
Otto Ruppius (1819-1864) wurde in Deutschland erst während seiner letzten Lebensjahre als Schriftsteller bekannt. Zunächst Kaufmann, dann Soldat, schließlich Buchhändler in Langensalza, gründete Ruppius 1845 in Berlin den 'Norddeutschen Volksschriftenverein´ , in dem er nach dem Ausbruch der 48er Revolution die 'Bürger- und Bauernzeitung` herausgab. Im November 1848 erschien in diesem Blatt ein heute nicht mehr nachweisbarer Artikel über die Auflösung der preußischen Nationalversammlung, der die Verurteilung von Ruppius zu neunmonatiger Festungshaft zur Folge hatte. Durch Flucht nach Amerika entzog sich Ruppius der Haft. Erst 1861 kehrte er nach wechselvoller Tätigkeit als Musiklehrer, Publizist und Schriftsteller nach Preußen zurück und wurde in Leipzig Mitarbeiter der ´Gartenlaube´, in der einige seiner in Amerika entstandenen Erzählungen abgedruckt wurden. In Berlin gründete er 1862 mit dem Verleger Franz Duncker ein ´Sonntagsblatt für Jedermann aus dem Volke´, das als literarisches Beiblatt der bei Duncker verlegten 'Volkszeitung´ herauskam. In regelmässigen Abständen wurde die nachfolgende Erzählung bis 1890 in Sammelwerken von Ruppius erneut abgedruckt. Auch so wurde die Erinnerung an die Weber-Revolte 1844 aufrecht erhalten.
Die hier wiedergegebene Erzählung ,Eine Weberfamilie´ ist eine ganz frühe, vielleicht die erste literarische Arbeit von Otto Ruppius. Sie erschien Anfang 1846 in der Startnummer der liberalen Monatsschrift )Der Leuchtthurm´ , die neben literarischen Texten eine 'ausführliche Besprechung der Tagesfragen´ anbot.
Otto Ruppius verwendet in seiner Erzählung 'Eine Weberfamilie´ literarische und journalistische Stilmittel. Kennt man die Publizistik vor und nach der Revolte, dann wird deutlich, wie sehr Ruppius sich bemüht, eine durch Zeitungsartikel vermittelte 'Wirklichkeit´ in seine Erzählung einzubeziehen. Keiner der anderen in diesen Band aufgenommenen Prosatexte hat einen so auffallenden Bezug zur Publizistik des Jahres 1844. Auch das von Ruppius zitierte 'Lied der Weber in Peterswaldau und Langenbielau´ wurde 1844 mehrfach in Zeitungen abgedruckt. Anders als etwa bei Belani oder Prutz werden der soziale Konflikt und der Aufstand weitaus wirklichkeitsnäher geschildert.
Eine Weberfamilie. Schlesische Dorfgeschichte. 1846
Es war Freitag vor Pfingsten. Ein reiner goldgesäumter Abendhimmel spannte sich über das Gebirge. Allen seinen Gefährten vorausgeeilt, blickte schon der Abendstern flimmernd aufdie ruhende Landschaft hernieder, über welcher einschläfernd unbewegt die laue Luft ruhte.
Auf dem Fußwege, der nach dem langen Dorfe im Grunde führte, schritten zwei Gestalten hinab; ein feiner junger Mann mit Sporen und Reitpeitsche, zu seiner rechten Seite eine junge Dame in eleganter Sommertracht.
»Seien Sie ernsthaft, Cousine«, sprach der letztere bittend, »die Gesellschaft ist uns bereits auf den Fersen, und wenn jetzt nicht, finde ich sobald keine ungestörte Minute zu dem wieder, was ich Ihnen sagen muß!«
»Wollen Sie mir ein Geheimnis entdecken, Vetter?« fragte sie lachend, »beginnen Sie, ich werde erschrecklich ernsthaft sein!«
»Sie quälen mich geflissentlich, aber ich werde mir den Augenblick nicht rauben lassen. Klara, zu allen den prachtvollen Gaben, die Ihnen heute an Ihrem Ehrentage geworden, möchte ich noch eine legen. Sie wissen es längst, entscheiden Sie, ob sie Wert für Sie hat, Klara — mein Herz und meine Hand!«
Er war stehengeblieben und faßte ihre Hand; sie aber entzog sie ihm leise und schritt weiter.
»Haben Sie denn wirklich ein Herz, Vetter?« fragte sie nach einer Weile und sah in das sich vor ihnen öffnende Dorf hinein, wo überall aus den kleinen Fenstern schon die Lichter blinkten.
»Ob ich ein Herz habe?« entgegnete er, von ihrem Tone betroffen, »daran zweifeln Sie, Klara?«
»Horchen Sie einmal!« rief sie und hielt ihre Schritte an, »das ist eine merkwürdige Melodie!«
Der letzte Bergvorsprung, dicht an den ersten Häusern, lag vor ihnen und dahinter klang es, monoton wie das Lied eines Leiermannes, hervor:
»Armer Konrad, webe zu,
Ohne Rast und ohne Ruh,
Hungersleben, Not genug;
Webst die Kraft aus deinem Arm,
Webst dir doch, daß Gott erbarm',
Nur dein eigen Leichentuch!«
»Vermaledeites Pack!« brummte der junge Mann ärgerlich. »Kommen Sie, Cousine, es ist wahrscheinlich einer von dem Webervolke, der seinen Lohn vertrunken hat und sich nun, statt zu arbeiten, in elegische Klagen ergießt!« fuhr er spottend fort. »Kommen Sie, die Elenden sind frecher als Sie glauben, und es sollte mir um Ihretwillen leid tun, wenn wir uns hier einer unangenehmen Begegnung aussetzten.«
Das Mädchen warf einen ernsten Blick aufihren Begleiter und schritt vorwärts.
Kurz vor dem Eingange in den Ort stand ein Bursche in der dürftigsten Kleidung und ließ gesenkten Hauptes das Paar an sich vorübergehen; der Herr klatschte mit der Reitpeitsche, Klara aber ließ lange den Blick auf den Zügen des Dastehenden ruhen.
»Der Mann folgt uns«, sprach sie nach einer Weile, »er hat vielleicht ein Anliegen, wollen Sie ihn nicht anhören? Es ist auch wohl besser, wir erwarten jetzt das Nachkommen der übrigen.«
»Ihr Wunsch ist mir Befehl!« erwiderte der Angeredete, »sonst gäbe ich dem Unverschämten eine Lektion. Ihr weiches Herz hat freilich keinen Begriff von der Zucht, die man halten muß, wenn man ruhig leben und bestehen will.« — »Will er etwas?« wandte er sich barsch an den Nachfolgenden.
Der Bursche kam heran.
»Lieber Herr«, begann er in bittendem Tone, »ich wollte nicht wiederkommen und Vorschuß betteln, aber wir haben halt seit gestrigen Tags kein Brinkel zu essen im Haus, und wenn der alte Rake und 's Mädel und ich und die Kinderle nicht verhungern sollen, müssen Sie mir ein klein Vorschußzettele geben. Ich hab's nicht tun wollen, aber ich hab' den Jammer und die Not nicht mehr mit ansehen können.«
»Sehen Sie, Cousine, so geht's!« wandte sich der junge Fabrikherr an seine Begleiterin. »Diese Menschen haben schon mehr Vorschuß, als sie in ihrem ganzen Leben wieder abarbeiten können. Wir sind viel zu gut gewesen, nun wird es als ein Muß gefordert. Jetzt gebe ich aufs neue eine Vorschußanweisung, die ist heute abend zum größten Teile vertrunken, und in einigen Tagen geht das Lamento von neuem los. Morgen könnt Ihr Eure Arbeit abliefern und erhaltet Geld, jetzt gebe ich nichts!«
Damit wandte er sich ab und bot seiner Begleiterin den Arm; aber mit zwei Schritten hatte ihm der junge Weber den Weg vertreten.
