Carl Ludwig Häberlin (1784-1858), Sohn des Staatsrechtlers Carl Friedrich Häberlin (1756-1808), war unter dem Pseudonym H.E.R. Belani bekannt und gehörte zu jenen Vielschreibern der dreißiger und vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts, die sich am schnellsten auf die neuen Produktions- und Konsumtionsweisen eines sich ausweitenden literarischen Marktes einstellten. Von 1826 bis 1851 schreibt er 29 Werke in 120 Bänden!
1845 greift Belani als einer der ersten das Weberthema in einer größeren Erzählung auf. In ihrer Sentimentalität ganz dem Zeitgeschmack angepaßt, versucht Belani der Novelle durch teils wörtliche Übernahmen aus Alexander Schneers Bericht dokumentarischen Charakter zu geben. Der folgende Auszug bietet -- neben einigen etwas sachlicheren Passagen der Erzählung— von den Übernahmen die wichtigsten Beispiele.
Den sozialen Konflikt, der in der Realität durch die Weber-Revolte nicht lösbar war, verharmlost Belani durch seinen erzählerischen Lösungsversuch, indem er familiäre Beziehungen zwischen einem armen Webermädchen und einem hartherzigen Fabrikanten durch das Wiederauffinden geheimnisvoller Papiere herstellt. Der Fabrikant erkennt in Rosa seine Tochter wieder, wird geläutert und setzt deren Verlobten Fritz als Faktor und späteren Nachfolger ein, mit dem alle Weber in Bescheidenheit und Glück zusammenleben. Ein Happy-End, wie es dem Unterhaltungsbedürfnis eines bürgerlichen Publikums entsprach.
H.E.R. Belani
Die armen Weber (Auszug) 1845
Das Weberdorf im Gebirge
Das von mehr als zweitausend fleißigen Webern und Spinnern bewohnte Dorf Tiefenau zog sich von einer breiten Mündung, die eine heitere und ebene Landschaft öffnete, stundenlang und immer tiefer einschneidend ins Gebirge hinauf.
Hier, wo die verfallene Hütte des Meisters Mathias stand, dicht am Fuß eines dunkeln Tannenwaldes, der an der steilen Bergwand hinanstieg, war etwa die Mitte des Dorfes. Gegenüber ragte eine senkrechte hohe Felsenwand in den Talgrund hinein. Diese Klippenmauer war ebenfalls mit dunkeln Tannen gekrönt. An Stellen, wo die oft senkrechten Talwände zerklüftet waren, rieselten kleine Wildbäche, von Klippe zu Klippe sickernd, durch das bemooste Steingeröll herab. — Die Sonne schien selten nur hinein in diesen dunkeln, feuchten Talgrund, wo die mit grauen Schindeln gedeckten Hütten der Weber nur mühsam einen kleinen Raum gefunden zu haben schienen. An andern Stellen erweiterte sich das Tal wieder auf kurze Strecken durch das Einfallen von Nebentälern; da gab es denn auch wohl ein Gärtchen bei der Hütte, oder ein mühsam urbar gemachtes Kartoffelstückchen, auf dem von fleißigen Händen mit Erde bedeckten Felsengrunde, das aber wie die Hütten selbst dem Dominium und nur gegen hohen Zins den armen Leuten überlassen war. Weiter unten, nach der Talmündung zu, sah man auch schon einige Äcker, unter andern auch das Erbsenfeld, welches die Lüsternheit der Kinder der Weber zu erregen pflegte, aber streng bewacht war — denn es gehörte zum herrschaftlichen Gute unten in dem Flecken Bleichenau. — Die schon erwähnte Pfarre lag noch eine halbe Stunde höher hinauf im Gebirge.
Der Charakter dieser Gegend war wohl romantisch, aber wenn man das Elend der fleißigen Bewohner derselben erblickte, so beschlich gewiß jeden Wanderer, der sich bis hierher durch die Schönheit der Natur verlocken ließ, ein Gefühl von unendlicher Wehmut. — Die Natur selbst hatte hier dem Schmerz einen Zauber von Romantik beigemischt, der um so tiefer einschneidet, je einfacher das Naturleben dieser armen Bergbewohner war.
Unten, nach dem offenen Lande zu, war der Ausdruck dieser Landschaft schon viel milder und heiterer und doch auch betrübend für den Menschenfreund. — Da gab es sanfte Anhöhen, mit Buchen bestanden, und breite Wiesengründe, auf welchen früher wohl ganze Flächen mit Leinwand belegt waren, die von frischen Landmädchen mit muntern blühenden Gesichtern gebleicht wurden — jetzt waren lange, niedrige Fabrikgebäude mit hölzernen, endlosen Gerüsten zum Trocknen der in wenigen Stunden chemisch gebleichten und oft mürbe gefressenen Leinwand aufgestellt — und die hübschen Bleicherinnen mit ihren Wiesenblumensträußchen, die sie sonst den Bergreisenden so schalkhaft lachend darboten, waren verschwunden — sie standen entweder blaß und still in den feuchten Souterrainräumen der großen Fabrikgebäude bei den Garnwinden oder Spulmaschinen oder waren mit ihren Harfen nach der Leipziger Messe gezogen, um dem Laster und der Lust zu dienen.
Da, noch weiter entfernt— die Gruppe von Palästen mit Zinnen und Türmchen im mittelalterlichen Geschmack —, die so seltsam kontrastierten mit den schwarz qualmenden, wie Obelisken gestalteten Dampfschornsteinen daneben — das war jenes Zauber- schloß, von welchem aus sich zugleich das Elend und die letzten Brotkrumen über die zahlreichen Bewohner dieser einst so blühenden Dörfer ergoß —, das war der Sitz der Spinnmaschinen und Jacquard'schen Webstühle, welche den Fleiß der Arbeiter so brotlos machten, das der Schlund des Reichtums, in welchen die Tränen der Armut sich ergossen. Dort wohnte der Herr — wie er in der Gegend genannt wurde — der reichste Industrielle des Landes, dessen Brust für seine hohen Verdienste um die vaterländische Industrie mit Orden, dessen Name mit Titeln dekoriert war — dem das Adelsdiplom noch das letzte Ziel war — da ihm seine Million das Glück und die Spekulation gebracht hatte — der war es, der dort residierte — wie ein Fürst unter seinen Untertanen— dort in dem Schlosse der sinnreichsten Maschinen, die von blassen Kindern bedient wurden, dort in der Fülle der Üppigkeit und des Wohllebens wohnte der Geheime Kommerzienrat (gewöhnlich Geheimer Rat genannt) Franz Urban Walther von Bleichenau — wie er sich von dem Namen seines Wohnsitzes schrieb, um sich ein adliges Ansehen zu geben.
