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Louise Aston (1814-1871) gilt als eine der entschiedensten Feministinnen des Vormärz. In erster Ehe mit einem englischen Fabrikanten verheiratet, wurde sie nach der Trennung von Samuel Aston zu einer radikalen Verfechterin der Frauenemanzipation, unterstützte jedoch zugleich nachdrücklich die Forderungen der ausgebeuteten Klassen. Sie liebte es zu provozieren, indem sie etwa Männerkleidung trug, öffentlich rauchte und sich zu freier Liebe bekannte. 1846 nahm die Reaktion ihren Lebensstil, ihren Umgang mit Oppositionellen sowie angeblich ´staatsgefährliche´ Äußerungen zum Anlaß, sie aus Berlin auszuweisen. Sie heiratet einen Arzt und verbringt mit ihm ein Wanderleben in Osteuropa, wo ihr Mann als Arzt und sie als Pflegerin arbeitet. Sie stirbt 1871 mittellos und ohne gesellschaftliche Anerkennung – in Berlin.

Als Autorin ist Louise Aston nur in den Jahren 1846 bis 1849 hervorgetreten. Es erschienen von ihr zwei Gedichtbände und vier Prosawerke, darunter der stark autobiographische Roman ´Aus dem Leben einer Frau´, dem Erfahrungen aus ihrer ersten Ehe zugrunde liegen.

Johanna Oburn, mit einem Fabrikanten verheiratet, entwickelt sich im Lauf der Handlung von einer an den Geschäften ihres Mannes nicht teilnehmenden, treusorgenden und zugleich aufwendig lebenden Ehefrau zu einem kritischen, selbstbewußten Menschen, als sie erstmals vom sozialen Elend der Arbeiter ihres Mannes erfährt. Sie löst ihre Ehe mit Oburn, als dieser sie bittet, eine Nacht mit einem Adligen zu verbringen, der als Kreditgeber für die Oburnschen Fabriken dringend benötigt wird.

 

In dem hier abgedruckten Auszug verläßt Louise Aston ihre Erzählerrolle und reflektiert frühsozialistische Theorien und Ereignisse der englischen und französischen Arbeiterbewegung, um sie in Zusammenhang mit dem schlesischen Aufstand zu bringen. Obwohl Louise Astont für gesellschaftliche Veränderungen eintritt, ist sie der Meinung, daß durch ein ´Evangelium der Liebe´ die Herrschenden Revolutionen verhindern könnten.

 

Louise Aston. Aus dem Leben einer Frau (1847)

 

Im Comptoir des Fabrikherrn Oburn war wenige Monate nach seiner Rückkehr vom Bade unter den Kommis eine große Unruhe und Untätigkeit wahrzunehmen. Die Feder hinter das Ohr geklemmt, sahen sie entweder neugierig in die nahe Fabrik, die von den Fenstern des Comptoirs zu übersehen war, oder auf den Buchhalter Ehrig und flüsterten sich dabei verstohlen einige Worte ins Ohr. Das Gesicht des Herrn Ehrig gab ihnen indes nicht den gewünschten Kommentar — es war heute so undurchdringlich ernst wie es immer zu sein pflegte. Nur die hohe, tiefgefurchte Stirn war noch etwas finsterer als gewöhnlich zusammengezogen, und die schwarzen, intelligenten Augen verschlangen gleichsam die Zahlen des vor ihm aufgeschlagenen Hauptkassenbuchs. »Da muß es nicht richtig sein«, lispelte einer der pomadeduftigen Kontoristen seinem Nachbarn zu, der ihm ähnlich sah wie ein nichtssagender Abdruck; »da fehlt's, o das habe ich schon lange bemerkt.«

