine Bezahlung für seine Mühwaltung annahm. Ja, er setzte seiner edlen Handlungsweise dadurch die Krone auf, daß er von selbst täglich einmal an der Hütte des Webers sein Pferd anhielt, sich nach der Wöchnerin erkundigte und ihr unentgeltlich einige Medizin eigenhändig ins Haus brachte.

»Das ist ein Engel Gottes«, sagte Mutter Gertrud und vergaß von Stund an nicht, den guten Wundarzt und seine ganze Familie in ihrem Morgen- und Abendgebet Gott angelegentlichst zu empfehlen.

Susanna kränkelte fortwährend. Sie konnte das Bett nicht verlassen und den beiden Neugeborenen nicht die Brust reichen. Man mußte die armen kleinen Schwesterchen künstlich ernähren, was eine erprobte Frau für geringes Entgelt übernahm, denn der alten erblindeten Mutter konnte man die Pflege so zarter Wesen doch nicht anvertrauen. Inzwischen schaffte Moser Tag und Nacht fast ununterbrochen am Webstuhle, um Endermann pünktlich Wort halten zu können. Der kranken Wöchnerin war

das freilich nicht förderlich, denn das Schrillen des Weberschiffchens, das monotone Anschlagen der Lade und das immerwährende Schüttern des ganzen Holzstübchens, das sich auch der Diele mitteilte, wo aus Mangel an Raum das Lager Susannens aufgeschlagen war, mußte die Nerven empfindlich angreifen. Das treue Weib schwieg aber weislich, und wenn der besorgte Moser des Nachts zuweilen auf den Socken an ihr Lager schlich, um zu sehen, ob sie auch schlafe, dann stellte sie sich wohl fest schlummernd, um die Sorgen des rüstig Arbeitenden nicht noch zu vermehren. Ruhte aber gar das trübe Auge des armen Vaters auf den beiden rosigen Engelsgesichtern der schlafenden Zwillingsschwestern, und ein freudiges Zucken, ein milder Sonnenblick innigster Vaterzärtlichkeit glitt über seine verhärmten Züge; o dann war Susanna glücklich und faltete unter der groben Decke ihre Hände über der Brust zum stillen Dankgebet! —

Fürchtegott war mit unter den Gevattern. Er erwies diesen Freundschaftsdienst dem Nachbar und Mietsmanne gern und versprach aus freiem Antriebe, am Tauftage für einiges Getränk auf seine Kosten zu sorgen. »Ich kneipe was mehr«, sagte er, mit

den Fingern schnippend, »die reichen Kerls, unsere Quäler, merken den Teufel davon. Wie Du mir, so ich Dir, basta!«

So kam der Sonntag heran. Moser hatte durch angestrengtes Arbeiten bei Tag und Nacht die Webe bis auf wenige Ellen beendigt. Diese wollte er in der Nacht vom Sonntage zum Montage vollends weben. Er hoffte, dann noch vor Sonnenaufgang fertig zu werden und sie Endermann abliefern zu können, ehe ihn die Untertanenpflicht auf den Hof rief; denn während seines Ganges auf die Pfarrwohnung hatte er des Hofetages sich wohl erinnert und deshalb seine Zeit äußerst haushälterisch eingeteilt.

Am Tage des Herrn zu arbeiten, verbot ihm sein religiöser Sinn, auch würde es ihm von Obrigkeits wegen untersagt worden sein, wenn er mit der Weblade hätte hantieren wollen. Höchstens ein paar Spulen für die Nacht oder den nächsten Tag zu treiben, erlaubte er sich, wenn die Arbeit gar zu sehr drängte.

Moser ging früh, wie gewöhnlich und wie es herkömmlich ist auf dem Lande, zur Kirche. Vor der Türe waren die Becken ausgestellt, er wußte nicht, für welchen milden Zweck. Er hätte gern beim Heimgange etwas aufgelegt, aber er durfte den dürftigen Rest des mit so vieler Mühe erbettelten Geldes nicht angreifen, ohne sich dem größten Mangel auszusetzen. Wußte er doch, daß unter drei Wochen kaum ein Groschen wieder in seine Hände kommen würde! Und bis dahin war die geringe Habe längst aufgezehrt, war er vielleicht genötigt, an mehreren Orten, wenigstens bei Bäcker und Krämer, von neuem auf Kredit zu leben. —

Nachmittags nach beendigtem Gottesdienst wurden die Zwillinge getauft. Moser war genötigt, bei einem derselben selbst Patenstelle zu vertreten, da es ihm an hinlänglicher Bekanntschaft zu schneller Auftreibung so vieler Taufzeugen gebrach. Gegen Sitte und Brauch mußte er also mit den übrigen Gevattern auch nachmittags die Kirche besuchen. Vor den Türen standen wieder die Becken. Es war Examen gewesen und viele von denen, die ein besonders eifriges Christentum heuchelten, hatten sich als aufmerksame Zuhörer eingefunden. Auch Endermann, ein sehr fleißiger Kirchengänger, fehlte nicht. Er lehnte die ganze Zeit in seinem weichgepolsterten Kirchenstuhle, wirbelte die Daumen bald vor-, bald rückwärts und kehrte das Gesicht unverwandt dem Pfarrer zu, um seine Aufmerksamkeit zu bekunden. Wer ihn aber scharf beobachtete, der konnte wohl bemerken, daß ihm vor Schläfrigkeit öfters die Augen zufielen, was bei der großen Hitze des hellen Julitages nicht zu verwundern war.

Aus Neugier wartete der Fabrikant mit vielen anderen auch die Taufe der Zwillingsschwestern ab. Einer der letzten, verließ er seinen Platz und trat in demselben Augenblicke an das silberne Becken, wo Moser, in der Mitte seiner Gevattern, die Schwelle der Halle überschritt. Endermann legte einen Fünftalerschein unter das wenige Kupfergeld, das den Boden der Schale kaum bedeckte. Dies sah Moser, und bestürzt, ja erbittert blieb er stehen, denn er hatte unter den Abkündigungen vernommen, daß die Kollekte zur Anschaffung von Bibeln für irgendeinen Missionsverein gesammelt werde. Als Endermann fortgehen wollte, vertrat ihm der Weber den Weg.