Die gebrandmarkte Leinwand
In der schon halbdunkeln Stube des armen Webers gab es eine Szene der trostlosesten Verzweiflung.
Am Boden lag auseinandergerissen und verworren durcheinander ein Stück ungebleichter Leinwand. Die Frau des Webers saß noch mit dem weißen Regentuch über den Kopfgesteckt und der bunten Tiroler Decke, welche die Stelle des Umschlagtuchs oder des Mantels bei den Frauen dieser Landschaft vertritt, auf einem niedrigen Schemel am Fenster. Sie hatte die Hände übereinander gelegt; ihre ganze Haltung sowie der Ausdruck ihrer einst schön gewesenen blassen Gesichtszüge verriet die äußerste körperliche Erschöpfung und jenes Übermaß von Schmerz, dem der Mensch nichts mehr entgegensetzen kann als seine Wehrlosigkeit. Die kleine Mimi hatte sich schmeichelnd an das Knie ihrer Mutter geschmiegt, und das feine Gefühl des zarten Kindes gab es ihr ein, ihrer Mutter etwas Tröstliches sagen zu wollen. — »Mimi hungert nicht mehr«, sprach sie mit der weichsten, lieblichsten Stimme, »und braucht heute nicht mehr zu essen; Base Liese hat uns prächtigen Kaffee gegeben.«
»Ja«, rief Meister Mathias, und das geschah in dem Augenblick, als Fritz und Rosa eintraten und, erschreckend über diese Szene, die sie sich noch nicht erklären konnten, an der Tür stehenblieben. — »Gott sei es geklagt — so weit hat es die Hartherzigkeit dieser Unmenschen gebracht, daß ein redlicher fleißiger Handwerksmeister — ein kunstreicher Damastweber — bei — ha bei Gott — es ist eine Schande! — bei einer armen Bettlerin' zu Gast gehen mußte mit seinen Kindern, um nicht Hungers zu sterben. — Und an diesem Stück, das sie gebrandmarkt haben«, dabei riß er das eine Ende der Leinwand, welches den Droms enthielt, empor und deutete auf die mit Rotstift unvertilgbar darauf geschriebenen Zahlen, »an diesem Stück vom feinsten Faden — echt leinenen Handgespinstes würde der habgierigste Kaufmann seine fünfzig Prozent mit Ehren verdient haben; aber unser Herr kauft nichts vom armen Weber, wenn er nicht das Dreihundertfache daran verdient. —Jetzt rede du, Alte, erzähl's dem Fritz und der Röse, wie diese üppigen Reichen das arme Blut behandeln. — Wenn da nicht Gott der Herr mit seinem heiligen Don
nerwetter dreinschlägt ... doch genug — man sollte auf wunderliche, gotteslästerliche Gedanken kommen — über das Unrecht, das sie uns zufügen — Röse— du unschuldiges Lamm Gottes — bete am Sonntag in der Kirche zum Vater des Heils — daß er mir vergebe— was der Schmerz mir an frevelnden Worten und Gedanken entrissen hat.«
»Vater — liebster Vater— beruhigt Euch doch«, flehte Röse, indem sie sich mit kindlicher Zärtlichkeit an ihn schmiegte und die welken Wangen des alten Mannes streichelte, »der liebe Gott ist ein allwissender und alliebender Gott; er sieht auf Euer Herz und hört nicht auf die Rede, welche die lechzende Zunge nur so herausstieß.«
»Mein Vater, du selbst hast mich gelehrt«, fuhr sie fort mit der erhöhten Stimme einer schönen Begeisterung, »daß in höchster Erdennot oft ein schöner Bibelspruch tröstlich sei; so erinnere dich denn auch heute an die schöne Stelle aus den Klageliedern Jeremia, die ich dir noch am letzten Sonntag abend aus unserer Bibel vorgelesen habe und die da lautet: Die Barmherzigkeit des Herrn ist alle Morgen neu und seine Treue ist sehr groß; der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.«
»Ja, darum will ich auf ihn hoffen«, rief der alte Mann und schloß das schöne zarte Mädchen in seine Arme, und die Kinder umklammerten seine Knie und Mutter Mathias stand auf und legte ihre magern Arme um den Nacken des mit ihr alt gewordenen Mannes und weinte Tränen der Liebe an seiner Brust.
»Bis hierher«, rief er, »hat uns der Herr geholfen und er wird uns auch noch ferner helfen; es sagt aber auch die Heilige Schrift: Du sollst Deinem Bruder, der an Dir sündigt, vergeben nicht nur siebenmal, sondern siebenzigmal siebenmal -- und ich habe ihnen vergeben aus vollem Herzen und werde ihnen siebenzigmal siebenmal vergeben — und noch öfter, wenn es sein muß, denn in meiner Seele ist Trauer, aber kein Groll mehr. — Aber des Herrn Langmut mit diesen Pharisäern und Sündern wird bald zu Ende sein — denn es spricht der Herr: Wehe dem, der sein Gut mehrt mit fremdem Gut! — Wie lange wird es werden?«
Fritz stand in der Ecke des Zimmers wie zerknirscht von Liebe und Teilnahme. Dieser einfache Trost, den sich diese redliche Familie aus den Worten der Heiligen Schrift nahm, zeugte mehr als es alle schönen Kanzelreden zu beweisen vermögen für die Kraft des Glaubens im Volksleben. — Die rote Liese stand im dunkeln Hintergrunde am Ofen und betete ein Vaterunser— und dann sprach sie laut das Amen hinein in die still gewordene Szene.