Der Buchhalter, der diese Bemerkung gehört, wandte sich rasch auf seinem runden, hohen Schreibsessel um, sah die faden Gestalten drohend an, und schien im Begriff, ihnen eine Lektion geben zu wollen, als das plötzliche Öffnen der Tür, die zur Fabrik rührte und der Anblick, der sich ihm hier darbot, ihn alles andere vergessen machte. Zwölf Männer aus der arbeitenden Klasse, dem Greisenalter nah, sichtbar abgemagert, mit eingefallenen hohlen Augen, den Rücken krummgezogen durch übermäßiges Arbeiten, die Hände voller Schwielen, um den elenden Leib einige Kleiderfetzen hängend, traten langsam, einer nach dem andern, ein. Es waren die verschiedenen Werkmeister der Oburnschen Fabrik. Kummervoll überschaute Ehrig jede einzelne Figur; doch er suchte seine Rührung zu verbergen und frug ziemlich barsch: »Nun, was soll das? Warum verlaßt ihr die Fabrik während der Arbeitsstunden? Ich muß euch für dieses Versäumnis die übliche Taxe eures Wochenlohns abziehn. Geht schnell zurück; was wollt ihr hier?« — Da ergriff der älteste unter ihnen, Webermeister Schmidt, das Wort: »Was wir wollen, Herr Buchhalter, das will ich Ihnen jetzt im Namen aller meiner Kameraden sagen. Wir sind hier, um mit unserm Herrn zu reden, weil wir nicht Hungers sterben wollen mit Weib und Kind. Das ist wahrhaftig Grund genug! Ihr Herren wißt nicht, wie weh der Hunger tut, wie es einem alten Vater fast das Herz bricht, wenn die Kinder, die ihm der Himmel geschenkt, vergeblich nach Brot rufen. Ja, Herr Ehrig, so kann es nicht länger mit uns bleiben! Wir sind Menschen und wollen auch menschlich leben. Vor Jahren, als Herr Oburn diese Fabriken gründete, bekamen wir doch wenigstens Lohn genug, um, wenn wir des Tags rechtschaffen und fleißig gearbeitet, des Abends ein gesundes Nachtessen zu genießen und in einem reinlichen Bett Kräfte für den kommenden Morgen zu sammeln. Sonntags ruhten wir uns aus, gingen mit unseren Kindern in die Kirche und dankten dem lieben Gott für die Wohltat der Ruhe. Dann ging's in die Schenke; und bei einem Kruge Bier, bei einer Pfeife Tabak vergaßen wir alle Lasten des Lebens. Mehr brauchen wir nicht — dabei waren wir glückliche Leute und trösteten uns dafür, daß wir auf Erden nicht alle gleich sein können mit der Hoffnung auf ein besseres Jenseits. Denn wer hier Arbeit und Mühsal hat, dem verspricht ja die Heilige Schrift im Himmel tausendfältigen Lohn. Mit uns ist's aber von Jahr zu Jahr schlechter geworden. Unser Herr ward inzwischen ein reicher Mann. Unser saurer Schweiß hat die Fabriken gehoben und das Gold in seiner Kasse gehäuft. Wir meinen denn, da wär's recht und billig gewesen, uns eine kleine Zulage zu geben. Es hätte uns schon gefreut, weil wir des Herrn Freundlichkeit und Menschenliebe daraus ersehen. Und das tut wohl und weckt auch bei uns Liebe und Vertrauen, und in die Arbeit kommt ein guter Geist. Doch statt einer verdienten Zulage hat man uns nach und nach immer mehr Abzüge gemacht, so daß jetzt unser ganzer wöchentlicher Verdienst sich auf anderthalb Taler beläuft. Davon können wir mit unseren Familien nicht leben. Sehen Sie unsere morschen, ausgemergelten Knochen — woher soll uns die Kraft kommen, Tag für Tag sechzehn Stunden zu arbeiten? Wir wollen daher alle einstimmig unsern Herrn bitten, uns wieder unseren früheren Lohn auszuzahlen. Sonst arbeiten wir alle nicht mehr! Not kennt kein Gebot! Kommt keine Hilfe von oben, so müssen wir uns selbst helfen!« Fast drohend hatte der alte Mann die letzten Worte gesprochen und schwieg hier erschöpft still. Seine Knie zitterten und schienen ihn nicht länger tragen zu können. Der Buchhalter aber sprach freundlich und begütigend: »Setzt Euch Meister Schmidt! Ihr seid müde geworden, und ich hab auf euer Anliegen doch manches zu erwidern. Leider ist es wahr, daß euch in den letzten Jahren bedeutende Abzüge gemacht sind; doch nicht dem bösen Willen des Herrn dürft ihr diese harte Maßregel zuschreiben, die er nur mit Widerstreben ergriff, von ungünstigen Konjunkturen gezwungen. Ihr wißt es nicht, welche großen Verluste der Herr in den letzten Messen erlitten hat durch Gründung neuer Fabriken, welche dieselben Stoffe billiger liefern. Doch vertraut mir eure Angelegenheit an! Ich will sie vor eurem Herrn vertreten, als wäre es meine eigene, und alles aufbieten, daß eurer größten Not abgeholfen werde!« Diese Worte der Hoffnung übten einen mächtigen Zauber aus auf die Gemüter der Bittenden. Alle diese abgemagerten Gestalten, die nicht das Alter, sondern das Elend, der Hunger und die Sorge zu Greisen gemacht, drängten sich zu dem Buchhalter, reichten ihm zum Dank für diese Aussicht die harten Hände und ließen sich, getröstet von diesem Hoffnungsschimmer, geduldig wieder einspannen in das alte Joch. — Während dieser Szene saß der Fabrikherr in einem eleganten Neglige mit seiner jungen Gattin an einem reichgedeckten Frühstückstische. Alles war komfortabel eingerichtet in dem wohnlichen Arbeitszimmer. Ein lustiges Kaminfeuer wetteiferte mit der mattgelben Oktobersonne, die mitunter neugierig einen Strahl durch das Fenster fallen ließ und dem Gemach den Schein einer behaglichen Wärme lieh. Düfte von gebratenen Speisen und ausländischen Weinen stiegen so lieblich auf, als sollten hier den alten Göttern Opfer dargebracht werden. Gemütlich schlürfte Oburn ein Glas Burgunder nach dem andern, verspeiste dazwischen mit seltener Virtuosität ein halbes Schock Austern und tranchierte eben ein delikates Rebhuhn, als der Buchhalter in das Zimmer trat. »Verzeihen Sie, Herr Oburn, wenn ich jetzt störe; aber die Angelegenheit ist so dringend, daß ich jede Verzögerung mir als ein Unrecht anrechnen müßte.« Erschreckt durch diese Anrede, ließ Oburn aus seiner Hand die schwere silberne Gabel fallen und fragte heftig: »Nun, was gibt's? Wieder ein neuer Verlust? Sind die Ballen Baumwolle, welche wir von England steuerfrei erwarten, etwa in die Hände der Zollbeamten geraten? Sprechen Sie doch, Mann! Machen Sie mir keine Angst!«