»Eine Frage, Herr Endermann!« sagte er hastig, indem er den Reichen an das Becken zurückdrängte. Hier legte er seine Hand auf die bedeutende Gabe und fuhr fort: »Glauben Sie denn, mein guter Herr, daß solche Gaben Gott wohlgefälliger sind, als wenn Sie freiwillig darbende Arme speisen und ihnen hinreichende Arbeit geben? Ich sage Ihnen, Herr Endermann, ohne Bibeln und Missionen bestände die Welt, würde gut und dereinst auch selig, wenn nur genug Brot für die Armen vorhanden wäre!«

»Moser, Ihr seid ein frecher Gotteslästerer!« versetzte in höchster Entrüstung der so unerwartet Zurechtgewiesene. »Nehmt Euch in acht, daß die Strafe Euch nicht vor der Zeit ereilt. Wehe Euch, sag ich, wo Ihr nicht Wort haltet!«

Damit schritt er stolz durch die gaffenden Kirchengänger, die von Mosers Rede nichts, von Endermanns Entgegnung aber jedes Wort verstanden hatten. Sehr niedergebeugt begleitete der Weber seine Gevattern nach Hause. Die unzeitige, großprahlerisehe Freigebigkeit des reichen Mannes hatte ihm jede Freude vergällt, wenn er zurückdachte an seine harten und lieblosen Worte, mit denen er sich weigerte, ihm, dem demütig Flehenden, Münze zu verabreichen, bei der er nicht durch Umsatz verlieren mußte. Er war sehr still bei den lauten Gesprächen der Gevattern, die Fürchtegott versprochencrweise in seiner Wohnstube bestens bewirtete.

 

 

Arme Leute, die genötigt sind, für die kümmerliche Nahrung des nächsten oder gegenwärtigen Tages zu sorgen, haben nicht einmal Zeit, bei ihren Vergnügungen und Festlichkeiten lange zu verweilen. Die Ruhe, jenes behagliche Sichgehenlassen und süße Schwelgen des ganzen Menschen in einem angenehmen, erheiternden und stärkenden Nichtstun, kennt der Arme nicht. Er ist nur da, um zu arbeiten, sich abzumühen und im Schweiße seines Angesichtes, unter der nie verschwindenden Angst vor noch größerer Not, sein Brot zu erwerben, damit andere desto sorgenloser und schwelgerischer leben können. Aus diesem Grunde gingen Mosers Gäste beizeiten auseinander, und der Weber hatte nichts Eiligeres zu tun, als die Lampe anzuzünden, sie über dem Weh- stuhle an einen von der niedrigen Decke herabreichenden Blechhaken zu hängen und die Trittbretter wieder in Bewegung zu setzen. Es war neun Uhr abends, im Dorfe erstarb schon das Leben, nur dann und wann hallten noch Tritte aus der Gasse herauf oder der fröhliche Gesang einiger lustiger junger Burschen, die aus der Schenke heimkehrten und ihre Mädchen begleiteten, ließ sich hören. Das ist die Zeit, wo der Arme die Versäumnis des Tages wieder nachholt, damit er beim Morgengruß der neuen Sonne aus genügsamem Herzen rufen kann: Ich danke Dir, Gott, daß Du mir für heute meinen Bissen Brot wieder in Gnaden gegeben hast!

Susanna heuchelte, wie gewöhnlich, einen festen Schlaf, obwohl sie vor Bekümmernis über ihren Mann, vor Sorge um die Zukunft der beiden hilflosen Kinder und vor oft wiederkehrendem stechenden Brustschmerz nicht schlafen konnte. Gertrud war in ihr ödes, kleines Kämmerlein unter dem Fenster des engen Häuschens hinaufgeklommen, die Kinder schlummerten Brust an Brust in glücklicher Bewußtlosigkeit in der alten, großen Wiege, die der Vater durch einen Bindfaden von Zeit zu Zeit in schnelleren Schwung setzte.

Obwohl Moser alle Kräfte anstrengte, um recht schnell den Rest des Gewebes aufzuarbeiten, fühlte er doch bald eine Mattigkeit in allen Gliedern, der zu widerstehen er sich vergeblich abmühte. Er vermochte kaum, taktmäßig die schweren Füße zu heben und zu senken, das Schiffchen glitt machtlos aus der zitternden Hand, fuhr durch den Zettel und zerriß, indem es klirrend zu Boden fiel, die dünnen, buntfarbigen Garnfäden. Alle Augenblicke mußte er innehalten, um den Schaden wieder auszubessern, was ihm heute unsäglich schwerfiel. Es flirrte ihm vor den Augen, daß er mehr seinem Gefühl als dem Gesicht vertrauen mußte.

Indes quälte sich der arme bedauernswerte Mann bis gegen Mitternacht, ohne kaum den dritten Teil seines Zieles erreicht zu haben. Er hörte die Turmuhr von fern die zwölfte Stunde schlagen, der Wächter stieß jetzt in der Ferne, dann näher ins Horn und sagte den Beginn des neuen Tages an, ach, und die Arbeit wollte nicht fördern! — Auch Susanna, die vergeblich den Schlaf suchte, bemerkte mit wachsender Unruhe das unsichere, zögernde Weben ihres Mannes. Verstohlen schielte sie zuweilen aus der Decke nach dem Schaffenden hin und sah, mit Tränen im Auge, daß der von vielem Nachtwachen Erschöpfte über der Arbeit einschlief und sich nur ermunterte, um von neuem und länger in bleiernen Schlaf zu fallen. Endlich hörte die Wiege auf, sich zu bewegen, die Lade am Webstuhle schlug noch einige Male dumpf an und stand dann ebenfalls still. Moser war fest eingeschlafen. Das Schiffchen in der rechten Hand haltend, die linke auf der Lade ruhend, den Kopf zur Brust herabsenkend, so schlummerte der todmüde Weber. Susanna freute sich darüber, denn sie wußte nichts von dem Versprechen, das er dem Fabrikherrn gegeben hatte, und so fiel es ihr nicht ein, ihn durch Anrufen zu wecken und zu neuer Tätigkeit anzufeuern. Nach einiger Zeit war sie selbst ebenfalls eingeschlummert.

Ein klirrendes Geräusch, verbunden mit einem lauten Aufschrei, erweckte sie wieder. Durch die Ritzen der geschlossenen Fensterladen dämmerte das bleiche Grau des jungen Tages. Moser stand aufgerichtet hinter dem Webstuhle und rang wimmernd die Hände. Beim plötzlichen Erwachen aus dem Schlafe war er jäh emporgefahren, hatte mit dem Kopfe die Öllampe von dem Haken gestoßen und das Gefäß mit dem Rest der ranzigen Fettigkeit auf das Gewebe herabgestürzt. Ein handgroßer Fleck, der schnell in der feinen Wolle um sich griff, verunstaltete, ja verdarb gänzlich das beinahe fertige Zeug.

Dieser Schaden war für den armen Weber ein namenloses Unglück. Nicht genug, daß er während des Schlafes die Zeit versäumt hatte und nun doch nicht Wort halten konnte, stand ihm jetzt auch die Forderung des Fabrikanten, ihm Schadenersatz zu leisten, bevor! Alles dies mußte erfolgen, ehe er ihm noch, wie er außerdem besorgen mußte, die Arbeit kündigen würde!