»Amen — Amen — — Herr, Dein Wille geschehe, nicht der meinige«, sprach der Vater, »jetzt aber laßt uns die Sache ruhig überlegen und in Ordnung bereden; denn mit dem Zürnen und Lamentieren kommen wir nicht aus der Not— wohl aber mit Verstand und Besonnenheit. — Nun, Mutter, erzähle.«
Röschen aber hatte indes die Leinwand schon aufgenommen und fing an, sie kunstgerecht wieder zusammenzulegen, und Vater und Mutter halfen ihr dabei. Fritz aber nahm schweigend Röschens schweres Handkörbchen, das er bis hierher getragen hatte, mit hinaus. In der Küche, die einen Teil des Hausflurs bildete, nahm er den großen weißgescheuerten hölzernen Napf, und aus dem Korbe nahm er Brot, bröckelte es hinein, und dann goß er Bier darauf aus den zwei Flaschen, die im Körbchen standen, und mischte Sirup hinein und rührte alles tüchtig um und durcheinander, und nachdem er das Gebräu gekostet hatte und fand, daß es gut war, da nickte er vergnügt mit dem Kopfe, legte hölzerne Löffel hinein für Vater und Mutter und die vier Kleinen und vergaß selbst die rote Liese nicht — er und Röschen hatten schon auf dem Pfarrhofe zu Abend gegessen— dann trug er es hinein in die Stube und setzte den Napf auf den Tisch. »Da, nun löffelt«, rief er fröhlich, »und eßt euch satt — der liebe Gott schickt euch diese süße, kalte Schale durch unsre gute Frau Walther. — Nun erquickt euch erst — und dann mag Mutter Mathias erzählen, wie es ihr ergangen ist— eine gute Mahlzeit hat schon manche Bitterkeit abgestumpft.«
Fritz, mit seinem praktischen Hausverstande, hatte das rechte Mittel getroffen, die trauernde Familie zu beruhigen. Nach dieser stärkenden Mahlzeit wurden alle ganz vergnügt, und Mutter Mathias erzählte harmlos und ohne Groll: »Ich dachte gestern, als der Vater das schöne Stück Leinen vom Gestell genommen und kunstgerecht aufgerollt hatte, das soll einmal wieder Glück und Segen ins Haus bringen! Wir überschlugen den Preis, und da wir die Genauigkeit der gestrengen Herren kennen, so rechneten wir alles so billig als möglich. Wir brachten also erstlich den Flachs in Anschlag; aber da Mutter Liese ihn uns aus dem Lande mitgebracht und für den halben Preis überlassen hatte, so schrieb der Vater blutwenig dafür an — und Röse und ich, wir spannen den ganzen Winter daran, und im Frühjahr brachte der Vater das feinste und egalste Garn, das er jemals bearbeitet hatte, auf den heimlichen Webstuhl da in der Kammer, und Monsieur Fritz und Röse woben drei Monate daran, denn sie konnten nicht immer dabei helfen, wegen der andern Geschäfte. >Nun sieh, Vater<, sprach ich, >die Arbeit ist nebenbei geschehen, und der Kaufmann will auch daran verdienen, ich dächte, wir rechnen auch nur die Hälfte von dem üblichen Spinner- und Weberlohn.< — >Ja, Mutter Anna<, entgegnete er, >wir wollen alles nur zur Hälfte rechnen, da werden wir's um so eher verkaufen<, und so nahm er wieder die Kreide und brachte gerade sieben Taler, neunzehn Groschen und fünf Pfennige heraus für das schöne Stück vom feinsten Hausleinen, das, wenn es gebleicht oder appretiert ist, in Berlin oder Leipzig mit zwanzig bis fünfundzwanzig Taler bezahlt wird. — Ich sollte nur acht Taler fordern, und wenn ich gedrängt würde, auf sieben— oder doch sechs Taler halten.« — »Wer konnte glauben«, unterbrach sie Meister Mathias, »daß für solches Spottgeld das schöne Stück nicht tausendmal verkauft werden würde?— Wir waren unsrer Sache so gewiß, daß wir schon Pläne machten, was wir mit dem vielen Gelde anfangen wollten — ich dachte nur an Kartoffeln und Brotkorn im Lande aufzukaufen, um es nicht dreimal teurer uns vom Faktor anrechnen lassen zu müssen — Mutter aber spekulierte gar schon auf ein Schweinchen. >Solch ein Ding, ganz klein<, sprach sie, >kostet höchstens einen Gulden oder einen Taler— das frißt sich nun mit uns wohl durch, wird alle Tage größer und fetter und kostet am Ende seine zehn bis zwanzig Taler — wir pachten uns dafür dann Acker, ziehen Kartoffeln und treiben das Geschäft mit zwei Schweinchen schon ganz ins Große — eine Ziege, die wir dann aufziehen, gibt uns Milch und Butter und Käse — und wir leben nach Verlauf von einem oder zwei Jahren im Wohlstande, wie damals in den alten Zeiten, als ein geschickter Damastweber noch seine drei bis vier Taler die Woche verdiente< — Aber der Mensch denkt's und Gott lenkt's — hört nur weiter!«
Comptoirszene
Mutter Mathias fuhr fort zu erzählen.
»So plagte mich denn der Gott sei bei uns, daß ich zuerst zum Faktor unsers gestrengen Herrn ging. Ich dachte: Erfahren wird er's doch, daß Ihr ein Stück heimlich gemacht und verkauft habt — und dann wird er es Euch um desto schärfer eintränken, wenn Ihr es an einen andern verkauft — und so ging ich denn gestern nach Bleichenau auf das Comptoir, wo in der langen Zimmerreihe ihrer zwanzig auf ihren Reitböcken saßen und schrieben. Ich trat, wie das so Gebrauch ist, an das Gitter, das die Wölfe von den Schafen scheidet, und legte mein Stück Leinen schweigend auf den Tisch.«
»Und sie griffen nicht gleich zu — diese Geier?« fragte der Weber.
»Nein — sie ließen mich ewig lange stehen in der peinlichsten Erwartung meines Lebens. Fort und fort kritzelten die Federn, und der einzige andere Ton, den ich hörte, war das Klirren von harten Talerstücken, die nachgezählt und eingerollt wurden, und große Geldsäcke packten sie aus Fässern, die angekommen waren in eisernen Geldkisten und legten Papiere dazu, die wohl einen hundertmal größern Wert haben mochten, so vorsichtig gingen sie damit um.«
»O Geld haben sie wohl, diese Blutsauger, mehr als nötig wäre, um das ganze Tal glücklich zu machen.«
»So dachte ich auch und mir brannte der Boden unter meinen Füßen, als stehe ich auf glühenden Kohlen.