»Nein, Herr, das Geschäft ist gut beendet! Die Ballen sind in Sicherheit. Es erwächst Ihnen durch diesen billigen Einkauf ein großer Gewinn, und gerade dies gibt mir den Mut, jetzt als Abgesandter sämtlicher Arbeiter zu Ihnen zu sprechen. Die Not der Leute hat den höchsten Grad erreicht. Erbittert durch die letzten Abzüge, die ich auf Ihren Befehl machen mußte, haben sie fest beschlossen, unverzüglich die Fabrik zu verlassen und die Arbeit bei Ihnen gänzlich aufzugeben, wenn Sie den Lohn nicht wieder bis zu der früheren Taxe erhöhen.«

»Was«, schrie Oburn wütend, »das Volk will nicht mehr arbeiten? Ist für solche Kreaturen nicht 1 Rtlr. 15 Sgr. wöchentlich ein reiches Einkommen? Was brauchen sie denn mehr zum Leben? Wollen sie übermütig ein ganz besonderes Glück in Anspruch nehmen? Ein für allemal, Herr Ehrig — reden Sie hierüber kein Wort mehr — es bleibt so; und damit Punktum!«

Ehrigs Blick überflog mit bedeutsamem Ausdruck den mit den feinsten Leckereien besetzten Tisch, den er mit der kärglichen Kartoffelmahlzeit der Arbeiter verglich. Seine Gedanken verweilten bei der maßlosen Kluft zwischen den Besitzenden und den Besitzlosen, nach deren Ausfüllung das Jahrhundert in jugendlichem Streben ringt, bei jenem Bruch der Gesellschaft, den noch kein System der edelsten Denker zu heilen vermochte, bei jenem Abgrund, an dessen Rand die Revolutionen der Zukunft stehen. Voll Verachtung gegen die Herren der Welt, die ihren Besitz als den sichtbaren Ausdruck der göttlichen Gnade, als ein Monopol betrachten; die nicht einmal die bescheidensten Prozente einer maßlosen Einnahme auf dem Altar der leidenden Menschheit niederlegen, entgegnete Ehrig: »Nun denn, wenn Sie die herzzerreißende Lage Ihrer Leute nicht rührt — ich habe Ihrem Willen keine Macht entgegenzusetzen. Doch Sie erlauben mir, daß ich Ihr Geschäft verlasse; denn der immerwährende Anblick von Sorge und Gram und Verzweiflung reibt mich auf. Ich hatte mein Wort gegeben, bei Ihnen Fürsprache zu tun. Da sie fruchtlos geblieben, so will auch ich nicht länger, auf Unkosten der Armut, ein gutes Gehalt beziehn und gebe hiermit freiwillig meine Stellung auf.«

