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Ferdinand Freiligrath

Aus dem schlesischen Gebirge,  März 1844

 

>Nun werden grün die Brombeerhecken;

Hier schon ein Veilchen — welch ein Fest!

Die Amsel sucht sich dürre Stecken,

Und auch der Buchfink baut sein Nest.

Der Schnee ist überall gewichen,

Die Koppe nur sieht weiß ins Tab

Ich habe mich von Haus geschlichen,

Hier ist der Ort — ich wag's einmal:

                                                                      Rübezahl!

 

Hört er's? Ich sch ihm dreist entgegen!

Er ist nicht bös! Auf diesen Block

Will ich mein Leinwandpäckchen legen —

Es ist ein richt'ges volles Schock!

Und fein! Ja, dafür kann ich stehen!

Kein bessres wird gewebt im Tal —

Er hißt sich immer noch nicht sehen!

Drum frischen Mutes noch einmal:

                                                                        Rübezahl!

 

Kein Laut! — Ich bin ins Holz gegangen,

Daß er uns hilft in unsrer Not!

Oh. meiner Mutter blasse Wangen —

Im ganzen Haus kein Stückchen Brot!

Der Vater schritt zu Markt mit Fluchen —

Find er auch Käufer nur einmal!

Ich will's mit Rübezahl versuchen —

Wo bleibt er nur? Zum drittenmal:

                                                                           Rübezahl!

 

Er half so vielen schon vorzeiten —

Großmutter hat mir's oft erzählt!

Ja, er ist gut den armen Leuten,

Die unverschuldet Elend quält!

So bin ich froh denn hergelaufen

Mit meiner riehegen Ellenzahl!

Ich will nicht betteln, will verkaufen!

Oh, daß er käme! Rübezahl!

Rübezahl!

 

Wenn dieses Päckchen ihm gefiele,

Vielleicht gar bät er mehr sich aus!

Das wär mir recht! Ach, gar zu viele,

Gleich schöne liegen noch zu Haus!

Die nähm er alle bis zum letzten!

Ach, fiel auf dies doch seine Wahl!

Da löst ich ein selbst die versetzten —

Das wär ein Jubel! Rübezahl!

Rübezahl!

 

Dann trät ich froh ins kleine Zimmer,

Und riefe: Vater, Geld genug!

Dann flucht er nicht, dann sagt er nimmer:

Ich web euch nur ein Hungertuch!

Dann lächelte die Mutter wieder,

Und tischt uns auf ein reichlich Mahl;

Dann jauchzten meine kleinen Brüder —

O käm, o käm er! Rübezahl!

Rübezahl!<

 

So rief der dreizehnjähr'ge Knabe;

So stand und rief er, matt und bleich.

Umsonst! Nur dann und wann ein Rabe

Flog durch des Gnomen altes Reich.

So stand und paßt er Stund auf Stunde,

Bis daß es dunkel ward im Tal,

Und er halblaut mit zuckendem Munde

Ausrief durch Tränen noch einmal:

Rübezahl!

 

Dann ließ er still das buschige Fleckchen,

Und zitterte, und sagte: Hu!

Und schritt mit seinem Leinwandpäckchen

Dem Jammer seiner Heimat zu.

Oft ruht er aus auf moos'gen Steinen,

Matt von der Bürde, die er trug.

Ich glaub, sein Vater webt dem Kleinen

Zum Hunger- bald das Leichentuch!

                                                                             Rübezahl?!

          •  

 

Ferdinand Freiligrath

Aus dem schlesischen Gebirge (Nachtrag) 1844

 

Nun stehn entlaubt die Brombeerhecken —

's ist auch schon Allerseelenfest!

Kein Vogel mehr sucht Moos und Stecken,

Öd und verlassen jedes Nest.

Hilf Gott, die ersten Flocken fliegen;

Kalt meine Hand, kalt mein Gesicht!

Hier ist dürr Laub, hier will ich liegen —

Ein ander Lager hab ich nicht!

Was wird aus mir?

 

Hier ist die Stätt. Hier nickt die Weide,

Hier noch die Birke, dran ich stand.

Hier rief ich aus in meinem Leide:

>Ha, Rübezahl! Kauf Leinewand!<

Ich ward seitdem ein halb Jahr älter —

Weh, meine Brust — der rasche Lauf]

Der Nordwind heult, 's wird immer kälter,

Ich glaub, ich steh nicht wieder auf.

 

Ja, Rübezahl! Das war ein Wähnen!

Jetzt weiß ich schon, wie's damit ist.

Doch hat mich Vater unter Tränen

Nach jenem Waldgang heiß geküßt.

Nun ist er tot! — Tot und erschossen!

Zu Langenbielau stürzt er hin! —

Hui, wie das pfeift! Und auch noch Schloßen,

Weh, daß ich eine Waise bin!

Was wird aus mir?

 

So war's: Die Mutter lag im Sterben.

O trüber Tag — wir weinten sehr.

Wir stellten ihre Blumenscherben

Zu ihren Häupten um sie her.

Der Vater murmelte: >Kein Retter!<

Da hallten Schritte durch das Tal.

Da stürmt ein Trupp — Herr, welch ein Wetter!

Ach und des Hungers bittre Qual!

Was wird aus mir?

 

Ein wild Gesicht sah durch die Scheibe:

>'s ist an der Zeit! Nachbar heraus!< —

>Großmutter, bleibt bei meinem Weibe!<

So trat der Vater jach vors Haus.

Die Mutter stöhnt — es war das Ende;

Sie sah uns an — ihr Auge brach.

Ich küßt ihr jammernd Mund und Hände,

Und dann hinaus — dem Vater nach.

Was wird aus mir?

 

Hinaus, hinaus — hin bis zur Stelle,

Wo sich des Kaufherrn Schloß erhob.

Hui, wie da Meister und Geselle

Brecheisen, Beil und Hammer hob!

Die knirschten wütend mit den Zähnen,

Die hieben alles kurz und klein.

>Das unser Schweiß! Das unsre Tränen!

Das unser Blut!< hört ich sie schrein.

Was wird aus mir?

 

Und dann — sie sprachen zum Erbarmen.

Bei allem Ding steht eine Wacht,

Doch, wie der Reiche drückt den Armen,

Drauf hat kein Polizeimann acht ...