Endlich — nach langer Zeit, warf der Oberfaktor, der ganz vorn sitzt, weil er gewöhnlich den Einkauf selbst besorgt, einen halben Blick auf mein Stück Leinwand und fragte barsch, während er weiterschrieb:
>Von wem?< —
>Von Meister Mathias — oben im Tiefenauer Tale< — — >Nachsehen<, sprach er zu einem Comptoiristen, der hinter ihm saß, indem er fortfuhr zu schreiben.
Dieser schlug in einem großen Folianten, der zur Seite lag, auf, und indem er mit dem Finger einer langen Reihe Namen folgte, fragte er: >Mathias Christoph Heinrich?<
>Ja, Christoph Heinrich Mathias, Damastweber in . . .<
>Weiß schon<, sprach er, schlug einen andern Folianten auf und deutete auf eine Stelle: >Hier— sein Konto — Nummer 9990 — ein Stück Tafeldrell — zehn Pfund Maschinengarn Nr. 3 und fünf Pfund Handgespinst Nr. 1, erhalten darauf Vorschuß ... einen Scheffel Kartoffeln zu sechzehn Groschen . . . an Brot . . .<
>Zusammenrechnen!< gebot der Faktor, dann wendete er sich freundlicher als sonst seine Art ist gegen mich und sagte: >Na — Ihr seid doch noch ordentliche Leute, daß Ihr das Stück fertig gemacht habt, worauf Ihr Vorschuß empfangen — da sind aber die andern Spitzbuben, die mißbrauchen die Güte des Herrn und machen nebenbei heimlich ein Stück, das sie verkaufen, um nur bares Geld zum Versaufen und Verschlemmen in die Hände zu bekommen — laßt sehen — wie die Arbeit beschaffen ist— gewöhnlich wird darüber hingesudelt oder die Kanaillen verkaufen das Maschinengarn und schießen den wohlfeilern baumwollenen Twist dafür ein — aber mich sollt Ihr nicht dumm machen — ich kenne die Schliche und Kniffe von solchem Lumpenpack — — Donnerwetter<, fuhr er plötzlich auf, nachdem er einen Blick auf das Stück geworfen hatte — >das ist ja nicht Damast — das ist Leinwand!<
>Halten zu Gnaden, gestrenger Herr Oberfaktor<, sprach ich ängstlich, >das ist die erste Arbeit meiner Tochter Röse, auf dem zweiten Gestell, das wir noch in der Kammer haben; am Damast arbeitet mein Mann Tag und Nacht.<
>Flausen<, rief er, >macht das einem andern weis, aber mich sollt Ihr nicht für Euren Narren halten. Doch das Stück ist einmal da — laßt sehen!< — Jetzt besah er es näher, ließ es auseinanderlegen und messen — und nach seinen Zügen zu urteilen, schien er damit zufrieden zu sein.
>Nun?<, fragte er endlich, >und was soll die Schundware kosten?«<
»Schundware!« rief der Weber dazwischen, indem er aufsprang, »dieses Stück Ware ist das beste, das jemals im Lande gearbeitet wurde — mich mag er schelten, wie er will; wer aber meine Ware verachtet — das Gespinst und die Arbeit meines Röschens — der greift mich an die Seele.«
» Laßt es gut sein, Vater Mathias«, sprach Fritz, »das meint er nicht so — das ist ein Schacherkniff — je besser die Ware, desto mehr tadelt er sie. — Paßt auf, so wird's kommen!«
»Nun Mutter — wie war's weiter«, sprach der Weber, wieder beruhigt.
»Ganz so, wie Musjeh Fritz da sagten. — Er hatte nach dem Preise gefragt und ich sprach: >acht Taler!< Da fing er furchtbar an zu lachen und trippelte hin und her. — >Ihr seid nicht klug<, brach er endlich aus — >mit solchen unverschämten Forderungen will das Volk meinen hohen Prinzipal zum Bettler machen — als ob die alten Zeiten noch wären, wie das deutsche Leinen nach Amerika ging — das ist lange vorbei — Deutschland wird noch dazu mit Belfaster Leinwand aus Schottland überschwemmt. — Hätten wir nicht auch Maschinen angelegt wie die Engländer, so trüge schon lange kein Deutscher mehr ein deutsches Hemd. — Ich will Euch sagen, was der Bettel da wert ist.<
Damit ergriff er ein Stück Rötel und schrieb darauf eine Nummer, die nach ihren Büchern den gebotenen Preis bedeuten sollte, und daneben die Chiffre der Firma des Hauses seines Prinzipals.