Moser sah nirgends Rettung, nirgends Hilfe! Er war nahe daran zu verzweifeln, das Haus zu verlassen und sich an den ersten besten Baum zu hängen. Aber die Kinder, die unschuldigen Kinder, und die kranke Frau und die hinfällige, halbblinde Mutter! Was sollte aus all diesen ihm so teuren Lieben werden, wenn er sie schwachmütig verließ, und sie ohne Ernährer hilf- und freundlos in der Welt zurückblieben? — So faßte er sich denn in dumpfer Ruhe, suchte durch Waschen und Reiben den Ölfleck im Gewebe zu vertilgen und holte gegen sechs Uhr des Morgens, nachdem er eine saft- und kraftlose Suppe aus Roggenmehl schnell genossen hatte, Hacke und Schaufel, um seiner Pflicht als Untertan zu genügen. Hätte er über einiges Geld verfügen können, so würde sich wohl für den Hofedienst ein Stellvertreter gefunden haben. Weil Moser arm war, mußte er selbst für sich einstehen, anderthalb Tage gänzlich verlieren und sich und die Seinigen noch obendrein aus eigenen Mitteln beköstigen. Niemand als der arme, gedrückte Untertan fühlte die empörende Ungerechtigkeit dieser Barbarei, und wenn sich zuweilen schüchtern eine Stimme für Abschaffung so wahnsinniger, nur dem besitzenden Gebieter zugute kommender Einrichtungen erhob, so verwies man dieselbe entweder barsch als Versuch, Unzufriedenheit zu erregen, zur Ruhe, oder man pochte mit trotziger Miene und aufgeblasener Vornehmheit auf das historische Recht, auf uralte Sitte, auf durch Zeit und Verhältnisst': geheiligtes Herkommen!

Wie einer, der mit Gott und Welt abgeschlossen hat, den, weil er den Kelch der Leiden bis auf die letzte Neige geleert, nichts mehr erschüttern kann, ging Moser still nach dem Herrenhofe. Hier fand er noch an zwanzig >Hofeleute<, wie man solche zugunsten der Herrschaft arbeitende Untertanen nannte, meistens schlecht genährte, kümmerlich aussehende, in zerrissenen Jacken gehende Jünglinge und Männer. Durch den Verwalter der Felder wurde diese Schar Dienstpflichtiger eine Viertelstunde weit ins Feld hinausgeführt auf eine sumpfige Wiese. Diese sollten sie durch einen quer hindurch aufzuwerfenden Abzugsgraben ertragsfähig machen. Der Verwalter gab die Richtung des Grabens, seine Breite und Tiefe an, und die H ofeleu te begannen ihr Werk.

Daß Menschen, welche durch unverantwortliche Gesetze gezwungen sind, für einen Glücklicheren unentgeltlich arbeiten zu müssen, nicht sehr flink bei solchem Geschäft sind, bedarf wohl keiner Erwähnung. Sklaven hätte man freilich durch Schläge, durch Hunger und Androhung anderer Strafen und Qualen zu größerer Anstrengung zwingen können; mit freien Untertanen ließ sich dies nicht tun. Sah daher auch der Verwalter die Lässigkeit der armen Leute, die mit ihren Hacken und Schaufeln nur sehr wenig vor sich brachten, so blieb ihm doch höchstens ein bittendes Wort der Ermahnung übrig, das indes keine Änderung bewirkte. Die erzwungene Arbeit ward mit jenem schweigenden, verbissenen Widerwillen vollbracht, der sich in jedem von gesundem Rechtsgefühl belebten Gemüte von selbst einstellt. Als sich der Tag zu Ende neigte, zeigte es sich, daß wenigstens noch acht ähnliche Hofetage nötig waren, um den Abzugsgraben zustande zu bringen.

Moser kehrte sehr müde und womöglich noch niedergeschlagener, als er am Morgen ausgegangen war, abends in sein Sorgenstübchen zurück. Es war ihm nicht möglich, in dieser Nacht wieder zu weben, auch machte er nicht erst einen Versuch. Hinterm Ofen auf harter Bank brachte er den größten Teil der Nacht fest schlafend zu.

Erst nachmittags, als er seine Untertanenpflicht erfüllt hatte, begann er wieder für sich zu sorgen, und jetzt förderte die Arbeit auch wieder so gut, daß er noch vor Abend damit zustande kam und sie an dem nämlichen Tage zu Endermann tragen konnte.

Dieser ließ den Wortbrüchigen gleich beim Eintritt hart an, riß ihm das gefertigte Zeug hastig aus den Händen und ging es mit der größten Aufmerksamkeit durch. Der unglückselige Ölfleck konnte seinem scharfen Blicke nicht entgehen. Er fragte mit zürnender Stimme, was geschehen sei und wer dafür einstehen solle? Moser leugnete nicht. Er erzählte ruhig und gelassen den Hergang der Sache, bat, ihn das unverschuldete Unglück nicht entgelten zu lassen, er wolle gern von seinem Verdienst späterhin Entschädigung dafür geben, nur jetzt, wo ihm jeder Pfennig von unschätzbarem Werte sei und wo er täglich Ausgaben zu bestreten habe, die bei regelmäßigem Lebensgange wegfielen, nur jetzt bäte er flehentlichst, ihn durch keine Lohnverkürzung zu strafen und unglücklich zu machen.

»Ihr habt Euch vermutlich beim Kindtaufessen, das Ihr von meiner unzeitigen Freigebigkeit herrichten konntet, betrunken«, entgegnete darauf Herr Endermann. »Nein, Moser, das muß ein Ende nehmen! Von Eurer Wortbrüchigkeit will ich gar nicht reden, ich hätte sie voraussehen können. Daß ihr mir aber durch viehische Völlerei und Unmäßigkeit ein ganzes Stück der teuersten Ware in Grund und Boden hinein verderbt, das kann ich nicht gutmütig mit ansehen! Von späterem Verdienst wollt Ihr mir den Schaden wieder ersetzen? Ha, ha, ha, ha, wie lange soll ich denn da warten, ehe ich nur zu meinen baren Auslagen kommen dürfte! Die Webe ist mehr wert, als Ihr bei wackerem Fleiß in zwei Jahren erwerben könntet. Und werdet Ihr denn überhaupt noch etwas verdienen, Moser? Ich zweifle daran. Ein Weber, der sich nähren und gut beschäftigt sein will, muß ein ordentlicher, solider, sparsamer, arbeitsamer Mann sein. Seid Ihr ein solcher, he? Nein, sag ich! Ihr habt die Völlerei, die Genuß- sucht, die Liebeständelei im Sinne, und weil Ihr Euch darin nicht zu mäßigen wißt, verfallt Ihr und magert ab, daß man Euch als Vogelscheuche ins erste beste Schotenfeld stellen könnte! ich brauche aber kräftige Arme, zuverlässige Köpfe, keine Schlafmützen: Darum geht in Gottes Namen, Moser, und dankt Gott, daß ich Euch laufen lasse, ohne auf Ersatz zu dringen, den ich von Rechts wegen verlangen könnte! Geht und kommt mir nicht mehr vors Gesicht!«

Der Weber bat um Verzeihung, versicherte mit tausend heiligen Eiden, daß er gänzlich schuldlos sei und nur das entsetzlichste Unglück sich an seine Fersen geheftet habe.