»Herr«, sprach er und sein Gesicht war finster geworden, seine Stimme zitterte, und mit den vor der Brust gefalteten Händen schien er die innere Aufregung zurückdrängen zu wollen; »Herr, 's sind drei Jahr, daß ich kein Tröppel Schnaps über die Zunge gebracht habe und wenn 's Elend die alte Raken nicht Barniedergeworfen hätte, wo's Geld kostete und immer Geld, bis wir sie nausgelegt haben in die stille Bucht, wenn Sie barmherziger gewesen wären und uns 's liebe Brot und die Erdtoffeln nicht so hoch angerechnet hätten, wir wären halt nicht so weit in 'n Vorschuß 'neingekommen. Und wenn 's Elend nun nicht gar so groß wär', ich hätt' mich nicht her gestellt und Sie abgewartet! Herr, geben Sie mir ein Zettele, ich will ja halt nur ein klein Tüchel Erdtoffeln, geben Sie mir's, lieber Herr, Siesmüssen barmherzig sein, ich kann nicht eher fortgehen!«
In das Gesicht des Fabrikherrn war die helle Zornröte geschossen. »Ertrotzen will er es?« brach er los und hob die Reitpeitsche, »aus dem Wege, niederträchtiger Lump!«
»Schlagen Sie zu«, sagte der Weber und senkte den Kopf; »aber geben Sie mir was für die derheime!«
»Alfred!« rief jetzt die Dame und hielt den aufgehobenen Arm ihres Begleiters zurück, »haben Sie denn wirklich kein Herz?«
»Aber liebe, beste Klara!« entgegnete er, halb ärgerlich, halb überwunden von ihrer vertrauten Anrede, »soll ich denn den Unverschämten etwas erzwingen lassen? Glauben Sie denn, er würde mir meiner Bereitwilligkeit Dank wissen? Morgen früh hätte ich meine ganze Webergesellschaft über dem Halse, und da die Jeremiaden nichts mehr helfen, würde es nach dem jetzigen Auftritte Drohungen geben. Ich zwinge ja niemand, für mich zu arbeiten, können die Leute bei dem Lohne nicht auskommen, so mögen sie woanders hingehen, ich kann mich aber doch nicht für sie zum armen Manne machen?«
»Das ist kein Trotz, das ist die helle Verzweiflung«, sagte Klara leise, »er will ja nur die trockenen Kartoffeln! Geben Sie ihm, mir zuliebe, etwas; es würde mich den ganzen Abend verstimmen, wenn ich in unserm Überflusse an den abgewiesenen Hungernden denken müßte.«
»Ich bringe Ihnen heute gern alles zum Opfer, selbst meine Überzeugung«, sprach er, ihre Hand drückend. »Geh Er voran«, rief er dem jungen Weber zu, »und wart Er an der Tür. Dank Er's aber nur der Dame, wenn ich Ihm statt einer verdienten Züchtigung seinen Willen tue!« — »Könnten Sie«, fuhr er gegen Klara gewendet fort, »so ganz die Verhältnisse durchschauen, Sie würden mich anders beurteilen, als Sie es vielleicht tun. Will der Kaufmann, der Fabrikant, gleichen Schritt mit der Zeit halten, so muß er hart sein, hart wie Eisen. Ist er es nicht, so sind es seine Konkurrenten, er wird überflügelt und geht zugrunde! Das weiche Frauenherz mag das freilich oft nicht fassen können. —,Jetzt kommen Sie, liebe Klara, die Gesellschaft wird schon lange auf einem andern Wege zurückgekehrt sein!«
Lächelnde Gesichter, leise Neckereien empfingen in dem glänzend erleuchteten, mit allem Luxus ausgestatteten Salon des großen Fabrikgebäudes die Heimkehrenden, deren bereits die mit üppiger Verschwendung angeordnete Tafel harrte. Mit leuchtendem Gesichte führte nach kurzer Zögerung der junge Fabrikherr die schöne Klara zu 'Fische, bald knallten die Champagnerpfropfen, und unter lautem jubel klang der Toast zum Wohle der reizenden Tageskönigin. —
Der junge Weber schritt, seinen Zettel in der Hand, in eines jener Etablissements, die, von der Spekulation der Fabrikherren gegründet, dem Arbeiter gegen eine Anweisung des Besitzers alle Lebensbedürfnisse bieten. Hier rauben Wucherpreise, die als Vorschuß notiert werden, dem Armen die letzte Möglichkeit einer Aufhilfe, und der reiche Fabrikant scheut sich nicht, noch von dem Hunger seiner zu Boden getretenen Arbeiter zu profitieren.
Da, wo eine der mittleren Seitenstraßen des Dorfes sich nach den Bergen zu öffnet, stand ein niederes Häuschen. Die beiden Fenster darin waren an mehreren Stellen mit Papier verklebt, wo aber die kleinen Glasscheiben noch unversehrt waren, glänzten sie hell und blank geputzt und ließen den Lichtschein aus der Stube ungehindert auf die Straße fallen. Trat man durch die niedere Haustür ein, so zeigte sich eine Art Hausflur, eben nicht breiter als die Türe selbst; der Boden von festgetretener Erde, aber sauber gefegt, die Wände und Decke von Lehm und rohen Balken. Links führte eine wandelbare 'für in den einzig bewohnbaren Raum. Ein Webstuhl nahm ziemlich die Hälfte desselben ein, eine zerbrechliche Bettstelle, zum Teil mit Stroh und einer vielfach ausgebesserten, dürftigen Decke angefüllt, ein roher 'fisch und zwei Holzschemel bildeten die übrige Ausstattung und ließen kaum den beiden Kindern, die emsig am Spulrade beschäftigt waren, Raum zu ihrer Arbeit.
Hinter dem klappenden Webstuhl saß eine jener Gestalten. deren Alter sich so schwer bestimmen läßt. Ein hektisches, bleiches Gesicht, von dünnen Haaren umweht, eingefallene Backen und die Furchen des Grams um Mund und Stirn eingefressen, mit glanzlosem nichtssagenden Auge das rastlose Webschiffchen verfolgend.
Hart neben dem Stuhle, den Rücken gegen die Tür gekehrt, hatte eine weibliche Gestalt ihren Platz genommen und nähte an einem Stück alter Wäsche. Ihre Kleidung war armselig, aber ganz und rein, das Haar glatt gekämmt und am Hinterkopfe in Flechten aufgesteckt. Das Öllicht, am Webstuhl hängend, verbreitete nur eine rote, trübe Heilung in der Stube, und sie mußte den Kopf tief auf ihre Arbeit herabbeugen, um das Nötige zu erkennen.
»Hannel«, sagte jetzt der kleine Junge am Spulrade, die Zeit wahrnehmend, wo der Weber innehielt, um einen zerrissenen Faden anzuknüpfen, »hast du nicht ein bissel Brot? Mich hungert gar sehr!«
»Schon wieder Hunger, Heinerle?« fragte die Angeredete, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen, »hast doch heut schon gegessen?«
»Ach Hannel, ein klein, klein Brinkel den ganzen Tag, und Liesel auch!«
»Warte, mein Tockel, wenn a Wilm die Erdtolleln bringt, hernach gibt's was!«
»Aber, Hannel, wenn er sie nicht bringt?«
»Nu, da flennst du nicht, legst dich als ein gut Jungel ins Bette und bitt'st den lieben Gott, daß er uns morgen was beschert!« Sie bog sich tiefer auf ihre Näherei und schien ein Zittern ihrer Stimme vergebens unterdrücken zu wollen.
»Aber, Hannel, ich habe hinte so gar großen Hunger, gib mir doch ein klein Wing, ich will dernach auch lange, lange nichts mehr haben!«
»Und ich auch!« jammerte die kleine Liesel und wischte sich die tränenden Augen.
Das Mädchen verbarg einen tiefaufsteigenden Seufzer und sah verstohlen nach dem Weber hinauf; als dieser aber nur einen trüben, gleichmütigen Blick über die Gruppe schweifen ließ und sodann seine Arbeit wieder begann, stand sie hastig auf, öffnete das Fenster und sah in die dunkle Nacht hinaus. Heinerle folgte ihr mit den Augen, ließ dann das Köpfchen hängen und setzte sein Spulrad wieder langsam in Bewegung. Das eintönige Schnurren und das Klappen des Webstuhls unterbrachen wieder allein die Stille.
Das Mädchen am Fenster sah, die Hände auf die Brust gepreßt, hinab nach dem großen Fabrikhause, auf welches die kurze Seitenstraße stieß. Dort strahlte die ganze erste Etage in heller Erleuchtung, dann und wann stahlen sich einzelne Töne, bald Musik, bald heller Jubel, bis zu ihrem Ohre; um ihren Mund zuckte es wie ein heißes, bitteres Wehe und zwei große schwere Tränen rangen sich mühsam unter den Wimpern hervor.
Sie wandte die Augen weg und blickte hinauf in den wolkenlosen sternbesäten Nachthimmel, fester drückte sie die gefalteten Hände gegen das Herz, Träne auf Träne entquoll ihrem Auge, bis die gepreßte Oual sich unaufhaltsam Bahn brach und sie, den Kopf gegen die Fensterbekleidung gelehnt, dastand im leisen schluchzenden Weinen, als könne sie es nimmer enden, als müsse sich das ganze gepeinigte Herz in bittere Tränen auflösen.
»Hannel!« sagte eine unterdrückte Stimme außerhalb des Fensters, »Hannel!« wiederholte es, und der Weberbursche faßte mit heftigem Drucke ihre Hand, und als nun das Licht auf sein Gesicht fiel, sah man, wie er mit einem so ingrimmigen, Gott anklagenden Schmerze in ihre nassen Augen blickte, daß die Tränen des Mädchens im Nu stockten und sie, ein Lächeln versuchend, mit beiden Händen über sein Gesicht strich, als wollte sie den Ausdruck der Seelenpein daraus verwischen.
»Laß 's gut sein, Wilm«, sagte sie dann und trocknete sich mit der Schürze die Augen, »gelt, 's ist recht dumm, wenn ich flenne und 's tut dir weh? Ich dachte halt an meine Mutter!«
»Belüg mich nit, Hannel!« sagte der Bursche, »deine Mutter ist tot und braucht sich nicht mehr knergeln und ädern zu lassen, braucht den Jammer nicht mehr mit anzusehen; wär'n wir's doch auch! Aber dir frißt 's Elend und die Not am Herzen, und wenn ich die Troppen auf deinen Backen seh', will mir's die Seele aus dem Leibe reißen, daß ich nicht helfen kann. Bist von Brassel (dial. für Breslau) weggegangen, wo du's gut hattest, um derheime anzupacken, wie deine Mutter vor Angst und Jammer gestorben war, und mir pupperte 's Herz vor Freude, wie ich dich mit deinen roten Backen sah und wie du mir so treu geblieben. Nun bist du 'neingekommen ins Elend, und die Freude ist bald alle geworden; die Zähren haben die roten Backen weggebeizt und die hellen Augen trübe gemacht; hast mit uns müssen hungrig zu Bette gehen, wie wir uns auch zerarbeitet haben — und je schlimmer es geworden ist, je mehr hast du dich zergrämt, das hast du zum Lohne gehabt. Und ich habe zum Himmel 'naufgeschrien und 's ist mir gewesen, als müßte der Verstand dervongehen, aber der Himmel, Sonne, Mond und Sterne haben mich angelacht, als wollten sie mich aushuzen, und 's ist nur schlimmer geworden. Sieh, Hannel, kann's denn nur einen Gott im Himmel geben? Er könnt's ja nicht übers Herz bringen, uns verhungern zu lassen. Ist deine Mutter nicht vor Gram übers Elend ihrer Kinder d'raufgegangen und könnte der Herrgott, der doch viel besser sein müßte als die Menschen, den Jammer seiner schlesingschen Kinder so mit ansehen, da's ihm doch halt nur ein Wort kost'te zu helfen? 's kann keinen geben!« rief er mit überflutendem In- grimme aus und ballte die Fäuste, »er hätte die Lasterdärme, die Blutegel da oben, die uns ädern, 's Blut abzapfen, bis wir tot sind und sich dermit frätzen und dicke tun, schon lange darniedergeschlagen in seinem Zorne!«
»Wilm, Wilm, sprich nicht so!« rief das Mädchen ängstlich, »versündige dich nicht an unserm Herrgott droben, komm 'rein! Du hast wohl — nichts?« setzte sie stockend hinzu.
