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Der Weberaufstand in deutschsprachigen Zeitungen des Jahres 1844

Die Meldungen überschlagen sich. Waren vor der Revolte einige Zeitungen bereits auf die Notlage unter den schlesischen Webern und Spinnern eingegangen, überschlagen sich jetzt die Nachrichten und verbreiten sich in Deutschland. Auch eine allmächtige Zensur kann dies nicht verhindern.

 

Beilage zu Nr. 131 der privilegirten Schlesischen Zeitung

7. Juni 1844

Breslau, 6. Juni. Es haben am 4ten d. Mts. bedauerliche Exzesse von seiten der Baumwollenweberei-Fabrik-Arbeiter in Peterswaldau und Langenbielau stattgefunden, welche die Zerstörung der Werkstätten und des sonstigen Eigentums von einem Fabrik- und Handlungshause in Peterswaldau und einem zweiten in Langenbielau zur Folge gehabt haben. Die erforderlichen Maßregeln sind von seiten der Militär- und Zivil-Behörden getroffen worden und lassen auch die neuesten eingegangenen Berichte erwarten, daß jetzt schon der gewöhnliche Zustand der Ruhe an beiden Orten wiederhergestellt sei.

 

Deutsche Allgemeine Zeitung

Nr. 160 8. Juni 1844

 

Aus Schlesien, 4. Juni. Soeben hat ein Haufe Weber aus Peterswaldau, Langenbielau und der Umgegend in Peterswaldau (dem Konsistorialpräsidenten Grafen Stolberg gehörig) die Gebäude und Vorräte des Fabrikanten Zwanziger demoliert und zerstört. Die Familie des Zwanziger ist auf das Schloß des Grafen Stolberg geflüchtet. Das angemessene Einschreiten der Prediger Schneider und Knüttel hat vorläufig weiteren Unfug gehemmt, wozu Geldausteilungen des Fabrikanten Wagenknecht, der sein Haus nur durch diese bewahrt hat, beigetragen haben mögen. Es ist Militär aus Schweidnitz requiriert, das jeden Augenblick erwartet wird.

 

Deutsche Allgemeine Zeitung

Nr. 162 10. Juni 1844

 

Breslau, 6. Juni. Die Nachricht wird Ihnen wohl schon zugekommen sein, daß in der Gegend von Reichenbach und namentlich in Peterswaldau und Langenbielau mehrere tausend arme Weber sich rottiert haben und seit zwei Tagen tumultuieren sollen (Nr. 160). Die Fabriken der ansehnlichsten Handlungshäuser, z. B. Zwanziger u. a., sollen demoliert worden und selbst die Handlungsbücher und Papiere vernichtet sein. Schon gestern ist eine Militärdivision von Schweidnitz mit schwerem Geschütz gegen die Ruhestörer marschiert. Heute sind auch von Breslau eiligst mit der Freiburger Eisenbahn Schützen und Musketiere abgegangen, die schwere Kavallerie desgleichen. Von Ohlau sind die Husaren requiriert, nach Neisse, Glogau, Glaz und anderen Garnisonsstädten gingen heute Stafetten deshalb ab. Der Ober-Präsident von Merckel sowie der kommandierende General Graf von Brandenburg sind ebenfalls schon auf dem Schauplatz. (Auffallend erscheint es, daß sowohl die >Allgemeine Preußische Zeitung< vom 9. wie die >Schlesische< und >Breslauer Zeitung< vom 6. Juni — die beiden letzten vom 4. und 5. Juni sind uns nicht zugekommen — dieser Vorfälle noch mit keiner Silbe erwähnen. Die Red.)

 

Allgemeine Preußische Zeitung

Nr. 160 10. Juni 1844

 

Berlin, 9. Juni. Aus Schlesien eingetroffene Berichte melden, daß am 4ten d. M. ein Tumult der Baumwollenweberei-Arbeiter in den Dörfern Peterswaldau und Langenbielau stattgefunden hat, bei welchem mehrere Fabrikgebäude demoliert worden sind. Es wurde sofort Militär aus Schweidnitz requiriert, welches, nachdem jede gütliche Aufforderung zur Ruhe vergeblich gewesen war, von seinen Waffen Gebrauch machen mußte, infolgedessen mehrere Tumultuanten tot auf dem Platze blieben. Nach den getroffenen energischen Maßregeln durfte man beim Abgang der Berichte erwarten, daß fernere Exzesse nicht vorkommen würden.

 

Die >Deutsche Allgemeine Zeitung< zitiert diese Meldung der >Allgemeinen Preußischen Zeitung< in Nr. 163 vom 11. Juni 1844 und ergänzt sie durch folgendes Zitat aus der >Leipziger Zeitung<:

 

Über den Grund dieser Vorgänge berichtet ein Schreiben aus Breslau in der >Leipziger Zeitung< folgendes: >Die Weber waren bisher in den Büchern der Kaufleute tief verschuldet. Die Kauf­leute suchten sich durch die Arbeiten der Weber nach und nach, so gut es ging, bezahlt zu machen. Nun kamen die vielen Wohltä­tigkeitsvereine mit direkten Bestellungen und besseren Löhnen. Die Weber arbeiteten also nur für die Vereine, die Kaufleute er­hielten keine Befriedigung durch Arbeit und drohten mit Exeku­tion, wenn sie die Schulden nicht in barem von den Webern er­hielten. Diese Drohungen scheinen die Weber gereizt zu haben. Daher der Aufstand: Nicht gegen die Regierung oder Verwal­tung, sondern gegen die Schuldbücher der Kaufleute und Fabri­kanten. Diese Bücher sollen meist zerschnitten und vernichtet worden sein, wo man ihrer habhaft wurde.<

 

 

Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen

Nr. 133 10. Juni 1844

 

Aufruf

 

Mit recht schmerzlichem Gefühle mache ich den Einwohnern von Langenbielau bekannt, daß ich den Befehl bekommen habe, mit Infanterie und Artillerie in diesen mir seit langen Jahren so lieb gewordenen Ort einzurücken, um Unordnungen und Exzesse zu verhüten, welche leider nach dem, was vorgefallen ist, noch zu fürchten sind. Ich erkläre hiermit, daß bis jetzt noch kein Gewehr und Geschütz scharf geladen ist und hege auch die Hoffnung, daß ich ebenso friedlich, wie ich eingerückt bin, auch wieder ausrücken werde. Ebenso bestimmt aber erkläre ich auch öffentlich, daß ich bei vorkommender Widersetzung gegen die Anordnungen und Vorschriften der Zivil- und Polizeibehörden sofort von der Gewalt der Waffen Gebrauch machen werde. Um die Ordnung im Bereich der Truppen aufrechtzuerhalten, muß ich verlangen, daß alles Zusammentreten von mehr als 5 oder 6 Menschen vermieden werde. Die Patrouillen, welche ich durch das Dorf schicke, haben den Befehl, alle Leute, die sich in größerer Anzahl versammeln, zuerst höflichst zu ersuchen, auseinanderzugehen, bei Nichtbefolgung dieser Bitte aber aufs entschiedenste das Verlassen der Straße zu fordern und schließlich mit Gewalt durchzusetzen. Auch muß ich wünschen, daß nach Verordnung der Polizeibehörde in den Wirtshäusern für jetzt keine Versammlungen gehalten werden, indem die Nichtbefolgung dieser Anordnungen für Wirte und Gäste die übelsten Folgen haben könnte. Ganz besonders aber wende ich mich nun noch schließlich recht vertrauensvoll an die alten bewährten Landwehrmänner des ehemaligen Schweidnitzer Landwehr-Bataillons, die mich wohl noch genügsam kennen werden und gewiß überzeugt sind, daß ich in Langenbielau niemand übelwill. Von ihnen hoffe ich ganz bestimmt, daß sie mich auf alle Weise in meinen Bestrebungen unterstützen werden, Ruhe, Friede und Eintracht in ihrer Mitte wiederherzustellen.

Langenbielau, den 6. Juni 1844

von Schlichting, Major und Bataillons-Kommandeur

 

 

Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen

Nr.133 10. Juni 1844

 

Aufruf

 

Soeben hier eingetroffen, finde ich Bielau in einem Zustande, welchen ich nie zu sehen gefürchtet habe. Ist noch ein Funke Eurer alten Liebe und Anhänglichkeit an Eure Grundherrschaft in Euren Herzen, lebt noch ein Gefühl für Ordnung und Recht in Euch, so bitte, so beschwöre ich Euch, entsagt allem sträflichen Unternehmen und kehrt in den Zustand zurück, welchen so lange zu bewahren Euer Ruhm war. Glaubt nicht, daß ein anderes Interesse als das für Euer Wohl, für den Ruf Eures Orts, mich diese Bitte an Euch tun läßt. Ich hege noch die Überzeugung, daß, wenn nicht ein unglückliches Ungefähr mich in diesen Tagen von Euch ferngehalten hätte, Auftritte, die— ich kann es nicht verhehlen — Euch schänden, vielleicht unterblieben wären. Nun zu Euch zurückgekehrt, will ich es versuchen, in Eurer Mitte und unter Euch in Güte die Ordnung wiederherzustellen, welche sonst unausbleiblich und gewiß strenge und durch die Gewalt der Waffen wieder aufrechterhalten würde. Gott und Eure Liebe mögen mich hierin unterstützen.

Langenbielau, den 6. Juni 1844

Graf von Sandreczky-Sandraschütz

 

 

Beilage zu Nr. 134 der privilegirten Schlesischen Zeitung

11. Juni 1844

Breslau, 10. Juni. Nach den aus Langenbielau über die dort stattgefundenen Exzesse eingegangenen Nachrichten waren am 5ten d. [Mts.] bei dem ersten notwendigen Einschreiten des Militärs einige Menschen totgeblieben und mehrere verwundet, die öffentliche Ruhe und Sicherheit hiernächst aber bald wiederhergestellt worden. Diese Ruhe dauert auch fort, so daß schon ein Teil des in dasige Gegend abgerückten Militärs zurückgezogen worden ist. Die Schuldigen sind, ohne allen Widerstand zu finden, verhaftet worden und erwarten die gesetzliche Strafe.

 

 

Aachener Zeitung

Nr.162 11. Juni 1844

 

Vom Fuße der Hohen Eule, 5. Juni. Unter den Leinwand-Manufaktur-Distrikten Schlesiens nimmt der kleine, aber stark bevölkerte Reichenbacher Kreis eine der ersten Stellen ein, denn in ihm befinden sich Fabrik-Dörfer wie Langenbielau und Peterswaldau, wo das erste allein 12 000 Einwohner zählt. Prachtvolle Gebäude, nur selten von ländlichen Feldbauer-Wirtschaften unterbrochen, geben ihm nicht nur ein städtisches, sondern fast großstädtisches Aussehen; aber in ihm und umher, in den kleinen Gebirgs-Dörfern, herrscht das bitterste Elend unter den von hochmütigen Fabrikanten (wie sie genannt werden) geknechteten Leinwand-, jetzt meistenteils Baumwoll-Webern. Die Bezeichnung “a Bielauer Waber” bringt dem nächsten Umwohner das kläglichste Bild eines bleichen, schwindsüchtigen, augenschwachen Menschen vor die Seele, der mit seinem Gebirgsstabe in der Hand, mit blauer Leinwandjacke bekleidet, mühsam sein Leinwandschock in das Tal hinabschleppt. — Und diese >armen, siechen Menschen sind aufständisch geworden<. Wahrlich, die Not muß unerträglich gewesen sein! Schon vor Weihnachten hatte in Bielau ein bedeutender Auflauf stattgefunden. Mehrere Hunderte dieser Unglücklichen waren mit Trommel und Trompete in den herrschaftlichen Hof gezogen und hatten den Grafen S(andraschütz) zu sprechen gewünscht. Als man aber ihre Sprecher gefangensetzen wollte, hatten die übrigen so drohende Anstalten gemacht, daß man sie sofort freiließ und die ganze Menge mit den besten Versprechungen zu begütigen suchte. Man hat, glaube ich, auch einiges getan. Nun aber haben sich gestern abend in dem eine Stunde davon gelegenen Peterswaldau weit bedenklichere Vorfälle zugetragen. Das Handlungshaus Z.(wanziger) u. S.(öhne) hatte sich seit langer Zeit durch die gewöhnliche, leinwandkaufmännische Menschenfreundlichkeit den Webern so verhaßt gemacht, daß ein aufmerksamer Beobachter einen endlichen Ausbruch dieses Hasses voraussehen mußte. Die Leidenschaft gebiert Dichter. und so war denn auch unter den Webern, man weiß nicht wie, ein Spottgedicht entstanden, in dem sich ihre Gesinnung gegen die hartherzigen Fabrikanten sehr erbittert kundgab. Seit Pfingsten ungefähr sang man die Spottverse allabendlich vor der Wohnung von Z. u. S. ab. Endlich, als am gestrigen Abende wieder ein bedeutender Haufe diese Ehrenbezeugung dem Hause darbrachte, verliert der Chef desselben die Geduld und läßt einige der ärgsten Schreihälse festnehmen. Die Nachricht hiervon verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Die Menge der Weber vergrößert sich von Minute zu Minute, selbst aus den benachbarten Dörfern werden Hilfstruppen requiriert. Mit Schreien und Toben dringen sie an, zerschmettern die Türen, sämtliches Mob­liar und bemächtigen sich der Kasse, deren Inhalt sie unter sich verteilen. Die Bewohner des Palais hatten sich vorher geflüchtet. Von dort ziehen die Aufrührer zu einem anderen Fabrikanten, der sich ebenfalls durch >Zwacken am Lohne< verhaßt gemacht hatte. Dieser weiß aber die Gefahr von sich abzuwenden, indem er eine namhafte Summe Geldes unter die Leute austeilt und sich für die Zukunft anheischig macht, schonender zu verfahren. Für diesen Augenblick ist die Ruhe wiederhergestellt, aber — es herrscht solche Wut und Erbitterung unter dem armen Volke, daß es einer großen Vorsicht von seiten der Behörde bedürfen wird, sollen diese bedauerlichen Auftritte sich nicht wiederholen.

 

Allgemeine Preußische Zeitung

Nr.161 11. Juni 1844

 

Berlin. 10. Juni. Wir sehen uns heute in den Stand gesetzt, unsere gestrige vorläufige Mitteilung über die Exzesse der Baumwollen-Fabrikarbeiter im Reichenbacher Kreise durch folgende Details, die zugleich zur Verhütung von Entstellungen dienen mögen, zu ergänzen. Der am 4. d. M. zu Peterswaldau ausgebrochene Tumult, welcher, wie bereits gemeldet, gegen einen dortigen Fabrikunternehmer gerichtet war und die Demolierung der Wohnung desselben sowie die Vernichtung des Hausrats und der Warenvorräte zur Folge hatte, wobei der Eigentümer sich samt seiner Familie nur mit Mühe durch die Flucht retten konnte, tat sofort die Unzulänglichkeit der den Behörden zu Gebote stehenden Mittel zur Unterdrückung des Exzesses dar. Die landrätliche Behörde sah sich daher veranlaßt, von der Kommandantur zu Schweidnitz Militärhilfe zu requirieren, die ihr auch sogleich in einem Kommando von 200 Mann Infanterie unter Anführung eines Stabsoffiziers gewährt wurde. Durch das Einschreiten der bewaffneten Macht wurden die Tumultuanten aus den Trümmern der zerstörten Gebäude entfernt und die Ruhe und Ordnung in Peterswaldau wiederhergestellt. Kaum war dies geschehen, als die Nachricht von dem Ausbruche eines zweiten Tumults in dem nahegelegenen Fabrikorte Langenbielau, mit mehr als 10 000 Einwohnern, eintraf. Da, der Meldung zufolge, auch hier mit Zerstörung der Fabriken gedroht wurde, so brach der die Militärmacht befehligende Offizier auf der Stelle mit 160 Mann nach Langenbielau auf, während 40 Mann als Besatzung in Peterswaldau zurückblieben. Die Bewegung in Langenbielau war inzwischen gleichfalls rasch vorgeschritten. Ein dortiger Kaufmann hatte denjenigen, die ihn vor der drohenden Menge schützen würden, Geld versprochen, und da die Zahlung dieser Belohnung etwas stockte, brach der Aufruhr plötzlich los. Ein jenem Kaufmann zugehöriges Haus wurde gestürmt und demoliert und die Zerstörung eines zweiten nur durch das unterdes von Peterswaldau herangekommene Militär verhindert. Inzwischen schwoll der Haufe der Aufrührer immer mehr an; die vorschriftsmäßige Aufforderung zum Auseinandergehen ward mit Steinwürfen beantwortet. Da hierdurch mehrere Soldaten schwere Verletzungen empfingen, so mußte der kommandierende Offizier von der Feuerwaffe Gebrauch machen lassen, wodurch einige der Tumultuanten — die Angaben schwanken zwischen 5 und 9— getötet und mehrere verwundet wurden. Da aber, des hierdurch zur Stelle erreichten Effekts ungeachtet, die Zusammenrottung im ganzen fortwährend mehr anwuchs (es sollen an 2000 Mann mit Steinen und Knütteln bewaffnet dem Militär gegenübergestanden haben), so hielt der befehligende Offizier es für geraten, sich zunächst mit den Truppen in Verbindung zu setzen, welche er zu seiner Verstärkung von Schweidnitz zu erwarten hatte und bis zu deren Ankunft eine passende Stellung einzunehmen. Der Sukkurs ward, nach Weisung des General- Kommandos zu Breslau, durch die Kommandantur von Schweidnitz gewährt. Vier weitere Kompanien gingen sofort ab, um Langenbielau zu besetzen. Am 6. Juni früh waren nach den neuesten Berichten Peterswaldau und auch Langenbielau ruhig, nachdem jedoch tags zuvor am letzteren Orte auch das früher durch das Militär beschützte Gebäude demoliert worden war. Soweit die uns bis jetzt zugegangenen Nachrichten, denen wir noch hinzufügen, daß von seiten der obersten Zivil- und Militär- Behörden der Provinz die kräftigsten und schleunigsten Maßregeln ergriffen worden sind, um der Wiederkehr ähnlicher Auftritte wie den obigen rechtzeitig zuvorzukommen. Ein zufälliges Zusammentreffen ist es, daß in der Nacht vom 6. zum 7. und vorn 7. zum 8.d. M. in Breslau unbedeutende Straßenaufläufe stattge­funden haben, welche, durch das Unterbleiben eines bei der Ankunft Sr. König]. Hoheit des Prinzen Adalbert8 erwarteten Zapfenstreichs veranlaßt, von Handwerksgesellen und Lehrlin­gen ausgegangen waren. Die Exzesse beschränkten sich auf das Einwerfen von Fensterscheiben; mehrere der Ruhestörer wurden verhaftet. Das zweckmäßige Zusammenwirken der königlichen und städtischen Behörden sowie die allgemeine Entrüstung der Bürgerschaft lassen erwarten, daß eine Wiederholung nicht statt­finden wird.