Nach diesen Worten entfernte sich Ehrig schnell. Oburn sah ihm bestürzt nach; der Appetit war ihm vergangen; er stand hastig auf und ging im Zimmer auf und nieder. Madame Oburn war eine stillschweigende Zeugin dieser Unterredung gewesen. Sie hatte sich während der ganzen Ehe nie um die Geschäfte ihres Gatten gekümmert. Sein Reichtum überhob sie sogar jeder kleinen Sorge für die Häuslichkeit, der auch Frauen aus den höchsten Ständen sich sonst oft unterziehn. Besonders seit ihrer Rückkunft von Karlsbad hatte sie, der Außenwelt fast unzugänglich, sich ganz einem innerlichen Leben zugewendet und träumerisch vor ihrer Seele die Gestalten vorübergehn lassen, die so bedeutsamen Eindruck auf ihr tiefstes Wesen gemacht. Nur auf den Klängen der Musik wiegte sie oft die wechselnden Gefühle: Schmerz und Freude, all die Erinnerungen einer inhaltvollen Zeit. Denn die Töne sind die sanftesten Dolmetscher des Gefühles und der Schwärmerei und lassen die leisesten Schwingungen der Seele ausklingen, wo das Wort in seiner scharfen und schneidenden Bestimmtheit das Gefühl verletzen würde. Oburn hielt diesen apathischen Zustand für Krankheit und ängstigte sich ab, bis ihm der Arzt die Versicherung gab, daß seine Frau sich körperlich vollkommen wohl befinde. Getröstet begann er nun, sie eine Närrin zu schelten, die ihm das Leben durch ihre Launen verbittere und immer ihren abgeschmackten Träumereien nachjage. Auch zog er sich ganz von ihr zurück, und nur eine zufällige Stimmung hatte die beiden Gatten zusammengeführt. Madame Oburn, tief erregt durch Ehrigs Worte, folgte scharf betrachtend jeder Bewegung ihres Mannes, erhob sich dann plötzlich, näherte sich ihm leise, legte freundlich ihren Arm auf den seinen und sprach: »Du tust nicht wohl daran, den Arbeitern Abzüge zu machen; es wird für dich selbst schlimme Folgen haben; glaube es dem redlichen Ehrig und laß es um keinen Preis dahin kommen, daß der treue Mann, der so eifrig für dein Wohl sorgt, das Haus verlasse!«

Erstaunt sah Oburn seine Frau an; denn es war das erste Mal, daß sie über Angelegenheiten seines Geschäftes mitsprach. Erfreut über diese Teilnahme und überzeugt von der Notwendigkeit, Ehrig zu behalten, sprach er in einem liebevollen Ton: »Du hast wohl recht, liebe Johanna! Doch nach den vielen Verlusten, die ich kürzlich erlitten, bin ich wirklich nicht imstande, die Lage meiner Arbeiter zu verbessern! Doch das findet sich vielleicht mit der Zeit wieder! Und dann, mein Kind, du kennst dies Volk

nicht! Wenn sie sehn, daß ich jetzt bei meinem Willen bleibe, daß ich mich nicht schrecken lasse, so werden sie schon ruhig fortarbeiten. Wo wollen sie denn hin? Die sind mir sicher! Grade ihre Armut fesselt sie an mich! Ich kann ihnen noch weit größere Abzüge machen — sie müssen doch bleiben und nach meiner Pfeife tanzen! Aber den Ehrig kann ich nicht entbehren, ich will ihm das Doppelte seines Gehaltes bieten, wenn er bleibt.« Verwundert hörte die junge Frau ihrem Manne zu: »Du hast Verluste gehabt, lieber Oburn? Du kannst deshalb den Leuten nicht geben, worauf sie durch mühsame Arbeit ein Recht sich erworben? Aber warum brauchen wir denn so viel? Laß uns einfach leben! Fort mit dem übermäßigen Aufwande! Die Summen, welche wir dadurch nutzlos vergeuden, könnte die Lage aller deiner Arbeiter sorgenfrei machen. Hätte ich nur früher von deinen Verlusten gewußt: ich würde schon längst Einschränkungen im Hause gemacht haben.«

