
Louise Otto ( 1819-1895) ist bekannt als frühe Verfechterin der deutschen Frauenbewegung, als Gründerin einer der ersten, stark politischen deutschen Frauenzeitungen (1849) und als Mitbegründerin des ´Allgemeinen Deutschen Frauenvereins´ (1865). Weniger bekannt ist sie als Schriftstellerin, trotz eines umfangreichen Gesamtwerks.
Ihr Roman ‚Schloß und Fabrik( wurde lange nicht wiederentdeckt. Obwohl davon auszugehen ist, daß Louise Otto die Publizistik ihrer Zeit gut kannte und damit auch die Berichterstattung über die Weber-Revolte, zeichnet sich der Roman weder durch besondere Nähe zu den realen schlesischen Verhältnissen aus, noch durch den Versuch, die soziale Frage zu analysieren. Vielmehr enthält er eine Reihe von Szenen, wie die hier abgedruckte, die ein von bürgerlichen Traditionen geprägtes Empfinden gegenüber der neuen industriellen Welt erkennen lassen. Zwar sollen die Fabriken und das durch sie verursachte Leid angeprangert werden, doch wird das Fabrikwesen mehr als Bedrohung der gewohnten bürgerlichen Lebensweise betrachtet denn als Anlaß, die soziale Frage zu untersuchen.
In dem nachfolgenden Kapitel begegnet die Internatsschülerin Pauline Felchner zum ersten Mal einer Fabrik ihres Vaters, von der sie bisher aufgrund eines Bildes sehr idyllische Vorstellungen hatte. Die Konfrontation mit der sozialen Wirklichkeit desillusioniert sie. Im weiteren Verlauf des Romans versucht Pauline Felchner, gemeinsam mit ihrem Verlobten Thalheim, durch Mildtätigkeit und durch Gespräche mit den Arbeitern einen Aufstand abzuwenden, was ihnen nicht gelingt: Sie sterben im Kugelhagel des Militärs.
Louise Otto. Schloß und Fabrik
Ein Empfang
>Oh, meiner Mutter blasse Wangen —
Im ganzen Haus kein Stückchen Brot!
Der Vater schritt zu Markt mit Fluchen — < Ferdinand Freiligrath
Das Jahr hatte sich seinem winterlichen Ende genaht. Elisabeths sehnlichster Wunsch war, aus dem Institut, in dem ihr der Aufenthalt, nachdem es Thalheim verlassen, unerträglich schien, sobald als möglich zu scheiden. Ihre Eltern hatten diesen Wunsch erfüllt. Sie verließ die Residenz zu Weihnachten mit Paulinen zugleich.
Aber sie reisten in verschiedenen Wagen und zu verschiedenen Stunden ab. »Vielleicht«, sagte Pauline beim Scheiden, »vermögen wir uns in der ersten Zeit nicht wiederzusehen. Wir wollen uns aber ein großes Zeichen unsres Einverständnisses geben, ein Zeichen, das unsere ganze Umgebung sehen soll. Wir wollen am Christmorgen die armen Kinder bescheren, du die des Dorfes, ich die unsrer Fabrik. Willigst du ein?«
»Von ganzem Herzen — es würde Tahlheim freuen, wenn er unsern Entschluß ahnen könnte —, aber wir werden uns bald wiedersehen, wir werden einander bleiben, was wir uns bisher gewesen sind.« Die Freundinnen fielen einander noch einmal in die Arme, und Pauline fuhr zuerst davon, bald folgte auch Elisabeth.
Pauline atmete frei und leicht auf, als sie die Residenz hinter sich hatte. Sie hatte dort außer Elisabeths Freundschaft, welche ihr doch auch erst in der letzten Zeit zuteil ward, nichts als Kränkungen erfahren, sie hatte sich überall zurückgesetzt gesehen — nur weil sie aus bürgerlichem Stande war. Nun war sie geschützt gegen all die bittern Wirkungen dieser festsitzenden Vorurteile, denn das traute Vaterhaus erwartete sie. Wie sehnte sie sich nach dem heitern Frieden dieses ländlichen Lebens, wie freute sie sich, in die Arme ihres teuern Vaters zu fliegen, den sie so lange nicht gesehen hatte. Mit welcher Zärtlichkeit und Umsicht gedachte sie seinen Wünschen nachzukommen, wie wollte sie sein Alter erfreuen und erheitern!