>Da<, sprach er, >zweieindrittel Taler — das sollt Ihr haben dafür — und noch aus wahrer Barmherzigkeit — denn es ist ein Heidengeld für solche Lappen — und einen halben Scheffel weiße Bohnen nehmt Ihr in den Kauf— denn das viele bare Geld taugt für euch nicht — ihr geht damit in die Schenken und versauft es.<
>Herr<, rief ich empört, >das ist ja ein Schandgebot und eine Ehrenschändung dazu — ich bitte um Erlaubnis, den gestrengen Herrn selbst zu sprechen; ich wette, daß er nicht so unbarmherzig sein kann, arme Leute so zu drücken.<
>Der Herr hat mehr zu tun, als jedes alte Weib anzuhören, das ihm die Ohren voll lamentieren würde!<
>Du lieber Himmel<, rief ich aus, >zweieindrittel Taler! — Damit ist noch nicht der Flachs, geschweige denn das Gespinst und die Arbeit bezahlt.<
>Geschieht Euch schon recht — warum macht Ihr solche Arbeit, die niemand bestellt hat. — Geht doch — geht — versucht's, ob ein anderer mehr zahlt. — Noch eins aber schreibt Euch hinters Ohr— wenn Ihr damit erst im Lande herumgelaufen seid und könnt's nicht loswerden — und kommt dann wieder — so haben sich indes die Konjunkturen geändert und ich berechne Euch nur zwei Ta1er. — Nun adieu — adieu!<
>Gestrenger Herr . . .<
>Nichts mehr — ja oder nein—kann um solch ein Bettelgeschäft meine Zeit nicht verlieren.<
>Es ist unmöglich.<
>Gut dann — marsch fort; ich halte Euch nicht.<
Da nahm ich denn mein gezeichnetes Stück unter den Arm und ging in die Stadt zu Henneborn und Compagnie, aber als sie das Zeichen sahen, da sagten sie auf dem Comptoir, das möge wohl ein geringes Gebot sein — aber sie könnten's nicht kaufen, ohne Herrn Walther zu beleidigen. Und so erging's mir noch bei drei, vier andern, und ich sah, daß es der Faktor gebrandmarkt hatte und daß niemand wagte, das Stück selbst nur für diesen Spottpreis zu kaufen.«
»Das ist ungesetzlich«, rief der Weber, »ebenso unerlaubt als unmenschlich! Aber wie können wir armen Leute den reichen Gutsbesitzer bei den Obergerichten in der Residenz verklagen? —O Zeit — o Welt — der Arme muß sich jede Despotie, jede Willkür von dem Reichen gefallen lassen!«
»Hilft alles nichts, Vater — wir müssen Brot und Geld haben«, sprach die Hausfrau mit Besonnenheit, »jetzt entscheide du, sollen wir es hingeben für den Schandpreis oder bis auf bessere Zeiten liegenlassen.«
»Können wir das?« rief der Weber, »haben wir Vorrat nur auf einen Tag? Müssen wir nicht verkaufen und arbeiten um jeden Preis?«
»Vater«, sprach Röschen, während der letzte Strahl der Abendsonne durch das kleine Schiebefenster ein rötliches Streiflicht auf ihre feinen Gesichtszüge warf, »ich werde selbst gehen und versuchen, ob ich diese Tigerherzen nicht zu erweichen vermag, durch meine Bitten und Tränen.«
Rosa erschien in diesem Augenblick allen wie ein Engel des Himmels, der ihnen Glück und Segen und Rettung aus der Not verhieß. Der alte Weber nahm seine Mütze ab, faltete die Hände darüber und betete einen tröstlichen Bibelspruch:
»Du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, Herr mein Gott! Da meine Seele verzagte, gedachte ich an den Herrn und mein Gebet kam zu Dir in Deinen heiligen Tempel. Die da halten über dem Nichtigen, verlassen ihre Gnade. Ich aber will mit Dank opfern; mein Gelübde will ich bezahlen dem Herrn, daß er mir geholfen.«
Und alle beteten den Spruch mit und fühlten sich vom Vertrauen erfüllt. Auf morgen früh wurde Röschens Wanderung nach dem Comptoir des Herrn Walther beschlossen. Fritz erbot sich, sie zu begleiten; jetzt aber erhielt er einen Boten, der ihn schleunigst nach dem Pfarrhofe zurückrief.
Lage der Weber im Gebirge
In diesen Tälern des angestrengtesten Fleißes herrschte noch im Anfange dieses Jahrhunderts Glück und Wohlstand. Reiche Kaufleute wohnten in allen den kleinen Städten in der Nähe der Weberdörfer, die ihren Reichtum der redlichen Spekulation vedankten. Wo sind sie geblieben? Man sieht jetzt noch ihre verfallenen Paläste wie gespenstisch in dieses Elend hineinschauen; diese dienen jetzt den Eulen und Spinnen zum Aufenthalt. Mit Lumpen sind die zerbrochenen Fensterscheiben verstopft, und hungernde, obdachlose Menschen, die sich hier, in den einst so reich ausgestatteten Weinkellern und einstigen Prunkgemächern eingenistet haben, finden jetzt dort kaum Schutz gegen den Regen, noch weniger gegen Wind und Kälte, Hagel und Schnee, Ratten und Mäuse. Jetzt haben sich wenige reiche Handelshäuser und Fabrikanten und zahllose Makler zu Herren und Gebietern des traurigen Geschäfts gemacht, einen versunkenen Gewerbszweig noch dadurch zu halten, daß dem Armen der Ertrag seines Fleißes nur kümmerlich bezahlt wird.
Die meisten dieser Arbeiter wohnen in Hütten, die ebenso baufällig sind wie jene verfallenen Paläste und noch dazu über den Wert mit Hypotheken und Grundzinsen belastet, die dem Eigentümer das Glück, Hausbesitzer zu sein, in einen Fluch verwandeln.
Einst brachte die Ausfuhr der Arbeiten dieser Gebirgsbewohner viele Millionen ins Land. Nach Portugal, Spanien, Nord- und Südamerika gingen ihre Leinengewebe — der stolze Hidalge wie der arme Negersklave bekleideten sich mit deutschem Leinen dieser Gegend. Alle Hände waren fleißig und regsam, sie konnten die Bestellungen kaum beschaffen für die neun bis dreizehn Millionen Taler, die ihre Arbeit alljährlich ins Land zog und die sich in tausend und abermals tausend Kanäle bis in die niedrigste Hütte der Spinner und Weber verteilte. Alle Gesichter waren heiter, alle Wangen von der Bergluft gerötet, und sonntags gab es in den Schenken Tanz und Lust, nachdem man in den Kirchen dem Geber des Guten gedankt hatte für diesen Segen der Arbeit.
Da kam Napoleon zur Weltherrschaft. Seine Kontinentalsperre machte den Seehandel unmöglich. Auch Südamerika hatte sich losgerissen vom Mutterlande; Frankreich, Spanien und Portugal hatten ihre Kolonien verloren und waren selbst von innern politischen Kämpfen zerrissen. England, vom Kontinent ausgeschlossen, warf sich mit der ganzen Macht seiner ungeheuren Industrie auf die Leinenfabrikation. Spinnmaschinen und jacquard'sche Webstühle und vollkommnere Appretur gaben bald der schottischen Leinwand den Vorzug im Welthandel, so überwiegend, daß noch heute deutsches Leinen weder im Ausland, noch selbst hier in Deutschland damit konkurrieren kann. Noch mehr: Die wohlfeilere Baumwolle verdrängte bald die Leinengewebe aus den heißen Erdstrichen wie vom Festlande; durch Baumwolle wurden diese verfälscht, und Spinnmaschinen ersetzten eine Handarbeit, durch welche Weiber und Kinder der fleißigen Weber das ihrige dazu beitragen konnten zum Erwerb des Lebensunterhalts. Deutschland selbst war von jeher, von Westfalen aus, mit Leinwand versehen. Dieser Markt, diese Ware und deren Absatz blieben dieselben, während die schlesischen und böhmischen Weber ihren Markt verloren hatten und ihre Kaufleute nur mit Schleuderpreisen sich zu helfen suchten, um den Schleuderpreisen des Auslandes zu begegnen.