 

Aachener Zeitung

Nr. 163                     12. Juni 1844

Breslau, 6. Juni. Soeben erfahren wir, daß die Weber der Gebirgsdörfer Bielau, Peilau, Peterswaldau usw. in vollem Rufstande sind. Heute morgen fand eine große Bewegung unter dem hiesigen Militär statt, und jeden Augenblick kann man den General-Marsch schlagen hören. Die Schützen-Abteilung ist schon nach dem Schauplatz der Unruhen mit der Eisenbahn abgegangen, da die von Schweidnitz aus dahin kommandierte Infanterie bei den Unruhestiftern nichts ausrichten konnte. Sogar sollen mehrere Offiziere verwundet sein. Der Weber sind 20 000 beisammen, — wobei man füglich ein Fragezeichen machen sollte. Andere geben deren Zahl auf 5000 an. Die Ursache des Aufstandes ist der Hunger. Mehrere Fabrikbesitzer in Langenbielau sind schon oft um Erhöhung des Arbeitslohnes ersucht worden, — allein vergebens. Gestern brach der Sturm los. Häuser wurden demoliert, Fenster eingeworfen und die vorhandenen Papiere vernichtet. Viele Staats-Schuldscheine, Aktien u. dgl. sind ein Raub der Zerstörungswut geworden. Gestohlen soll nichts sein. Bis heute 12.00 Uhr trafen schon 5 Estaffetten9 ein. Man ist gespannt auf den Ausgang, d. h. ob man die Weber und überhaupt den Pauperismus mehr berücksichtigen werde als jetzt, denn daß in wenigen Tagen die Unruhestifter verhaftet und die anderen wieder an ihrer Arbeit sind, scheint uns wahrscheinlich. Allein, wenn man gerechte Klagen nicht hört, wenn die Herren Fabrikanten allein verdienen wollen,— wer bürgt für die Wiederholung solcher Szenen, wer beklagt jene Herren, denen in den letzten Tagen so viel Schaden erwachsen ist. Der König verweilt jetzt in Schlesien, vielleicht überzeugt er sich selbst an Ort und Stelle, wie die Sachen in unserem Gebirge stehen.

 

Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen

Nr.135                       12. Juni 1844

 

Breslau, 7. Juni. Seit drei Tagen drängen sich die Nachrichten, welche hier über die unter den Fabrikarbeitern und Webern ausgebrochenen Unruhen im Reichenbacher Kreise verbreitet worden. [...] Der Kaufmann Zwanziger ließ endlich zwei der unruhigsten festnehmen, wodurch die Erbitterung so gesteigert wurde, daß sich die Leute, welche aus der Nachbarschaft schnell verstärkt worden, zusammenrotteten und das Innere des Kaufmannshauses gänzlich zerstörten. Man erzählte, daß das Geld aus den Kassen auf die Straße geworfen, sämtliche Waren, Papiere, Bücher und Kleidungsstücke aber zerhackt und auf alle Weise vernichtet worden seien. Ein anderer Kaufmann rettete sich nur dadurch, daß er sich mit dem versammelten Haufen in Unterhandlungen einließ und eine namhafte Summe Geldes unter sie verteilte. Die indes immer mehr verstärkte Menge begab sich nun nach Langenbielau, wo sie auf das Fabrikant Dierigsche Haus losging, weil gewisse Versprechungen, im Falle der Verteidigung und Verschonung, den Arbeitern nicht gehalten worden wären. Wie groß die Erbitterung gewesen sein muß, geht daraus hervor, daß man auf die erlassene Aufforderung des inzwischen aus Schweidnitz requirierten Militärs, sich auseinander zu begeben, nicht Rücksicht nahm und es endlich, nachdem einmal blind gefeuert worden war, zum scharfen Feuern kommen ließ, wodurch mehrere getötet und verwundet wurden. Fast die ganze Besatzung der Festung Schweidnitz ist ausgerückt und jetzt vorläufig durch die hiesigen Schützen, welche gestern früh durch einen Extra-Zug der Breslau-Freiburger Eisenbahn an Ort und Stelle befördert wurden, ersetzt worden. Aus Brieg ging gestern abend auf demselben Wege Militär hier nach den beunruhigten Distrikten durch. — Wieweit diese traurige Katastrophe, zu welcher sich schon seit einem Jahre allerhand Anzeichen kundgaben, jetzt gediehen sein mag, ist hier noch nicht bekannt, so viel ist aber gewiß, daß auch später noch gütliches Zureden nichts gefruchtet hat. Man fürchtete sogar, daß die Menge noch vor ihrer Unterdrückung nach Freiburg ziehen könnte, um dort die Etablissements des Hauses Kramsta völlig zu vernichten. Wie wir hören, sind die Verstärkungen der Militärmacht, zum Teil mit Kanonen, in der Gegend von Peterswaldau und Langenbielau eingetroffen, und in Reichenbach haben sich die bürgerlichen Schützen-, Grenadier- und übrigen Bürgerkompanien bewaffnet, um die Tore und öffentlichen Plätze zu beschützen.

 

Allgemeine Preußische Zeitung

Nr.163                         13. Juni 1844

 

Berlin, 12. Juni. Nach den neuesten aus Schlesien eingetroffenen Nachrichten ist zwar auch in Alt-Friedland, im Waldenburger Kreise, ein Exzess vorgefallen, welcher mit dem am 4. Juni in Peterswaldau verübten in nahem Zusammenhange steht, indem mehrere Haufen Tumultuanten in Alt-Friedland am 7. Juni die Wohnung eines Handlungsgehilfen aus der in Peterswaldau zerstörten Fabrik überfallen und die vorhandenen Warenvorräte, Garne und Gelder der Plünderung preisgegeben haben. Weitere Exzesse sind jedoch, ohne daß es militärischer Hilfe bedurfte, durch die Maßregeln der Zivilbehörden verhindert worden.

In Leutmannsdorf, im Schweidnitzer Kreise, hat ein starker Zusammenlauf von Tumultuanten stattgefunden, diese haben sich indes durch die Anmahnungen und Warnungen der Behörden von allen Exzessen abhalten lassen.

In Peterswaldau und Langenbielau ist die Ruhe vollkommen wiederhergestellt und im übrigen in keinem Teile des Gebirges, weder im Regierungsbezirk Breslau noch in dem der Regierung zu Liegnitz, gestört worden. Gegen etwaige Versuche, Exzesse zu wiederholen, sind die erforderlichen Maßregeln getroffen, die Rädelsführer befinden sich in Schweidnitz in Haft und die gerichtliche Untersuchung ist bereits eingeleitet.

 

Trier´sche Zeitung

Nr. 165                  13. Juni 1844

 

Breslau, 5. Juni. Der fortdauernde Notstand der schlesischen Gebirge, wo eine Bevölkerung von mehr als 50 000 Menschen im tiefsten Elende schmachtet, wo tatsächlich bereits manche verhungert sind, wo laut unsern Zeitungen erst kürzlich ein Mann aus Nahrungsmangel seine Kinder erwürgt und sich dann selbst erhängt hat, hat endlich eine traurige Katastrophe herbeigeführt. Gestern ist im Reichenbacher Kreise unter dieser Bevölkerung ein Aufstand ausgebrochen. Noch fehlen genauere Nachrichten über diese Vorfälle. Gewiß ist, daß die Häuser und Fabriken mehrerer reicher Leinwandkaufleute in dem Dorfe Peterswaldau und den anliegenden Dörfern gestürmt, geplündert und demoliert worden sind und daß die Kaufleute selbst nur durch Hingabe ihres gesamten baren Vermögens sich vom Tode haben retten können. Aus der Festung Schweidnitz sind heute anderthalb Bataillone Linienmilitär in die aufrührerischen Distrikte gesandt worden. Wenn man die ursprüngliche Ehrlichkeit und Gutmütigkeit unserer Gebirgsbewohner kennt, so weiß man, daß nur die äußerste Not sie zu verzweifelten und gesetzlosen Schritten getrieben hat. Diese Vorgänge liefern jetzt faktisch den Be­weis, daß die Mißverhältnisse der industriellen Arbeit und ihrer Verwertung bei uns bereits denselben Grad wie in Frankreich und England erreicht haben. —

Nachschrift, 6. Juni früh. Soeben sind auf dem Bahnhofe der Freiburger Eisenbahn mehrere Abteilungen der hiesigen Schützengarnison nach Schweidnitz befördert worden. Man sagt, daß die Truppen aus den Dörfern zurückgeworfen worden sind und auf freiem Felde biwakieren. Sie haben scharfgefeuert, es ist Blut geflossen. Die Stadt Reichenbach, wo keine Garnison liegt, ist gesperrt. Die Bürgergarde hält die Tore mit geladenem Gewehre besetzt. Man fürchtet, daß sich die Aufstände auch auf andere Gebirgsbezirke, wo dasselbe Elend herrscht, ausdehnen. Nächstens ein Weiteres und Genaueres.

 

 

Aachener Zeitung

Nr. 164 13. Juni 1844

 

Breslau, 7. Juni. Zwei Ereignisse werden hier jetzt mit einer ungewöhnlichen Lebhaftigkeit besprochen: Der Aufstand der Weber und die Kabinetts-Ordre in betreff des Aktienhandels). Über ersteres beobachtet unsere hiesige Presse ein tiefes Stillschweigen, man weiß nicht, aus welchen Gründen. — Was könnte sie wohl wirken, wenn sie hier vermittelnd aufträte! Glaubwürdige Leute, welche direkt von dem Schauplatze der Unruhen kommen, stellen die Vorgänge sehr bedrohlich dar. Die Zahl der aufständischen Weber ist bis auf mehrere tausend angewachsen (die Angabe schwankt zwischen 3 und 6000), von denen die meisten bewaffnet sind. Nachdem sie in Peterswaldau an den Etablissements des Hauses Z.(wanziger) und S.(öhne) ihre Wut ausgelassen und den ganzen Vorrat von Weben, die Bücher und sämtliche Papiere vernichtet, sind sie nach Langenbielau gezogen, woselbst sie viel bedeutendere Zerstörungen vorgenommen haben. Namentlich sollen sie es auf die Scharkat-Webstühle" abgesehen und die meisten davon zertrümmert haben. [. . .] Diese Auftritte werden hoffentlich dazu beitragen, die allseitige Aufmerksamkeit und tätige Hilfeleistung abermals den verhungernden Webern zuzuwenden.

 

Deutsche Allgemeine Zeitung

Nr. 165 13. Juni 1844

 

Den Verlust, den hiesige und Breslauer Garnhandlungen durch die Schreckensszenen in Schlesien jedenfalls vorderhand erleiden (denn wer soll bezahlen, wenn selbst die Wechsel zerrissen sind?), schätzt man auf 1/2 Mill. Taler.

 

Aachener Zeitung

Nr. 165 14. Juni 1844

 

Breslau, 8. Juni. Der in Reichenbach erscheinende >Oberschlesische Wanderer< bringt folgende Notizen über die Weber-Unruhen, die ich Ihnen zur teilweisen Vervollständigung meiner Berichte hier mitteile: >Reichenbach. In dem benachbarten Dorfe Peterswaldau haben am 4. und 5. d. M. Auftritte stattgefunden, wie sie bisher in Schlesien noch nicht vorgekommen sind. Ein großes reiches Kaufmannshaus hatte die Löhne der Weber gegen frühere Zahlungen bedeutend herabgesetzt, was den Unwillen derselben erregte. Mehrmals hatten sie dies geäußert und um bessere Preise für ihre Arbeiten gebeten. So geschah, daß sie, als sie am 4. Juni ihr Gesuch wiederholten und abermals abschläglich beschieden wurden, im Verein mit Webern anderer Fabrikdörfer nach dem genannten Kaufmannshause zogen, vor demselben ein Spottlied sangen, dann die Fenster der Fabrik einwarfen und hierauf diese sowie die zu derselben gehörigen Gebäude, fünf an der Zahl, völlig zerstörten. Die erbitterten Weber zertrümmerten nicht allein sämtliche in den Häusern vorgefundenen Möbel und Gerätschaften, Betten, Kleidungsstücke usw., sondern vernichteten auch das sehr reichhaltige Warenlager roher und fertiger Waren oder gaben es der Menge preis. Dies währte vom Abend des 4ten bis Mitternacht. Die Eigentümer der Fabrik suchten sich mit ihren Angehörigen in Sicherheit zu bringen und begaben sich hierher (nach Reichenbach). Die Weber setzten am Morgen des 5ten ihr Zerstörungswerk fort und deckten sogar einen Teil der Dächer ab, worauf sie sich, nachdem ihre Rache gesättigt war, entfernten. Als der Vorschlag gemacht wurde, die Gebäude nicht zu demolieren, sondern kurzweg zu verbrennen, wurde angeführt, daß dann die Eigentümer Brandgelder erhalten würden, während es jetzt nur gelte, sie ebenfalls zu armen Leuten zu machen. Bald nach ihrer Entfernung traf Militär von Schweidnitz ein, welches man sich von dort erbeten hatte. Dasselbe kam jedoch zu spät auf dem Schauplatze an, und bei der Räumung des Gehöftes wurde leider ein Mann, der, wie man sagt, keinen Teil an den Exzessen genommen hatte, durch den Bajonettstich eines Soldaten in die rechte Seite dergestalt verwundet, daß man an seinem Aufkommen zweifelt. Als das Militär erschien, war alles bereits zerstört, und außer einigen Personen, die handgemein wurden, befanden sich nur ruhig dastehende Zuschauer auf der Straße des Dorfes. So endete der zweite verhängnisvolle Tag in Peterswaldau. Das Militär marschierte hierauf zum Teil nach Langenbielau, wohin die Masse der Weber gezogen war und auch noch anderweitiges Militär sich befand. Da die Weber auch hier drei Fabrik-Etablissements zerstörten, so ließ der Kommandierende nach der fruchtlos erlassenen Aufforderung, ,von ihrem Vorhaben abzulassen' und nachdem die Weber Steine geworfen hatten, Feuer geben, wodurch 13 Weber getötet und mehrere teils schwer, teils leicht verwundet wurden. Der Abend machte dem Kampf ein Ende. Die Weber zogen sich in die Berge und in das Gebüsch zurück, und das Militär bewachte den Ort. [. . .]< Soweit der >Oberschlesische Wanderer<. Nach den neuesten hier eingetroffenen Nachrichten ist die Zahl der aufrührerischen Weber auf 20 000 angewachsen, worunter 4000 Böhmen sich befinden. Es steht zu besorgen, daß binnen kurzem ihre Zahl sich um das Doppelte vergrößert, namentlich aus dem Landeshuter Distrikte. — .

 

Allgemeine Zeitung (Augsburg)

Nr. 166                             14. Juni 1844

 

Aus Schlesien, 8. Juni. Im Kreise Reichenbach, und zwar in den beiden volkreichen Dörfern Langenbielau und Peterswaldau, hat sich in den ersten Tagen dieser Woche ein Aufruhr der Baumwollenweber gegen die Fabrikherren entsponnen, der ziemlich ernster Art ist und ein Einschreiten der militärischen Macht nötig gemacht hat. Die niedrigen Arbeitslöhne, bei welchen jene Arbei­ter kaum mehr ihr Leben aufs allernotdürftigste fristen können, sind die Ursache des Aufstandes.