Seit ihren Kinderjahren war sie nicht wieder in die Fabrik des Vaters gekommen, wenn auch dieser selbst sie hier und da besucht hatte. Sie besaß ein großes Bild von dieser Fabrik. Wie schön erschien darauf das von Bäumen umgebene palastartige Wohnhaus, daneben die nicht minder großen Gebäude mit den vielen hohen, hellen Fenstern, hinter denen viele Maschinen und Hunderte von Menschen arbeiteten! Wie malerisch nahmen sich auf diesem Bilde die Hütten aus, welche die Arbeiter bewohnten und in der Mitte des hofartigen Platzes der kleine Turm mit der Uhr, welche man weithin sehen konnte, und der großen, freischwebenden Glocke. Auch ein prachtvoller Garten mit Terrassen blühender Blumen und seltener Bäume fehlte nicht. >Und dieser reizende Aufenthalt<, dachte Pauline, >wird mein bleibender Aufenthalt sein, ist meine Heimat! Wie glücklich werde ich sein!< — Jetzt freilich war es Winter, wie sie ankam. Sie reiste allein, ihr Vater und ihr ältester Bruder hatten nicht Zeit gehabt, sie abzuholen. Ihr jüngerer Bruder wurde selbst erst später erwartet. Es tat ihr doch leid, daß der Vater keine Zeit hatte für sein Kind, das er so lange nicht gesehen, doch sie dachte, es müsse wohl einmal so sein, und beruhigte sich dabei. — Sie hatte einen Tag lang zu fahren. Es war Abend geworden, als sie auf der Höhe ankam, von welcher aus sie die Fabrik zuerst konnte liegen sehen.
»Da«, sagte der Kutscher und zeigte auf die seitwärts liegende Ebene, in welche sie jetzt einen Blick tun konnten.
»Dort ist das Haus des Vaters!« rief Pauline jubelnd, klopfte fröhlich in die kleinen Hände, und eine Träne der Rührung und Freude fiel aus ihren Augen. »Aber was ist denn das?« sagte sie nach einem Weilchen, als sie genauer hingesehen hatte, »so helles Licht kann doch nicht in allen Zimmern sein? Und sogar draußen die Terrassen schimmern hell, und am Himmel breitet sich ein lichter Schein über das Ganze aus.«
»Ei, ja doch«, sagte der Kutscher, »der Herr Vater hat Ihretwegen illuminieren lassen. Das nimmt sich ganz schön aus!«
»Der gute, liebe Vater, wie lieb er mich haben muß!« sagte Pauline immer fröhlicher und gerührter.
»Ja, er hat es sich etwas kosten lassen, Sie recht großartig zu empfangen«, versetzte der Kutscher wieder.
Sie hatten nur noch eine kleine halbe Stunde zu fahren — dann fuhren sie an den ersten Häusern vorbei, welche von Fabrikanten29 bewohnt waren.
»Da kommt sie!« rief eine Schar versammelter Kinder und näherte sich mit Hallogeschrei dem Wagen.
»Macht keinen solchen Lärm!« sagte eine barsche Männerstimme.
»Lassen Sie den guten Kindern immer ihren Spaß«, sagte Pauline zu dem Wagen heraus, der jetzt langsam fuhr, damit die Pferde vor dem nahen Lichtglanz sich nicht scheuen mögten. »Lassen Sie die Kinder, ich freue mich, wenn sie mich mit solchem Jubel empfangen.«
Ein grobes, bittres Gelächter antwortete diesen Worten, es klang Paulinen so unheimlich und widerwärtig, daß sie sich beinah erschrocken in eine Wagenecke zurückzog.
»Halt 's Maul, Kanaillen!« antwortete der Kutscher auf dies Gelächter und knallte drohend mit der Peitsche.
Pauline erschrak vor diesen derben Redensarten ebensosehr wie vor dem Gelächter und wünschte um alles, bald vor dem Wohnhaus zu halten. Bis dahin war aber immer noch ein gutes Stück zu fahren.
Ein paar zerlumpte Frauen, die eine von ihnen ein schreiendes Kind auf dem Arm, saßen auf einem Stein, an dem der Wagen nahe vorbeikam. Eine Rakete stieg als Zeichen der Ankunft vor dem Turme auf, und die Glocke wurde geläutet.