»So macht ja, daß Ihr aus meinem Hause kommt!« schrie ihn Endermann giftig an. »Unglück ist wie die Pest, wer mit Ihm in Berührung kommt, der ist seines Glückes nicht mehr sicher! Ich mag und will mit unglücklichen Leuten nichts zu tun haben!«

»Bedenken Sie, Herr Endermann, mein Weib, meine Kinder!«

»Wer heißt Euch heiraten, wenn Ihr Frau und Kind nicht ernähren könnt. Sollte ich für all das Bettelvolk sorgen, das sich paart wie die Sperlinge auf den Dächern, ich würde meine paar sauer ersparten Taler bald los sein.«

»Ich muß verhungern, wenn Sie mich ablohnen!« stieß Moser heraus.

»So braucht Ihr nicht mehr zu essen«, entgegnete Endermann, den der Zorn über Gebühr hart und unmenschlich machte.

»Ein Unglück kann ja doch jedem zustoßen und Fehler und Mängel haben wir alle. Sie selbst, Herr Endermann, wissen noch nicht, ob das Unglück immer an Ihrer Schwelle vorübergehen wird, ohne einmal anzuklopfen und sein verzerrtes Antlitz an die Fenster zu drücken.«

»Straf mich Gott, es ist mit Euch schon bis in mein Haus gekommen! Drum fort, fort, eh Ihr Zeit habt, mit Eurem Rabengekrächz mir den Frieden zu verscheuchen!«

»Ich tue mir ein Leids, Herr Endermann!« sagte mit dumpfem Tone der unglückliche Weber.

»Meinethalb zwei, wenn das erste nicht ausreicht, nur geht, oder ich rufe meine Leute!«

Moser ging nicht. Er war wie am Boden festgewachsen. Seine tiefen hohlen Augen mit gespenstischem Blick auf den unerbittlichen Reichen heftend, daß diesem vor dem Wahnsinnsfeuer desselben himmelangst wurde, starrte er ihn lautlos und ohne Bewegung an. Da rief Endermann den Garnsortierer Friedrich und ein paar Färbeknechte, und eine Minute später kollerte sich der aus dem Hause geworfene Weber im Staube der Straße. Die Sonne ging eben >in Gold<, wie der Landmann sagt, dem armen brotlosen Manne erlosch sie für immer, und trüber, finsterer, trostloser als die Nacht, welche über Berg und Flur sich senkte, stieg die Nacht in seiner dem Irrsinn zutaumelnden Seele auf. —

Mancher Leser dieser Skizze aus dem Volksleben glaubt vielleicht, die Entlassung eines Webers aus dem Dienste könne unmöglich viel auf sich haben. Er brauche ja nur einen anderen Herrn aufzusuchen und für diesen zu arbeiten, wie er bisher für den vorherigen gearbeitet habe. Leider ist solcher Dienstwechsel schwer, oft, ja meistenteils unmöglich! Der Fabrikant läßt ohne Not fast nie einen guten Weber aus seinem Dienste, denn zuverlässige, geschickte, akkurate, fleißige und treue Arbeiter zu besitzen, ist seinem Geschäftsbetriebe wesentlich von Nutzen. Jeder Arbeitgebende pflegt immer eine ansehnliche Anzahl guter Weber sich gleichsam für gewisse Branchen seiner Warenfabrikation zu erziehen, weil bei jeder der vielen Webarten eigentümliche Kunstgriffe und Vorteile anzuwenden sind, um sie gerade so herzustellen, wie der Käufer sie wünscht und sucht. Oft, ja gewöhnlich kennt diese Vorteile der Arbeitgeber selbst nicht; sie sind Geheimnis des Arbeiters, durch lange Übung, durch Nachdenken, wohl auch durch eine Art Instinkt erworben. Wird nun ein solcher alter Weber, der jahrelang immer ein und dieselben Waren verfertigt hat, dennoch plötzlich entlassen, so ist sein Untergang in der Regel gewiß, außer denn, es gelingt ihm, in einem anderen Fache kärglichen Verdienst zu finden. Jeder Fabrikant, den ein solcher Entlassener um Arbeit angeht, sieht ihn mit mißtrauischem Auge an, setzt voraus, sobald er nach seinem früheren Herrn gefragt hat, es müsse irgend etwas Regelwidriges vorgefallen sein und schickt ihn weiter, da solche im Lande herumziehenden, von Lohnherrn zu Lohnherrn wandernden Weber meistenteils abgerissen aussehen, und Angst und Not sie hastig und fahrig machen. Da ferner Lohnweber nur selten etwas von ihrem schmalen Verdienst zurücklegen können, geraten sie als brotlose Herumstreicher schnell in das tiefste Elend und ihr ge­wöhnliches Los ist eine Stelle im Gemeinde- oder wohl gar im Arbeitshause.

Moser fand keine Arbeit, obwohl er sich die Füße wund lief und jedem Arbeitgebenden die Geschichte seines Unglücks der Wahrheit gemäß mit herzergreifenden Worten erzählte. Schon nach vierzehn Tagen würde Susanna mit den beiden Säuglingen elend umgekommen sein, hätte Fürchtegott nicht ehrlich sein Brot mit ihnen geteilt. Moser selbst nahm nichts von seinem Hauswirte an, er ging fort und — bettelte sich ein Stück Brot! Davon fristete er sein Leben, denn er hoffte noch, daß es ja doch wieder besser werden, daß das Unglück endlich von ihm ablassen müsse! Bisweilen setzte er sich neben seine alte Mutter und half dieser spinnen, weil er aber in dieser Beschäftigung seit seinen Knabenjahren keine Übung mehr hatte, konnte er nur eine schlechte oder mittelmäßige Sorte Flachs verarbeiten, denn er spann weder einen feinen, noch einen egalen Faden, wie der Garnverständige ihn sucht und allenfalls, abgesehen von der Mühe, welche der Spinner hat, dem Scheine nach erträglich bezahlt. Auch auf Bauernhöfen, wo er in früheren Jahren für Wochen und Monate als Hilfsarbeiter häufig Beschäftigung gefunden hatte, meldete sich Moser und bot sich zur nahenden Ernte als Mäher, ja, wenn es sein müßte, sogar als Abraffer an, was doch nach altem Gebrauch nur eine Arbeit für Knaben und Mägde ist. Einige Wochen früher würde er vielleicht irgendeinen mildgesinnten Bauern durch Zureden und Schildern seiner Not erweicht haben, jetzt aber, so kurze Zeit vor der Ernte, hatte jeder seine bestimmten Leute schon gedungen, aufdie er sich verlassen konnte. Dies waren kräftige, gesundheitstrotzende junge Männer, oder doch solche, die, mit der Feldarbeit seit langen Jahren vertraut, auch die schwerste bei drückender Schwüle wie ein Spiel verrichteten.