 

Weser-Zeitung

Nr. 141                              16. Juni 1844

 

Die Veranlassung zu den zerstörenden Auftritten in Peterswaldau wird nach der >Magdeburger Zeitung< folgendermaßen angegeben: Am 3. d. M. zog ein Haufe Weberburschen vor das Wohnhaus des Baumwollen-Fabrikanten Zwanziger (Firma: Zwanziger und Söhne) und sang dort ein die Handlungsweise gedachter Herren darstellendes Lied, das sie schon vorher an die Türen angeheftet hatten, von wo es durch Zwanziger wieder en­fernt worden war. Das Lied ist aus dem Bewußtsein des Kontrastes zwischen der üppigen, sich breitmachenden Herrlichkeit der Fabrikherren und der elenden Lage der Arbeiter hervorgegangen. Die Härte Zwanzigers nämlich in Bedrückung der Weber ist sprichwörtlich geworden. (Er war vor 30 Jahren noch ganz mittellos und hat sich jetzt ein Vermögen von 230 000 Tlr. erworben; besonders wird über den einen Sohn desselben bitter geklagt.) Bei dieser Gelegenheit gelang es den Fabrikherren, einen der tumultuarischen Sänger in Haft zu bekommen. Darauf rottete sich am folgenden Tage nachmittags um 4 1/2 Uhr ein Haufe Weber von Peterswaldau und der nächsten Umgebung zusammen, zog vor die Wohn- und Fabrikgebäude der Zwanziger und begehrte die Auslieferung des Gefangenen. Als diese nicht erfolgte, begann das Werk der Zerstörung. Das palastartige Gebäude wurde dermaßen demoliert, daß davon nichts als die Mauern und das Dach übrigblieben; die kostbaren innern Einrichtungen wurden zertrümmert, alle Möbel durch die Fenster hinausgestürzt, Öfen und Fußböden zerstört, die Handlungsbücher nebst allen Briefschaften vernichtet, zum Teil verbrannt, die vorrätigen Waren teils fortgeschleppt, teils unbrauchbar gemacht, die Kasse erbrochen und das Geld auf die Straße geworfen, wo es von dem Haufen der Weiber und Kinder aufgelesen wurde. Bemerkenswert ist, daß der ganze Vorfall im Beisein von mehreren ta­send Zuschauern stattgefunden, ohne daß ein einziger Lust gezeigt, die Weber von ihrem Beginnen abzumahnen. Ehe sie zu Zwanziger gingen, kamen sie an dem Hause eines anderen Fabrikanten vorbei, der vor die Türe trat, und die Weber durch das Anerbieten seines baren Geldvorrats (100 Tlr.) und durch die Erinnerung an seine frühere Handlungsweise, die möglichst billig gewesen, zu beschwichtigen suchte. Man antwortete ihm: Auf ihn sei es nicht abgesehen, er sei keiner der schlimmsten; das Geld wollten sie nehmen, weil sie es brauchten. Darauf ging es zu Zwanziger. Als das Werk der Zerstörung beendet, zogen sie weiter nach Langenbielau und namentlich zu den Gebrüdern Dierig, während andere Haufen sich gegen zwei andere dortige Fabrikanten wandten. Während sie bei Dierigs plünderten und demolierten, kam das Bataillon aus Schweidnitz dazu und gab zuerst in das Gehöft hinein auf die Masse eine blinde Salve. Als dies keinen Erfolg hatte, wurde scharf geschossen, worauf 13 (?) gefallen sind. Die Toten sind den Tag darauf beerdigt worden. Anstatt sich abschrecken zu lassen, wurde der Weberhaufe nur um so wütender und drang mit Steinen und Knütteln auf das Militär ein. Erst nachdem mehr Militär aus Frankenstein mit Kanonen in die Dorfschaften einrückte, konnte den ferneren Zerstörungen Einhalt getan werden. — Zu Waldenburg und Freiburg ist bis zum 8ten dieses Monats kein Militär gewesen. Die Maschine in Wüstegiersdorf ist noch unversehrt, da sie von den Schützen besetzt ist. Zur Deckung der Albertischen Leingarn-Spinnmaschinen in Ober-Waldenburg ist der Bergrat ermächtigt worden, 100 Bergknappen zu kommandieren. Die Tumultuanten lagern in benachbarten Büschen: Es sollen sich bei ihnen mehrere mit Büchsen bewaffnete böhmische Raubschützen und Pascher zeigen.

 

Mannheimer Abendzeitung

Nr. 145                              19. Juni 1844

 

Berlin, 13. Juni. Den letzten Briefen aus Schlesien zufolge haben die Fabrikherren sich dazu verstanden, den Lohn, welchen sie, namentlich in Langenbielau, herabgesetzt hatten, zu erhöhen, und die Weber sind größtenteils zu ihren Stühlen zurückgekehrt. Auch wird die Zahl des versammelten Haufens jetzt nur auf 4000, die der herabgekommenen Böhmen auf 400 angegeben, die letztern haben die geraubten Sachen in Sicherheit gebracht. Die Briefe melden, daß die Weber überall mit der entschiedensten Willenskraft aufgetreten sind. In einem Fabrikgebäude fanden sie den Keller voll Wein, rührten aber nichts davon an. Man soll nicht sagen, riefen sie, daß wir besoffen gewesen sind. Von welcher Wut sie aber beseelt waren, zeigt uns ein Gedicht, welches sie in Langenbielau gemacht, und in dem sie die einzelnen Fabrikbesitzer dieses Ortes mit Namen durchhecheln. Es ist daher auch nicht zu erwarten, daß diese Bewegung sich jetzt schon stillen werde. Der Erfolg, welchen die Aufrührer errungen haben, wird sie nur dazu ermutigen, bald wieder aufzustehen und einen noch höhern Lohn zu verlangen, und sie können letzteres noch oft tun, um so viel zu erhalten, daß sie einigermaßen menschlich le­ben können.

 

Sonntagsblatt zur Weser-Zeitung

Nr. 19                        23. Juni 1844

 

Ein Rückblick ins schlesische Gebirge

(Aus der >Vossischen Zeitung<)

 

Breslau, 13. Juni. Dem Reisenden, der jetzt den Weg von Schweidnitz nach dem Gebirge zurückgelegt, kann es wohl, wie mir am 11. d. M., begegnen, daß er ein unfreiwilliger Zuschauer der Eröffnungs-Szenen zum Nachspiel des furchtbaren Dramas wird, dessen Schauplatz die Dörfer Peterswaldau und Langenbielau am 4. und 5. d. M. waren. Drüben verlieren sie sich mit ihren stolzen prächtigen Häusern in den Bergen, heut, so scheint es, von einem wahren Gottesfrieden übergossen; hier auf der Chaussee fährt ein Korbwagen an uns vorüber, von Husaren eskortiert. Auf ihm sitzt mit vier Infanteristen ein Mann im stattlichen Bauernrock, der uns verschmitzt und höhnisch zulächelt. Nach kurzer Frist kommt uns in Langenbielau selbst ein Hecht-Wagen entgegen, Husaren, die Pistolen zum Anschlagen bereit in der Hand, umgeben ihn. Auf ihm sitzen drei geschlo­sene Männer; zwei derselben sehen scheu und nachdenklich vor sich hin, der dritte lacht den Bewohnern des Dorfes zu, welche von allen Seiten herbeiströmen oder schon erwartungsvoll an den Türen und Fenstern stehen. Ja, es sind die Eröffnungs-Szenen zum Nachspiel des Dramas, das sich jetzt zwischen den Mauern der Gefängnisse von Schweidnitz entwickeln wird. Dorthin, wo sich eine aus Breslau abgesendete Untersuchungs-Kommission befindet und wo am 12. überhaupt 69 der Teilnahme an den Exzessen vom 5. Bezichtigte inhaftiert waren, bringt man diese vier Individuen, welche neuerdings in die Arme der weltlichen Gerechtigkeit gefallen sind. Gehen wir an den einzelnen, durch andere Häuser getrennt nebeneinander liegenden Gebäuden der Herren Dierig vorüber bis gegen das Ende des Dorfes, wo ein Weg von Peterswaldau einmündet. Das Etablissement der Herren Hilbert und Andretzky liegt hier an der Straße und fiel zuerst in Langenbielau unter den Streichen der Wütenden. — Noch sehen wir überall auch äußerlich das Werk der Zerstörung. Kein Fenster, nur einige Trümmer der Scheiben vom Giebel der Gebäude bis zur Sohle, die Kreuze zerbrochen oder ausgerissen, die eisernen Stäbe, wo die Fenster mit Gittern verkleidet sind, zum Teil zerschlagen, die Türen da und dort zersprengt, vor den Häusern Überreste zertrümmerter Gerätschaften, an den Wänden deutliche Zeichen von zahllosen Steinwürfen. Und so treten wir zwar einigermaßen vorbereitet in das Innere ein, aber der erste Blick überzeugt uns, wie unzulänglich alle unsere trüben Erwartungen waren. Wir schreiten über Trümmer, wohin sich unser Fuß wendet; nichts ist verschont geblieben, was nicht auch den Hieben einer mit dämonischer Wut geschwungenen Axt wider­steht. Wir sehen nichts als kahle Wände, auf den Fußböden in einem wild aufgeschichteten Haufen zersplitterte Scheiben und Steine, welche sie vernichteten, Möbel, nur schwer in den kleinen Stücken zu erkennen, in welche sie einzeln zerstückt worden sind, zerrissene Papiere und Tapeten, aufgeschnittene Betten, niedergeschlagene Ofen; was irgend wertvoll war und ohne Schwierigkeit weggebracht werden konnte, ist verschwunden. Nach den Schildereien an den Wänden sind Axtschläge gerichtet worden, das Mauerwerk bröckelt überall nieder, mit so furchtbarer Gewalt wurde von ihm abgesprengt, was an ihm befestigt war. Selbst die Klinken an vielen Türen sind losgerissen. So in den Wohngemächern, so in den Comptoirs, so auf den höchsten Böden und im tiefsten Keller. Eiserne Türen sind aufgebrochen worden, wo man Vorratskammern mutmaßte, nicht das ordinärste Hausgerät ist der systematischen Verwüstung entgangen. In den Kellern finden wir noch die Überreste von Flaschen; in wenigen Minuten waren sie von der rasenden Rotte ausgetrunken worden, und mit blutenden Händen, verletzt durch die schnell abgebrochenen Hälse, eilten sie wiederum ihrem finsteren Werke zu. In beiden Etablissements richtete sich der Angriff vorzugsweise gegen die Warenlager und Material-Vorräte, es sind dieselben zum größten Teile verschwunden, und, ich muß es schon hier anführen, nicht ohne Auswahl zwischen dem mehr und minder Kostbaren. Hier liegen noch einzelne Fetzen, hier zerschnittene Weben, hier umgestürzte Fässer mit Farben und anderen Stoffen. Ich vermag nur einzelne Züge des traurigen Bildes zu entwerfen, welches die bezeichneten Gebäude in Langenbielau wie Peterswaldau noch jetzt nach dem Verlaufe mehrerer Tage bieten. Nur ist am letzteren Orte, wenn ich so sagen darf, die Verwüstung noch auserlesener und vollendeter, noch mehr auf das kleine Detail gegangen. Man hat hier alles in kleine Stücke zerschlagen, selbst die Dachbedeckungen durchbrochen. Seltsamerweise haben die Treppen-Geländer in sämtlichen Häusern das gleiche Los geteilt, ein besonderer Haß scheint sich gegen dieselben gerichtet zu haben; sie sind bis zum Boden hinauf umgeschlagen worden, und wahrscheinlich wurde an sie immer schließlich die Hand gelegt, weil sonst schwer abzusehen, wie nicht der eine oder andere aus der Menge, welche die Räume wild durcheilte, durch einen Fall zu Schaden gekommen sein sollte. Von einem noch tieferen Entsetzen muß man ergriffen werden, wenn man die Überreste der herrlichen Maschinen erblickt, welche in dem Etablissement des Herrn Dierig zerstört worden sind. Die hölzernen wie die metallenen Bestandteile derselben sind gleichmäßig zerstückt, die stärksten eisernen Räder in Stücke zerschlagen, kostbare kupferne Walzen wenigstens durch einzelne Hiebe mit der raffiniertesten Bosheit unbrauchbar gemacht. Von allen diesen schönen Jacquard' schen und Schönherr'schen Stühlen sind nur wenige Trümmer zurückgeblieben, die aufgespannten Fäden hängen durchschnitten nieder. Die Arbeiter, welche an ihnen ihren reichlichen Unterhalt gefunden haben, zeigten mir, Tränen in den Augen, wie die >Rebellen gewirtschaftet hätten<. Nur die große Dampfmaschine ist der Vernichtung entronnen. Der Maschinist erklärte sich, von den Wütenden aufgefordert, augenblicklich bereit, das Werk zu zeigen, warnte sie jedoch, irgend etwas zu beschädigen, weil er für die Folgen nicht stehen könnte. Sie folgten ihm, soviel das Gemach faßte, andere warfen Steine zum Fenster hinein, welche glücklich zum Teil an den eisernen Fensterstäben abprallten. Die Maschine war in der höchsten Spannung. Die Eingedrungenen musterten sie, erstaunt und verwundert, tippten sanft an diese und jene Schraube und riefen einander zu: Das sei doch sehr schön. Plötzlich öffnete sich ein Sicherheits-Ventil, der Dampf brauste, und mit dem Schrei >Hier sei Pulver< stürzten sich alle von dem gefährlichen Platze. Wenn ich schon hier bei dem Versuche, das zu schildern, was ich selbst gesehen, die Schwierigkeit meiner Aufgabe lebhaft fühlte, so wage ich kaum an eine Darstellung der E­eignisse vom 4. und 5. Juni zu gehen, weil ich dieselbe nur aus Mitteilungen und Nachrichten Dritter zusammenfügen kann, wenn ich sie auch von den zuverlässigsten und achtbarsten Personen empfangen habe. Dem Richter muß es vorbehalten bleiben, alle die zahlreichen Tatsachen, in welchen sich das Geschehene charakteristisch ausdrückte, in einen organischen Zusammenhang zu bringen, und aus ihnen das eigentliche und wahre Motiv, das die Frevler entzündete und leitete, herauszuschälen. Ich bin nur imstande, diejenigen Angaben, welche nach meinem individuellen Ermessen entweder unzweifelhaft sind oder die höchste Wahrscheinlichkeit für sich haben, zu wiederholen, und mit der aus ihnen gebildeten Ansicht zu begleiten.

 

 

Trier´sche Zeitung

Nr.171       19. Juni 1844

 