»Gar noch Feuerwerk!« sagte die eine der Frauen. »Machen's denn die Lichter nicht hell genug, unser Elend zu beleuchten?«
»Das ist doch wahrer Spott«, versetzte die andre, »läßt sein sündhaft erworbnes Geld lieber in Feuerkugeln aufgehen, als daß er sich unsrer Not erbarmte.«
»Laßt's nur gut sein, Else«, sagte ein zerlumpter Mensch, der hinzutrat, »der Feuerstrahl schreit für uns um Rache zum Himmel auf. Und mag sich der Himmel nicht erbarmen, nun zum Teufel auch, wir haben ja Fäuste! Sind schwielig von der Arbeit geworden, werden schon gut dreinschlagen können.« Und er schwang die Arme drohend in der Luft. Weiter fuhr er fort: »Das sag ich, Else, wenn dir der Wurm auch noch verhungert an der Brust wie die andern, die auf dem Kirchhof liegen — da seh ich nicht mehr mit ruhig zu.«
Pauline hörte das alles mit Grausen. Schrecken und Angst erfaßte sie. Sie riß hastig den Geldbeutel aus ihrer Tasche, nahm das Geld, was sich darin befand, heraus, ein paar Taler in kleiner Münze, und warf es zum Wagen heraus:
»Nehmt, nehmt, wenn ihr wirklich so arm seid, und seid nicht böse, wenn es nicht mehr ist!« riefsie hinaus mit ihrer kindlichen, von noch nie empfundnem Schauer bebenden Stimme.
Sie hörte nur noch, wie die Leute mit einem tierischen Freudengeschrei sich nach dem Gelde bückten, dann darum schlugen und zankten. Sie drückte den Samthut fester an ihre Ohren, um nur diese rohen Stimmen nicht länger zu vernehmen. »Sind wir denn noch nicht vor dem Haus?« rief sie vor Angst ungeduldig dem Kutscher zu. »Wir wollen doch schneller fahren.«
Ein Betrunkner wankte noch vorbei und sang ein freches Lied. »Fahr zu, Kutscher!« rief Pauline außer sich.
»Nun, was ist's denn weiter?« sagte der Kutscher kopfschüttelnd. »Das Fabrikvolk ist einmal nicht anders, so hört man's alle Tage, das werden Sie schon noch gewohnt werden.«
Endlich war das überstanden — der Wagen hielt.
Zwischen der Haustüre stand der Vater der Ankommenden. Herr Felchner war ein kleines, mumienartig zusammengetrocknetes Männchen. Seine Gesichtsfarbe war gelb, die Haut lederartig und in vielen Runzeln zusammengezogen, die Nase war ungemein spitzig und zwischen ihr und der Stirn befand sich ein tiefer Einschnitt. Die Augen lagen dicht beieinander, sie waren klein, grau und stechend und konnten, ohne gerade schielend genannt zu werden, nach beiden Seiten verschiedene Blicke aufverschiedene Gegenstände werfen. Die Augenlider zeigten in diesem fällen Gesicht die einzige Spur von Rot auf, besonders in den Winkeln. Die Augenbrauen trafen über der Nase fast zusammen und waren buschig und grau, die Haare spielten ebenfalls aus lichtem Braun in Grau hinüber, waren nur sehr spärlich und dünn, ebenso der Backenbart, den man eigentlich nur einen Versuch dazu nennen konnte, denn in der Nähe des Ohrläppchens erschien er wie förmlich ausgerissen. Oberhalb und unterhalb dieser Stelle fanden sich aber einige Haarpartien, die jedoch mehr einzelnen Stachelbüschen glichen als einem Bart. Herr Felchner trug einen grauen, abgetragenen Überrock, auf dem die Nähte weiß schimmerten und die Ärmelaufschläge von langem Gebrauch spiegelhaft glänzten, jeder seiner Knöpfe war gewissenhaft zugeknöpft vom obersten bis zum untersten Knopf, den dritten ausgenommen, weil das zu diesem gehörige Knopfloch ausgerissen war. Ein beschmutztes, bis zur Schmalheit eines Strickes zusammengedrehtes Halstuch von weißer Leinwand befand sich unter dem spitzen Kinn, die dürren Beine umgaben weit umschlotternde Beinkleider, welche nur bis zum Knöchel reichten, grauwollne Socken und ein paar buntgestickte Schuh, an deren einem sich der Lederbesatz an der rechten Seite widerspenstig von dem bunten Zeug getrennt hatte, so daß er noch wie eine zweite verschobene oder zu breite Sohle erschien. Dies war das vollständige Bild eines Mannes, dessen Vermögen man nicht mehr nach Tausenden, sondern nach Millionen zählte, welcher neben dieser Fabrik, die er selbst bewohnte und verwaltete, noch im Ausland große Fabriken besaß, und dessen Reichtum Tausende von Menschen, denen er Arbeit und Elend zugleich gab, zu weißen Sklaven erniedrigte. Das war der Mann, welcher eine von solcher ahnungslosen reinen Kindlichkeit, einem so heitern Vertrauen für die Menschen und das Leben erfüllte, mit einem so warm für alle Menschen, für all ihr Glück und ihre Not schlagenden Herzen begabte Tochter besaß wie Pauline.