Mosers verfallenes Aussehen, sein schwächlicher, gekrümmter Körper, das ewige Hüsteln, das von schwacher Brust zeugte, die gebrochene Stimme, waren für den Bauer keine empfehlenden Eigenschaften. Und so blieb denn auch dies Bemühen des vom grausamsten Geschick Ergriffenen ohne Erfolg! Jetzt war er genötigt, sich selbst unter die völlig Mittellosen, unter die notorisch Armen des Dorfes zu zählen und mithin auch gleiche Wege mit ihnen zu wandeln. Der brotlose Weber, dessen Frau daheim fortwährend siechte, dessen beide Kinder aber wie zum Hohn, trotz der elenden Nahrung, die man ihnen reichen konnte, sichtlich gediehen, gesellte sich zu den zerlumpten Kindern, Weibern und kraftlosen Greisen und ging mit diesen auf die Stoppelfelder, um — Ähren zu lesen!

Bei dieser mühseligen Beschäftigung geriet Moser eines Tages auf die herrschaftlichen Äcker. Es ward eben Weizen aufgebunden und ein bedeutender Troß Armer, selbst aus der Nachbarschaft, lagerte auf den Rainen, um das Feld nach erfolgter Abschleppung wie ein Schwarm gefräßiger Heuschrecken zu überfallen. Der Verwalter ritt durch die Reihen der Arbeiter und sendete bisweilen sehr ungnädige Blicke den harrenden Lesern zu, die, von andern Äckern kommend, bereits manches >Ährensengel< zusammengebunden und jetzt neben sich liegen hatten. Moser hielt sich im Hintergrunde des Trosses, da ein peinliches Gefühl der Scham ihn beschlich, wenn er dachte, daß er aus Mangel an jeglicher Arbeit gezwungen war, auf so erbärmliche Weise sich und den Seinen kümmerlich das Leben zu fristen.

Endlich war abgeräumt, die Garben standen in Mandeln aufgeschichtet, und mehrere große Wagen erschienen, um den Erntesegen in die Scheuern zu führen. Der Verwalter gab den Armen die Erlaubnis, die zerstreut auf den Stoppeln liegenden Ähren einsammeln zu dürfen. In einigen Minuten war nun der ganze große Acker mit den Ährenlesern überschwemmt. Unter ihnen bückte sich fleißig der verarmte Weber. Bald hatte der Verwalter ihn bemerkt und lenkte sein Pferd gegen ihn.

»Wer hat Euch Erlaubnis gegeben, auf den herrschaftlichen Feldern zu lesen?« redete er ihn barsch an. »Schämt Euch, Moser! Ein Mann in den besten Jahren läuft Kindern und Weibern den Rang ab und stiehlt ihnen das Brot vom Munde weg!« —

Ein kleines >Sengel< in der Hand, richtete sich Moser auf, zog seine Mütze und versetzte: »Ich habe weder Brot noch Arbeit, Herr Verwalter, und weil ich doch nicht betteln und stehlen mag, suche ich mir ein paar Krumen da zusammen, wo sie für jeden Armen liegen. Arm aber, Herr Verwalter, daß es Gott erbarm, arm bin ich!«

»Weshalb schafft Ihr nicht mehr am Webstuhle?«

»Weil es Gott gefallen hat, mir eine Prüfung aufzuerlegen.«

»Ihr waret nachlässig, Moser, säumig und unordentlich, ich habe es gehört! Herr Endermann entläßt niemand ohne Verschuldung aus seinen Diensten.«

Moser zuckte mitleidig die Achseln und bückte sich, ohne Antwort zu geben, um wieder Ähren einzusammeln.

»Es ist freilich kein Wunder, wenn man Euch entläßt«, fuhr der Verwalter fort. »Arbeiter, die so faul sind wie Ihr — ich hab's beim letzten Hofetage mit Verwunderung gesehen—kann freilich niemand brauchen.«

Der Weber richtete sich wieder auf. »Herr Verwalter«, sagte er, »Sie haben mir in diesem Leben noch keinen Bissen Brot gegeben, noch habe ich je für Sie gearbeitet. Sie wissen also auch nicht, ob ich ein fleißiger oder fauler Arbeiter bin, über mein Verhältnis zu Herrn Endermann aber steht Ihnen kein Urteil zu.«

»Desto mehr Recht habe ich, Euch vom Acker zu weisen.«

»Ein abgeschlepptes Feld ist für alle Christenmenschen«, erwiderte Moser und begann abermals, Ähren zu lesen.

»Der gnädige Herr will nicht, daß Ihr auf seinen Äckern lest. Das Stoppelfeld ist nur für Kinder, Weiber und Krüppel. Ihr könnt noch arbeiten, also packt Euch!«

»Ehe mir der gnädige Herr diesen unchristlichen Befehl nicht selbst erteilt, werde ich ihn nicht respektieren, Herr Verwalter! Ich leide Not mit einer blinden alten Mutter, einer kranken Frau und zwei hilflosen Kindern und sammle hier bloß, was sonst Krähen und Dohlen aushacken. Das ist nichts Unrechtes oder Gesetzwidriges.«

»Laßt Euch raten, Moser, und geht! Der gnädige Herr hat mir sehr bestimmte Vollmachten gegeben.«

Der verarmte Weber ließ sich nicht weiter stören. Er schwieg hartnäckig und sammelte Ähren. Über solche Nichtachtung aufgebracht, rief der Verwalter einen vorübergehenden Knecht an, schwang sich aus dem Sattel und übergab ihm das Pferd.

»Wollt Ihr gehorchen, Moser?« fragte er den Armen.

»Wenn mich der gnädige Herr mit eigener Hand von seinem Acker treibt, muß ich mich fügen, obwohl ich's grausam und unmenschlich nennen würde.«

»Ihr zwingt mich, Hand an Euch zu legen!«

»Sie? Dazu haben Sie kein Recht.«

»Kein Recht?« schrie der Verwalter. »Das sollt Ihr gleich sehen, widerspenstiger Faulenzer!« Und mit raschem Griff faßte er den Weber beim Kragen der Kattunjacke und wollte ihn vom Acker entfernen. Allein Moser, dem schon längst das Blut kochte, wehrte sich mit aller Kraft. Beide Männer kamen vom Ringen zu offenbarem Handgemenge, das alsbald in entschiedene Schlägerei ausartete. Wie vorauszusehen, zog der kraftlose Weber den kürzeren. Der Verwalter warf ihn zu Boden, ließ ihn verschiedene Male seine schwere Gerte fühlen, rief die Knechte und übergab ihren Händen den Missetäter.