Bei diesen Worten lachte Oburn hell auf: »Närrchen! Wir wollen uns deshalb nichts abgehen lassen! Kümmere dich nicht weiter darum und sei zufrieden, wenn deine kleinen Füßchen auf weichen Teppichen gehen, und die niedlichen, weißen Hände nicht durch Arbeit ihre Schönheit einbüßen.«

Errötend, mit vorwurfsvollem Blick, sah Madame Oburn den Gatten an und entgegnete: »Oburn, hätte ich die Not deiner Leute in ihrer ganzen Größe gekannt, ich würde mich geschämt haben, ihnen, mit Gold und Samt geschmückt, unter die Augen zu treten! 0 daß ich mich nicht früher darum bekümmert! Wie mancher Not hätte ich abhelfen, wie manchen Fluch in Segen verwandeln können!«

Rasch, als könnte jeder ungenutzte Augenblick ihr verderblich werden, eilte sie in ihr Boudoir, öffnete eilig alle Fächer ihres Sekretärs, packte verschiedene, sehr wertvolle goldene Ketten, Ringe, Geschmeide, Arm- und Stirnspangen aus, wog mit sichtli­cher Freude diese Preziosen in der Hand hin und her, schellte, und ließ den Buchhalter zu sich rufen. Als dieser bald darauf eintrat, rief sie ihm zu: »Herr Ehrig! Ich war zugegen, als Sie meinem Gatten die Bitte der Arbeiter um Erhöhung ihres Lohnes vortrugen! Da Oburn, selbst bedrängt, sie für den Augenblick nicht erfüllen kann, so bitte ich Sie dringend, meine Schmucksachen zu verkaufen und den Erlös zum wöchentlichen Zuschuß für die Leute insgeheim zu verwenden. Lange wird diese Summe leider nicht ausreichen; doch wenigstens für den kommenden Winter die größte Not lindern! Und im Frühjahr, hoffe ich, wird mein Gatte imstande sein, die pekuniäre Lage der Arbeiter für immer besser zu gestalten.«