»Guten Abend, mein Kind!« sagte er munter und zärtlich, als Pauline rasch aus dem Wagen in den Hausflur sprang und sich in die Arme des harrenden Vaters warf. »Guten Abend, mein liebes Kind! Aber du siehst mir ja ganz erfroren und blaß aus, bist du nicht warm angezogen? 's ist ja eben für eine Dezembernacht gar nicht kalt. Nun komm nur herein in die Stube, da wird dir schon warm werden, oder willst du, ehe wir essen, erst oben in deinen Stuben ablegen, mein Püppchen?«
»Nein, das ist nicht nötig«, sagte Pauline.
»Nun, so komm nur herein, Kind, du zitterst ja am ganzen Leibe!« Und der Vater schob sie in die große Stube im Erdgeschoß, wo der Tisch gedeckt war. Warum sie so zitterte und so blaß aussah, konnte er freilich nicht wissen.
Die große Stube war einfach eingerichtet, besonders trugen die Dielen Spuren von vielen schmutzigen Stiefeln. An der Öffnung, aus welcher der heiße Luftstrahl der Dampfheizung hereinströmte, stand Georg, Paulinens ältrer Bruder, und ließ sich den heißen Strom an den Rücken wehen. Sie lief auf ihn zu und umarmte ihn. Er erwiderte den Gruß kalt, und als sie freundlich zu ihm sagte: »Nun, wie geht es, lieber Bruder? Wir haben uns lange nicht gesehen!« antwortete er finster:
»Wie soll's gehen? Es sind schlechte Zeiten, da weiß man wohl, wie's gehen kann!«
»Was meinst du?«
»Nichts als Ärger den ganzen Tag mit dem verfluchten Pack, das bald von der Arbeit laufen, bald höhern Lohn verlangen will, und noch Gesichter schneidet, wenn man ihm viel Geld oder gute Waren" auszahlt für Pfuscharbeit.«
Pauline wandte sich an den Vater, der sich schon an die Tafel gesetzt und sie neben sich gewinkt hatte: »Lieber Vater, laß doch die vielen Lichter auslöschen — es blendet so, ich bin ja nun da.«
»Sie können immerhin noch ein Weilchen brennen, damit die Leute sehen, wie ich mein Kind empfange«, sagte Felchner schmunzelnd.