»Doch, Hannel!« erwiderte er und ließ die Augen noch nicht los von dem erleuchteten Hause, »'s ist aber 's letzte und nur wing; ich gehe nicht wieder hin und wenn's noch so schlimm wird!« Er ging nach der Haustüre. Noch einmal sah er zurück. »Dort johlen und prassen sie in unserm Schweiße und Lebensmarke, und wir möchten kreischen und heulen!« Er biß die Zähne aufeinander, daß sie knirschten. »Sind wir denn verflucht zu Hunger und Jammer? Zum Arbeiten, daß der Saft aus den Knochen geht und zum elendigen Verderben? Warum wir denn und nicht auch die? Haben sie's nicht mehr verdient, sind's nicht Tiger- und Panthertiere, die jedem von uns mit kaltem Blute 's Herz aus'm Leibe reißen? Und uns hilft Niemensch, kein Gott und kein König, denn die dort sind große Herren und wir sind elendiges, gemeines Volk!« Er senkte den Kopf und ging in das Haus, in seinem Blicke lag die Resignation der Ohnmacht, die selbst den Versuch zur Rettung aufgegeben.
Wie die hungrigen Tiere nach dem Wärter, so wandten sich die Köpfe aller nach dem Wilhelm und den wenigen Kartoffeln, die dieser in ein altes Tuch gebunden auf den Tisch legte.
»Da koch, Hannel!« sagte er düster und warf sich auf den leerstehenden Schemel daneben, »müssen halt zusehen, wie's langt!«
Der alte Weber hinter dem Stuhle hatte die Hände sinken lassen, den Kopf zurückgelehnt und wie in tiefer Ermattung die Augen geschlossen; die Kinder kauerten zusammen am Spulrade und ließen die Augen Hannens Bewegungen folgen, welche eilig die Kartoffeln reinigte, dann den einzigen, bereits mit Draht eingebundenen Topf vom Sims über der Tür langte, dürres Reisig zusammenbrach und im Kamin ein prasselndes Feuer anzündete. Wilhelm starrte vor sich hinbrütend zur Erde, und alle hatten fast den Eintritt des Gemeindedieners überhört, der bereits auf den alten Weber zuschritt.
»Guten Abend, Rake!« sagte er, »schlaft ihr? Ich soll Euch was vom Schulzen sagen!«
Der Weber schlug langsam die Augen auf, sah den Sprechenden an und schloß sie wieder.
»Rake«, begann der Gemeindediener von neuem, »Ihr habt seit anderthalb Jahren keine Steuern bezahlt und der Schulze hat sie immer vorgeschossen, das wißt Ihr. Weil er aber nunmehr die Einnehmerstelle abgibt, so muß er sein Geld eintreiben und er läßt Euch sagen, daß, wenn Ihr bis nach dem Feste nicht bezahlt hättet, er Euch den Exequier ins Haus schicken müßte, und wenn der Euch nichts abpfänden könnte, müßte Euer Häusel veranschlagt werden!«
Der Weber blieb regungslos in seiner Stellung; nur ein Zittern, das seinen ganzen Körper überlief, verriet, daß er die Worte verstanden. Hanne, den gefüllten Topf in der Hand, stand, nachdem der Mann schon eine Weile geredet, noch immer den Blick starr auf seine Lippen geheftet, bleich wie die Wand da. Plötzlich schloß sie die Augen, der Topf entglitt ihrer Hand und fiel, in Scherben zerbrechend, zur Erde, daß das Wasser in weiter Flut den Boden überschwemmte, schlaff sanken die Arme herab, und ohne Laut schlug sie, mit dem Kopfe gegen die Mauer stürzend, hintenüber. Der Weber schrak auf, sank wieder zurück und regte sich nicht, die Kinder schrien; Wilhelm, der erst bei dem Falle des Topfes aus seinen düstern Träumereien in die Höhe gefahren war, warf einen verworrenen, zweifelnden Blick durch die Stube, mit einem Aufschrei des Schreckens aber sprang er, zu sich selbst kommend, nach dem zusammenbrechenden Mädchen.
»Hannel, Jesus, Hannel! was hast du denn?!« Er warf sich auf die Knie neben sie, hob den Oberkörper empor und legte ihn in seine Arme. »Hannel, mein liebes Hannel, was ist denn geschehn? Komm doch zu dir!« Er streichelte ihre Backen, er rief sie in steigender Angst mit allen Schmeichelnamen, er küßte den bleichen Mund, als müsse er ihr neues, heißes Leben einflößen; aber wie die Blume, vom tödlichen Frost getroffen, ließ sie das Haupt machtlos auf die Brust herabsinken. — Da traf sein ratlos aufschauendes Auge den Gemeindediener, der von der stürmisch einbrechenden Wirkung seiner Worte noch immer halb verblüfft, halb erschrocken dastand; langsam lehnte Wilhelm den Körper des Mädchens an die Wand zurück, sein Blick, unverwandt auf jenem haftend, glühte auf, mit einem Ruck sprang er vom Boden und packte die Schultern des Mannes, daß dieser von dem unerwarteten Angriffe fast in die Knie brach.
»Jeses, Mann, was wollt Ihr denn!« schrie der Unglücksbote auf und strebte umsonst, sich den krampfhaft geschlossenen Fäusten zu entwinden. Wilhelm wollte sprechen, die Stimme versagte ihm. »Nu, seid ihr denn toll? Ihr zerbrecht mir die Knochen!« schrie jener im vergebenen Widerstande, »laßt los! Der Schulze will Euch ja 'rauswerfen lassen, ich doch nicht!«
Wilhelm sah ihm starr ins Gesicht. »Der Schulze? — 'rauswerfen lassen?« — seine Hände lösten sich, seine Arme glitten herab, er hatte mit einem Male alles begriffen.
»Verdonnerter Kerl!« rief der Gemeindediener, schnell nach dem Ausgange springend, »du sollst mir's büßen!« Die Türe schlug zu, Wilhelm aber sank, als sei durch die gewaltige Anstrengung seine ganze Kraft erschöpft, auf den nebenstehenden Schemel.
Erst nach einer Weile erhob er sich wieder, umfaßte sein ohnmächtiges Mädchen und trug sie nach dem Lager, dann setzte er sich daneben und sah ihr unverwandt in das bleiche, schmerzlich verzogene Gesicht.
»Stirb, Hannel«, sagte er leise, fast mehr für sich, »wache nicht wieder auf, ich komme dernach auch bald! Brauchst nicht mehr zu hungern und zu flennen, brauchst's nicht mit anzusehen, wie sie uns aus'm Hause schmeißen, wie wir an den Türen betteln gehen, bis sie uns einmal tot finden, wie's Vieh auf'm freien Felde. Stirb, Hannel, ich mach's dernach auch nicht mehr lange! Ach, behüt's Gott!« schluchzte er plötzlich auf, »stirb nicht, Hannel, wach auf, mein gut, lieb Mädel! Du gehst wieder nach Brassel und kriegst's gut; ich will den Webstuhl zusammenschlagen und will hacken und graben; ach mein Hannel, mein lieb Hannel, stirb doch nit, ich muß mich ja gleich derneben legen und auch sterben!«
Er nahm sie wieder in seine Arme, er streichelte sie, er küßte sie, und als ein leises Atmen das rückkehrende Leben verkündete, da unterdrückte er mühsam die ausbrechende Freude, als könne eine unvorsichtige Bewegung die schwache Lebensflamme wieder verlöschen, bis sie endlich mit einem leisen Seufzer die Augenlider aufschlug.
Ihr erster Blick fiel in sein treues, bewegtes Auge; »Guter Wilm!« sagte sie und legte noch matt den Kopfaufseine Schulter. Da schlug plötzlich die Erinnerung in ihr auf, und sie zuckte empor wie vor dem Bisse einer giftigen Schlange.
»Sei still, Hannel!« sagte Wilhelm, der sie erriet, »laß sie nur kommen und 's Häusel wegnehmen, was hilft's auch denn, wenn ihr drin elendig verderben müßt? Ich hab' mir was ausgedacht, da wird's besser, glaub mir's Hannel! Sei jetzt still, morgen will ich dir's verzählen!« Aber sie war nicht ruhig; unstet und mit neu aufgelebter Angst durchlief ihr Auge die Stube.
Der Weber saß noch immer mit geschlossenen Augen, als hätte ihn keiner der Vorgänge berührt, hinter dem Webstuhl; in schwachen, regelmäßigen Atemzügen hob sich seine Brust — er war eingeschlafen. Neben dem Kamin, in welchem noch einzelne kleine Köhlchen glühten, saßen zusammengekauert die Kinder. Als Hanna zusammengebrochen, als Wilhelm auf den Gemeindediener eingesprungen war, hatten sie sich erschrocken in den engen Raum zwischen dem Webstuhl und der Wand geflüchtet; als aber der Schreckensbote das Haus verlassen, war zuerst Heinrich hervorgekrochen, hatte die zerstreut umherliegenden Kartoffeln auf ein Häufchen gesammelt und dann einen Teil derselben in die Kohlen geworfen; bald war auch Liesel gefolgt, und jetzt suchten beide behutsam mit einem Reisholz die teils halb, teils völlig gerösteten Kartoffeln hervor, sie gierig verzehrend. Hieran blieb Hannas Blick hängen, aber bald ließ sie in gänzlicher Körper- und Seelenerschöpfung den Kopf wieder auf Wilhelms Schulter sinken und in kurzem war sie still, unbemerkt, in seinen Armen entschlummert. Behutsam legte er sie auf das Lager zurück und schlich auf den Zehen, damit er sie nicht wieder erwecke, zum Kamin. Er zündete neues Reisig darin an, teilte sodann die übriggebliebenen Kartoffeln in drei gleiche Teile und warf, als das Feuer niedergebrannt war, zwei derselben in die Kohlen. Den dritten, für Hanna bestimmten, verwahrte er, in sein Tuch gebunden, sorgfältig auf dem Simse über der Türe. Dann schritt er zum Webstuhl, nahm das Öllicht herab und beleuchtete die aufgespannte Arbeit. Das Leinwandstück war geschlossen und brauchte nur abgeschnitten zu werden. Leise rüttelte er den Weber wach. »Wollt Ihr ein paar Erdtoffeln?« fragte er. Der Weber sah ihn erst eine Weile an, als müsse er sich besinnen. »Erdtoffeln? Hast du noch welche?« sprach er endlich und richtete sich auf, »ich denke —!«
Er rieb sich die Stirn und kroch dann langsam hinter dem Stuhle vor.