Berlin, 13. Juni. Die Exzesse in Peterswaldau und Langenbielau haben auch hier nicht geringe Bestürzung erregt. Privatmitteilungen brachten eine beunruhigende Nachricht nach der andern. Unter den Blättern gab zuerst der Reichenbacher >Wanderer< eine detaillierte Übersicht über die Ereignisse, dann hat die >Allgemeine Preußische Zeitung< sich bemüht, das Faktum vollständig festzustellen, um Entstellungen zu verhüten. Nach ihrer Darstellung würde dem Weitergreifen des Aufstandes bereits ein Ziel gesetzt sein. Es ist in der Tat von der größten Wichtigkeit, daß die Behörden rasch eingeschritten sind, denn der Punkt ist gefährlich genug, um eine solche kontagiöse Bewegung mit Schnelligkeit über die verwandten, angrenzenden Bezirke auch andrer deutscher Staaten zu verbreiten. Es erfüllt uns mit Schmerz, daß diese Auftritte, welche vielfach die Ruhe andrer Staaten bedroht haben, nun auch in Deutschland Fuß gefaßt haben. Wir fürchten nur zugleich, daß die öffentliche Meinung je nach den verschiedenen Interessen sich über die Quelle des Übels gar verschiedenen Vorstellungen und mannigfachen Täuschungen hingeben werde. Diejenigen, die in dem Aufblühen der Industrie den Fluch der modernen Zeit erblicken und die deutsche Nation wieder einzig auf die Pflege des Ackerbaues zurückzurufen suchen, werden in dem Aufstand ein Anzeichen der die Industrie nach ihrer Meinung notwendig begleitenden Folgen erblicken. Aber der entsetzlichste Auftritt dieser Art, der jemals die friedlichen Gaue Deutschlands in Schrecken setzte, der Bauernkrieg im sechzehnten Jahrhundert, fällt in die Zeiten, wo noch an Industrie in Deutschland nicht zu denken war; er hatte aber seinen Grund nicht im Ackerbau, sowenig die heutigen Aufstände ihren Grund in der Industrie haben, sondern in den Verhältnissen, unter welchen damals von den Bauern der Ackerbau getrieben wurde und welche späterhin allmählich der Bildung und dem klaren Be­wußtsein der Freiheit wichen. So kann auch in den Bedingungen, unter welchen Industrie getrieben wird, niemals aber in der Industrie an und für sich der Grund eines argen Übels liegen. Man wird zunächst die Fabrikherren, die Kaufleute beschuldigen, gegen welche sich auch diesmal die ganze Wut des Aufruhrs gewendet hat. Der Arbeiter, dessen Blick in die allgemeinen Verhältnisse nicht weit reicht, wälzt immer zuerst alle Schuld seiner betrübten Lage auf den Fabrikherrn, auf den Kapitalisten, mit dem er zu tun hat, weil er ihn begüterter sieht. Und man behauptet auch in dem vorliegenden Falle, daß einige Fabrikherren mit ihren Arbeitern nicht ganz glimpflich verfahren und dadurch den Anstoß zu der Bewegung gegeben haben. Dem sei nun wie ihm wolle, und immerhin mag bisweilen Härte, Unfreundlichkeit, Eigennutz und Habsucht das Verhältnis zwischen dem Kapitalisten und dem Arbeiter trüben, so ist es doch gerade die Industrie und ihr vorteilhafter Betrieb, welche die, wie man gewöhnlich voraussetzt, von Haus aus einander feindlich gegenüberstehenden Mächte, das Kapital und die Arbeit, einander nahebringt und die Fähigkeit beider verwirklicht. Sie sind beide aufeinander innigst bezogen, beide bleiben in ihrer bloßen Möglichkeit, in ihrer Nichtigkeit, wo sie nicht zusammenwirken. Das Kapital ist tot, ist gar nicht da, wo es nicht durch die Arbeit verwertet wird. Die Arbeit kann nicht zustande kommen, wo kein Material da ist, das sie umschaffe und durch dessen Umbildung sie sich einen Wert erwerbe. So ist das Schicksal des Fabrikherrn und des Arbeiters auf das innigste verknüpft. Der eine erlangt seine Freiheit, seine sichere Stellung nur durch den andern. Diese Beziehung kann aber nur dadurch dauernd erhalten werden, abgesehen von physischen und moralischen Eigenschaften, welche die beiden Kontrahenten mitbringen, daß Arbeit nie dem Arbeiter fehle und daß der Fabrikherr seinerseits einen leichten Absatz seiner Produkte habe, um die Arbeit angemessen zu bezahlen. Entfaltet die Produktion eine ungehemmte Tätigkeit, hervorgerufen und begleitet von einer ausgedehnten Konsumtion, so wird nirgends ein Grund zur Klage sein. Der Lohn der einen wird immer ausreichen, der Profit der andern immer beträchtlich sein. Bei solchem Stand der Dinge wird gar kein Anlaß zu Mißverhältnissen sein, denn sollte dieser oder jener Fabrikherr seinen Arbeitern lästig werden oder umgekehrt, so ist durch die Konkurrenz der Fabrikherren wie der Arbeiter dafür gesorgt, daß diese Unbequemlichkeiten leicht gehoben werden können. Der letzte Grund zu einer allgemeinen Bewegung kann daher nicht in dem Betragen eines einzelnen Kapitalisten aufgesucht werden, welches nur etwa den zufälligen Anlaß geben könnte, sondern in einem größern Mißverhältnis, über welches auch der Kapitalist keine Macht hat. Der weniger weit sehende Arbeiter freilich wird diesem die Schuld allein beimessen. Dazu kommt die Erhitzung der Phantasie durch allerlei schwärmerische Theorien. Für den gedrückten Arbeiter wird der gröbste Kommunismus zur Religion, für welche er auch als Märtyrer zu sterben sich glücklich preist. Das Lied, das unter den Arbeitern in Peterswaldau verbreitet war, soll voll von kommunistischen Ansichten sein, und ihr verwüstender Zug hatte nach ihrer Erklärung keine andere Absicht, als die, auch die andern zu >armen Leuten< zu machen. So zeigt sich der rohe Kommunismus in seiner ganzen negativen Gewalt, da es ihm auf die eine oder andere Weise nur auf Ausgleichung ankommt. Seiner leidenschaftlichen Aufregung entgeht es, wie in allen Gestaltungen des sozialen Lebens gerade das Verschiedene und Ungleiche ineinandergreift und sich gegenseitig hält und stützt. Aber diesen Wirren ist nicht mit Feuer und Schwert ein Ende zu machen. Dem Ausbruch freilich ist nicht anders zu begegnen als mit hemmender Gewalt, aber den Wirren muß vorgebeugt werden. Kommunistische Schwärmerei ist die Folge der Zerrüttung sozialer Zustände, ist nur der Ausdruck, den sich das Gefühl eingerissener Unordnung und das Bedürfnis nach angemessener Organisation gibt, ist nur ein negatives Resultat, in sich selbst ohnmächtig, einen neuen Zustand zu gebären. Sie ist ein wüstes, unbefriedigtes Verlangen, das durch seine Spannung die Not des Augenblicks vergessen läßt und das klare Bewußtsein in seltsame Trunkenheit einhüllt. In seiner Ermahnung zum Frieden auf die 12 Artikel der Bauernschaft in Schwaben sagt Luther: >Ist euch nun noch zu raten, meine lieben Herren! So weicht ein wenig um Gottes willen dem Zorn. Einem trunknen Mann soll ein Fuder Heu ausweichen, wie viel mehr sollt ihr das Toben und die störrige Tyrannei lassen und mit Vernunft an den Bauern handeln, als an Trunkenen und Irrenden.< Die Hauptsache ist, dieser Schwärmerei ihre Bedingungen, ihre Nahrung zu nehmen. Sie wächst nur auf einem unterwühlten, zerrissenen Boden sozia1er Zustände. Wo die großen Zweige der materiellen Interessen, jeder zu seiner Vollkommenheit ausgebildet, ineinandergreifen, wo die materiellen Interessen allseitig und organisch ausgebildet, die Arbeitskräfte einer Nation vollständig und zweckmäßig ver­wendet sind, da findet der Kommunismus keinen Boden und keinen Anklang, denn in diesem Falle ist alles, was der Kommunismus auch in seiner feinsten und scharfsinnigsten Ausbildung verlangt, in einer der Freiheit des Menschen entsprechenden, in einer bei weitem vernünftigeren Weise realisiert als in seinen Plänen vorgezeichnet liegt. Aber um dieses Ziel zu erreichen, gilt es, die Industrie aus dem Notstande, in dem sie sich befindet und in welchem sie mit solchen Bewegungen, wie die jetzt vorgehenden sind, notwendig schwanger geht, zu befreien und sie zu einem kräftigen, vollen Dasein zu erheben. Die kümmerliche, elende Industrie ist die Mutter allen Jammers, aller Verbrechen. Die blühende Industrie ist die Urheberin aller Freiheit, Bildung, Bequemlichkeit, und wie sollte sie es anders sein, da sie das Band ist, wodurch die Intelligenz sich mit der Natur in Beziehung setzt. Durch die Naturüberwindung, Arbeit und Tätigkeit, Emanzipation von der Scholle, Wohlstand und Verwertung aller Kräfte der Nation. Aber sie will entwickelt sein, sie will alle ihre Zweige zur Teilnahme an derselben Ausbildung gebracht wissen. Denn so einer von ihnen zurückbleibt, so kranken alle. Denn sie sind aufeinander hingewiesen, um durch gegenseitigen Austausch, durch gegenseitige Produktion und Konsumtion sich zu erhalten, und wie die einzelnen Zweige der Industrie sich in dieser Weise einander halten und tragen, so ist es mit den großen Zweigen der materiellen Interessen überhaupt, mit Ackerbau, Industrie und Handel. Werden aber unsre Industriezweige, die innigst mit dem nationalen Leben verwachsen sind und durch die natürlichen Bedingungen unsres Bodens gefördert werden, oder die später bei uns Aufnahme gefunden haben und eine Quelle unsres Nationalreichtums geworden sind und zahlreiche Arbeitskräfte an sich gezogen haben, werden diese der freien Konkurrenz mit andern Nationen bloßgestellt, die durch viele Umstände einen Vorsprung in der Entwicklung ihrer Industrie haben oder ihre ganze Kraft auf dieses Feld werfen müssen, dann wird ihnen die Muße, die Kraft, der Mut entzogen, der zu ihrer gedeihlichen Entwicklung nötig ist, dann muß der Wert unter den Kostenaufwand herabsinken — denn wohlfeil kann nur eine entwickelte Industrie arbeiten —, dann müssen die Arbeitslöhne ins Unbedeutende und Unzureichende herabsinken, vor dem Andrang fremder Fabrikate stellt die inländische Industrie die Arbeit ein und muß die Arbeitskräfte, die sie bisher herangezogen hat, in ihre Nichtigkeit zurücksinken lassen. Das harmonische Verhältnis zwischen dem Kapitalisten und dem Arbeiter löst sich und gibt der Erbitterung Raum. Die Kapitalien, die auf industrielle Etablissements angelegt waren, verlieren ihren Wert und drücken den Wert der andern herab. Die Erzeugnisse der Agrikultur sinken im Preise, weil im Inland wenig Nachfrage ist wegen Mangels an Verdienst. Und der Handel unterliegt, je mehr die Arbeit im Inlande abnimmt, denn nur so reich ist eine Nation, als sie arbeitet, wie schon Adam Smith gesagt hat. Das sind die Folgen einer nicht allseitig entwickelten Industrie, einer in den Anfängen steckengebliebenen und alsbald der Konkurrenz des weit vorausgeeilten Auslandes preisgegebenen Industrie. Und so nicht bald entschiedne Hilfe kommt, so steht zu befürchten, daß auch das sparsamste, nüchternste unter allen Völkern zügellose Ausartungen in den Bezirken anderer Industriezweige erleben wird. Denn sie fast alle sind in Deutschland auf gleiche Stufe herabgebracht. (...)

 

Der Sprecher oder: Rheinisch-Westphälischer Anzeiger

Nr. 59                                  19. Juni 1844

 

Die schlesischen Weber haben ihre passive Stellung mit einer a­tiven vertauscht: sie haben revoltiert. Der Reichenbacher Kreis hat Szenen erlebt, welche man in Deutschland für unmöglich hielt. Einem Handelsherrn in Peterswaldau, der sich durch >Lohnabzwacken< auszeichnete, ist alles im Hause demoliert worden; die Kasse wurde geplündert und — geteilt. Militär mußte einmarschieren. In Langenbielau kam es zur Emeute, das Militär gab Feuer. Man zählte fünf bis neun Tote. Die Arbeiter organisierten sich zu einer Truppe von 2000 Mann, das Militär reichte nicht aus; ein von den Soldaten besetztes Gebäude wurde demoliert. [. . .]

 

Aachener Zeitung

Nr.171                       20. Juni 1844

 

Breslau, 14. Juni. Der Aufstand der Weber, welcher anfangs ein sehr ernstes Ansehen gewann, ist bereits zum größten Teil gedämpft. Es war zwar vorauszusehen, daß sie der militärischen Übermacht sehr bald erliegen mußten, daß dies aber schon jetzt und unter solchen Umständen geschehen würde, das glaubten selbst die nicht, welche in der Revolte wenig mehr als einen ganz gewöhnlichen Tumult erblickten. Schon gestern sind einige hundert Weber unter starker militärischer Eskorte nach Schweidnitz gebracht worden, viele sind in ihre Heimat zurückgekehrt und haben sich somit selbst dem Arme der Gerechtigkeit überliefert, während andere noch in einzelnen Haufen in den Wäldern umherirren. Gegen letztere sind heute morgen ernste Maßregeln veranlaßt worden. Die Bauern des Schweidnitzer Kreises nämlich haben Befehl erhalten, auf Pferden die Wälder und Schluchten zu durchsuchen und alle Aufrührer, welche sie vorfinden, nach Schweidnitz abzuliefern. Von hier aus sind bereits drei Untersuchungsrichter dahin abgegangen. Sie sind also, da sie dem Elende entlaufen wollten, ihm gerade in die Arme geraten. Es zirkulieren jetzt eine Menge Einzelheiten, welche von der Härte der Fabrikanten gegen die Weber Zeugnis geben. Die Regierung wird gewiß jetzt auf ernstliche Mittel denken, dem erschrecklichen Notstande im Gebirge abzuhelfen. Über dieses Kapitel ließe sich gar vieles sagen, wir kommen auch nächstens wohl darauf zurück, sobald nur eine leidenschaftslose Erörterung möglich ist. (...)

 

Deutsche Allgemeine Zeitung

Nr.173                                21. Juni 1844

 

Aus Schlesien, 16. Juni. Die unmittelbaren Folgen unserer Weberunruhen sind traurig genug: zerstörte Häuser, 15 Verwund­te, 11 Tote, einige 60 Verhaftete; wieviel Jammer, Not und Elend begreifen diese wenigen Worte in sich! In den törichtesten, unverantwortlichsten Übertreibungen haben wir seit längerer Zeit von der Not unserer Weber hören und lesen müssen. Deutschland ward zur Hilfe aufgerufen, und insofern sich im Darreichen von Gaben eine edle Gesinnung kundgibt, ist eine solche weit und breit offenbar geworden. Irren würde man, wollte man die beklagenswerten Auftritte, die stattgefunden haben, der Not der Weber zuschreiben, die in dem geschilderten Maße gar nicht, am wenigsten aber so allgemein stattgefunden hat, wie angegeben worden ist. Die Weber litten nicht mehr Not als alle übrigen Tagelöhner, die aus der Hand in den Mund leben, zu einer Zeit, wo der Arbeit wenig, die Konkurrenz groß, die Lebensmittel aber ungewöhnlich teuer waren. War ihre Bedrängnis größer als die der bezeichneten Klassen, so kam sie zum großen Teil her aus ihrer Unbehilflichkeit, Ungeschicklichkeit, ihrem Widerwillen gegen jede andere Arbeit. Hunderte von Weberburschen und Webermägden würden vom Bauer bereitwillig in Dienst, in Arbeit genommen worden sein, hätten bei Straßenbauten und sonst Beschäftigung gefunden; aber sie hätten streng arbeiten und gehorchen müssen, und sie wollten nur soviel arbeiten als ihnen gefiel und nur solange als ihnen recht war, nach Lust und Belieben Tabak rauchen, Karten spielen und tanzen. Jedes rauhe Lüftchen scheuend und jeden Regentropfen, die Hacke und den Spaten nie zur Hand nehmend, die Beschäftigung, die sie nähren sollte, kaum kennend, wurden sie zu allem untauglich, weil sie sich selbst zu nichts anderm geschickt machen wollten. Der ordentliche fleißige Weber, der sein Gewerbe verstand und mit Ernst und Redlichkeit trieb, hat keine Not gelitten, keine andere als die der unvermeidliche Lauf der Zeiten mit sich brachte und von jeher mit sich gebracht hat. [. . .]

 

Kölnische Zeitung

Nr. 173                           21. Juni 1844

 

Vom Rhein, 19. Juni. Auf die Kunde von den beklagenswerten Ereignissen, bei welchen in Schlesien Blut vergossen worden, ist ein Schrei des Entsetzens durch ganz Deutschland gegangen. Man hatte vielfach nicht glauben wollen, daß die Verhältnisse in jenen Fabrikgegenden so unnatürlich seien. Unnatürlich aber sind sie, wenn Menschen, deren Liebe zur Ruhe und zum Frieden und deren Genügsamkeit von jeher sprichwörtlich gewesen, sich zu Tausenden erheben und Gewalttätigkeiten mit einer Erbitterung ausüben, die von der letzten Stufe der Verzweiflung Zeugnis abgibt. Man sieht aus dem, was wir bis jetzt über die Auftritte in Langenbielau und Peterswaldau erfahren haben, daß die schlesischen Arbeiter ganz auf derselben Stufe angelangt sind wie vor einer Reihe von Jahren die unglücklichen Seidenweber in Lyon". Wo gleiche Ursachen, da sind auch gleiche Wirkungen. Hier wie dort war der Beweggrund zu den Ruhestörungen nicht mehr und nicht weniger als ein Grad von Not und Verkommenheit, der sich nicht mehr ertragen ließ. Daß es in unserm Deutschland dahin kommen könne, war noch vor nicht langer Zeit von manchen Seiten her mit großer Zuversicht in Abrede gestellt worden, und man hatte den Teil der Presse, welcher auf Abhilfe der Not drang und sich der unglücklichen Arbeiter annahm, der Übertreibung beschuldigt. Die Presse hat leider keine Gespenster heraufbeschworen, das beweist die Wirklichkeit mit ihren schrecklichen Auftritten. Von großer Kurzsichtigkeit zeugt es aber auch jetzt wieder, daß, wie mehrere Blätter melden, von Schlesien aus der Versuch gemacht worden ist, die Unruhen als Folge >des vielen Geschreibes über Armut und Not< darzustellen und höhern Ortes anzudeuten, daß es nicht zum Äußersten gekommen sein würde, wenn die Presse nicht >aufgereizt< hätte. Wir erwarten zuversichtlich, daß eine so plumpe und einfältige Auffassung bei den Behörden wie beim Volke ohne allen Anklang bleibt; denn sie zeugt von einer wahrhaft beklagenswerten Beschränktheit der Ansichten und einem höchst mangelhaften Begriffsvermögen. (...) Es ist bekannt, daß wir in Deutschland noch immer Leute haben, die alles Unheil von der >schlechten Presse< herleiten. Aber die Weber in Schlesien haben keine Flugschriften und keine Zeitungen gelesen; sie haben sich, wie weiland der arme Conrad, ihre Lieder selbst gemacht, die sie beim Sturme auf fremdes Eigentum absangen. Die armen Leute bekümmerten sich nicht um Theorie und Zeitungsartikel, sie wollten nur Brot. Wer kann die Not ermessen, die in jenen Fabrikdörfern seit Jahren um sich gegriffen hat; wer die Seufzer und Tränen zählen, welche der unendliche Jammer hervorgepreßt? Diese Ursachen jener Szenen der Gewalttätigkeit zu erforschen und ohne alle Rücksicht, die hier doppelt übel am Platze sein würde, zu enthüllen, ist Pflicht des Staates, Pflicht der Presse, Pflicht endlich jedes ehrlichen Mannes. [. . .] In unserer Rheingegend erwartet man, daß ein Ausschuß von Männern niedergesetzt werde, welcher die Fragen, die sich bei diesen schlesischen Unruhen in den Vordergrund gedrängt, zu prüfen hat, und der nicht allein aus Beamten, sondern mindestens zur Hälfte aus Nichtbeamten besteht, und zwar aus Bürgern aller Provinzen. Daß die Fabrikarbeiter in diesem Ausschusse eine bestimmte Anzahl von Vertretern haben müßten, denen ebensowohl Sitz und Stimme zu erteilen wäre wie Beamten, Fabrikherren und Kaufleuten, ist so notwendig und einfach, daß es sich von selbst versteht. [. . 1 Vor jenem Ausschusse müßten natürlich vor allen Dingen die Arbeiter der verschiedenen Fabrikations- und Gewerbzweige abgehört werden, und bei dem günstigen Zustande unserer Finanzen und bei unserm Budget kann eine Ausgabesumme von 100 000 oder 200 000 Talern, die zu diesem Zwecke etwa verausgabt würde, gar nicht in Betracht kommen. Es geschieht so viel für Künste und höhere Bildung; darum wird die Forderung nicht unbillig sein, daß nun auch eine verhältnismäßig geringe Summe aufgewandt werde, um die Lage derjenigen Klasse unserer Mitbürger genau kennenzulernen, welche man heutzutage Proletarier nennt, die wir aber lieber arme Leute nennen wollen. Denn in dem Worte arm liegt alles, geistiges wie physisches Elend, es ist ein ganzer Inbegriff von Not und Verkommenheit. [. . .1