Ehrig sah sprachlos bald die glänzenden Preziosen, bald die liebliche junge Frau an und frug darauf zweifelnd: »Gnädige Frau, Sie wollen wirklich zum Vorteile der Armut sich von Ihrem Schmucke trennen?« — »Das will ich in allem Ernste! Jetzt, da ich mit den Zuständen der Armut vertraut geworden, will ich solchen Schmuck nicht eher tragen, bis unsere Leute vor Not geschützt sind! Aber, Herr Ehrig, bitte! sagen Sie meinem Gatten nichts davon! Ich kenne ihn! Sonst würde auch diese kleine Hilfe den Armen entgehn!« Stumm packte Ehrig die Sachen zusammen und verließ eilig das Gemach, um die ihn übermannende Rührung zu verbergen. Sobald Madame Oburn sich allein sah, rief sie Köchin, Stubenmädchen, Bediente und Kutscher zu sich herein, zahlte ihnen das rückständige Gehalt aus und verabschiedete sie sämtlich. Nur die treue Lisette behielt sie um sich.— Als Herr Oburn später diese eigenmächtige Maßregel erfuhr, polterte er arg im Hause umher, schalt seine Frau eine Romanheldin und beruhigte sich endlich durch die Hoffnung, daß diese Grille doch nur von kurzer Dauer sein und das ancien reime im Haushalt bald wieder herrschen würde. Doch Madame Oburn blieb fest in ihrem Vorsatz. Die bis dahin so verwöhnte weichliche Frau übernahm jede häusliche Beschäftigung, mochte sie ihr noch so ungewohnt und fremd sein, ohne je den Wunsch nach Unterstützung zu äußern. Von früh bis spät sorgte sie bereitwillig für die Bedürfnisse und Bequemlichkeiten ihres Mannes und fand immer noch Zeit genug, die Fabriken zu besuchen. Ihr natürliches richtiges Gefühl sagte ihr, daß freundlicher Zuspruch und menschliche Behandlung diesen Leuten noch nötiger sei als die Erhöhung ihres Lohnes. Deshalb sprach sie freundlich mit allen, erkundigte sich nach den Familien und half nach Kräften, wenn sie von einer Krankheit oder einem Unfall hörte. Die Arbeiter, die sie bisher als die Ursache ihres gesteigerten Druckes angesehen hatten, beteten sie jetzt an. Die bärtigen Gesichter glänzten vor Freude, wenn sie in die Arbeitssäle trat; und von dem Widerschein dieser Freude wurde selbst das sonst undurchdringlich ernste Gesicht des Buchhalters verklärt, der seine Herrin auf diesen Gängen zu begleiten pflegte! — Bei all ihrer Milde und Menschlichkeit, trotz des Segens, den sie überall verbreitete, konnte Madame Oburn doch bei den Werken der Wohltätigkeit ein peinliches Gefühl nicht überwinden. Ihr richtiger Takt gab ihr das Bewußtsein, das die tiefsten Denker dieses Jahrhunderts erkannt, und in kühnen Problemen wissenschaftlich ausgearbeitet, das Bewußtsein, daß in der Wohltätigkeit selbst, und mag sie mit noch soviel christlicher Liebe prunken, eine Erniedrigung liege für die Bedürftigen, deren ewige Menschenrechte zu einem Gegenstand frommer Herablass ung herabgewürdigt würden, zu einem Gnadengeschenk, das eine aus dem Katechismus geschöpfte Sittlichkeit mit den andern zugleich sich selbst macht! Abgesehen von dem Posaunenton des Pharisäertums, der noch jetzt in allen Gassen, an allen Ecken ertönt, wenn er sich auch in den Heroldruf überschwänglicher Christlichkeit verwandelt; abgesehen von der eigennützigen Wohltätigkeit, welche ihre Gaben nur auf Abschlag himmlischer Belohnung spendet: Wird nicht durch unsere sozialen Verhältnisse selbst die milde Humanität gezwungen, die Miene der Herablassung anzunehmen und einem entwürdigten Pariatum als Gnade und Segen gegenüberzutreten? Doch allmählich beginnt auch in den Massen das Bewußtsein der ewigen Menschenrechte, wie sie die Französische Revolution proklamiert, die keine Form der Freiheit geben ohne ihren Inhalt; sondern den Anspruch auf eine Existenz, die in allem Reichtum der Schöpfung sich mit Freiheit auszubreiten berechtigt ist. In den neuesten Entwicklungen des französischen Geistes gären diese Probleme mit dunkler Gewalt, eine Gärung, die noch keine feste Form gewinnen kann, die proteusartig ihre Gestaltungen wechselt, oft in leere Luftbilder verweht, in eiteln Dunst ausdampft; aber stets Zeugnis ablegt von der innern, schaffenden Notwendigkeit, welche fortzuleugnen eine Blasphemie ist gegen den neuen Geist der Menschheit. Die deutsche Philosophie hat die Aufgabe, diese Erscheinungen auf ihren wahren Gehalt zurückzuführen, ihre innerste Bedeutung aufzufassen, ihnen ihre Stelle anzuweisen in der Entwicklung des Geistes.

In Rousseaus Urwälder zurückzufliehen, die ganze Kultur als Flitterwerk und Unnatur, als aufgedrungene Last von sich zu werfen, und ein vierbeiniges Leben zu führen: das ist der neuen Menschheit nicht möglich: das hieße ihre innerste Entwicklung verleugnen; das ist der Gedanke der kolossalsten Reaktion, den je ein Menschengeist gedacht! Doch die tiefern Gegensätze, welche aus dieser Kultur hervorgegangen, müssen auf ihrem eigensten Terrain sich auskämpfen. Die Industrie, die Mutter des Proletariats, die zugleich den Reichtum und die Armut bringt, den Reichtum für einzelne, welche die Nation repräsentieren; die Armut für die Massen: sie ist das neueste Kind der Kultur, unter bedenklichen Auspizien geboren, einer bedenklichen Zukunft entgegensehend. Sie hat die Armut, die bisher zufällig war und isoliert oder in der Knechtschaft Rettung vor dem Hunger fand, zuerst freigegeben und organisiert, so daß sie jetzt als eine impo­sante Macht in die Geschichte tritt.