»Still, a Hannel ist krank!« ermahnte Wilhelm. Der Weber sagte nichts, ließ nur den toten Blick über das Lager sowie über die am Kamin entschlummerten Kinder gleiten, setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in seine beiden Hände. Bald war er wieder in eine stumpfe Apathie versunken, aus der ihn erst Wilhelm, der die wenigen Kartoffeln nebst einem Häufchen Salz auf den Tisch legte, weckte.
Beide aßen, ohne ein Wort zu sprechen, der Weber heißhungrig. Beide hatten schon seit dem Morgen des Tages vorher keinen Bissen zu sich genommen.
Neben die schlummernde Hanna legte Wilhelm die kleine Liesel, bog sich noch einmal tief zu seinem Mädchen herab und nahm dann leise gute Nacht. Der Weber verriegelte hinter ihm die Haustür, weckte den kleinen Heinrich und suchte mit ihm die harte Ruhestätte unter dem Dach des Hauses. Wilhelm schritt die Straße hinab bis zu dem Hause, wo in einer engen Bodenkammer sein Webstuhl und sein ärmliches Lager stand. Hier blieb er einen Augenblick stehen, sah in den Nachthimmel hinauf und drückte dann beide geballte Fäuste vor die Stirn. »Gibt's denn nur kein Erbarmen und keine Hilfe!? Nicht selt oben im Himmel, nicht unten auf der Erde? Aus dem Hause werfen! — und was dann dernach? Das will der König g'wiß nicht für seine paar Gröschel Steuern, der braucht sie nicht zum Brote wie wir; aber der weiß auch nichts von den elendigen Webern, bis zu dem ist es zu weit— und bis zum Herrgott ' nauf zu hoch!« — Er fühlte sich im Dunkeln hinauf zu seiner Kammer, aber der Schlaf floh ihn, wie so manche lange Nacht; Pläne und Entschlüsse durchkreuzten ihn im tollen Wirrwarr, bis eine erquickungslose Betäubung auf die übermüdete Seele sank.
Über dem Gebirge lag mit ihren funkelnden Sternen die stille, heilige Sommernacht, und der Fremde, der jetzt dort herniedergestiegen wäre, hätte wohl nicht geahnt, wieviel verzweifelte Menschenherzen der Gottesfrieden ringsumher deckte, für wie viele verweinte, eingesunkene Augen die Nacht seit langem schon kein Schlummerlied mehr singe.
Es war Sonnabend abend. Bleich und angegriffen saß Hanna am Tische, vor sich das Öllicht, denn der Webstuhl zu ihrer Seite war leer. Sie hatte ihre Näherei in den Schoß sinken lassen und den Kopf in die Hand gestützt, bei jedem Tritte aber, der von außerhalb zu hören war, fuhr sie auf und schien gespannt zu horchen, immer aber wieder getäuscht und mit wachsender Besorgnis in ihre frühere Stellung zurücksinkend. Auf dem Bette schlief bereits die kleine Liesel, Heinerle, am Spulrade auf dem Boden sitzend, hatte den Kopf auf das Ärmchen gelegt, verzehrte ein Stückchen Brot und schien mit seinen klugen Augen die Schwester zu beobachten. »Kommt der Vater und a Wilm noch nicht?« fragte er nach einer Weile, als vorübergehende Schritte die Harrende von neuem getäuscht hatten.
»Ach, weiß a lieber Gott, wo sie bleiben!« seufzte Hanna, »der Vater noch gar nicht derheime gewesen und a Wilm schon seit'm Mittag weg!« Da knarrte die Haustür auf, mit langsamen Schritten trat Wilhelm in die Stube. Er bot keinen guten Abend, er fiel, ohne ein Wort zu sagen, auf den leerstehenden Schemel und schlug beide Hände vor das Gesicht. Hannas tief aufsteigendes »Gottlob« erstickte im Schrecken. »Wilm!« rief sie, am ganzen Körper zitternd, und ihre Arbeit fiel vom Schoße zur Erde, »Wilm, was ist denn g'schehn? Antworte doch, jemersch, was hast d' denn!? Wo ist denn der Vater?«
Wilhelm ließ die Hände sinken und sein todblasses, gänzlich erschlafftes Gesicht ließ es ihr eiskalt durchs Herz rieseln; »'s ist alle!« sagte er tonlos und lehnte den Kopf mit halb geschlossenen Augen an die Wand, »geh wieder zu deiner Herrschaft nach Brasse', Hannel, solange du noch fort kannst, tu die Kinderle ins Waisenhaus, wir sind nun bald alle tot!«
»Aber lieber, guter Wilm!« rief das Mädchen, sich mühsam von ihrem Sitze erhebend, mit einer Angst, die ihr fast die Stimme versagen ließ, »so red doch nur, was ist denn g'schehn? Red doch nur ein Wörtel, ein klein Wörtel! Haben sie euch denn wieder
vom Lohne abgezogen, wollen sie euch denn keine Arbeit mehr geben? Wilm!« rief sie und faßte seine beiden, eiskalten Hände, »Wilm, Jeses, Jeses, willst d' denn nit reden?!« Und Wilhelm drückte ihre Hände in den seinigen, er richtete den Kopf auf und sah ihr lange mit todtrübem Blicke in das angstvolle Gesicht. »Setz dich hin, Hannel«, sagte er endlich matt, »ich will dir's verzählen.« Er stützte den Kopf auf den Arm und begann, in das Licht starrend, mit leiser, eintöniger Stimme:
»Ich hab' vorhin oben gelegen im Walde, weiß nicht wie lange, und hab' gedacht, wo nur der Herrgott sein müßte und 's ist mir eingefallen, was der Pfarrer verzählt hat, wie ich noch ein klein Jungel gewesen bin, und da hab' ich's nu 'rausgekriegt. Wie a Adam mit seiner Eva gesündigt hat, hat der Herrgott einen mit'm feurigen Schwerte geschickt und das ist der Teufel gewesen. Dem hat er die Herrschaft gegeben und hat sich nicht mehr um die Menschen bekümmert. Und da hat der Teufel die Reichen gemacht, weil kein Reicher in den Himmel kommt. Und er hat 'n allesamt 's Herz ausgerissen, daß sie die Armen ädern müssen und daß sie kein Erbarmen haben, bis die sich in ihrem Elende versündigen oder bis sie sich ein Leid antun, daß er sie dernach auch hat. Ja, so ist's!« Er starrte fort in das trübe Licht, sein Auge glänzte jetzt fast wie das eines Irrsinnigen.
»Aber Wilm«, rief das Mädchen bebend, »was hast d' denn im Walde gemacht, warum bist d' denn nicht hierhergekommen?«
Wilhelm antwortete nicht sogleich, als müsse er erst über die Frage nachdenken.
»Kannst du Heu essen, Hannel?« erwiderte er dann. Das Mädchen starrte ihn an, es überlief sie fast ein Grauen vor seiner tonlosen, verwirrten Rede.
»Nicht? nu sieh!« sagte er und sah, den Kopf sinken lassend, vor sich hin.