»Schafft den Schurken auf den Hof!« befahl er. »Ich werde sogleich nachkommen und dem gnädigen Herrn Bericht erstatten.«

Moser ward seines Verbrechens leicht überführt. Er mußte dem Verwalter Abbitte leisten und erhielt zur Strafe vierzehntägige Haft bei Wasser und Brot. Da saß er nun in der engen, finsteren Zelle des herrschaftlichen Gefängnisses und hatte Zeit, über sein Schicksal, seinen Lebensgang nachzudenken. Der Freie glaubt, kein Unglück sei schwerer zu ertragen als der Verlust der Freiheit. Moser war von jeher derselben Meinung gewesen. Seit er aber ein Gefangener war, kamen ihm ganz andere Gedanken. Das Nichtstun langweilte und quälte ihn zwar, aber er hatte doch keine Not! Zur bestimmten Stunde, dreimal des Tages, erschien ein Voigt und brachte ihm frisches Wasser, soviel er trinken wollte, und die Portion täglichen Schwarzbrotes, welche er erhielt, reichte nicht allein hin, um ihn vollkommen zu sättigen, es blieb auch noch genug übrig, um seinem armen Weibe ein gutes Stück schicken zu können. Seit Wochen hatte Moser nicht so glänzend gelebt, und als er acht Tage im Gefängnisse zugebracht, beschlich ihn wiederholt der entsetzliche Wunsch, die Dauer seiner Haft möge sich von selbst verlängern, ja er sann allen Ernstes nach, was er wohl anstiften, was begehen solle, um eine neue Freiheitsstrafe über sich verhängt zu sehen! Schaudernd begriff er, wie Armut die Mutter jeglichen Verbrechens bloß deshalb werden könne, weil der Sträfling nicht ängstlich für seinen Unterhalt besorgt sein darf? Und die Verachtung der Freien, der sogenannten ehrlichen Leute, die jeden Verbrecher unausbleiblich ereilt, konnte sie fühlbarer sein als jenes Stirnrunzeln, womit der Besitzende dem Bettler ausweicht, als jene harten Worte, die man dem um Almosen Flehenden gleich brennenden Flüchen vor die Füße schleudert? Konnte sie empfindlicher quälen, unauslöschlicher beleidigen als die Benennung elender Lump, Bettelhund, Vagabund, die der Arme ja täglich hören muß oder doch in den Blicken so vieler lesen kann! Moser mußte all seine moralische Kraft aufbieten, um nicht dein Gelüst zu erliegen, das ihn beim Erscheinen des Voigtes wie ein Fieberanfall ergriff, nämlich den freundlichen Mann an der Kehle zu packen und bis zum Ersticken zu würgen! Noch besaß er Selbstüberwindung genug, um den Dämon, der in den finsteren Schluchten seiner Seele sich zu regen begann, zu besiegen und seine Strafe zu überstehen, ohne aufs neue und diesmal mit Vorbedacht zu sündigen.

Als er nach vierzehntägiger Haft entlassen ward, kam er sich wie ein Fremdling auf Erden vor. Er war fertig mit sich, mit dem Leben! Er konnte sich ruhig beide Hände abhacken, denn er bedurfte ihrer nicht mehr, da niemand Arbeit von ihm begehrte.

Mit diesem Gefühl gänzlicher Unbrauchbarkeit ging er schwermütig nach Hause, nicht wissend, was er jetzt anfangen, wie er sich ehrlich ernähren sollte. Ohne Weib und Kind würde er trotzig in die Welt gelaufen und sehr wahrscheinlich die gewöhnlichen Wege des Verbrechens gewandelt sein. Der Reiche sagt: Armut demoralisiert! Und wendet sich von jedem Notleidenden mit Widerwillen. Aber er bedenkt nicht, daß die wegwerfende Behandlung der Armen von seiten der Reichen jene mit der Zeit erfolgende, nicht wegzuleugnende Demoralisation hervorruft! Wer den Armen als einen Wegwurf der Menschheit, als einen Räudigen betrachtet, den man ausscheiden muß von allem Volk, der vergiftet die Unschuld seiner Seele und stößt ihn erbarmungslos unter die moralisch Verworfenen, denen er ihn gleichstellt, weil er oft die rauhe Sitte, das zerlumpte Kleid mit ihnen gemein hat. —

Es schien indes, als habe sich das Unglück des Webers etwas erschöpft. Beim Betreten seiner engen Wohnung fand er nicht allein sein Weib wieder außer dem Bett und die lieben kleinen Engel vollbäckig und gesund, Fürchtegott kam ihm auch mit der frohen Botschaft entgegen, daß ein Bauer des Ortes hergeschickt habe und ihn für den Herbst als Drescher annehmen wolle, wenn er noch so brav zuschlagen könne wie ehedem.

Über diese Nachricht war Moser so erfreut, daß er seinen Hauswirt umarmte und wie ein Toller im engen Stübchen mit ihm herumhopste. Er sagte auf der Stelle zu und ließ sich schon für den nächsten Tag durch Fürchtegott selbst anmelden. Lange hatte die arme Weberfamilie keinen so glücklichen, von heiteren Aussichten in die Zukunft erhellten Abend verlebt.

 

 

Bilder eines glücklicheren Lebens vergoldeten die Träume des armen Mannes in dieser Nacht. Mit einem Gefühle des Wohlbehagens, das er lange nicht mehr empfunden hatte, stand er früh am Morgen auf, in treuherzigem Gebet um Verminderung seiner Not zum Himmel flehend. Das karge Frühstück, das nur aus ungeschmalzener Brotsuppe bestand, schmeckte ihm doch vortret'= lich. Er küßte die frischen, noch schlafenden Zwillingsschwestern, ermahnte die noch immer hinfällige Susanna, sich zu schonen, und ging dann, den Dreschflegel nebst Wurfschaufel und Schüttegabel auf der Schulter, wohlgemut nach dem Bauerngute, wo ihm Arbeit versprochen war.

Die Knechte waren eben dabei, die Tenne zu fegen und Garben reihweise zum >Vorschlagen<, wie es der Bauer nennt, aufzulegen, als Moser in den Hof trat und den Besitzer desselben als neuer Arbeiter und Gehilfe begrüßte. Dieser nahm ihn gern an, da er zuverlässige Leute brauchte. Übrigens bedurfte es nicht vielen Redens, da zwischen Arbeitgebenden und Arbeitsuchenden so einfache Bedingungen als feste Regeln gelten, daß keiner den anderen übervorteilen kann. Moser kannte diese Bedingungen von früher her, und wenn er jetzt als Arbeiter bei einem armen Bauern in Dienst trat, so verstand es sich von selbst, daß er stillschweigend sich dem Herkömmlichen unterwerfe.