Die Folge davon war, daß sie ihrerseits wieder nur immer geringere Preise an die Spinner und Weber zahlen konnten, und diese daher die Arbeit übereilten, die Ware schlechter machten und sich jeden kleinen Betrug erlaubten. Der große Fabrikant und Leinenhändler kaufte das Gewebe von den Arbeitern meistens im rohen Zustande. Er selbst ließ die Appretur und die Bleiche besorgen; aber um das Kapital schneller umzusetzen, trat die sogenannte Fixbleiche (mit Chlor etc.) an die Stelle der Wiesenbleiche (mit Alkalien), und in oft ungeschickten Händen zerstörten die dazu angewendeten ätzenden Mittel die Leinwand so, daß sie nur durch Schlichte noch einigen Schein von Brauchbarkeit erhalten konnte. Man verpackte die schlechte Ware zwischen die gute, und der Handel wurde unreell und sank damit immer mehr. — Das Handgespinst selbst wurde durch die Bedrängnis der Spinner immer schlechter und unegaler. Anstatt das Gespinst einer Hand in einen Strähn zu bringen, damit die Güte gleich sei, wurden die Gespinste aller Hände der Familie zusammengehaspelt, um nur schnell Geld in die Hände der Hungernden zu erhalten. Auch wurde schlechter und unhaltbarer gesponnen. — Die Weber litten wieder unter den schlechten Gespinsten, die ihre Arbeit verzögerten, während der Lohn derselbe blieb. Mit Maschinengarn konnten sie leicht das Doppelte schaffen, und dieser Umstand trug ebenfalls bei, die Nachfrage nach dem Handgespinst zu vermindern, und so stieg die Not der Weber mit der der Spinner in einer schaudererregenden Progression, indem stets die Wirkung der sinkenden Preise wieder die Ursache von einem noch tieferen Sinken derselben wurde und die Nahrungslosigkeit in ihren Folgen eine immer noch tiefere Erwerbslosigkeit erzeugte.
Diese Not traf vorzüglich die Leinenweber, Spinner und Bleicher, weniger die Baumwollenweber, die wieder in andern Gebirgsdörfern sich angesiedelt hatten. — Bei den letzteren wirkten andere Ursachen, um ihnen Not zu bereiten. Sie erhielten ihr Garn von den Fabrikherren geliefert und arbeiteten auf Lohn und Rechnung. Hier waren es besonders viele entlassene Züchtlinge, oder andere leichtsinnige Menschen, die sich als Weber gesetzt hatten, ohne einmal rechtes Geschick dazu zu haben, und so kam es, daß viele nur ein Geringes für ihre Arbeit erhielten, während andere durch viele Kinder, die nicht mithelfen konnten, etwas zu erwerben, durch Krankheiten oder schlechte Wirtschaft in Not geraten waren, und nun vom Bäcker und Müller auf Kredit ihre Nahrungsmittel nehmen mußten, wobei sie denn alles doppelt so teuer zu bezahlen hatten, damit der Ausfall von denen, die nichts zahlen konnten durch die, welche ihre Schuld abverdienten, gedeckt würde. —
Noch weit ungünstiger war die Not der Leinweber in andern Dörfern. —
In frühern Zeiten war jeder Weber Fabrikant, der den Flachs kaufte, oft selbst baute, durch Frau und Kinder verspinnen ließ, selbst wob und dann auf den Märkten an die Leinenhändler, deren immer mehrere einander überboten, sein Stück verkaufte.
Jetzt war es anders. Der geringe Spinn- und Weblohn hatte diese Unglücklichen längst in die Lage gesetzt, alles, was sie brauchten, auf Borg oder Vorschuß nehmen zu müssen. Auf den geringen Kaufpreis lauerten schon zehn gierige Hände, der Bauer, der den Flachs geliefert, der Kaufmann, von dem Garn genommen war, der Müller, durch dessen Mehl die Familie erhalten und die Schlichte geliefert war, und der Bäcker, der dem armen Weber in höchster Not das Brot geborgt hatte. —
Jeder Groschen, jeder Pfennig, der weniger geboten wurde für ein Stück Arbeit, preßte den Armen Tränen aus und hungernden Kindern den Schrei der Not. Und wohl denen, die noch in die Hände menschenfreundlicher und wohlwollender Kaufherren fielen— und solche gibt es auch im Gebirge und in den Städten des angrenzenden flachen Landes — wenn sie auch nicht die reichsten sind. Es gab auch wohlwollende und rechtliche Männer darunter, aber die Konkurrenz zwang sie, mit dem Strome zu schwimmen.
Manche zeichneten die Stücke, um die sie einmal gehandelt hatten, aber das gezeichnete Stück Leinen kaufte so leicht kein Dritter. Andere wieder gaben den Arbeitern Vorschüsse in Geld oder Ware und hatten dann die ihnen zu stellenden Preise völlig in der Hand.
Wie dieses Unglück der Habsucht und Gewinnsucht über T iefenau gekommen war, haben wir schon gesehen. Folgen wir jetzt der Rose des Gebirges in einige der Hütten des Jammers und der Not— in alle ihr zu folgen, die sie an diesem Tage besuchte, würde zu weit ab vom Faden unserer Erzählung führen.
In den Hütten des Elends und in den Höhlen des Jammers
Sie trat in die Hütte Nr. 15.