Die Assoziationen der Armut, der englische Chartismus, ihre ersten Schlachten in Lyon und Paris, ihre verzweifelte Experimental-Revolution in den schlesischen Gebirgen: das sind Taten, mit denen ein neues Blatt in der Geschichte beschrieben wird. Dazu der Zweifel an dem Eigentum, dessen Heiligkeit von der kühnen Kritik eines Proudhon aufgelöst wird; der phantastisch organisierte Kommunismus eines Cabet und Weitling; die sozialen Theorien eines Dezamy und Louis Blanc: sie alle legen Zeugnis ab von den neuen Gedanken, welche der Gemüter der Menschen sich bemächtigen, und von dem tiefen Bruch in unseren Verhältnissen, der sie hervorruft. In all diesen prophetischen Träumen, in diesen oft chimärischen Zukunftsbildern, wie in der kühnen, zerfetzenden Dialektik der Denker, welche keine bestehende Einrichtung wegen ihres verjährten Brauches respektiert: webt und lebt ein neuer, menschheitserlösender Genius, eine neue, erhabene und aufopferungsfähige Sittlichkeit, die in Frieden und Krieg, in Leben und Tod, mit der Tat des Hasses oder dem Werk der Liebe, mit Überredung oder Gewalt den Segen der allgemeinen Verbrüderung heraufführen will über eine innerlich verfallene Welt. Du armes Proletariat, Erbe des alten Fluches vom Paradiese, verdammt, im Schweiße des Angesichts dein Brot zu essen und nimmer frei und unbefangen den Blick emporzurichten mit all der Majestät der Menschenwürde; verdammt, die Maschine zu sein, die gedankenlos von Tag zu Tag sich abarbeitet für fremden Genuß und nimmer die Früchte des eigenen Fleißes erntet: auch dir wird bald die Sonne eines bessern Lebens aufgehen, eines Lebens, das deine Arbeit mit Bewußtsein und mit Genuß belohnt und alle Entbehrung und Bedürftigkeit kümmerlicher Verhältnisse von dir fernhält. Die Arbeit der Denker wird und kann nicht vergebens sein; die Macht des Gedankens wird und muß die Welt unterwerfen. Das geheiligte Recht, das eine sklavische Gelehrsamkeit nur zu glossieren und zu erläutern wagte, ist von der Wissenschaft nachgewiesen als ein Unrecht, das in seinen neuesten Entwicklungen schwer auf der Menschheit lastet und sich selbst auflösen muß. Eine Reform tief eingreifender Übel, die den Schein des Guten, das bestehende menschliche und göttliche Gesetz für sich haben, muß eine Revolution verhindern. Die Besitzenden müssen nicht länger ihre Ohren verstopfen vor dem neuen Evangelium der Liebe, das ihnen gepredigt wird, ein verstocktes Pharaonentum wird ihr eigenes Verderben sein. Die kleinen Geldtyrannen, welche auf ihr Erbe so stolz sind wie die Herren von Gottes Gnaden auf das ihre, und einen Despotismus en miniature ausüben, werden, wenn sie nicht freiwillig abstehen von so quälendem reime, eine Revolution hervorrufen, welche den ganzen Bau der Gesellschaft zusammenschüttelt; der gegenüber die Französische Revolution nur ein politisches Kegelschieben war. Darum, ihr Besitzenden! erkennt die unveräußerlichen Menschenrechte an, in einer Assoziation des Friedens und der Liebe, ehe sie euch proklamiert werden — von einer blutigen Assoziation des Hasses und des Krieges.

Herr Oburn war indes von solchen Gedanken weit entfernt. Er sah, daß die Arbeiter sich beruhigten, ohne die geheime Ursache zu kennen. Darüber triumphierte er: »Sehen Sie, Herr Ehrig! Die Leute sind, ohne Lohnerhöhung, doch geblieben! O ich weiß sie zu beurteilen; ich verstehe, sie zu behandeln! Das Volk muß gedrückt sein — der Druck ist sein Lebenselement! Wenn es erst anfängt, frei aufzuatmen, dann ist es um den Wohlstand der Fabrikherren geschehn!« Ehrig erwiderte nichts auf diese Reflexion.