 

 

Königlich-privilegirte Berlinische Zeitung Von Staats- und Gelehrten Sachen

(Vossische Zeitung)

Nr. 144                                     22. Juni 1844

 

Breslau, den 17. Juni (Privatmitt.). Unleugbar herrschte in Peterswaldau schon seit längerer Zeit unter einem großen Teile der Arbeiter eine starke Gärung, ein Geist der Unzufriedenheit, der nur eines zufälligen Anstoßes bedurfte, um in lichten Flammen auszubrechen. Man glaubte sich nicht allein über mehrfache, in kurzen Zeiträumen vorgenommene sehr erhebliche Herabsetzungen der Arbeitslöhne, sondern auch über eine harte und eigenwillige Behandlung beklagen zu müssen, welche den Gegensatz zwischen Kaufherrn und Arbeiter immer schroffer herausstellen zu wollen schien. In dem Gedichte: >Das Blutgericht in Peterswaldau im Jahr 1844( fanden die aufgeregten Gemüter ihren Brennpunkt und gewissermaßen ihre Fahne; es ist ein offenes Manifest aller der Klagen und Beschwerden, welche bis dahin nur verstohlen und leise von Mund zu Mund wanderten. In seinen größtenteils wohllautenden und regelmäßig gebauten Versen spricht sich eine drohende Verzweiflung, ein wilder Haß und Grimm besonders gegen das am 4. zuerst angegriffene Handlungshaus aus, welches man offenkundig zu immer höherem Reichtum und Glanze neben der steigendsten Not aufblühen sah. Dieses in jeder Beziehung merkwürdige Dokument enthält neben der Schilderung des Trübsals und Jammers auf der einen und Pracht und Üppigkeit auf der andern Seite überraschend verständige Ansichten und Anschauungen. Und so denke man sich die Wirksamkeit und Gewalt einer, nach einer volkstümlichen Melodie (>Es liegt ein Schloß in Österreich() abgesungenen Schilderung. Das Lied eilte wie ein Aufruf von Haus zu Haus; es fiel als Zündstoff in die gärenden Gemüter. Man heftete es, so wird gesagt, an das quaest. Etablissement an, und kleine Scharen sangen es vereint vor demselben ab. Einer der Sänger wurde ergriffen und der Ortspolizei zur Bestrafung übergeben. Neue Scharen erschienen und verlangten die Auslieferung desselben. Umsonst wurden sie an die Gerichte gewiesen; der erste Schlag fiel, und nach wenigen Minuten drangen jene Scharen wutschnaubend in das Comptoir ein. Ich hege die ernste und wohl- überlegte Meinung, daß es in diesen ersten Momenten des Angriffs nur und allein galt, den Haß, die Rache und Wut in Zerstörung und Verwüstung auszulassen. Bald aber fand man Geld, reiche Vorräte, kostbare Materialien, und nur wenige vielleicht von den Eingedrungenen waren jetzt imstande, die lockende Versuchung zu besiegen. Jenes Rachewerk wurde vollständig ausgeführt, zertrümmert, zerschnitten und zerfetzt, was vorhanden war und irgend mit einiger Schwierigkeit zu transportieren gewesen wäre, daneben aber gestohlen, was die Habgier reizte. Die Eingedrungenen warfen die Waren und Materialien zum Fenster hinaus; unten erneute sich fortwährend die Zahl derer, welche die Beute davontrugen, Männer, Weiber und Kinder. Das eine Gebäude ist durch einen ziemlich breiten und tiefen Wassergraben von dem Hofe getrennt. In diesen Graben wurden aus dem Gebäude so viele Fabrikate geworfen, daß dieselben zuletzt eine Brücke bildeten. Unzweifelhaft erschienen auf dem Schauplatz auch viele Personen, um die Sachen aufzunehmen und für die Eigentümer zu retten. In der Tat sind viele Stücke bereits abgeliefert worden von jenen rechtlich Gesinnten sowohl als gewiß auch von solchen, die nach den obrigkeitlichen Aufforderungen sich fürchteten, im Besitze der — dahingestellt in welcher Absicht — davongetragenen Sachen zu bleiben. Man darf nicht vergessen, daß dies Drama in Peterswaldau drei förmliche Abteilungen hatte. Gegen 6 Uhr, wenn ich nicht irre, zogen die Tumultuanten nach Hause, gegen 8 Uhr abends fanden sie sich wieder ein, um bis 2 Uhr in der Nacht ihr Werk fortzusetzen, wie zum dritten Male — jedesmal gewissermaßen in Reih und Glied, singend, wie einige behaupten, eine weiße Fahne voran — am Morgen des 5., um es zu vollenden. — Daß in diesem großen reichbevölkerten Dorfe und in solchen Zeiträumen weder die Ortspolizei noch andere einflußreiche Personen Gelegenheit fanden, um sich und andere zuverlässige Individuen zur Abwehr der Frevler und zur Verteidigung der angegriffenen Häuser zu vereinigen, wird gewiß jeder mit mir schwer erklärlich finden. Am 5., nachdem das Zwanzigersche Etablissement, ich möchte sagen, bis auf die nackten Wände zerstört war, und ein anderer in Peterswaldau ansässiger Fabrikant die nahende und drohende Schar mit Geld beschwichtigt hatte, wurde beschlossen, weiterzuziehen, da “noch mehrere dran müßten”. Die Meinungen waren geteilt. Endlich, und dieser Beschluß kam erst, wie mir glaubhaft versichert wird, nach einer Prügelei der Majorität und Minorität zustande, brach die Schar nach Langenbielau auf, einen Weg von einer halben Meile längs den Bergen hin benutzend. Gegen 12172 Uhr wurde sie dort, etwa 300 Mann stark, in Reih und Glied hinter einer, mutmaßlich aus einer herabgerissenen Gardine bestehenden Fahne marschierend, zuerst erblickt. Wer sich am Wege fand, wurde gefragt, ob er Weber sei, und mußte sich anschließen. Bei Langenbielau wurde haltgemacht und aufs neue beratschlagt. Endlich fiel eine Rotte das aus einem Gehöft bestehende Etablissement der Herren Hilbert und Andretzky, welches sie unmitte­bar an der von Peterswaldau und Langenbielau ausmündenden Straße fanden, an. Diese Herren beschäftigten notorisch nur sehr wenige Weber und haben sich niemals einen Vorwurf wegen Härte oder Bedrückung zugezogen. Zunächst im Dorfe liegen, durch andere Häuser getrennt, die Etablissements der beiden, in der Handelswelt wohlbekannten Brüder Dierig. Im Dorfe, wo sich die Nachricht von den in Peterswaldau begangenen Exzessen und der Ankunft der Peterswaldauer mit Blitzesschnelle bereits verbreitet hatte, strömten von allen Seiten die Einwohner zusammen; eine Menge bescholtener, unruhiger, zum Teil schon früher bestrafter Subjekte gesellte sich in Erwartung der kommenden Dinge zu ihnen; viele Fremde erschienen auf dem Platze. Um militärischen Schutz war gebeten worden, noch fehlte er. Einer der Dierigschen Comptoiristen rief die Haus- und Fabrikenarbeiter sowie die gutgesinnten Bewohner des Dorfes auf, dem drohenden Angriff der Peterswaldauer zu begegnen. Eine Fahne wurde aufgesteckt, man scharte sich um dieselbe und trieb nach einem furchtbaren Kampfe die Peterswaldauer in die Flucht. So an einem Orte des weit ausgedehnten Dorfes, indes sich am andern bald zeigte, was von der Zusammenrottung jener erwähnten Subjekte zu erwarten war. Die von den HH. Dierig den zur Verteidigung ihres gefährdeten Eigentums Bereiten versprochene Geldausteilung begann. Doch die Masse der Fordernden wuchs mehr und mehr, sie drängten sich unruhig mit Schimpfwörtern und Drohungen an die mit der Verteilung Beauftragten, auch wenn sie eben erst Geld erhalten hatten, und als dieselben baten, die Ordnung zu erhalten, weil sonst nicht jeder bedacht werden könne, stürzte sich plötzlich die Masse mit wütendem Geschrei auf sie, entriß ihnen das Geld und zwang sie unter Mißhandlungen, ihre Person zu retten. Das Werk der Zerstörung begann nun auch in den 3 großen Dierigschen Etablissements. Die Peterswaldauer fanden sich wieder ein, aber endlich erschien auch die militärische Hilfe, bin ich recht berichtet, 120 Mann von dem in Schweidnitz garnisonierenden Infanterie-Regimente. Alle Aufforderungen des Kommandeurs, friedlich den Platz zu verlassen, blieben ohne Erfolg, von allen Seiten eine drohende, schreiende, mit Steinen, ja zum Teil mit Pfählen undÄxten bewaffnete Menge, Ausrufungen des Hohns und der Wut; nach dem Kommandeur selbst sollen verwegene Hände gegriffen haben. Die Soldaten richten endlich eine Salve über die Köpfe hinweg, der höhnische Ruf: >sie hätten wohl mit Kot geladen<, folgt, aber die folgenden Salven strecken 11 Personen tot und vielleicht 24 verwundet nieder. So viele Verwundete hatten sich wenigstens bis zum 11. d. M. bei den Ärzten in Langenbielau gemeldet, unter ihnen 3 schwer Verletzte, werden bei einem Kaufmann im Dorfe verpflegt. Unter den Toten befindet sich auch leider eine Frau, welche über 200 Schritte weit vom Kampfplatz an ihrer Haustür gestanden, und ein Knecht, der als Zuschauer auf einer nahen Gartenmauer gesessen hatte. Nachdem die Truppen gefeuert hatten, zogen sie sich, von der racheschnaubenden, wutbrüllenden Menge und von einem Steinhagel verfolgt, zurück. Welch ein militärisches Bedenken obwaltete, das letzte und wichtigste Gebäude, vor dem aufgestellt die Soldaten gefeuert hatten, schützend zu besetzen, und an den vergitterten Fenstern vor Steinwürfen gedeckt, nachdem man einmal zum äußersten Mittel geschritten war, mindestens eine drohende Defensive einzunehmen und die andringenden Scharen in Schach zu halten, vermag ein Nicht-Militär nicht zu entscheiden. Vielleicht sollte weiteres Blutvergießen um jeden Preis vermieden werden. Bis in die späte Nacht hinein hausete nun die entfesselte Wut zerstörend und räuberisch in diesen schönen Gebäuden, Maschinenwerken und Lagern, frei und ungestört. Viele hatten sich in den Maschinen-Kammern mit eisernen Stangen versehen. Die Schar verteilte sich in den einzelnen Räumen und Gemächern. Nur dieses und jenes Zimmer entging durch Zufall, oder weil die Nacht zu zeitig einbrach, den kleinen Kompagnien, welche ein Gelaß nach dem andern durcheilten. Wieder wurde aus den Fenstern geworfen, was ihnen in die Hände fiel und transportabel schien. Unten standen Hunderte, die reiche Beute fortschleppend, und mancher, bisher als unbescholten bekannt, soll sich arg kompromitiert haben. Nur die Handlungsbücher waren glücklich gerettet. Der Verlust, welchen die Brüder Dierig erlitten, ist sehr bedeutend. Gestützt auf die sorgfältigsten Nachforschungen, darf ich die feste Überzeugung aussprechen: In Langenbielau handelte es sich nicht um ein Rachewerk und Volksgericht, sondern um Raub und Plünderung, daneben um die Befriedigung des gereizten Grimms. Von den Herren Hilbert und Andretzky sprach ich bereits; die Herren Dierig waren beliebt in der ganzen Gegend weit und breit und verehrt von allen ihren 4000 Arbeitern. Niemals ist eine Beschwerde gegen sie laut geworden; gutmütig, leutselig, eine Stütze der Bedrängten, Helfer den Armen, haben sie zu keiner Zeit, mit eignen Opfern unglückliche Konjunkturen überwindend, die Löhne herabgesetzt, sich niemals eine Bedrückung oder Verkürzung erlaubt. Das ruft jetzt jedermann, und keiner vermag einen Grund anzugeben, weshalb gerade sie als Opfer der Exzesse gefallen sind. Schon sind an das Breslauer Komitee zur Abhilfe der Not unter den Webern und Spinnern die ehrendsten Zeugnisse für das schöne Verhältnis der Herren Dierig zu ihren Arbeitern mit der dringlichen Bitte gelangt, schnell mit Darlehen an die Kreishilfs-Vereine einzuschreiten, damit die Unbeschäftigten bis zur Wiedereröffnung des Dierigschen Etablissements Arbeit erhielten und einem unübersehbaren Elende vorgebeugt werde. Ein noch ehrenvolleres Zeugnis waren die bitteren Tränen, welche ich in den Augen vieler, aus weiter Ferne mit fertigen Fabrikaten gekommener Weber sah, als sie erfuhren, was »ihren lieben Herren« geschehen sei. Man befürchtet, daß sie ihr Geschäft aufgeben und sich nach so bitterer Erfahrung in das Ausland übersiedeln möchten. Unsere provinzielle und vaterländische Industrie würde dadurch einen empfindlichen Schlag erleiden. Am 11. war in Langenbielau von den angesehensten Personen eine Eingabe, erinnere ich mich recht, an die Königl. Regierung unterzeichnet worden, in welcher gebeten wird, den Hrn. Dierig sowie den HH. Hilbert und Andretzky, >den tüchtigsten Kaufleuten und biedersten Männern<, mit Staatsmitteln zur Wiederaufnahme ihres Geschäftes behilflich zu sein. Um mein obiges Urteil zu belegen, bedarf es nur noch der Erinnerung an eine Tatsache. Schon im Januar d. J. ergab sich die traurige Notwendigkeit, von Langenbielau aus, ein früher angebrachtes Gesuch bei der Behörde zu erneuern. Es ist, so heißt es in der Eingabe, in diesem wie wohl in jedem Winter, namentlich aber in solchen Jahren, wo die Geschäfte stocken, ein großer Andrang nach Arbeit, der zum größten Teile nicht befriedigt werden kann, da viele der Fabrikanten ihre Geschäfte wesentlich infolge ungünstiger Handels-Konjunkturen beschränken mußten, woraus sich die Notwendigkeit ergab, daß jeder die schlechten, liederlichen Arbeiter verabschiedete und soviel als möglich sein Eigentum redlichen Arbeitern anvertraute. Infolgedessen sind eine Menge Leute brotlos geworden, größtenteils faule, saumselige, liederliche Menschen, die es sich zur Aufgabe zu machen scheinen, gute und brave Leute zu beunruhigen, Unzufriedenheit und Aufruhr anzustiften. Der vorige Sonntag, namentlich aber Montag, zeichnete sich darin besonders aus, indem Saufgelage gehalten, Straßentumulte, nächtliche Schwärmerei etc. auf eine Art und Weise stattgefunden haben, die jeden braven Bewohner empört und ernstliche Besorgnisse eingeflößt haben. Nur durch energische Maßregeln ist der Trieb zu Unordnungen, Freveln usw. zu unterdrücken, durch Nachsicht und Milde wird diese Hefe der Bewohner verleitet, den ärgsten Mißbrauch und Frevel mit polizeilichen Vorschriften zu treiben. Ich weiß nicht, ob und welche energischen Maßregeln seitens der angegangenen Behörde getroffen worden sind. Aber die Prophezeiungen vom Januar haben sich leider zu schnell pünktlich erfüllt. Erwähnenswert ist noch, daß die Polizei-Gewalt in Langenbielau (13 000 Einwohner) durch einen Gendarmen ausgeübt wird. L. S.