»Wie geht es, lieber Meister Hubrich?«
»Nun, nun— so, so«, sprach der alte Freiwillige aus den Jahren 1813 bis 1815, strich sich den weißen Schnurrbart im faltenreichen, kummerbleichen Gesichte und deutete auf die Kriegsdenkmünze, die er am verwitterten Bande im Knopfloch einer zerrissenen Jacke trug. — »Es ist alles«, sprach er, »was ich vom Leben habe, und ehe ich diesen meinen Ehrenpreis verkaufe, wollte ich doch lieber mit Weib und Kindern am Hungertuche nagen und sterben.« —
Sie saßen alle — Mann und Frau und eine Tochter — an Spinnrädern und spannen auf Leben und Tod. Sie hatten keinen andern Erwerb, diese armen Leute, und verstanden keine andere Arbeit.
»Nun, Ihr seid ja recht fleißig, Mutter«, wendete sie sich zu der Frau, »es bringt aber wohl nicht viel in diesen schlimmen Zeiten.«
Die Frau zeigte ihren Arm, den sie einmal gebrochen hatte und der ihr schief angeheilt war; auch die rechte Hand, die einen steifen Zeigefinger hatte; dennoch spann sie mit Eifer, während sie bisweilen einer kleinen Wiege einen Stoß gab, so daß sie in schaukelnde Bewegung kam; darin lag ihr jüngstes Kind an den Zähnen krank und wimmerte, und die schon fünfzehnjährige Tochter hatte in Hunger und Kummer nicht gedeihen können. Sie saß da noch unentwickelt, klein wie ein Kind und hatte einen blödsinnigen Blick; aber sie spann.
Der Mann hatte einen Stelzfuß — aber er spann. — Zwei andere Kinder krochen halbnackt am Boden herum, vor Schmutz kaum zu erkennen.
Auf die Frage, wieviel sie wohl verdienten? — rechnete die Frau und entgegnete: »Je nun, wenn wir alle uns recht dranhalten, so bringen wir es wohl auf 1 Silbergroschen und 6 Pfennige täglich. Davon aber haben wir wöchentlich an Miete 3 gGr. zu zahlen, indes noch den Vorteil, uns am Ofen der Wirtin erwärmen und bei dem Leuchten ihres Kienspans spinnen zu können. Brot freilich können wir uns nur selten kaufen und Mehl zur Suppe gar nicht — aber Kartoffeln — Kartoffeln — auch wohl etwas Salz dazu.«
Rosa sagte ihnen Tröstliches, was ihr das Herz eingab und ließ Brot, Käse, Mehl und etwas Geld zurück, und tausend Segenswünsche begleiteten sie vor die Tür.
Im Hause Nummer 81 traf sie den Häusler Gottlieb Lachmann, der, 74 Jahre alt, mit seiner Tochter dort allein wohnt. Die Stube war zur Hälfte ohne Dielen. Kartoffelschalen lagen dort, wie in einem Stall. Der alte Mann war krank und zitterte und fror. — »Lieber Gott«, sprach er, »ich bitte den Himmel täglich, daß er mich doch zu sich nehmen möge — ich kann nichts mehr verdienen, nicht einmal mehr einen Faden spinnen. Meine Tochter da ist 40 Jahre alt, auch kränklich und gebrechlich, wie Sie da sehen, und doch muß sie mich mit ernähren. Sie sitzt von früh bis spät am Webstuhl und verdient doch nicht mehr durch die Weberei als einen Silbergroschen täglich. Dabei soll ich nun an das Dominium 4 Tlr. jährlich Grundzins zahlen, sechs Handdienst- tage und monatlich 3 gGr. Haussteuer entrichten. Und wenn das Haus nur noch wetterfest wäre, aber in der Schlafkammer oben kann man sich vor Wind und Regen nicht bergen, und auf der Treppe bin ich eingebrochen und leide noch infolge dieses Falls an der offenen Wunde am Fuß.« — Mit dem Worte >Gotteslohn< empfing er eine Gabe.
Im Hause Nummer 77 traf Rosa ein herzzerreißendes Elend. Da saß die Witwe Rosine Scholz mit ihren beiden Kindern. Aber die ältere, ein Mädchen von 22 Jahren, ist blödsinnig und auf beiden Beinen gelähmt. Die zweite Tochter, 16 Jahre alt, arbeitet mit der Mutter am Webstuhl abwechselnd, denn eine hat immer genug mit der Blödsinnigen zu tun, deren markerschütterndes Aufschreien kaum zu ertragen ist. Noch sitzt da eine blinde Schwägerin von 60 Jahren, die immer über Hunger klagt, obgleich die andern sich die Kartoffeln entziehen, um sie ihr zu geben, und eine zweite Schwägerin liegt schon seit fünfviertel Jahren völlig kontrakt auf der Ofenbank und jammert über Reißen in den Gliedern. Alle diese armen Leute verlassen einander nicht in der Not. — Als Rosa in tiefster Bewegung nach ihrem Erwerb fragte, gab sie zur Antwort: »Mit meiner Tochter abwechselnd am Webstuhl, bringen wir es höchstens auf monatlich 1 Tlr. 20 Sgr. Dazu kommt noch die Unterstützung aus der Armenkasse von 7 Sgr. 6 Pf. monatlich — mehr kann die Gemeinde, weiß Gott, nicht tun, denn es gibt Hunderte von Häusern, in denen die Not noch größer ist als bei uns; davon aber müssen wir monatlich 2 gGr. Haussteuer an die herrschaftliche Kasse geben, und so bleibt uns fünf Personen nur 13 Sgr. wöchentlich zum Lebensunterhalt.«
Welche Häuser— welche Hütten gab es hier! Der Häusler Gottlieb Lachmann im Häuschen Nr. 112 flicht Körbe zum Obstsammeln. Seine Frau und Töchter spinnen. Das Haus ist dem Einfallen nahe — hier und da sind die verschobenen Balken nur notdürftig gestützt. Unter dem ganz durchlöcherten Schindeldache befindet sich das aus einigen immer feuchten Lumpen bestehende Lager in einer zerbrochenen Bettstelle. Es ist dem Regen und Schnee, Wind und Wetter preisgegeben und gegen Kälte nicht geschützt. — In der ungedielten Stube läuft von den sich auflösenden Lehmwänden das Wasser herab. Man gleitet aus auf dem dadurch schlüpfrig werdenden Fußboden, und in der Mitte der Stube läuft das Wasser in eine mit großen Feldsteinen bedeckte Vertiefung ab, aus welcher zur Regenzeit an 15 Kannen Wasser täglich geschöpft werden müssen. Und in diesem elenden Aufenthalt verdienen der Mann, die Frau und die Tochter mit allem Fleiß nicht mehr als täglich 2 Sgr. 6 Pf., und davon soll er zahlen jährlich an Gemeindeabgaben 6 gGr., Haussteuer 1 Tlr., Grundzins an die Herrschaft 3 Tlr. — Woher sollte Zeit und Geld kommen, um das Haus zu reparieren? —