Da sprang sie mit überströmenden Augen auf und umschlang ihn mit ihrer ganzen ausbrechenden Liebe und Angst. »Wilm, mein armer, guter Wilm, bist d' denn krank? Willst d' deinem Mädel nicht verzählen, was dir geschehen ist? Bist d' denn mir nicht gut, Wilm?« Und als er ihre warme, von der Aufregung gerötete Wange an der seinigen fühlte, da preßte er die Lippen aufeinander, als wollte er einen neu aufsteigenden Schmerz verbeißen. Plötzlich aber schlang er beide Arme um ihren Hals, verbarg seinen Kopf an ihrer Brust und brach in ein krampfhaftes Schluchzen und Weinen aus. Und Hanna drückte ihn fest an sich und ließ ihn, wie ein krankes Kind, an ihrem Herzen ausweinen; sie fühlte es, ohne es sich klar bewußt zu sein, daß das, was sie so entsetzlich an ihm geängstigt, nun gebrochen sein müsse. Bald richtete er auch den Kopf wieder empor und suchte sich gewaltsam zu ermannen. »Hast du mich schon flennen und heulen gesehen, Hannel?« sagte er, sich die Augen wischend, »'s ist aber alles umsonst.«
»Na, verzähle mir's nur erst, du hast's ärnt zu arg genommen«, sagt sie, leise tröstend, »paß auf, der liebe Gott hilft, wenn's halt am schlimmsten ist!« Sie rückte ihren Schemel neben den seinigen und legte ihren Arm um seinen Nacken. Ihre Seele schien neue Kraft gewonnen zu haben, seitdem sie die Stütze des gebrochenen Liebsten werden sollte. Wilm aber schüttelte zu ihrer Rede traurig den Kopf »Rede mir nicht vom Herrgott!« sagte er, »der hätte uns schon lange helfen müssen, wenn er's gewollt hätte, nu ist's zu späte! — Ich habe oben im Walde gelegen, ach 's ist ein Wunder, daß ich wieder da bin. Ich will dir alles sagen.«
»Wir gingen mit unserer Leinwand, dein Vater und ich, 'nunter in die Fabrik. Da stand nun schon alles voll und wartete auf den jungen Herrn. Die Leute waren dir gar erbärmlich anzusehn, Hunger im Gesichte, Hunger in den dürren Armen und Beinen, Hunger im ganzen Leibe, ich hatt's noch gar nicht so betrachtet wie heute. Und wie dein Vater d'runterstand und sich an die Wand lehnen mußte, weil er 's lange Stehen nicht gewohnt ist, da sah er auch nicht anders aus und ich wohl auch nicht —! Da war einer, der verzählte, daß seine Frau elendig krank derheime läge und daß er für seine fünf Kinder seit drei Tagen kein Brinkel zu beißen gehabt, und andere verzählten, und 's war ebensoviel Jammer und Elend und bei manchem noch mehr; und ich dachte daran, daß sie euch aus'm Hause werfen wollten und ich kriegte eine Wut —! Da kam der junge Herr mit den andern und sie fingen an, mit ihren Gläsern die Leinwand zu beschauen, und wie der Mann d'ran kam mit den fünf Kindern, da fanden sie ein klein Fehlerl, machten Stempel auf das Stück, daß es nichts taugt und warfen's zurück. Da zitterte der Mann und fiel um, nu hatte er für die derheime noch immer nichts zu essen. Und dein Vater neben mir zitterte auch, und ich krallte die Fäuste zusammen. Nu kamen sie zu uns und beschauten und maßen die Leinwand. Sieh, Hannel, wir haben doch jeder vierzehn Tage d'ran gearbeit' t, und nu gaben sie uns jedem zwölf Silbergroschen. Hannel,. für vierzehn Tage, von früh bis in die Nacht, zwölf Silbergroschen! Und wie ich noch nicht wußte, was ich machen sollte und neben mich sah und hinter mich, da war noch keiner mit dem Gelde fortgegangen, und viele waren noch blässer geworden und viele hatten auch die Hände zu Fäusten gemacht; und ich stellte mich gerade vor den jungen Herrn hin und sagte: ,Lieber Herr, sollen wir denn mit dem Gelde wieder vierzehn Tage leben, wir müssen doch halt unsere Zutat bezahlen und dernach reicht's ja nicht halb zum lieben Brote.' Hannel, da hat er mich angesehen und sein Gesicht hat sich verzogen, daß ich verschrocken gewesen bin.
‚Denkt Er wieder was zu erzwingen?' hat er geschrien, ,und ihr dahinter wohl auch? Freßt Heu, wenn's Brot so teuer ist, das ist billiger! Geduld nur, für vier Quarkschnitten sollt ihr noch arbeiten müssen statt für zwölf Groschen!' Hannel, da war's, als wären wir alle dar- niedergeschlagen, wir gingen stille weg, und den Mann mit den fünf Kindern und der kranken Frau trugen sie weg; ich dachte aber, ich müßte mich gleich auf die Erde legen und sterben. Wie ich nu deinen Vater sah, der kaum auf den Beinen stehen konnte, da dacht' ich dran, was mir vergangene Nacht eingefallen war. ,Rake', sagt' ich und tat einen großen Schwur, ,kein Schlag wird mehr getan, wenn's nicht besser wird!' Dein Vater nickte traurig mit 'm Kopfe, als wär' ihm alles recht. ,Rake` sagt' ich, ,jetzt geht Ihr hin und eßt und trinkt einen Schnaps, daß Ihr Kräfte kriegt, und ich trage für a Hannel derweile mein Geld hin, dernach suchen wir andere Arbeit!' Und so machten wir's und gingen zusammen zu a reichen Meier. Dem sagt' ich nu unser ganzes Elend, wie wir bei der Weberei allesamt verhungern müßten und bat ihn, uns andere Arbeit zu geben und wenn sie noch so gering wär'. Aber a Meier lachte und sagte, wenn wir Weber wären, müßten wir auch weben bis ans Ende, was anders wär' mit uns nicht anzufangen; so ließ er uns stehen. Ich dachte: a Meier ist ein donnersch schlechter Kerl der uns in unserm Jammer noch ausnutzt, und wir gingen weiter, Hannel, zum einen, zum andern, zum dritten, zum vierten und Niemensch wollte von dem Webervolke einen zur Arbeit. Nu kamen wir zu a Bartlik, das war der letzte. Wie uns der nu auch fortschicken wollte, da dacht' ich, 's Herz müßte mir stehenbleiben und ich sagte: Bartlik, helf mir Gott, ich muß mich halt bumfiedeln, wenn Ihr uns nicht nehmt! und verzählt' ihm, wie sie's heute in der Fabrik gespielt. Da sah er deinen Vater an und mich und sagte: ,Probiert's!' Nu schickte er uns 'nauf in den Wald, da sollten wir mit den andern Holz machen. Wir fingen an, 's war schwere Arbeit; ich ließ mir's aber nicht merken, wie sauer mir's wurde. Wie nu ein Viertelstündel vorbei ist, dreh' ich mich nach deinem Vater um, da steht er mit der Axt in der Hand und zittert am ganzen Leibe, und wie er sie wieder aufheben will, kann er's nicht. ,'s geht nicht, Wilmc, sagte er und muß sich auf die Erde setzen. Wie's die andern sahen, schickten sie ihn fort, und ich arbeitete allein weiter. — Aber 's dauert nicht lange, da muß ich ausruh'n, und wie ich dernach wieder losschlage, daß 's die andern nicht merken sollten, wird mir's grün und schwarz vor den Augen, und die Axt fällt mir aus den Händen und ich muß mich an'n Baum halten, daß ich nicht umfalle. Da wollten sie mich auch fortschicken, aber ich meint's mit Gewalt zu zwingen, und ich fange wieder an, und — Hannel, wie ich drei Schläge getan habe, lieg' ich auf dem Erdboden und weiß von mir selber nichts. Dernach bin ich fortgegangen«, fuhr er leiser fort und sah wieder auf einen Fleck vor sich nieder, »und wie ich's nu gemerkt habe, daß das 's letzte gewesen ist, und wie ich nu an dich gedacht und an den Schulzen, hab' ich mich hingeworfen und den Kopf vor die Erde geschlagen und ins Gras gebissen und 's ist über mich gekommen immer näher und immer näher, und ich habe mich dervor gefürcht't und habe doch nicht gewußt, was es ist. Nu weiß ich's, Hannel, — 's war die Verrucktheit. Wenn die Holzhauer nicht gekommen wär'n, läg' ich noch immer da oben, und sie hätten mich morgen eingefangen wie einen tollen Hund!«
»Und wo ist denn nu der Vater?« fragte das Mädchen, mühsam seine Erschütterung verbergend.
»Ich weiß nicht«, versetzte er, »der ist im Elend alt geworden und spürt's nicht mehr so, er mag ärnt wo liegen und schlafen, brauchst keine Angst zu haben. Horch jetzt, Hannel«, fuhr er fort und strich mit der Hand über sein Gesicht, »'s wird schlimm, todschlimm! 's Arbeiten auf'm Stuhle ist vergeblich, ich tue keinen Schlag mehr und dein Vater auch nicht; andere Arbeit können wir nicht tun, und wenn 's bissel Geld alle ist, haben wir nichts und kriegen nichts. Wenn 's Fest vorbei ist, müssen wir aus dem Hause, und was dernach wird —! Du gehst wieder nach Brassel, Hannel, du kannst noch andere Arbeit tun, und wenn du hörst, daß ich gestorben bin und dein Vater auch, flenne nicht, dernach ist's besser für uns. Die Kinderle muß die Gemeinde erhalten, die verhungern nicht.«
»Wilm«, sagte das Mädchen, mühsam nach Kraft ringend und den Arm von seinen Schultern nehmend, damit sie dessen Beben nicht verrate, »ich soll fort, weil's ans Leben geht? Wilm!« rief sie, ihm die Entgegnung abschneidend, »wer war's denn, der die ganze Familie Rakens mit erhalten hatte, wie die Not so groß anfing und wie die Mutter siech und elendig wurde, und wer hatte denn 's Letzte hergegeben, wie sie starb, daß sie konnte begraben werden? Und wer hat denn nu gearbeif t, daß ihm die Kraft vergangen ist, und wer hat den Lohn immer wieder hergegeben! Sieh, Wilm, das bist du gewesen, und das hast du bloß getan, weil ich dein Mädel bin, weil du mir immer so gut gewesen bist, daß ich dir's nicht vergelten kann, sonst wären dir Rakens nicht angegangen. Und nu soll ich fortgehen und essen, derweile du hungerst und umkommst, du und der Vater? Wilm!« rief sie und umschlang ihn wieder mit beiden Armen, »ich bleibe da, und werfen sie uns aus'm Häusel, geh'n wir mitsammen betteln!«
Wilhelm schüttelte trübe den Kopf. »Mach kein Geschrei, Hannel«, sagte er mit seiner leisen, eintönigen Stimme, »du hättest's nämliche bci mir getan, und wenn du haben willst, daß ich naufgehe ins Gebirge und mich an den ersten besten Baum hänge, so bleib da!«
Das Mädchen zuckte zusammen und sah ihn geisterbleich an. »Sieh, Hannel«, sprach er weiter, »'s wird nicht lange dauern, da ist kein Brinkel Brot mehr im Hause und du wirst hungern und krießen und dich grämen und wirst dich krank ins Bette legen. Und ich werde derbei stehen und die Fäuste vor den Kopf schlagen und dir nicht helfen können. Und die Kinderle werden kommen und gar erbärmlich um ein klein Bissel Brot schreien, daß es dir die Seele zerreißt und ich werd's nicht ersehen können und — Hannel!« fuhr er fort und drückte die Hand vor die Augen, »geh wieder nach Brassel!«
Hanna hatte das Gesicht an seiner Brust verborgen und meinte, das Herz müsse ihr mitten auseinander gehen; er aber legte seinen Arm um sie und ließ den Kopfmatt auf den ihrigen sinken. So saßen sie lange in die Nacht hinein. Der alte Weber aber war nicht nach Hause gekommen.