Alle Bauernarbeit ist schwer und erfordert mehr physische Kraft als Geschick und Gewandtheit. Schon am ersten Vormittage fühlte Moser, daß er nicht mehr die Kraft und Ausdauer seiner jungen Jahre besitze. Er konnte nach einigen Stunden kaum den Flegel mehr handhaben, und es war ein Glück für ihn, daß je fünf Drescher auf einer Tenne tätig waren. Bei dem fortwährenden Steigen und Fallen so vieler Flegel merkte man nicht, daß der des Webers kraftlos auf die körnerstrotzenden Ähren traf. Auch gewahrte er mit Betrübnis, daß seine Brust durch das langjährige Sitzen hinterm Webstuhle und durch das Einsaugen des Garnstaubes gelitten haben mußte, denn er konnte an dem lebhaften Gespräch, das seine rüstigen Mitarbeiter trotz des heftigen Aufschlagens fortwährend unterhielten, nicht teilnehmen.

Mit größter Anstrengung hielt es Moser einige Tage aus.

Schon am vierten mußte er abends auf dem Heimwege mehrmals stehenbleiben und Blut auswerfen. Dennoch ging er am nächsten Morgen wieder auf die Arbeit. Allein, kaum hatte er unter unsäglichen Schmerzen zweimal herumgedroschen, als ihm kraftlos der Flegel entsank und ein Strom dicken schwarzen Blutes seinem Munde entstürzte. Man sprang dem Unglücklichen bei, um das Blut zu stillen. Der Bauer, ein braver Mann, ließ den Erkrankten nach Hause fahren und holte sogar den Arzt auf eigene Kosten, damit er ihn heilen möge, aber das alles konnte den Weber weder retten noch beruhigen.

»Gott hat seine Hand von mir abgezogen«, sagte er mit der Ruhe verzweifelter Resignation, »und wen Er verläßt, den können die Menschen, wenn sie auch jetzt noch wollten, nicht retten. Ich will mir nur überlegen, was aus den Kindern werden soll. Hab ich das erst ausgeklügelt, dann will ich meinethalb verhungern oder verdursten, mich soll's wenig verschlagen. Aber das muß ich erst herauskriegen, eher tue ich's dem Herrgott nicht zu Gefallen und lege mich in den Sarg.«

Das war ungefähr der Refrain von allen Reden, die Fürchtegott, sein Weib und etliche Freunde, die nicht viel mehr besaßen als er selbst, ihm entlockten. Er setzte sich wieder neben die unermüdlich fleißige Mutter und spann. Von dem fabelhaft wenigen, was diese Arbeit abwarf, lebte die ganze Familie fast noch einen Monat. Nach Verlauf desselben war aber auch das geringe Gut, was die Armen an unbedeutenden Utensilien besessen hatten, vollkommen aufgezehrt. Überdies sollte in kurzem Miete und Stuhlgeld (Abgabe für die Erlaubnis, einen Webstuhl aufstellen zu dürfen) nebst vierteljährigem Grundzins an die Herrschaft bezahlt werden. Holz für Herbst und Winter brauchte man auch, und noch hatte Moser keine Kartoffel im Keller, keine Krume bezahlten Brotes im Schranke.

In einer trüben Abendstunde wagte Susanna mit beklommenem Herzen, dies entsetzliche Thema zu berühren, das dem brustkranken schwachen Manne das Herz zerfleischen mußte. Susanna tat es zwar so mild und sanft, wie die Liebe zu ermahnen, zu fragen und zu bitten pflegt, aber dem Weber stand dennoch sein gefoltertes Vaterherz still.

»Laß das gut sein, Herzliebste«, erwiderte Moser nach einiger Zeit. »Mir ist in der vergangenen Nacht ein Gedanke gekommen, der, ausgeführt, all das jetzt noch Fehlende uns verschaffen muß. Auch für die armen Würmchen ist dadurch gesorgt. So elend wie ihre Eltern, ich versprech es dir, sollen sie es nicht haben.«

»Ist dein Plan auch auszuführen, Moser?« fragte zweifelnd die besorgte Frau.

»Zuverlässig, Susanna! Wie ich mir's während der Nachtwache hinterm Ofen ausgesonnen habe, kann's nicht fehlen. Es wird alles anders und besser.«

»Du könntest mir's wohl sagen, Moser! Vier Augen sehen heller als zwei.«

»Morgen erfährst du's. Heut nacht will ich mir's noch einmal beschlafen, und wenn ich morgen noch so fest daran glaube wie in diesem Augenblicke, dann ist uns geholfen, das schwör ich bei Gott!«

Susanna drang nicht weiter in ihren Mann und das Gespräch stockte wieder. Nach sehr kargem Abendbrot ging die Familie zur Ruhe. Wir haben schon erwähnt, daß Susanna seit ihrer Niederkunft mit den Kindern in der Wohnstube, und zwar auf ebener Erde schlief, da ihre Bodenkammer zu eng und auch zu schlecht gegen Wind und Wetter verwahrt war, um mit den Säuglingen darin zubringen zu können. Der Weber selbst blieb seit seinem Unfalle ebenfalls in der Stube und hatte sein Nachtlager hinter dem Ofen aufgeschlagen. Nur die alte Mutter kletterte die knarrende Stiege hinauf in ihr Kämmerlein und kam häufig früh, wenn kaum der Tag graute, schon wieder herunter zu ihren darbenden Kindern. Sie konnte wenig schlafen, und weil sie meinte, daß sie wachend, ob auch nicht viel, doch immer etwas nützen könnte, so setzte sie sich an ihren Platz auf der Ofenbank und spann, ohne die meistenteils noch Schlafenden in ihrer Ruhe zu stören.

Mosern floh auch in dieser Nacht, wie in fast allen friiheren, der Schlaf; er verhielt sich aber absichtlich ganz still, bis er annehmen konnte, daß Susanna fest entschlummert sei. Dann kroch er behutsam hinter dem Ofen hervor, schlich barfuß über die holprige Diele nach dem Fenster neben dem Webstuhle, öffnete es leise und stieß den Laden auf. Die Nacht war sternenhell, der schon abnehmende Mond schien voll und rein in die Wohnung des Armen. Die silberne Kugel spiegelte sich im Weiher des Nachbars, der kaum vierzig Schritte von Fürchtegotts Häuschen am Gartenzaun seine stillen Wasser ausbreitete. Geraume Zeit trank der Weber die kühle Nachtluft mit dürstendem Munde, dann trat er zurück und sah sich scheu um. Das Licht des Mondes erleuchtete das Stübchen sattsam, um alle Gegenstände genau unterscheiden zu können.

Moser öffnete ein kleines Wandschränkchen und nahm etwas heraus, das er mit dem schlotternden Ärmel seines zerrissenen Hemdes sogleich verdeckte. Daraufschlich er an das Lager seiner Frau und kniete neben demselben nieder. Susanna schlief sanft und tief Die Qualen des Lebens waren in diesem Augenblicke gewiß von ihr genommen. Vielleicht schwelgte sie in paradiesischen Freuden, wie sie der Traum mitleidig dem Armen schenkt als kargen Ersatz für die harte, traurige Wirklichkeit des Alltagslebens.