In den meisten Häusern herrscht noch ein anderer Übelstand. Die Wohnstube enthält zugleich die Küche und die Schlafstellen. Während im Kamin derb gefeuert wird, um Kartoffeln zu kochen, füllt der Rauch das längst geschwärzte Gemach und bedroht die Schlafenden mit dem Erstickungstode. So war es unter andern bei dem Häusler David Frommelt, der verheiratet ist und neun Kinder hat; das eine Kind, vier Jahre alt, ist kontrakt und hat das Lager noch nicht verlassen; das jüngste, ein Jahr alt, liegt noch an der vertrockneten Mutterbrust ohne Nahrung und ist ebenfalls rachitisch. — Die Frau hat ihre Not mit den Kindern, aber sie spinnt, was sie kann, und bringt dadurch wohl ihren täglichen Erwerb auf 1 Sgr. 6 Pf. Der Mann arbeitet im Sommer als Tagelöhner und verdient wohl einen Taler wöchentlich. Aber im Winter, wo es für ihn nichts zu verdienen gibt, ist die Not um so größer. Da kehren Mangel, Hunger und Krankheit hier ein. Und davon sollen jährlich 4 Tlr. grundherrliche Abgaben, 1 Tlr. Haussteuer, 1 Tlr. 5 Sgr. Schulgeld und die Zinsen einer Hypothekenschuld von 35 Tlr. Kapital zu 5 Prozent aufgebracht werden — und dieser Mann gilt noch als wohlhabend im Dorfe. —
Da, in Nummer 24, bei dem Häusler Elger, fand Rosa den Mann am Webstuhl, die Frau seit acht Jahren krumm im Bette liegend und ein zwölfjähriges, kränkliches Mädchen mit der Pflege der Mutter beschäftigt.
In Nummer 13 sah Rosa zwei Familien von 13 Köpfen in einer Stube zusammengedrängt. Die Luft war in dem engen und niedrigen Zimmer zum Ersticken; es roch da nach saurer Schlichte und Ausdünstungen; vier Webstühle und so viele Menschen waren im heißen, feuchten Raum aneinander gedrängt und dabei klagten sie alle über Kälte — sie hatten das Fieber.
Doch wir wollen unsern Lesern nicht zumuten, mit Rosa in alle diese Hütten des Elends zu dringen. Da hatte der Hunger die Kinder verleitet, die gegorene sauere Schlichte (den Kleister, womit die Webe gesteift wird) zu essen und sie waren krank geworden und krümmten sich, die armen Würmer — da lagen sie nackt am Boden oder auf dem Lager von Lumpen — fast überall war es eine feuchte, dumpfe, säuerlich riechende Atmosphäre in diesen Höhlen des Jammers, denn Fieber, Verkrümmungen, Bleichsucht und rachitische Kinder des Blödsinns und der Schwäche waren das Erbteil, das eine Generation der andern überlieferte. — Wird die Not zu groß und zu lange dauernd, so macht sie auch hartherzig und eigennützig. —
In jenem Hause prügelt der Mann seine Frau, um vom Schwiegervater noch den letzten Groschen zu erpressen; da wieder wohnen und leben Mann und Frau zusammen, aber jedes hat seine besondere Wirtschaft, selbst in zahlreichen Familien verzehrt ein jeder, Eltern und Kinder, was sie verdienen oder erbetteln. Die Tochter sieht ihre Mutter hungern, indem sie ihr Brot ißt — der Vater seine Kinder, indem er die letzte Kartoffel verzehrt, schickt er sie betteln, wenn sie weinen — betteln in eine Gemeinde, die fast selbst nur aus Bettlern besteht.
Alles moralische Gefühl ist längst bei solchen Unglücklichen abgestorben; die Kirchenglocken hören sie läuten, aber es fehlt ihnen an Kleidern, hineinzugehen ins Gotteshaus. Gegen die Leiden des Lebens sind sie abgestumpft durch lange Gewohnheit, die Freuden desselben haben sie seit ihrer Geburt nie gekannt. Sie würden sich selbst umbringen — sie würden stehlen, rauben, morden, fehlte es diesen, nur noch in Haut und Knochen hängenden, kaum noch Menschen zu nennenden Wesen nicht an jener Tatkraft, die selbst zum Verbrechen gehört. —
Nur noch das letzte Bild sei vergönnt aufzurollen, ehe wir unsre Leser in die Prunkgemächer des Reichtums führen.
Es war das letzte Haus im Dorfe, aus welchem ein Jammergeschrei ertönte, das Rosa bewog, einzutreten, obgleich ihre Gaben bereits erschöpft waren. Da, in dem Hause Nummer 195, wohnten in einer Stube zwei Weberfamilien — der Häusler Loder mit einer Frau und vier Kindern; das jüngste, drei Wochen alt, liegt, in wenige Lumpen gehüllt, im kleinen Waschgefäß am heißen Ofen, der in diesen Gebirgsgegenden oft auch im Sommer geheizt wird; um Platz für den Spuler zu gewinnen, hatte man das Kind dahin betten müssen, wo es dem Verbrennen ebenso nahe war als dem Ersticken im Rauch. Die Kinder schlafen dort nackt auf den nackten Dielen; in derselben Stube wohnt und schläft der verheiratete Inlieger Badermann; die Bettstelle des letztem und die der Loderschen Eheleute stehen nur wenige Fuß voneinander entfernt. Die Frau des Badermann ist 60 Jahre alt, vom Schlagfluß gelähmt, blind und epileptisch; der Mann aber teilt mit ihr sein Lager, weil er kein anderes hat — dicht daneben im andern Bett wird die Frau des Loder entbunden — man denke sich dieses Wochenbett, neben der epileptischen Nachbarin und dem über diese Störung fluchenden Nachbarn.