Pfingsten war's, und der heilige Morgen kam wie ein herniederschwebender Engel im duftigen Glanze, das Antlitz im seligen Lächeln verklärt und die Hände segnend über die weite Erde ausgestreckt. — Kaum war das Licht rosig über der Gebirgsgegend aufgegangen und brach sich schillernd in den Miriaden Tautropfen, die auf Gräsern und Sträuchern hingen, daß die Landschaft schier aussah wie eine Freudentränen weinende Braut, so fingen auch schon hier und da die Morgenglocken an zu läuten, und die stille Luft trug die Klänge fort zu den Kirchen und Kirchlein in der Runde und weckte dort neue Stimmen; strahlender wurde der Morgen, weiter und immer weiter hinaus erklang das Läuten, bis ringsumher nichts war als Glockenton und sonniger Feiertag.
Die Herrschaften in der Fabrik waren zur Kirche gefahren. Der Prediger ermahnte gar schön und eindringlich, das Herz nicht gegen die Segnungen des Geistes zu verstocken, das wahre Christentum, vor allem die echt christliche Liebe in sich entzünden zu lassen, denn das erste und vornehmste Gebot sei ja: Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst!
»Ist es denn nun so schwer, sich zu lieben?« fragte doppelsinnig der junge Fabrikherr, sich zu der vor ihm sitzenden Klara beugend. Sie neigte den Kopf auf ihr Gesangbuch und antwortete nicht.
»'s ist aber heidnisch, teuflisch, seine Mitmenschen zum Hungertode zu treiben«, sprach statt ihrer, laut genug, daß es beide hören konnten, eine tiefe Stimme hart am Fenster des Kirchstuhls. Der Fabrikherr verriet sich mit keiner Miene, als aber der Geistliche den Segen sprach und die Gemeinde aufdie Knie sank, bog er vorsichtig den Kopfvor, und das schwarze, drohende Auge eines ärmlich gekleideten, aber mit einer eigentümlichen Sicherheit dastehenden Mannes begegnete dem seinigen.
Als die Equipage nach Hause rollte, scheuten die Pferde vor einem Hindernisse im Wege. Ein betrunkener Mann mit zerrissenen Kleidern und verwildertem Haar taumelte auf und wankte nach dem Fußwege hinüber.
Der junge Fabrikherr wies mit dem Finger auf ihn.
»Ein Stückchen meiner Webergesellschaft«, sagte er mit einem häßlichen Lächeln, »glauben Sie mir nun, Cousine? Das sind auch unsere Nächsten, doch der Fuß auf den Nacken ist für sie der dienlichste Liebesbeweis.«
Der Wagen fuhr weiter, der Betrunkene aber bog in eine Seitenstraße ein und stolperte dort in eins der letzten Häuser. Es war der alte Rake.
»O Jemersch, Jemersch, Vater, wo seid Ihr denn gewesen, wie seht Ihr denn aus, heute zum lieben Feiertage?« rief Hanna dem wankend Eintretenden entgegen. Der Alte blieb mitten in der Stube stehen, sah mit stieren Augen bald auf diesen, bald auf jenen Punkt und grunzte einige unverständliche Laute vor sich hin. Wilm erhob sich von seinem Schemel und hielt das Mädchen zurück; in seinem Gesichte drückte sich eine böse Ahnung aus. »Rake, Ihr seid ja total voll, wo habt Ihr denn 's Geld?« rief er, dicht vor ihn hintretend und seinen Arm fassend. Der Weber sah ihn mit gläsernem, nichtssagenden Auge an und wankte einen Schritt seitwärts.
»Hannel, halte mit, ich will ihn durchsuchen«, sagte Wilhelm mit unverhohlener Ängstlichkeit und begann auch schon, die Taschen des Alten umzukehren. Nur ein einziger Kupferdreier fand sich vor. Wilhelm sah erst diesen, dann das Mädchen mit einem Blicke an, dessen traurige Bedeutung vollkommen verstanden wurde.
»Rake, Rake!« schrie er und schüttelte den Betrunkenen an beiden Armen, »wo ist denn 's Geld? 's Geld, Rake! Habt Ihr denn den ganzen Lohn vertrunken?«
Da fing es an, in dem Gesichte des Alten sich zu bewegen, immer stärker, bis seine ganzen Züge verzerrt waren, in konvulsivischen Zuckungen folgten die Schultern und die Arme, der ganze Körper begann zu zittern, plötzlich riß er sich mit einem gewaltigen Ruck aus Wilhelms Händen, tat einen Satz in die Luft und stürzte, den Kopf gegen den Webstuhl schlagend, zur Erde. Hanna schrie auf und hielt sich an dem vor Schrecken starren Wilhelm; ein vorübergehender Nachbar hörte den prasselnden Fall, den Schrei, sah durch das offene Fenster und winkte einen zweiten herbei, ein dritter folgte neugierig; man drang in die Stube, man fragte, und die bebende Hanna vermochte kaum die nötige Erläuterung zu geben; Wilhelm stand dabei, als vermöge er den Mund nicht zu öffnen oder nur ein Glied zu rühren; man hob den Mann auf und legte ihn auf das Bett; kalt und schwer lag der Körper da, der Mund stand offen und strömte einen ekelhaften Branntweingeruch aus. Nach einer Weile kam der herbeigerufene Chirurg; der schob das an dem Lager kniende Mädchen zurück, untersuchte den Daliegenden gleichgültig und sagte dann mit gleichgültigem Achselzucken: »Hier ist nichts zu tun, er ist tot, — scheint sich totgetrunken zu haben!« Damit ging er und ihm folgten die kopfschüttelnden Nachbarn. — Draußen war's lachender sonniger Frühlingstag, zwei Burschen gingen am Fenster vorüber nach dem Gebirge hinaus und sangen:
»Hab' in meiner Brust So 'ne Freud' und Lust, Weil mir's in der Welt so sehr gefällt.
Alle Bäume blüh'n,
Und die Wies' ist grün, Und der Kuckuck schreit, Daß 's 'ne wahre Freud',
's ist ein lustig Leben auf der Welt!«
Einige Tage waren vergangen. In dem grünen Schatten des Gebirgswaldes lag faul, auf das Moos hingestreckt, ein stämmiger Bursche und sah mit seinen schwarzen Augen träumend in den wolkenlosen Himmel hinein. In einzelnen Zwischenräumen summte er leise eine bekannte Volksweise vor sich hin, und dabei überlief sein Gesicht ein spöttisches, halb behagliches Lächeln. Nach einer Weile setzte er sich aufrecht hin, streckte sich dehnend die Arme aus und war dann mit einem Sprunge auf den Füßen. Er wollte eben langsam nach der Lichtung hinausschreiten, als er plötzlich seine Schritte anhielt, behutsam hinter ein Gesträuch trat und mit gespanntem Auge ins Freie sah. Auf der Waldblöße stand ein abgerissener Mensch, und was dieser trieb, mußte auch dem Zuschauenden merkwürdig genug vorkommen. Eine Schlinge von dünnem Strick in der Hand, hatte er einige kurze Stücke Holz zusammengelesen, diese mit einem alten Taschenmesser zugeschärft und trieb nun das erste mit einem Stein in die Rinde eines alten Baumes ein. Als eine Probe mit dem unbekleideten Fuße ihn von der genügenden Festigkeit überzeugt hatte, schlug er höher und mehr zur Seite das zweite ein. Dann erklomm er das erste und befestigte noch höher das dritte. So hatte er sich eine Art Treppe bis zum ersten Aste gebildet und band nun seinen Strick sorgfältig an diesem fest. Dem Beobachter schien eine Ahnung aufzugehen, und mit zwei Sprüngen war er über die Lichtung weg und unter dem Baume. »Halt, Mannelk< rief er, »was willst d' denn da machen?«
Der andere warf einen Blick hinab und fuhr ruhig in seiner Arbeit fort.
»Mich aufhängen«, sagte er gleichmütig.
»Bist d' denn rapplig? hab's halt gedacht!« schrie der erste eifrig, sprang wie ein Eichhorn die eingekeilten Stufen hinan und gab dem Obenstehenden, ehe dieser sich eines Überfalls versah, einen Stoß, daß er, einen Augenblick sich am Stricke erhaltend, notgedrungen zur Erde springen mußte. Dann band der Angreifer den Strick los und steckte ihn in die Tasche. Der Herabgestoßene schien noch nicht recht zu wissen, wie ihm geschehen, und erst als jener vor ihm stand und ihn an beiden Armen rüttelte, zu sich selbst zu kommen.
»Verdammter, verllikschter kerl!« eiferte der erste, »warum willst d' denn so was tun? Die Sünde kannst d' dernach nicht wiedergutmachen, was hast d' denn?«
»Kein Brot, kein Geld, Hunger in den Kaldaunen, wie 'n grimmiger Oderwolf, a Hannel todkrank im Bette und seit vorgestern kein Brinkel für sie«, grollte Wilhelm fast mehr für sich, »'s ist sowieso alle, und ich mag's nicht mehr ersehn, laßt mich los!« rief er und versuchte sich frei zu machen, aber der andere hielt ihn mit starker Faust fest.
»Bist d' denn ganz dumm? so wird's doch nicht besser«, sagte er und sah einen Augenblick kopfschüttelnd die verstörte, hohlwangige Gestalt an. »Komm mit«, fuhr er fort, »ich will dir was geben, für dich und dein Mädel, und dernach will ich dir eine Geschichte verzählen, daß du nicht wieder ans Aufhängen denken sollst.« Wilhelm sah ihn an, als begreife er ihn nicht, der andere aber nahm ihn beim Arme und führte ihn ohne Mühe mit sich weg.