 

Erste Beilage zur Königl. Privilegirten Berlinischen Zeitung                                       von Staats- und Gelehrten Sachen

(Vossische Zeitung)

Nr. 144                           22. Juni 1844

 

Breslau, den 19. Juni (Privatmitt.). Den am 7. d.M. verübten Straßenfreveln ist die Strafe auf dem Fuße gefolgt. Schon heut bringt in Gemäßheit der Verord. vom 30sten September 1836, die seitens des Kriminal-Senats des Königl. Oberlandesgerichts ernannte Untersuchungs-Kommission zur öffentlichen Kenntnis, daß 18 von den am 7. ergriffenen Personen wegen Straßen- Unfugs und Ungehorsams gegen Warnungen und Befehle der Obrigkeit mit den gesetzlichen Freiheits- und resp. Leibesstrafen belegt worden sind. Unter den 18 namentlich aufgeführten Personen befinden sich 9 Lehrlinge, 5 Gesellen, ein Hausknecht, ein Gärtner, ein Formenstecher und ein Handlungs-Diener. Die schnell beendete Prozedur, vereint mit der Publikation der bestraften Schuldigen, wird unzweifelhaft einen sehr heilsamen Einfluß auf diejenigen ausüben, die jetzt noch etwa Gelüste trügen, ihre Courage an Fensterscheiben zu probieren und unter dem Schutze der Dunkelheit wildes Unwesen zu treiben. Einen andern Charakter hatten die Straßen-Exzesse am 6. und 7. nicht, wie ich Ihnen schon geschrieben, und unsre beiden, ein mysteriöses Schweigen beobachtenden Zeitungen haben es zu verantworten, wenn jetzt eine kolossale Übertreibung und Unrichtigkeit nach der andern den Weg nach dem Auslande findet, wenn angeblich Häuser demoliert und Offiziere tödlich verwundet worden sind. Die armen Fensterscheiben fielen als Opfer, wo sie der Rotte erreichbar waren; sie unterschied nicht christliche und jüdische Wohnungen, sie respektierte weder die Kirche noch das Hospital, und ist, wie einige wissen wollen, hier und da wirklich der Ruf: »Nieder mit den Aktienmännern« laut geworden, so ist es wohl erklärlich, daß vielleicht einige unter oder neben den losen Banden wenigstens den Versuch nicht unterlassen konnten, den Handlungen niederträchtigen Mutwillens eine bestimmte Färbung und Richtung [zu] geben. Gestern am frühesten Morgen waren an einigen Häusern Plakate angeheftet, deren Inhalt neuerdings bezeugt, wie die einmal geweckte reine Skandal-Lust nur allmählich wieder erstirbt. Nur diese Lust, welche jetzt ihrer Ohnmacht, aktiv aufzutreten, innegeworden ist, hat jene Plakate mit ihren bodenlos gemeinen Ausdrücken und Herausforderungeng geschaffen. - Unsere Börse scheint wiederum eine festere Haltung einnehmen zu wollen. Die bieden Deputierten der hiesigen Kaufmannschaft sind heut von Berlin zurückgekehrt und haben als Resultat ihrer Mission die Bestätigung der schon früher verbreiteten Nachricht, daß die Bank die Diskontierung von Aktien und Zusicherungs-scheinen auf eine gewisse Höhe zu übernehmen angewiesen sei, mitgebracht.

 

Kölnische Zeitung

Nr. 175 23. Juni 1844

 

Berlin, 19. Juni. [. . .] Einzelne Kaufleute haben großen Schaden gelitten und binnen weniger Stunden vierzig- bis fünfzigtausend Taler verloren; dabei ist die Entrüstung gegen sie nicht milder geworden, und mehrere haben bereits erklärt, sie würden nicht wieder zurückkommen und ihre Geschäfte von neuem beginnen. Die Bürger in den kleinen Städten und Ortschaften sind aber nicht minder gegen die Kaufleute gestimmt. Das Militär, welches dieselben zu ihrem Schutze forderten und empfingen, wurde von den Gemeinden als eine von allen zu tragende Einquartierungslast abgewiesen; die Fabrikanten mußten es daher auf ihre Kosten unterbringen und verpflegen; die Bürger behaupteten, sie selbst bedürften gar keines Schutzes und fürchteten nichts von den Webern. Unter solchen Umständen kann es wohl sein, daß die Not der Weber sich noch mehrt, wenn das überhaupt möglich ist, da die Fabriken zum Teile ganz stillstehen werden. Es ist dieser Tumult eine Manifestation des Proletariats, der im kleinern Maßstabe Auftritte wiederholt, wie wir dieselben längst in anderen Ländern kannten. [. . .] Wir sehen von allen Seiten das Begehren der unteren Klassen nach Arbeit und genügender Verwertung derselben; wir sehen auch den fortstrebenden Geist der Zeit in den Bemühungen aufgeklärter Männer, Patrioten und Menschenfreunde, die sowohl in den Wegen der Religion wie der vernünftigen Rechtsideen durch Vereine zu helfen streben, mittels welcher die unteren Klassen gehoben und ihre Stellung in der Gesellschaft anerkannt werden sollen. Kann dieses durch die Lehren christlicher Moral oder durch praktische Aufklärungen über ihre Zustände und ihr Elend geschehen, wenn die Wirklichkeit nichts daran ändert? Die Proletarier verlangen kein Mitleid, sie verlangen Arbeit, welche Brot gibt, und Rechte, welche den Erwerb schützen und sichern. Daher kommen jetzt auch die seltsamen Vorwürfe, daß die Presse so vieles an der herrschenden Unzufriedenheit verschulde, daß die Zeitungen und Flugschriften keinen geringen Anteil an den Tumulten der Weber im Gebirge haben, weil jene Blätter und Schriften dem stummen und so lange geduldigen Elende Sprache gegeben und den Menschen über ihr Unglück Aufklärung verschafft haben. Hr. E. Pelz, ein Landmann aus dem schlesischen Gebirge, als Schriftsteller unter dem Namen Treumund Welp bekannt, der gegenwärtig hier in Berlin ist, um als Abgesandter seiner Gemeinde über Mißstände Beschwerde zu führen, nicht aber, wie ein rheinisches Blatt sagt, um als Abgeordneter der Weber zu verhandeln, — dieser Hr. Pelz hatte vor einigen Tagen eine Unterredung mit einem hochgestellten Staatsbeamten, welcher das Benehmen der Presse und die schriftstellerische Tätigkeit des Hrn. Pelz selbst als die Hauptgründe der beklagenswerten Unruhen angab. Pelz hat sich zum Bauer gemacht und eine Reihe Schriften über die Verhältnisse der arbeitenden Klassen herausgegeben. Er hat das Leben der armen Weber und deren Not auch getreu geschildert, der Wahrheit gemäß, und bekämpft als Socialist eindringlich dasjenige Fabrikwesen, das einzelne bereichert, indem er für das Manufakt auftritt und die Vorteile eines freien Arbeiterstandes darstellt, der nach seiner Meinung glücklich gegen die Maschinen ankämpfen könnte, wenn er gehörig organisiert wäre; denn er ist genügsam. Die Bevölkerung der Länder steigt mit jedem Jahre, und mit jedem Jahre werden die Hände und lebendigen Wesen unnötiger durch Erfindung vollkommnerer Maschinen. Zwischen beiden liegt eine weite Kluft: wer wird endlich sie ausfüllen? Der Staat kann unmöglich gegen die Maschinen auftreten, die Erfin­dungen des Geistes zerstören. Der Staat in seiner jetzigen Organisation und alle Kulturstaaten der Gegenwart können dies nicht.

 

Deutsche Allgemeine Zeitung

Nr. 176 24. Juni 1844

 

Berlin, 21. Juni. [. . .] Die Idee, die Presse habe durch erregende Theorien den Ausbruch der Katastrophe beschleunigt, sie sei überhaupt die provozierende Urheberin bedenklich werdender Zustände, diese recht bequeme Idee wird leider in manchen Kreisen gar nicht so absurd gefunden und soll nicht bloß durch die von Schlesien eingereichten offiziellen Berichte hindurch- schimmern. Die Sache hat eine sehr ernste Seite, betrachten wir sie näher. Daß gewisse erregende Theorien, gruppiert um den >Assoziationsbetrieb< der Zeit, vorhanden sind, daß sie durch die Presse ein Organ und durch dieses Organ einen Weg in das Volk bis zu seinen niedrigsten Schichten finden: wer wollte das in Abrede stellen? Daß aber die Exzesse der Weber in unmittelbar provoziertem Zusammenhange mit den Äußerungen der Presse stehen, und zwar dergestalt stehen, daß eine Modifikation der populären Presse ratsam erscheine, diese Auffassung der Dinge ist ebenso beschränkt wie arglistig. [. . .]

Es läßt sich nicht leugnen, ein Geist der Widerspenstigkeit, des Grimms und der neidischen Unzufriedenheit geht durch die niederen Klassen, und jeder, der zu beobachten versteht, wird die Schattierungen in seiner nächsten Umgebung herausfinden. Es sieht in der Welt so aus, als ob ihr ein Pfeiler der beschränkenden und abteilenden Ordnung genommen wäre, und als ob von unten auf etwas mit übermächtiger, fortreißender, ungebändigter Kraft empordränge. Wir leben in Europa inmitten der Entwicklungen der allgemeinen, europäischen Revolution, und ihr Bewußtsein schwankt sichtbar hinüber zu dem Kampfe der arbeitenden Klassen gegen das Bürgertum, nachdem dasselbe die Aristokrotie der Geburt überwunden und sich als Aristokratie geltend gemacht. König Friedrich Wilhelm M.18 hat in seiner klaren Seele, in seinem Herrscherinstinkt den Abgrund der Epoche nicht bloß geahnt, sondern sehr wohl erkannt. [. . .]

 

Allgemeine Zeitung (Augsburg)

Nr. 176 24. Juni 1844

 

Preußen. Vom Rhein, im Juni. Das Ereignis im schlesischen Kreise Reichenbach führt zu den ernstesten Betrachtungen. Die Baumwollenweber haben geplündert und demoliert, es hat eine Art Organisation der Unordnung stattgefunden. Von den Leinwebern hört man dagegen keinen Exzeß, und gerade diese sind als bedürftig bekannt. War auch der Aufstand nicht so gewaltig, als ihn einzelne Korrespondenzen offenbar in demokratischem Interesse geschildert, so mochte er doch mehr bedeuten, als man ihn amtlich beschrieben liest. Ein angeblich gut unterrichteter Korrespondent meldet, es sei aus Peterswaldau von einem hohen General (v. Staff?) ein Bericht an das Kriegsministerium eingegangen, wonach neben einzelner Not die Unzufriedenheit wesentlich dadurch entstanden, daß man eine Menge von Flugschriften verbreitet habe, die, falsch begriffen, die Arbeiter gegen ihre Fabrikherren aufsässig gemacht hätten. Andrerseits meldet die >Aachener Zeitung<, ein in Schlesien wohlbekannter Schriftsteller, Treumund Welp, sei im Auftrag der Weber nach Berlin abgereist. Was bedeutet das? Es gab eine Zeit, da man der Presse alles Unheil zuschrieb, das nur irgendwo ausbrach; hoffentlich ist jener amtliche Bericht (der veröffentlicht werden sollte) kein Erzeugnis solcher Ansicht. Hätte wirklich eine Flugschriftenliteratur im sonst so ruhigen, guten Schlesien verderblich gewirkt? Hatten diese Flugschriften recht, und sind die Fabrikanten wirklich so hartherzig, so unbekümmert um körperliches und geistiges Wohl der Arbeiter, zahlen sie, anstatt in barem Gelde, in Waren, verkürzen sie die Arbeitslöhne? Oder ereignet sich in der schlesischen Fabrikwelt bloß dasselbe wie anderswo: Verminderung der Arbeit durch Maschinen, Häufung von Reichtum gegenüber der Bedrängnis der Arbeiter, mannigfachere Gelegenheit zur Entsittlichung, wie dies überall stattfindet und noch neulichst Lord Ashley2° und Leon Faucher21 in bezug auf englische Zustände so schrecklich geschildert haben? Gibt es in Schlesien keine Volksschulen, kein Fabrikgesetz (wie es durch die rheinischen Provinzialstände veranlaßt worden), keine Sparkassen? Diese Punkte verdienen jetzt reiflich und ohne Aufschub erwogen zu werden. Deutschland hat noch mehr Industriegegenden, überall kann einmal eine schlechte Konjunktur eintreten, einzelne böse Geister deuten gern jeden Mißstand aus — und sollen sich da Exzesse wie in dem sonst so heitern Langenbielau wiederholen? Die schlesische Presse selbst hat schwerlich Veranlassung gegeben; sie ist viel zu besonnen. (Wir verweisen nur auf Sohrs treffliche Provinzialblätter) Möglich, daß man dort nachteilig wirkende Flugschriften verbreitet hat, aber es müßte dies bald öffentlich bekannt werden, damit man sich davon überzeuge. Eine solche Anklage gegen die Presse ist zu wichtig, als daß sie nicht entschieden bewahrheitet werden müßte, wenn sie bewahrheitet werden kann. Aus ein oder zwei radikalen Pressen in Rheinland-Westfalen gehen allerdings jetzt sehr beklagenswerte Produkte hervor, welche allgemeinen Genuß ver­sprechen, das Christentum aufheben und eine Art von Hellenentum empfehlen, die Frauen emanzipieren wollen und wie all der lästerlich komische Unsinn heißt; sie werden unterdessen weder im bergischen Lande noch in Bielefeld viel wirken, denn dort herrscht noch viel religiöser Sinn — in Schlesien sind sie vielleicht gar nicht gekannt. Die Schriftchen von Welp über schlesische Fabriken sind auf der einen Seite exaltiert, andrerseits engherzig, der Ton darin jedenfalls tadelnswert. So heißt es (Brief 1, S. 8): >Die Magen der Maschinenhände müßten froh sein, mit Kartoffeln, Brot und Wasser gestopft zu werden, aber die Personen der Fabrikbesitzer müßten Wildbraten und Austern mit Champa­gner hinunterspülen, damit es nur rutsche<; oder S. 22: >Wenn es einmal Kastenwesen geben muß, so ziehe ich die Adelsclique einer noch viel ärgern Geldmännerclique bei weitem vor. Der Adel ließ sich auch wohl vom Volk füttern, gönnte ihm auch kaum das nackte Leben und trug endlich das Seine zu mancherlei Demoralisationen bei; aber er pferchte die Menschen nicht ein und erhielt dem Vaterlande wenigstens kräftige Streiter.< Solche Schreibweise kann nur erbittern; aber auch diese Flugschriften können nicht so bedeutenden Einfluß gehabt haben, wenn die Fabrikanten wirklich nach Kräften das ihrige tun, den nun einmal unvermeidlichen Vermögensunterschied in etwa auszugleichen, wenn Kirche, Schule, Sparkassen, Kleinkinderbewahranstalten und ähnliche Mittel das minder gebildete Volk heben und sichern. Die strenge Bestrafung der Rädelsführer ist notwendig, sie muß aber weder allein erfolgen noch allein bekanntgemacht werden, man muß nachforschen, woher auf einmal im friedlichen, fröhlchen Schlesien diese Erscheinung, ob die Not, ob Ungerechtigkeit einzelner Fabrikanten, ob Einwirkung verderblicher Schriften sie veranlaßt, oder dies alles zusammengewirkt, und das Resultat solcher Untersuchung muß gewissenhaft und wahrhaft publiziert werden. Noch haben wir in der Tagespresse wenig Stimmen des Tadels über die schändliche, auf keine Weise zu rechtfertigende Verletzung des Eigentums gelesen, und das tut uns leid. Nun wirke sie mit zur redlichen Untersuchung in versöhnendem Tone, und vergesse nicht, daß auch die Fabrikanten ihre Rechte haben, die in ihrer Industrie durch Plünderung gehemmt wurden und die, wenn man sie schutzlos ließe, keinen einzigen Arbeiter mehr beschäftigen würden. Was die >Trier'sche Zeitung< aus Breslau meldet, die Arbeiter hätten förmliche Vedetten aufgestellt, mit Räubern im Böhmerwalde sich verbinden wollen, ist wohl nur Phantasiegebild aus einer Schillerschen Reminiszenz. [. . .]