Moser wagte nicht, die Schlummernde zu küssen. Er hätte es gern getan, aber er besorgte, sie dadurch zu wecken.

»Arme Susanna, gutes, liebes, duldendes Weib«, flüsterte er über sie gebeugt, und eine Träne perlte aus dem Schmerzensbrunnen seines Auges. »Ich habe Gott gebeten, daß er dich die Herrlichkeiten der Verheißung soll schauen lassen in dieser Nacht, und ich glaube, er hat mich erhört, der Allgütige. Dein Lächeln sagt mir, daß du glücklich bist. Du sollst es ewig sein und nie mehr zurückkehren aus jenen Auen, die müden Duldern in jenem Leben verheißen sind. Lebe wohl, lebe glücklich und bitte für mich, den verzweifelnden Vater!«

Nun hielt Moser seine linke Hand schirmend über das Gesicht der Schlummernden und fuhr mit schneller Bewegung der Rechten, in der etwas Glänzendes blitzte, über Susannas bloßen Hals. Die Schlafende zuckte krampfhaft zusammen, aber Moser drückte seine Linke fest auf ihren Mund, so daß sie nur dumpfröchelnde Töne ausstoßen konnte. Ein breiter Blutstrom floß unter den Decken hervor und ergoß sich um den knienden Weber. Der verzweifelnde Gatte hatte seinem geliebten Weihe die Pulsadern am Halse durchschnitten und sie getötet. Er hielt diesen Tod für leichter als den Hungertod, dem sie alle entgegengingen.

Als Susanna zu röcheln aufgehört hatte, erhob sich Moser mit entsetzlicher Ruhe. Er warf keinen Blick auf die Tote, sondern wendete sich rasch um zu den in der Wiege schlafenden Säuglingen. Das blutige Messer funkelte im Silberfeuer des Mondes wie eine purpurne, zur Erde geneigte Flamme.

Lieblich, rührend, zwei aufknospenden Blütchen gleich, die feisten kleinen Händchen aufwärts gegen die derben Gesichtchen stemmend, ruhten die Schwestern in seliger Vergessenheit. Den Vater schauerte es, als sein schuldiges, unheimlich glühendes Auge auf diese zarten, von Gesundheit strotzenden Wesen fiel. Aber sein Herz hatte sich im machtlosen Kampf mit den Schrecken des Lebens verhärtet, sein Wille war fester als Granit. Die Bahn war betreten, er mußte sie ganz zurücklegen, sollte er sich nicht selbst feig und charakterlos nennen.

»Warum zaudern!« rief er sich zu. »Habe ich euch ins Leben gerufen, warum sollte ich nicht das Recht haben, euch ein und denselben Weg mit mir gehen zu heißen? ja, ihr armen, schuldlosen Seelen, ich will euch rein und unbefleckt den Vaterhänden wieder übergeben, aus denen ich euch empfangen habe! Hier auf Erden würdet ihr nach unaussprechlichen, undenkbaren Leiden vielleicht gottlose Verbrecher und beschlösset ein Leben voll Elend und Schande, verflucht von den Glücklichen, im Zuchthause oder auf dem Schafott. Besser aus der Reihe der Lebendigen gestrichen als solch ein Dasein! Gute Nacht, ihr Engel, euer Vater küßt euch zum Eintritt ins Tal des ewigen Friedens!«

Ein langer Kuß berührte die Mündchen der Kleinen, dann durchschnitt der fürchterliche Vater ihren Lebensfaden auf dieselbe Weise, wie er die Mutter getötet hatte. Die Schwestern zuckten nicht, sie starben schlummernd unter dem Messer des Vaters.

Mit einem Gefühl des Abscheus schleuderte der Unglückliche jetzt das Mordinstrument an den Boden, erreichte mit zwei Sätzen die Tür, stürzte hinaus, rannte ins Freie über den Garten und begrub sich und seine Tat in den kühlen schäumenden Wellen des Teiches. Nur das Bild des Mondes wankte im Weiher, als der Mörder seines Weibes, seiner Kinder sich darin zur Ruhe gebettet hatte, sonst blieb alles still. —

Am nächsten Morgen stieg Gertrud frühzeitig aus ihrer Kammer herab, trat in die Stube ihres Sohnes und tappte sich nach der Ofenbank, wo sie wie immer Platz nahm und emsig zu spinnen begann. Es war eben Tag geworden, das merkte die erblindende Frau an dem trüben Scheine, der sich vor ihren Augen bildete. Daß es so totenstill im Stübchen blieb, wunderte sie nicht. Es war oft so gegen Morgen. Nur konnte sie nicht begreifen, daß, wie sie auch ihre Füße setzen mochte, sie überall sogleich feucht wurden.

So saß sie ein paar Stunden, spann ruhig fort und freute sich über den gesunden Schlaf der ihrigen. Sie würde noch lange geduldig auf das Erwachen derselben gewartet haben, wäre nicht Fürchtegott hereingekommen, der, wie er häufig pflegte, sich nach Mosers Befinden erkundigen wollte. Von dem gellenden Aufschrei dieses Mannes kam Gertrud zu sich.

»Was habt Ihr?« fragte sie ruhig, ihr bleiches, runzelvolles Antlitz langsam dem Eintretenden zukehrend und nochmals die Spindel drehend.

Fürchtegott dachte im ersten Schreck nicht daran, der alten Frau das Entsetzliche zu verschweigen. Bewältigt von dem grauenvollen Anblick— die fromme alte Mutter, ihre Füße im Blut der ihrigen badend, ruhig spinnend —, warf er dies Bild mit wenig Worten in den Spiegel ihrer Seele! Da entsank Gertrud die Spindel, sie selbst neigte sich vorwärts und wäre auf die blutige Diele niedergestürzt, hätte sie Fürchtegott nicht in seine Arme aufgefangen. Als er sie wieder aufrichtete, umschlang er eine Leiche. Mitleidig hatte der Tod ihr Herz gebrochen.

Eine Stunde später fand man Mosers Leiche im Weiher. Niemand konnte zweifeln, daß er die gräßliche Wahnsinnstat vollbracht habe. Die blutigen Fußstapfen vom Hause bis zum Teiche mitsamt dem gefundenen Messer sprachen zu deutlich. —

Unter großem Zulauf des Volkes wurden am dritten Tage nach der Tat die Opfer der Armut ehrlich begraben, in später Abendstunde wühlte der Henker dem Mörder eine Grube auf ödem Anger.

 

Die hier ungekürzt abgedruckte Novelle 'So lebt und stirbt der Arme' zeigt, wie genau Willkomm mit der Lage der Spinner und Weber vertraut war. Sie bietet konkrete Bezüge zur außerliterarischen Realität. So kennzeichnet Willkomm treffend den Übergang vom Kaufsystem zum Lohnsystem. Auch der Schluß dieser 'Erzählung aus dem Leben des Volkes' ist der Wirklichkeit entnommen.