Da, wo das Dorf in einzelnen zerstreuten Hütten ins Gebirge ausläuft, steht an einem Abhange ein kleines Häuschen; dort wohnte Friedel, der Hans Sachs der schlesischen Weber, und wenn auch keines seiner Lieder gedruckt, nicht einmal niedergeschrieben wurde, so sang doch, da sie sämtlich bekannten Volksmelodien angepaßt waren, das ganze Gebirgsvolk seine teils wehmütigen, teils spottenden Verse. Er war selbst Weber, seitdem aber des Lohnes zu wenig und der Not so viel geworden, hatte er seinen Webstuhl zusammengeschlagen, und niemand wußte eigentlich recht, wovon er jetzt lebte. Daß er arm, recht arm war, sah man an allem, dennoch half er überall, so gut und soviel er konnte, und nur die Fabrikanten, die er fortwährend in Prosa und Versen geißelte, waren seine ausgemachten Feinde. Alles dies hatte ihm eine kleine Berühmtheit, ja selbst ein gewisses Übergewicht über seine Kameraden verschafft, und das Wort, das er aussprach, galt und bestimmte die allgemeine Meinung. — In dieses Häuschen trat Wilhelm mit seinem Begleiter, und wir haben in letzterem den Besitzer vor uns.
Friedel schloß die Tür und hieß seinen Gefährten sich niedersetzen. In einer dunklen Ecke des Hausflurs lag ein Haufen Reisig und Stroh; dies räumte er beiseite, griff in ein darunter verborgen gehaltenes Loch und brachte zwei wilde Kaninchen zum Vorschein. Die Schlinge um den Hals des einen ließ aufseine Todesart schließen. Mit einer wahren Meisterschaft begann er jetzt das Abbalgen, warf nach dessen Beendigung die Felle in den unterirdischen Raum zurück und verbarg diesen wieder sorgfältig unter seiner früheren Bedeckung. Das Fleisch verwahrte er in einem alten Sacke und reichte es dem verwundert zuschauenden Wilhelm.
»Da hast du was«, sagte er, »Brot hab' ich selber nicht. Wenn's alle ist, komm in der Mittagsstunde wieder her. Nu geh und vergiß nicht, was ich dir gesagt habe.«
Wilhelm trabte nach Hause, seine Augen glänzten, ihm war wunderseltsam zumute. Erst als er wieder in die Stube trat, wo sein Hannel, wie eine umgebrochene, schon verwelkte Lilie, todmatt, mit geschlossenen Augen lag, trat die Gegenwart wieder grell vor ihn hin. Was seine ahnende Seele vorhergesagt, war schneller hereingebrochen, als er es selbst geglaubt. Hanna war, noch ehe sie aus dem Bereiche des Verderbens hatte fliehen können, vor Schrecken, Gram und Entbehrung bis ins innerste Leben vernichtet, niedergeworfen worden, die Kinder bettelten auf den Straßen umher, und er hätte, ohne die rettende Hand, im Gebirge an einem Baume gehangen. Er konnte sich bei dem letzten Gedanken eines frostigen Schauers nicht erwehren.
Das Feuer prasselte unter dem gefüllten neuen Topfe, und Wilhelm trat auf den Zehen zu dem Lager seines Mädchens.
»Ich hab' was, Hannel«, flüsterte er in ihr Ohr, »du kriegst schöne Suppe, bis du wieder gesund wirst, und die Herren müssen bessern Lohn geben, 's arbeit' t Niemensch mehr, und tun sie's nicht, da holen wir uns selber, was unser gehört. 's wird wieder gut, und dernach können wir uns heiraten; hörst du's, Hannel!«
Die Kranke öffnete matt die Augen, begegnete seinem Blicke, und es glitt über ihre Züge wie der Sonnenblick an einem trüben Herbsttage. Dann fielen die Augenlider wieder zu. Wilhelm aber setzte sich an das Feuer, und bald waren trotz Hunger und Kummer seine Gedanken nur bei dem, was Friedel auf dem Wege zu ihm gesprochen; immer heller wurde sein Blick, unwillkürlich ballten sich seine Hände, und mit einem derben Schlage auf das eigene Knie fuhr er auf, als der Topf zischend überlief und seine Tätigkeit wieder in Anspruch nahm. Sorgfältig abgekühlt brachte er in einem vorhandenen Näpfchen seinem Mädchen die kräftige Brühe, half der Kranken behutsam in die Höhe und führte das Gefäß selbst an ihren Mund; aber nur zwei gierige Züge tat sie, dann überlief ein innerer Schauder ihren ganzen Körper, sie winkte die Labung heftig von sich und sank zurück. Wilhelm stand mit unendlich traurigem Gesichte da und wußte nicht, was er tun sollte. »Aber lieb, gut Hannel«, fragte er endlich und kniete, wo ihr Kopf lag, nieder, »was soll denn werden? Du kannst doch nicht verhungern wollen? Hannel, was willst d' denn haben?« Aber das Mädchen antwortete nicht, ihre Brust arbeitete heftiger, die eingefallenen Wangen fingen an, sich zu röten, ihre Pulse begannen heftiger zu klopfen, bald glühte der ganze Körper in unnatürlicher Hitze, während vor innerem Froste die Glieder bebten.
Wilhelm war aufgesprungen und beobachtete mit steigender Angst, wo er doch nicht zu raten noch zu helfen wußte. »0 Jemersch, jemersch«, rief er, in der Stube auf- und ablaufend und die Hände gegen die Stirn drückend, »was hilft mir's denn dernach alles, wenn a Hannel stirbt?!«
Er setzte sich wieder neben das Lager und sah das Steigen und Abnehmen des Fiebers, das mit kurzen Zwischenräumen den Abend und die ganze Nacht hindurch währte; er hatte den Topf, mit frischem Wasser gefüllt, neben sich gestellt, damit er sogleich das Bedürfnis der Kranken befriedigen konnte; er hatte kaum einige Bissen des Fleisches zu sich genommen und das übrige den heimkehrenden Kindern überlassen; die erneute Sorge hatte alle andern Gedanken, Hunger und Schlafvertrieben, und erst als die frühen Strahlen des Morgenrots durch die Fenster schienen, als Hanna, still wie eine Tote, kaum merkbar atmend, dalag, fielen ihm die Augen zu.
Wieder waren einige Tage verstrichen. In dem Wohnhause der Fabrikherren herrschte eine stille Spannung. Eins suchte dem andern ein sorgloses Gesicht zu zeigen, und dennoch konnte keinem die Gedrücktheit, die auf allen Gemütern lastete, entgehen.
Es wollte Abend werden. In dem Familienzimmer saß der ältere Fabrikbesitzer auf dem reichen Sofa und hatte den Kopf in die Hand gestützt, neben ihm seine Frau, mit einer Stickerei beschäftigt. Alfred, mit Sporen und Reitpeitsche wie immer, stand am Fenster und sah finster die Straße hinab, die sich von dieser Seite des Gebäudes vor ihm auftat. Keines sprach ein Wort, nur das monotone Picken der prachtvollen Pendule war hörbar.
»Kommen sie wieder?« unterbrach jetzt die Stickende die peinliche Stille, unruhig von ihrer Arbeit aufsehend.
»Es scheint so«, murrte Alfred, indem sich sein Gesicht noch finsterer umzog. »Dort kommen sie um die Ecke«, setzte er hinzu und stampfte den klirrenden Fuß grimmig auf den Boden.
Ein lauter, roher Gesang, der sich von Minute zu Minute verstärkte, ward hörbar; es war die alte schlesische Volksmelodie: >Es liegt ein Schloß in Österreich<, die aber jetzt eine ungeahnte, aufregende Kraft haben mußte, denn immer wilder wurde der Gesang, zu tollem Johlen und Brüllen begann er sich an einzelnen Stellen zu steigern, und der Zuhörer, der den Blick auf die Heranziehenden warf, mußte unwillkürlich an das >ca ira, ira< der französischen Volksmassen denken. Die Frau war an das Fenster gesprungen und sah, hinter den Gardinen verborgen, mit angstvollem Blicke die Straße entlang. Ein Menschenhaufe, einige Hundert stark, Männer und Weiber, wälzte sich unter fortwährendem Schreien und Singen auf das Fabrikgebäude los, man konnte schon deutlich die Worte des der Melodie untergelegten Textes verstehen.
»Es ist im Ort hier ein Gericht,
Weit schlimmer als die Fernen,
Wo man nicht erst das Urteil spricht,
Das Leben schnell zu nehmen.
Hier wird der Mensch zu Tod' gequält,
Hier ist die Folterkammer,
Hier werden Seufzer viel gezählt
Als Zeugen von dem Jammer.
Ihr Schurken all', ihr Satansbrut,
Ihr höllischen Dämone,
Ihr freßt der Armen Hab' und Gut,
Und Fluch wird euch zum Lohne.
Ihr seid die Quellen aller Not,
Die hier den Armen drücket,
Ihr seid's, die ihr das trock'ne Brot
Noch von dem Mund' ihm rücket!«
So klang es in wütender Begeisterung näher und immer näher heran. Alfred ergriff den Klingelzug und gebot dem eintretenden Diener, die Türen zu schließen. Die Vorsicht war jedoch unnötig. In kleiner Entfernung vorn Hause machte die Masse halt, der Gesang verstummte, aber ein unbändiges Schreien und Schimpfen brach an seiner Stelle los; Hunderte von geballten Fäusten streckten sich nach dem Fenster empor, wo Alfred bemerkt worden war, Verwünschungen, Flüche und Drohungen flogen hinauf, bis die Kehlen sich heiser geschrien und der Haufe sich ohne weitere Gewalttat, aber unter dem fortwährenden Rufe: »Morgen, morgen!« zerstreute.
Während der ganzen Zeit hatte Alfred, nicht von seinem Platze weichend, das Auge unverwandt auf der tobenden Menge ruhen lassen. Ihm war wieder der drohende Blick begegnet, der ihn schon einmal in der Kirche getroffen hatte, Friedels Blick, und neben diesem hatte er Wilhelm, den Wütendsten von allen, bemerkt. Jetzt wandte er sich vom Fenster und maß schweigend und mit großen Schritten das Zimmer.