Das >Schweidnitzer Kreisblatt< enthält nachstehende, von den zu Breslau erscheinenden Zeitungen wiederholte Bekanntmachung: >Bei der am 4. und 5. d. M. erfolgten Beschädigung der Wohn- und Fabrikgebäude des Kaufmanns Zwanziger zu Peterswaldau und mehrerer Fabrikbesitzer zu Langenbielau, insbesondere des Kaufmanns Wilhelm Dierig, Friedrich Dierig, der Handlung Hilbert und Andretzky, haben die Aufrührer die Warenvorräte geplündert, nach allen Seiten hin zerstreut und zum Teil sich in deren Besitz gesetzt. Viele Personen aus dem hiesigen und den benachbarten Kreisen, welche auch selbst nur als Zuschauer zugegen gewesen, haben einen Teil dieser Waren an sich genommen und sind noch in dem Besitz derselben. Es ist zu hoffen, daß die meisten dieser Personen dies nur um deshalb getan haben, um die Sachen ihren Eigentümern zu erhalten; und es versteht sich von selbst, daß diese ihren Eigentümern gegen ihren Willen entzogenen Waren den letzteren zurückgegeben werden müssen. Demgemäß werden sämtliche Ortsgerichte angewiesen, in ihren Gemeinden Haus für Haus die Aufforderung bekanntzumachen, daß jeder die von ihm in Besitz genommenen Waren und sonstigen Gegenstände der vorgedachten Art sofort an die Ortsgerichte, unter Bezeichnung der Eigentümer derselben, welche teils aus der Bezeichnung, teils aus dem Orte, wo jeder dieselben in Besitz genommen hat, zu ersehen sind, binnen 24 Stunden abliefere. Hierbei ist die Bedeutung hinzuzufügen, daß alle diejenigen, welche die geplünderten Sachen nicht freiwillig herausgeben und später in deren Besitz getroffen werden, die Ver­mutung gegen sich begründen, daß sie dieselben entwendet haben, wonächst sie der strengsten Ahndung der Gesetze nicht entgehen werden. Die Staatsgewalt wird die leider auf kurze Zeit an mehreren Orten unterbrochene Ruhe und Sicherheit mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln wiederherzustellen und zu schützen, jede fernere Nichtbefolgung obrigkeitlicher Befehle aber aufs strengste zu strafen wissen. Zu dem guten Sinne der Gemeindemitglieder darf vertraut werden, daß diese sich beeilen werden, der vorstehenden Aufforderung pünktlichst nachzufolgen. Die Ortsgerichte fordere ich auf, die an dieselben etwa bereits abgelieferten und noch abzuliefernden Sachen hierher zu meiner weitern Verfügung zu übersenden, und wenn denselben bekannt ist, daß einzelne geplünderte Sachen besitzen, ohne daß sie dieselben binnen 24 Stunden herausgeben, diese ihnen ohne weiteres abzunehmen und ebenfalls unter Anzeige der betreffen­den Sachen und der näheren Umstände jedenfalls einzusenden. Langenbielau, 8. Juni 1844. v. Kehler24, als Kommissarius der Königlichen Regierung zu Breslau.<

 

Mannheimer Abendzeitung

Nr. 150                           25. Juni 1844

 

Aus Schlesien. Sie werden bereits von dem in einigen Weberdörfern Schlesiens ausgebrochenen Aufstande gehört haben. Was ist die Ursache? Jeder Weber, wie jeder andere Mensch, dessen Gehirn und Herz noch nicht vertrocknet und versteinert sind, könnte es Ihnen sagen. Allein, der >dumme, beschränkte Proletarier-Verstand< ist zugleich so böswillig und verleumderisch, daß er nicht Glauben finden darf. — Die wahrhaft weisen Männer, sowohl die, welche sich Turmwarte der Zeit nennen, als jene, die, auf hochgeschichteten Geldsack-Pyramiden thronend, verächtlich auf das unten sich abplackende und geschundene >Gepöbel< hinblicken, wissen es besser, die Unruhestifter, die Anreizer sind — die Zeitungsschreiber! Diese sind es natürlich auch, welche die >Weber-Revolte< veranlaßt haben. Obgleich es nun feststeht, daß die Weber gar keine Zeitung lesen, daß es ihnen dazu an Geld wie an Muße gebricht, obgleich jeder Kundige weiß, daß die Weber von unsern Zeitungen ebensowenig Notiz nehmen als der Kaiser von China, so kommt das alles nicht in Betracht. Sie sind einmal von den Artikeln über den elenden Zustand der Armen, der arbeitenden Klasse, aufgereizt und zur Empörung getrieben worden. Nicht ihre erbärmlich belohnte Arbeit, nicht der Hunger, nicht die tausendfachen Entbehrungen gegenüber der reichen Ernte, den klingenden Geldstücken, der Pracht und Verschwendung, der Hartherzigkeit und dem Hohne der wohlhabenden Fabrikanten, Kapitalisten und Spekulateure brachte ihre verhaltene Wut zum Ausbruch, sondern einige Tagesskribenten! — Trotzdem kann ich nicht umhin, Ihnen auf der andern Seite das, was so im Volke über Veranlassung und Hergang der Sache als Wahrheit gilt, zur Vergleichung mitzuteilen.

In Peterswaldau, allwo mehrere reiche Fabrikanten und viel sehr arme Weber leben, befindet sich ein Haus der ersten Art unter der Firma: Zwanziger. Dieser Zwanziger, der, sowie seine Söhne und, dem edlen Beispiele nachahmend, alle seine Kommis und Diener, den armen Weber von jeher hart und herabwürdigend behandelt haben soll, fing nach Beendigung der diesjährigen Leipziger Ostermesse an, den Lohn der Weber nochmals herabzusetzen. Auf der Messe, erzählt man sich, habe er zwar sehr gute Geschäfte gemacht, der eine Sohn aber eben deshalb die Lohnherabsetzung vorgeschlagen, weil dann die Leute genötigt würden, noch mehr Ware als jetzt in derselben Zeit zu liefern, wofern sie auch soviel verdienen wollten als bisher. — Als Herr Zwanziger, in dessen Wohnung man Treppengeländer von Kirschbaum- und Mahagoniholz, Spiegelfenster, Tapeten und Teppiche und alles andere von beinahe fürstlicher Pracht fand, seinen in engen Stuben zusammengedrängten, auf moderigem Stroh und unter Lumpen und Lappen gelagerten und schlecht genährten Webern die Erniedrigung des Lohnes ankündigte, machten ihm die letztern über solches Verfahren demütigende Vorstellungen. >Wir können uns ohnehin kein Brot mehr kaufen, und wenn Sie uns noch das bißchen Lohn weiter verkürzen, so müssen wir, da das Betteln so streng verboten ist, vollends mit den Unsrigen verhungern.< So sprachen die Weber. >Dann freßt Heu und Gras, es ist draußen reichlich gewachsen!< so tröstete der reiche Herr Zwanziger die verzweifelnden Armen. [. . .]

Fortsetzung in Nr. 151 26.Juni 1844

Um auf unsere Weber zurückzukommen, bemerke ich noch, daß ihrer bereits an 200 gefänglich nach Schweidnitz gebracht sein sollen. Auf diejenigen, welche sich in die Wälder und sonsthin entfernt haben, wird von den Behörden, namentlich durch die eigens dazu mit ihren Pferden und Knechten aufgebotenen Bauern, gefahndet. Die Untersuchung ist in vollem Gange. Eine Kommission ist vom Breslauer Oberlandesgericht gekommen, um die Sache beschleunigen zu helfen. Strenge Bestrafung steht den Schuldigen bevor, die aber vielleicht die lebenslängliche Einsperrung ins Zuchthaus als eine Gnade ansehen, da sie hier wenigstens nicht gerade hungern dürften und für ihre Kinder mög­licherweise in etwa gesorgt wird. Der Vorschlag, zur Aufnahme einiger 60 000 armer Menschen aus dem Gebirge für 10 bis 20 Millionen Taler Arbeitshäuser zu bauen, dürfte der Beachtung

wert sein. Denn es scheint überall unter den Spinnern und Webern eine dumpfe Gärung vorzuherrschen, und auch das übrige arbeitende Volk spricht laut seine Teilnahme für die Unglücklichen aus. Das Ereignis in den beiden Weberdörfern hat ganz Schlesien in eine fieberhafte Spannung versetzt.

Das Volk fühlt es vorläufig mehr instinktmäßig, als daß es sich in seiner Totalität klargeworden wäre, daß es trotz seiner Mühe und Anstrengung immer mehr mit seinem Schweiße und den Früchten seiner Arbeit dem nichtstuenden Kapital dienstbar und von ihm ausgesogen wird. Allein, es fängt an, über seine Lage nachzudenken. Seine Teilnahme an der Weberangelegenheit zeigt sich z. B. auch darin, daß das aus 25 Versen bestehende Lied, welches die Weber in jenen beiden Dörfern gedichtet und gesungen haben, schon in den wenigen Tagen von vielen Tausen­den abgeschrieben ist. [. . .]

 

Deutsche Allgmeine Zeitung

Nr. 178                26. Juni 1844

 

Berlin, 23. Juni. [. . .] Nachträglich kommt uns ein Lokalblatt der Provinz Preußen zu, worin ein Kommis des Hauses Dierig in Langenbielau das, was er mit angesehen, treuherzig und sehr lehrreich für das Verständnis des inneren Lebens in der heutigen Bourgeoisie erzählt. In seinem ersten Brief schreibt er aus Langenbielau vom 4. Juni über die Vorfälle in Peterswaldau, das bekanntlich mit Langenbielau rivalisiert. Der Mann schreibt ganz objektiv, sieht sich die Dinge mit philosophischer Ruhe an, ist kosmopolitisch und human. >Unsere Weber<, sagt er mit vielen unserer geistreichen Autoren, >befinden sich noch immer in sehr bedrängter Lage und sind zwar, so möglich, mit ihrem Schicksale zufrieden, nur klagen sie über die Härte und Kälte, mit der sie von ihren Oberen behandelt werden. Letztere Handlungsweise reizt sie aufs äußerste, wie Sie aus nachstehendem ersehen werden, und läßt sie in ihrer Wut ihre menschliche Natur verleugnen.< Nun folgt eine ziemlich bemäntelte Schilderung (der Briefsteller sagt von den Webern, sie wären gereizt durch manche Motive) der Schreckensszenen in Peterswaldau, wir erfahren, daß die Tumultuanten die Spiegel und Öfen mit Äxten einschlugen und die Tapezierung der Wände vernichteten. Der Briefsteller aus Langenbielau schließt: >Nur auf dies eine Haus hatten es ,die Leute' abgesehen, sonst haben sie niemandem Leid zugefügt. Man erwartet ehestens Militär.< Der 4. Juni vergeht, der Fronleichnamstag erscheint, und >die Leute‹, die bedrängten Leute, die von manchen Motiven gereizten Leute, die sich über die Härte und Kälte ihrer Oberen beklagenden Leute kommen nach — Langenbielau, wo unser Kommis sitzt. Hören wir ihn nun: >Die Kunde traf hier ein, ,die Rebellen' (so sind die kurzsichtigen, schwachsinnigen Menschen heutzutage, also auf der politischen Bühne, also im Kreise des Bürgertums! Nirgend eine Ahnung von dem solidarischen Verband in den Autoritäten, von der durchgreifenden Konsequenz zwischen Gesinnung und Tatsachen; in dieser Beziehung ist die Welt weit dümmer geworden und macht täglich Rückschritte) würden auch nach Langenbielau herüberkommen. ,Der Pöbel' hatte nämlich bei dem Hause Hilbert und Andretzky haltgemacht, und als dort nichts mehr zu zerstören war, wälzte sich der ganze ,Raubschwarm` unter Hurra-Geschrei nach der Fabrik von Christian Dierig.<. Also man merke wohl auf: Solange die Weber bloß in Peterswaldau plündern und wüten, sind sie gereizte Leute, die sonst niemandem etwas zuleide getan; wie sie nach Langenbielau marschieren, sind sie >Rebellen<; wie sie beim nächsten Nachbarn plündern, sind sie >Pöbel<; wie sie mit Äxten vor dem Hause des Herrn Dierig stehen, sind sie >Raubschwärme<. Wahrlich, dieser Kommis gehört zu einem sehr großen Publikum! Er erzählt übrigens, den Tatsachen nach, manches Neue: >Herr Friedrich Dierig rückte mit einem Beutel Geld nach dem andern heraus, dies schien zwar anfangs auch zu helfen, bald mußte man aber die traurige Erfahrung machen, daß dieselbe Hand, die soeben Geld empfangen, noch in derselben Minute mit Steinen in die Fenster schlug .. . Selbst die Polster wurden mit Messern zerschnitten, die Flügel und Tische mit Äxten zerschlagen . . . Herr Wilhelm Dierig hatte mittlerweile ein Gegencorps zu errichten gesucht, und war dieses, unterstützt durch eine Tafel, welche ‚Befriedigung' versprach, auch endlich zusammengebracht worden. Mit diesem Haufen ging ein tüchtiger Mann, der sich mit einer einfachen Fahne versehen hatte, auf die Gegenpartei los und schlug sie in die Flucht, bei welcher Gelegenheit einer erschlagen wurde .. . Man muß nicht glauben, daß Hunderte fochten, nein, Tausende von Menschen waren auf den Beinen, und fast der ganze Troß, der jetzt auf Dierigs Seite war, bestand aus Leuten, die vorhin zur Gegenpartei gehört hatten, die also nur durch Geld sich hatten dingen lassen ... Der Major trat hervor und ermahnte mehrmals zur Ruhe, widrigenfalls er von scharfen Patronen würde Gebrauch machen müssen. Er hatte noch nicht zu sprechen aufgehört, als mehrere Steine nach ihm geworfen wurden. Dessenungeachtet ließ er noch nicht scharf feuern, sondern erst durch Platzpatronen das Volk schrecken . . . Die Zurückgeworfenen stürmten immer heftiger und in immer größeren Massen heran, und so sah sich das Militär genötigt, abzuziehen . . . Es wäre gewiß zu solchen Exzessen nicht gekommen, wäre das Schweidnitzer Militär uns sogleich zu Hilfe geeilt. Es steht nur zwei Stunden von uns und kam erst in 24 Stunden . . .< Soweit der lehrreiche Kommis, dessen vollständige Briefe man nachlesen kann in der >Schaluppe zum Dampfboot< vom 13. Juni, welches in Danzig erscheint.

 

Weser-Zeitung

Nr. 149                 26. Juni 1844

Köln, 20. Juni. [. .] Die schlesische Arbeiter-Revolte hat tiefen Eindruck gemacht. Dies traurige Ereignis wird den soziale Erlösungstheorien, die in mehreren rheinischen Blättern geistreiche Verteidiger finden, unbedingtere Geltung als bisher verschaffen, da es auf so unwidersprechliche Weise nicht allein die Entartung unsres deutschen Industriewesens, sondern auch die kläglichen Zustände der Gesellschaft im allgemeinen, namentlich die klaffende Spaltung zwischen Kapitalisten und Proletariern zeigt. Auffallend erschien es, daß die hiesige Zeitung einige Tage lang über die schlesischen Unruhen nichts anderes mitteilte, als was die >Allgemeine Preußische Zeitung< brachte, während benachbarte Blätter ausführliche Privatmitteilungen enthielten. Der Grund hiervon beruhte in einem Verbot der Regierung, das auf telegraphischem Wege von Berlin anlangte. Seit den letzten Tagen scheint indes diese Maßregel aufgehoben, da nun auch die ›Kölnische< mehrere gediegene, im sozialistischen Geiste geschriebene Artikel von Berlin über den Arbeiteraufruhr brachte. Beachtenswert ist, daß die Expedition im gestrigen Blatte eine Geldsammlung >für die armen Hinterbliebenen der bei den jüngsten unglücklichen Ereignissen gefallenen schlesischen Weber< eröffnete.

 

Mannheimer Abendzeitung

Nr. 153                     28. Juni 1844

 

Berlin, 22. Juni. Was wird die Regierung tun, um den armenWebern in Schlesien zu helfen und einem künftigen Aufstande derselben vorzubeugen? Diese Frage ist jetzt in aller Mund: aber niemand ist, der Antwort gibt. Man hört nur von der beabsichtigten strengen Untersuchung gegen die Aufrührer und der Bestrafung der Rädelsführer. Als ein Schriftsteller, der über diese Angelegenheit geschrieben hat und dessen Name in der letzten Zeit oft genannt worden ist, kürzlich zum Minister Arnim kam, machte ihm dieser geradezu den Vorwurf, daß er das Volk aufgewiegelt habe. So befindet man sich also in dem alten Irrtum. Die Presse ist an allem schuld, Mirabeau, Sieys und die paar anderen Schreier und Skribenten haben die Französische Revolution gemacht. Durch strenge Strafen würde das Übel nur ärger gemacht. Dadurch bekämen die Weber erst, was ihnen jetzt fehlt, politisches Bewußtsein. Sie würden erfahren, wie grausam unser Kriminalrecht sei. Könnte jemand die Weber mit der ewigen Gefängnisstrafe schrecken wollen? Tausende von ihnen befinden sich in einer so elenden Lage, daß die Gefängnisse für sie ein Palast sind! Und daß die Gefängnisstrafe ewig dauern werde, daran glaubt niemand. [. . .]

 

Beilage zu Nr. 150 der privilegirten Schlesischen Zeitung

29. Juni 1844

Unsere nachstehende Erklärung ist von dem hiesigen Herrn Zensor am 15ten d. M. gestrichen, jedoch auf die von uns erhobene Beschwerde von dem Ober- Zensurgericht zum Druck verstattet worden, was wir zur Vermeidung von Mißdeutungen über die Verspätung vorausschicken wollen.

 

Erklärung

Noch tief gebeugt von dem furchtbaren Schlage, der uns am 5ten d. M. aus heiterem Himmel getroffen, müssen wir mit schmerzlicher Entrüstung vernehmen, daß sich lieblose Gerüchte jetzt an die Ehre unseres Namens — wie jene zerstörungswütige und räuberische Rotte an unser Eigentum, die Frucht langjähriger, mühevoller Arbeit — wagen. Wir sollen, so heißt es, die Verteilung von Geld versprochen, damit begonnen, jedoch auf die Nachricht von der Ankunft des Militärs innegehalten und somit den Angriff der durch die Täuschung Gereizten gegen unser Etablissement gewissermaßen selbst verschuldet haben; ja, man geht so weit, unsern Schwager, den Pastor Seiffert, als denjenigen zu nennen, der uns die erwähnte Nachricht gebracht und den Rat, innezuhalten, erteilt habe.