»Und brennen sie mir zu Ehren«, fiel ihm die Tochter wieder ins Wort, »so wollen wir sie heute auslöschen und noch an einem andern Tage für mich anzünden.«
»Nun, meinetwegen, laß sie brennen oder auslöschen, aber jetzt wird gegessen.«
Georg setzte sich neben Felchner, Pauline stand noch einmal auf und rief zur Türe hinaus: »Wer die Lichter angezündet hat, soll sie wieder auslöschen, die Illumination ist vorbei.« Dann setzte sie sich wieder auf den vorigen Platz. In demselben Augenblick läutete draußen die Glocke, es war sieben Uhr, und damit ward das Zeichen zum Abendessen gegeben. Der Tisch war noch für acht Personen gedeckt. Es waren die unverheirateten Faktoren und Buchhalter Felchners, welche bei ihm den Tisch hatten. Sie traten rasch und geräuschvoll ein, mit einer stummen Verbeugung vor Paulinen, und nahmen stumm ihre Plätze ein. Pauline sah sie verstohlen der Reihe nach an, wie sie hastig zulangten und unbeschreiblich schnell aßen, mit Messer und Gabel auf Teller und Tisch klirrend. Es waren noch einige junge Leute unter ihnen, aber alle hatten mürrische, halbvertrocknete, teilnahmslose Gesichter, in deren Falten es war, als ob lauter Zahlen verzeichnet stünden. Dieses stumme Essen, wobei keiner auf den anderen Rücksicht nahm, keiner dem anderen irgendeinen tischnachbarlichen Dienst erwies, hatte für Paulinen etwas Befremdendes, Widerliches, ja es kam ihr sogar tierisch vor. Die Stille bei Tische war ihr namentlich peinlich. Felchner ließ jetzt einige Weinflaschen die Runde den Tisch hinab machen, indem er dabei sagte: »Wir wollen die Ankunft meiner Tochter feiern.«
Das war das einzige Wort, womit er diese den Anwesenden vorstellte. Diese machten als Antwort darauf einige hastige Bewegungen mit Schultern und Köpfen, Bewegungen, welche wohl dankende Verneigungen vorstellen mochten, schenkten sich ein, tranken aus, standen dann auf, schoben geräuschvoll die Stühle zurück, und indem einer nach dem andern zur Türe hinausging, murmelte jeder halb unverständlich:
»Ich wünsche wohl zu schlafen!«
Der Fabrikherr und sein Sohn antworteten mit einem einzigen halbverschluckten »Gleichfalls«.
Auch Pauline erhob sich und sagte zu dem Vater: »Kann ich nun nicht mit dir in deine Stube gehen?«
»In mein Comptoir, Kind? Was wolltest du dort?«
»Nein, in deine Stube, wo du dich aufhältst, wenn du nicht arbeitest, oder in die Wohnstube, wo wir noch oft zusammensitzen und traulich plaudern werden!«
»Nun, wenn ich nicht mehr arbeite, bin ich in dieser Stube hier, es ist meine und deine Wohnstube.«
Die Magd räumte eben lärmend ab. Der Kutscher trat ein und nahm aus einem an der Wand befestigten kolossalen Schlüsselschrank ein Bund klirrender Schlüssel, mit dem er wieder hinausging, kurz nachher lief ein Faktor stumm durch die Stube in das Zimmer nebenan, holte da ein Buch heraus und ging mit demselben unter dem Arm wieder zu derselben Türe hinaus, durch welche er gekommen.
Dieses geschäftige, rücksichtslose und stumme, aber doch keineswegs stille Tun kam Paulinen so ungewohnt und wunderlich vor und machte darum einen so unfreundlichen, ja verletzenden Eindruck auf sie.
»Das ist meine Wohnstube?« sagte sie deshalb befremdet zu dem Vater. »Nun, nun«, sagte er, »der glänzenden Stellung, welche du einnehmen sollst, wird nicht vergeben, wenn du auch manchmal in einem weniger brillanten Zimmer bist. Du findest oben die schönsten für dich, und wenn Gäste kommen, wie sie keine Prinzessin schöner haben kann. Aber für gewöhnlich ist der Luxus unbequem, und da befinde ich mich in dieser Stube ganz gut. Willst du hinauf, so mag dich deine Rieke hinaufführen, wenn du etwas auspacken und dich oben umsehen willst, du wirst auch müde sein von der Reise.«
»Ja, sehr müde und erschöpft«, sagte sie. »Aber erst hätte ich eine Bitte an dich; wenn sie nicht gleich heute von meinem Herzen herunterkommt, so kann ich nicht ruhig schlafen.« Georg hatte die Stube verlassen. Sie hing sich schmeichelnd an den Hals des Vaters, mit dem sie jetzt allein war.