»Sie sind einmal wieder fort«, begann der ältere Herr, sich von seinem Platze erhebend, »wird's aber immer so abgehen? Wenn sie nun frecher werden und, aufihre Überzahl pochend, ins Haus dringen, wären wir nicht jeder Gewalttat ausgesetzt und wäre es nicht besser, wir brächten jetzt ein kleines Opfer, um vielleicht unabsehbarem Unglücke vorzubeugen?«
Alfred drehte sich rasch um, sein Auge blitzte. »Wen meinst du? Das armselige, erbärmliche Webervolk? Dem willst du den Triumph gönnen, uns ins Bockshorn gejagt zu haben? Sieh, ich will mich lieber von diesen Kanaillen in Stücke reißen lassen, als mir sagen zu müssen, nur ein Haar breit gezwungen gewichen zu sein, ertrotzen will und werde ich keinen Pfennig lassen, und übrigens gebe ich dir die Versicherung, daß, wenn selbst das Undenkbare möglich werden und die feige Gesellschaft eine Gewalttat versuchen sollte, ich allein mit Hilfe meiner Reitpeitsche den ganzen Haufen in Respekt erhalten wollte, ich kenne meine Leute!« Er bekräftigte den letzten Satz mit einem Schwunge der Gerte, daß sie pfeifend die Luft durchschnitt.
»Alfred«, sagte die Gattin des älteren Herrn, »Sie scheinen zu vergessen, was ein aufgewiegelter Haufe in seinem blinden Wahne vermag— in seiner Verzweiflung, nannte es Klara, die mir etwas Ähnliches schon vor einiger Zeit voraussagte.«
»Klara also«, sagte der junge Fabrikherr, sich finster wegdrehend, »so ist es, wenn Damen Dinge lesen, über die sie ebensowenig ein Urteil haben als oft der Verfasser selbst. Da hat ein Skribent als erstes Ei einen Wisch in die Welt gesetzt und erhebt darin ein Geschrei über die Not der schlesischen Weber. Es ist pikant, man liest es, den Damen empört sich ihr sogenanntes Gefühl, die Männer schütteln die Köpfe, und keiner weiß, was es eigentlich heißt, ein großer Fabrikant zu sein und wie einem solchen zumute ist. Wenigstens hätte mir Klara glauben sollen, — nun ist es gut, daß sie fort ist, sie hätte mich noch zu Nachgiebigkeiten verleitet, die ich nie vor mir hätte verantworten können. — Mag jetzt die Welt und noch ein Dutzend Federhelden sprechen und schreiben, was sie wollen, ich sage: die Kanaillen sticht der Hafer, sonst würden sie nicht revoltieren, und ich will ihnen den Brotkorb so hoch hängen, daß sie, für ihre Frechheit büßend, mir winselnd zu Füßen fallen sollen. Zu Ihrer Beruhigung indessen«, fuhr er, sich gegen die Dame wendend, fort, »werde ich Vorsichtsmaßregeln treffen und unsere sämtlichen Leute bereithalten lassen; wahrscheinlich wird ihre Hilfe nicht nötig werden.« Er verließ klirrenden Schrittes das Zimmer.
Die Frau sah ihren zurückgebliebenen Mann fragend an; dieser zuckte die Achseln. »Was soll ich tun?« sagte er, »Gegenvorstellungen machen ihn nur noch hartnäckiger und allein vermag ich nichts. Mag er die Folgen verantworten.«
Die Frau stützte, von böser Ahnung beschlichen, den Kopf seufzend in die Hand. — —
Kurze Zeit nach diesen Vorgängen erzählten die öffentlichen Blätter folgendes:
>Am 4. Juni nachmittags bewegte sich ein Zug von einem halb- tausend Weber nach dem Fabrikgebäude und verlangte vor den Fenstern desselben höhern Lohn; statt der Antwort schickte der Herr sein Gesinde, mit Stangen und Prügeln bewaffnet, unter die Menge, während aus den Fenstern Steine geworfen wurden. Das Handgemeng begann, die Dienerschaft wurde mit blutigen Köpfen heimgeschickt, und das Werk der Zerstörung nahm seinen Anfang; schnell waren alle Fenster des palastartigen Gebäudes zertrümmert, die Tore und Türen gesprengt, und die Menge stürzte wie ein Gebirgsstrom in die Wohnungen selbst ein. Das Schauspiel, welches nun folgte, ist kaum zu schildern. Die sich in die Schreibstube und das Lager stürzende Menge bemächtigte sich aller darin vorhandenen Papiere und Sachen, um sie zu vernichten. Alle Bücher, Handels- und Geldpapiere wurden zerrissen und ins Wasser geworfen, die Waren samt dein in den aufgebrochenen Kassen sich vorfindenden Gold und Silber auf die Straße geschleudert, wo alles, was der Vernichtung zugänglich war, von dem sich stündlich mehrenden Volke unbrauchbar gemacht wurde. Dann ging es an die Zertrümmerung allen Hausgeräts und dessen kostbaren Gehalts. Kleider, Juwelen, Schmuck, Glas- und Silbergeschirr wurden teils zertrümmert, teils entwendet.
Während die Zerstörung in vollem Gange war, kam der Geistliche des Orts in seiner Amtstracht herbei und suchte den empörten Haufen von fernerer Verwüstung abzuhalten, und da er seines Charakters und seiner Pflichtmilde halber hoch in Ansehen stand, so gelang es ihm auch wirklich, und die Menge, zufrieden mit dem Vollbrachten, ließ nach und zerstreute sich, nachdem schon früher alle Versuche der polizeilichen Gewalten mißglückt waren. — Den Fabrikherren mit ihrer Familie war es gelungen, sich verborgen zu halten, jetzt bewerkstelligten sie ihre Flucht.
Aber die Kunde von dem Aufstande war weit in die Runde gedrungen, schon um 7 Uhr langten Massen von Webern aus Langenbielau an, und mit diesen vereint begannen die Weber des Orts die völlige Plünderung und Demolierung des Etablissements; alles bis auf die Mauern sowie die sämtlichen Maschinen wurden in Stücke geschlagen. Die Ermahnungen des Geistlichen und anderer angesehener Männer halfen jetzt nichts, sie mußten, von Hohn und Steinwürfen empfangen, flüchten; die in den Kellern vorgefundenen Flaschen und Fässer waren größtenteils geleert worden, dies und die Absingung des schon früher erwähnten Liedes bliesen den Sturm immer neu an, der erst endete, als die Nacht hereinbrach und es nichts mehr zu zerstören gab.
Es war früh am Mittwoch, als sich der Haufe nach Langenbielau in Bewegung setzte. Dort begann die Zerstörung bei den ersten Häusern einiger kleiner Fabrikanten, bei der Nachricht aber, daß Militär im Anzuge sei, zog man sich im Dorfe hinauf und fiel einige größere Etablissements an. Hierbei beschäftigt, rückte das Militär ein, die Volkshaufen rotteten sich zusammen, das Lied brauste auf, und als der Anführer der Truppen gegen die Menge ansprengte, warfen sich einige der vordersten Weber auf ihn und suchten ihn vom Pferde zu reißen. Jetzt ward scharf gefeuert, die beiden wütendsten Angreifer stürzten und der Kampf ward allgemeiner. Trotzdem mehrere volle Ladungen gegeben wurden, trotzdem viele in der Menge fielen, wich diese doch nicht, und die Truppen zogen sich zurück. Erst nachdem Verstärkungen an Kavallerie und Artillerie eingetroffen, gelang es, die Bewegung zu brechen und die Fabriken zu besetzen. Die Haufen zerstreuten sich, und die am nächsten Tage umherziehenden starken Patrouillen stellten langsam die Ruhe wieder her.< —Soweit der Artikel.
Die Weber hatten ihre Gefallenen beiseite geschafft; zu den meisten fanden sich Angehörige aus der Masse der mitgelaufenen Frauen und Kinder. Zwei aber lagen noch, von niemand erkannt, von niemand vermißt, neben einer Hecke da, als sich schon die Haufen verlaufen hatten. Die Nacht kam und verbarg sie, und erst als am andern Morgen eine neue Rotte Weber vorüberzog, rief einer von ihnen, die Toten wahrnehmend: »Jemersch, da liegt a Friedel!«
»A Friedel!« wiederholten die übrigen, mit Äußerungen des Erstaunens und Bedauerns die Körper umringend. Es mochte sie gleichzeitig ein Gedanke durchdringen, denn wie auf ein gegebenes Wort bogen sie sich nieder und hoben den Erkannten auf, ihn hinwegzutragen. Mehrere hatten auch den andern Leichnam in einer Gefiihlsregung ergriffen, und als sich nun der Zug die Straße hinab in Bewegung setzte, stimmte einer mit heller Stimme an: »Es ist im Ort hier ein Gericht«, brausend fiel der Chor ein, und so trugen sie den Dichter langsam durch das Dorf, ihm mit seinem eigenen Liede das Grabgeleite gebend. Der zweite aber, den die Bielauer nicht kannten, Friedels unzertrennlicher Gefährte bei dem ganzen Aufstande, bis sie beide die Kugeln zu Boden gestreckt, war Wilhelm.
Der größte Teil der Aufrührer war, als sie ihr Werk verloren sahen, ins Gebirge geflohen; man durchsuchte die Häuser nach Versteckten. Als das kleine Haus, was dem alten Rake gehört hatte, an die Reihe kam, fand man nur die Leiche eines jungen Mädchens darin. Neben dem Lager stand ein Topf Wasser und einige bereits in Gärung übergegangene Fleischüberreste.
Bei späterer Verfolgung der Geflüchteten wurde auch eine Anzahl umherirrender Kinder aufgegriffen; es läßt sich vermuten, daß Heinerle und Liesel sich darunter befanden.