»Herzensmädel«, sagte er, »ich kann dir nichts abschlagen, wenn's nur nicht wider meine Grundsätze ist.«
»Nein, das ist's gewiß nicht!« sagte sie zuversichtlich. »Ich bat dich vorhin, die Lichter auslöschen zu lassen. Erlaube mir, sie am Christmorgen wieder anzubrennen für die armen Kinder, die in unsrer Fabrik arbeiten, erlaube mir, diese armen Kleinen zu bescheren.«
Herr Felchner machte ein sehr böses Gesicht: »Das ist eine einfältige Idee, für solche Narrenspossen habe ich kein Geld, das ist wider meine Grundsätze. Geh zu Bette und träume etwas Bessers als solch dummes Zeug.«
»Liebes Väterchen«, sagte sie, »das ist nicht dein Ernst, und wäre es: Laß die Christbescherung für mich nur halb so reich sein wie voriges Jahr, und gib mir die Hälfte für die Kinder.«
»Nein, mit solchen Narrheiten richtet man bei mir nichts aus, das laß dir ein für allemal gesagt sein, ich will von solchen Possen nichts hören, das merke dir!«
Herr Felchner ging aufgeregt in der Stube hin und her, und seine Augen blinzelten und funkelten unruhig und verdrossen nach beiden Seiten, seine Nase schien noch spitziger zu werden als sie ohnehin schon war. Er nahm eine Prise und nieste mehmals so laut, daß Pauline bei jedem Male zusammenfuhr. Sie saß zitternd in der Sofaecke und sah stumm vor sich nieder. Nach langer Pause sagte sie schnell, und man hörte an ihrer Stimme, daß sie weinte: »Wie wird sich nun die gräfliche Herrschaft über uns lustig machen. Die Gräfin Elisabeth will alle Kinder des Dorfes bescheren, um damit ihre Ankunft zu feiern, und ich soll nun zurückstehen.«
Der Fabrikherr stand horchend still: »Ist das wahr? Auch gewiß?«
»Wie könnt ich es sonst behaupten? Du wirst es erfahren, man wird die Herrschaft rühmen und uns verhöhnen.«
»Freilich, freilich, das ändert alles. Ich werde sie beschämen. Unsre Bescherung soll noch einmal so prachtvoll sein als die ihrige, du magst alles besorgen, ich will dir morgen das Geld dazu geben. Freilich, freilich, es wird mich ärgern für die nichtsnutzigen Würmer. Aber nun kann es einmal nicht anders sein, nun muß ich schon.«
»Herzensvater!« rief Pauline, ihn umarmend, und dankte mit liebkosenden Worten tausendmal. Aber so recht von Herzen ging es ihr doch nicht. Sie schämte sich beinah vor sich selbst, daß sie nur dadurch zu ihrem Ziel gekommen war, daß sie hinterlistig, wie sie es nannte, ein minder edles Gefühl als sie gewünscht hätte, in ihres Vaters Innerm hatte wecken müssen. Ja, sie schämte sich mehr noch als vor sich selbst in ihres Vaters Seele hinein, und das tat ihr noch weher. Sie nahm daher bald gute Nacht von ihm und klingelte dem Mädchen, welches sie in ihr Schlafzimmer führte.
Ihr Vater hatte recht gehabt, es war prachtvoll eingerichtet, wie das einer Fürstin, nur zu prachtvoll, es war durch Prunk überladen. Die Tapete war silbergrau mit roten Blumen, die Vorhänge von gelber Seide mit goldnen Quasten, die Fußteppiche ebenfalls gelb mit roten Kanten. Es herrschte ein grelles, geschmackloses Bunt durch das ganze Zimmer. Das Licht darin war so hell, daß es ihre Augen kaum aushalten konnten. Sie verlöschte es so bald als möglich und begab sich zur Ruhe.
Da war sie nun in dem ersehnten Vaterhaus — und seitdem sie da war, hatte sie noch keine andern als verwundende Eindrücke empfangen.
Glänzend im Lichtermeer hatte ihr die heimatliche Wohnung zuerst wie ein Feenpalast entgegengelacht. Da hatte sie schon den schneidenden Hohn und die Jammerflüche des Elendes und der Not gehört, von diesen Menschen gehört, in deren Mitte sie sich glücklich waltend träumte, von denen sie wähnte, daß ihr Vater auch ihnen Vater sei, und sie ihn kindlich verehrend liebten. Und weiter ließ sie alles an sich vorüberziehen, was sie in diesen wenigen Stunden erlebt— und es war nichts, was sie hätte beruhigen oder heitrer stimmen können. Sie seufzte. Aber sie war müde von dem tagelangen Fahren, der kalten Luft, von all dem Erlebten dieses Tages, dieses Abends, sie schloß die müden Augen und schlief sanft und fest bis in den spät anbrechenden Tag hinein.