Wir weisen das Gerücht als lügenhaft und verleumderisch zurück. Nahe bedroht durch die in Langenbielau eingedrungenen Frevler, riefen wir mit der Zusage einer Belohnung die Gutgesinnten zur Verteidigung unseres Eigentums auf. Die Verteilung des Geldes begann, aber die damit Beauftragten vermochten bald nicht mehr die einzelnen zu berücksichtigen. Eine unruhige, aufgeregte, sich fortwährend vergrößernde Masse drängte sich heran. Viele, die Geld empfangen hatten, traten mit neuem Begehr an sie, und, als sie in freundlichem Tone baten, die nötige Ordnung zu erhalten, weil sie sonst nicht jedem gerecht werden könnten, stürzte sich plötzlich die Masse mit Wutgeschrei auf sie, entriß ihnen das Geld und zwang sie mit Mißhandlungen zur schleunigen Flucht. Dies ist die Tatsache, welche jetzt von einem tückischen Gerüchte zur Folie benutzt wird, und hiernach ist besonders die zu Mißdeutungen leicht Anlaß gebende, auch bei andern Punkten durchaus ganz unrichtige Darstellung der >Allgemeinen Preußischen Zeitung<" zu berichtigen. Wir unterfangen uns nicht, die Motive der Ereignisse vom 4ten und 5ten hier untersuchen zu wollen. Aber imstande, mit gutem Gewissen zu sagen, daß wir uns niemals irgendeine Bedrückung, Härte oder Verkürzung gegen die 4000 Arbeiter, welche wir, zum Teil mit eigenen Opfern, für unser Etablissement bis jetzt beschäftigten, erlaubt haben und unausgesetzt bemüht waren, die vaterländische Industrie zu heben, wie auch bei den unglücklichsten Konjunkturen für den fleißigen und redlichen Arbeiter gute Arbeitslöhne zu erhalten — dürfen wir uns von jeder moralischen Verantwortlichkeit für das, was geschehen ist, freisprechen.

Breslau, den 15. Juni 1844

Die Brüder Wilhelm und Friedrich Dierig
in Langenbielau

 

Aachener Zeitung

Nr. 187                   6. Juli 1844

Die >Berlinische Zeitung< enthält folgende Erklärung: >Um falschen Gerüchten und ferneren unrichtigen Aufsätzen in öffentlichen Blättern vorzubeugen, bringe ich hiermit zur öffentlichen Kenntnis, daß ich nicht die Weber bei dem Aufstande in Peterswaldau am 4. d. M. durch Geld beschwichtigt, auch selbige von mir keines verlangt haben, sondern der Zweck ihres Kommens zu mir war nur allein der, mir mitzuteilen, daß mir und meinem Eigentum nicht der geringste Schaden zugefügt werden sollte, indem sie zu jeder Zeit mit dem von mir für ihre Arbeit erhaltenen Lohne sowie auch mit der Behandlung zufrieden gewesen wären. Nur einige waren darunter, welche mich um Branntwein ansprachen; da ich aber mit diesem nicht genügen konnte und mochte, suchte ich selbige durch eine geringe Kleinigkeit an Geld zu befriedigen, wofür sie sich ein Glas Branntwein kaufen konnten, um nicht unter ihnen durch eine gänzliche Verweigerung eine Mißstimmung hervorzubringen.

Peterswaldau, den 27. Juni 1844

Friedrich Wagenknecht<

 

 

Privilegirte Schlesische Zeitung

Nr. 156 6. Juli 1844

 

Bekanntmachung

Sobald der Landrat von Prittwitz-Gaffron, Reichcnbacher Kreises, von den Exzessen in Peterswaldau Nachricht erhalten und sich an Ort und Stelle verfügt hatte, requirierte er sofort Militär aus Schweidnitz. Ein Detachement von 200 Mann unter dem Kommando des Majors Rosenberger traf am 5ten d. Mts. mittags zu Peterswaldau ein, wo die Plünderung aber schon erfolgt war. Als er sich demnächst mit 150 Mann nach Langenbielau begab, war das Haus der Kaufleute Hilbert und Andretzky daselbst schon geplündert. Am fiten d. Mts. trafen des Herrn Ober-Präsidenten Exzellenz und der Herr General-Major v. Staff, welchem das Kommando über die zusammengezogenen und noch heranzuziehenden Truppen übertragen war, in der Gegend des Aufruhrs ein. Auch war die von Schweidnitz herbeigerufene Verstärkung, 6 Kompanien Infanterie mit einer Batterie von 4 Kanonen, angekommen. Schon in der vierten Morgenstunde dieses Tages wurde unter Zurücklassung eines Kommandos in Peterswaldau Langenbielau militärisch besetzt. In dem letztern. sehr ausgedehnten, von mehr als 12 000 Menschen, die sich großenteils von Baumwollenweberei ernähren, bewohnten Dorfe herrschte an diesen und den nächstfolgenden Tagen eine große Aufregung, indem sich fortwährend Haufen sammelten, der größte Teil der Weber und sonstigen Handwerker die Arbeit eingestellt hatte und mit ihren beutelustigen Frauen und Kindern in der Umgegend herumzogen und durch ihre Annäherung Schrecken unter den Fabrikanten verbreiteten, auch alle Achtung vor dem Gesetz und den Behörden aus den Augen setzten.

Es gelang indes in wenigen Tagen, die Ruhe wiederherzustellen, indem die am meisten aufgeregten Ortschaften Langenbielau, Peterswaldau und Leutmannsdorf militärisch besetzt und die ganze Gegend mit Truppen dergestalt überzogen wurde, daß neue Zusammenrottungen nicht unbemerkt bleiben konnten, an den bedrohten Orten schleunige Hilfe eintraf, und die Überzeugung geweckt wurde, daß der Staat auf jede Weise die Unruhen zu unterdrücken entschlossen und bereit wäre. Dabei wurden in den unruhigen Ortschaften starke Sicherheitswachen aus Mitgliedern der Gemeinden organisiert, welche sich möglichst in Verbindung setzten und Tag und Nacht patrouillierten.

Die ermittelten Rädelsführer und strafbarsten Teilnehmer des Aufruhrs sind unter Mitwirkung des Militärs verhaftet und nach Schweidnitz transportiert. Die Zahl der seitens der Polizei Verhafteten beträgt gegen 70. In Gemäßheit der Verordnung über das Verfahren bei Untersuchungen wegen Aufruhrs und Tumultes vom 30sten September 1836, hat das hiesige Königliche Ober-Landesgericht eine Untersuchungs-Kommission ernannt, welche in Schweidnitz seit dem 10ten d. Mts. mit Führung der Untersuchung beschäftigt ist und seinerzeit in betreff der rechtskräftig Verurteilten das Erkenntnis öffentlich bekanntmachen wird.

Neuere Exzesse sind bis heute nicht zu unserer Kenntnis gelangt. Auch liegen uns noch keine sicheren Nachrichten darüber vor, daß die Zahl der infolge des Aufruhrs arbeitslos Gewordenen erheblich wäre. Selbst diejenigen Fabrikanten, welche sehr bedeutende Verluste zu beklagen haben, beschäftigen ihre Arbeiter wieder.

Zur sofortigen Unterdrückung etwaiger fernerer Unruhen befindet sich noch eine angemessene Militärmacht in Reichenbach.

Über die eigentlichen Ursachen der stattgehabten aufrührerischen Bewegungen, Zerstörungen und Plünderungen sowie die ferneren Folgen davon für die Fabrikanten und die seither von ihnen beschäftigten Arbeiter kann man bis jetzt nur Vermutungen haben. Auch läßt sich der bedeutende Wert des vernichteten und geraubten Eigentums mit Sicherheit nicht angeben. Ein allgemeiner Notstand hat sich bei den Webern jener Gegend keineswegs eingefunden; es fehlte ihnen im ganzen nicht an Arbeit, und ihr Lohn reichte zur Bestreitung ihrer notwendigsten Lebensbedürfnisse aus.

Insbesondere fänden fleißige und geschickte Weber, bei gutem Betragen und Sparsamkeit, stets ihren Lebensunterhalt, zumal die gewöhnlichen Lebensbedürfnisse bisher keineswegs ungewöhnlich hoch waren. Auch konnten Tagearbeiter bei ländlichen Beschäftigungen in der Regel Verdienst finden. Die Hauptschuldigen sind größtenteils Menschen, die im Rufe der Liederlichkeit standen.

Breslau, den 28. Juni 1844

Königliche Regierung Abteilung des Innern

 

 

Vorwärts ( Paris)

Nr.54         6. Juli 1844

 

Die Weber am Riesengebirge im Juni 1844

 

Im Königreiche des schwarzen einköpfigen Adlers ging alles herrlich! Seit Jahren schon wurden die >unbequemen< Redner und Schriftsteller zur Ruhe gebracht oder verbannt; die >unangenehmen< Geistes-Produkte noch vor dem Drucke erwürgt oder doch bald nach demselben polizeilich eingesteckt oder in den Papier-Mühlen >auf höchsten Befehl< eingestampft. Die Zeitungen priesen täglich das unnennbare Glück des Volkes und seufzten pflichtschuldigst recht oft über die >bösartigen Leute<, welche ein bißchen mißvergnügt zu sein wagten. Allwöchentlich lasen die erstaunenden Untertanen des angedeuteten Reiches, daß die Staatsschuld vermindert, die Steuer erniedrigt, Kirchen auf Kirchen gebaut, alte Dome ausgebessert, die Soldaten frisch eingekleidet, rote Adler mit und ohne Laub ausgeteilt, neueste Museen neben den neuen gegründet, Adelsdiplome ausgeteilt wären. Sie lasen mit steigender Rührung, wie fromm christlich sie selber gemacht werden, die königlichen Kammer-Junker dreifache Löhnung, und wie sie, die bürgerlichen Bewohner des Landes, vor dem geheimen Gericht väterliche Stockschläge bekommen sollten. Ja, man las sogar in jenen Reichs-Annalen, daß viele nie gesehene und nie gehörte Schauspiele und Musikfeste, für den der Geld habe, aufgeführt und etliche Millionen Taler dazu aus dem Staatsschatz genommen würden. Um den Luxus des Hofes geschmackvoll im großen zu betreiben, waren die geeignetsten Anstalten getroffen: dadurch — so lehrten die weisen Zeitungen und die hohen Beschützer derselben — werde den Arbeitern Verdienst gegeben und dem lästigen Übel des Volks-Elends >von oben herab< weit vorgebeugt. Übrigens baute man viele Eisenbahnen, um armes Gesindel zu beschäftigen und von bösen Gedanken abzuhalten, wie auch um die Reichen friedfertig (in der Angst um ihre Prozentchen) zu bewahren. Auch stach die schwarze Adlerflotte in See (bestehend aus einem Kriegsschiffe),um der Welt Respekt vor dem Adler einzuflößen. Alle Kanzeln rauschten vom Lobe der hohen Regierung, alle Schullehrer mußten ihren Schülern Lobpredigten aufselbige einbleuen, und wenn ein alberner Professor dagegen zweifelte, so jagte man ihn fort >mit allerhöchster Bewilligung<. Welche Nation war demnach glücklicher als die in Rede stehende? [. . .]

Da, im Juni 1844, zu Peterswaldau und Langenbielau in Schlesien, standen eines Tags fünftausend Weber — Stöcke, Messer, Steine in den magern Händen — und lieferten einigen Bataillonen Soldaten eine wütende Schlacht! Und sie räumten in den Palästen ihrer Fabrikfürsten auf, und vertilgten die Schuldbücher und die Kreditbriefe, aber sie stahlen nicht und betrogen nicht! Die Arbeiter in Breslau und die Schifferin Glun sprangen auch in die Höhe und setzten sich erst, als ihnen die Reiterknechte auf die Köpfe säbelten. — Der Adler aber erschrak.

Das geschah im >glücklichen< Reiche? 1844? Ei, da haben entweder die Zeitungen vorher zuviel Rühmens gemacht vom dorti­gen Glücke, oder die fünftausend Weber sind toll. O nein, sie sind bei Verstande! Die Sache ist sehr einfach: Diese Fabrikarbeiter hungerten teils leiblich, teils quälte sie geistiger, tiefster Kummer ob der unseligen Lage, zu der sie der böse, heutige Zustand verdammt hatte. [. . .]

Mit einem Worte: Zum ersten bedeutenden Male auf vaterländischem deutschen Boden, im sonst so stillen, gemütlichen Schlesien, ist ein Vorbote der sozialen Umänderung aufgetaucht, der die Welt unaufhaltsam im erhabenen Entwicklungsmarsche der Menschheit entgegenwandelt. — Laßt uns nicht den Stein werfen auf diese Fabrikfürsten als Personen; sie sind erzogen in dem alten verderbten Zustande der Verhältnisse. Wohl wissen wir, daß auch oft sie der Konkurrenz erliegen und daß Geist und Herz und Vernunft ihnen längst umnebelt, ja ausgelöscht sind durch die Zaubergewalt des Weltgespenstes, des Geldes. Aber unser ganzes Leben sei geweiht fortan, den Mitbürgern zu beweisen, daß, solange Privathabsucht, Monopol, falsche Wertung des Menschen und der Gegenstände, kurz, solange die Nationalökonomie im alten Schlendrian bleibt, keine menschliche wahre Gesellschaft möglich ist.

 

Deutsche Allgemeine Zeitung

Nr. 189                                7. Juli 1844

 

Aus Schlesien, 3. Juli. [. .] Man hat uns erzählt von der Hungersnot im schlesischen Gebirge, von der Not der Weber überhaupt, von den Bedrückungen, die Kaufleute und Fabrikanten sich gestattet haben, man hat ungescheut einzelne Tatsachen angeführt, sich auf dieselben berufen, und diese Tatsachen haben bei näherer Untersuchung sich als falsch ergeben. Man hat uns nicht erzählt, wie die Unredlichkeit vieler Spinner und Weber seit länger als einem halben Jahrhundert ebensoviel wie ihre Ungeschicklichkeit dazu beigetragen hat, sie zugrunde zu richten. Es ist alles geschehen, das Volk in dem Wahne zu erhalten, ihre Leiden seien unverschuldet, ihre Bcschäftiger hat man verdächtigt und dadurch mittelbar zu Haß und Aufreizung getrieben. Die Stimmen, die sich gegen diese Ansichten erhoben, wurden entweder in dem allgemeinen Lärm überhört oder überschrien. Es ist von jener Seite nichts geschehen, dem Volke zu sagen: Raffe dich auf aus deiner Trägheit, deinem Stumpfsinn, schaue um dich, rühre die Hände, gebrauche den Kopf, denke nach. Es ist nichts geschehen, ihm zu sagen, daß es schädlich sei, zu saufen und zu fiedern, in wilder Ehe zu leben und wenig zu arbeiten, daß es schmachvoll sei, anzuklagen andere, und nicht auf sich selbst zu schauen. Die ihr geschrieben habt über die Not in unsern Bergen, habt ihr wirklich geschrieben infolge unmittelbarer Anschauung, habt ihr gründlich und gewissenhaft untersucht, ob diese Not in Wahrheit in dem von euch bezeichneten Maße stattfand, und wenn, ob die von euch bezeichneten Motive die alleinigen gewesen sind? Gerade weil wir nicht lichtscheu sind, weil wir die höchste Achtung vor der freien Presse haben und sie nicht herabgewürdigt sehen wollen zur Dienerin der Schmeichelei und der Verleumdung, gerade deshalb sagen wir aus vollster Überzeugung, daß die Tagespresse, welche sich mit der Darstellung der Weberverhältnisse beschäftigte, zum großen Teil Übertreibungen, halbwahre, unwahre Tatsachen brachte. [. .]

 

Privilegirte Schlesische Zeitung

Nr.157                                8. Juli 1844

Die neueste Nr. 6 des Ministerial-Blatts für die gesamte innere Verwaltung enthält [. . .] nachstehende königl. Kabinetts-Ordre: >Ich habe wahrgenommen, daß den verwahrlosten oder der nötigen Aufsicht entbehrenden Kindern, den durch Krankheit oder andere Unglücksfälle in Hilfsbedürftigkeit geratenen Armen, den entlassenen, der Besserung fähigen Verbrechern etc. an sehr vielen Orten nicht diejenige Fürsorge gewidmet wird, welche dringend notwendig ist, um den großen Übeln zu steuern, welche aus der Vernachlässigung der Jugend in den niedern Volksklassen, dem Pauperismus und der Hilflosigkeit entlassener Sträflinge etc. hervorgehen. Abhilfe ist hier nur durch Vereinigung vieler, aus innerem Antriebe wirkender Kräfte zu beschaffen, und es ist daher Mein Wille, daß die mit der Verwaltung und Beaufsichtigung des Armenwesens beauftragten Behörden die Förderung und Unterstützung von Vereinen, die zu jenen Zwecken freiwillig zusammentreten, auf alle Weise sich angelegen sein lassen, und dieses hinführo als eine ihrer Amtspflichten erkennen. In welcher Weise die Bildung solcher Vereine am wirksamsten durch die Behörden zu fördern und deren Tätigkeit mit sicherem Erfolge auf diesen Zweck hinzuleiten ist, darüber will ich Ihre gutachtlichen Vorschläge möglichst bald erwarten. Inzwischen haben Sie die Chefs der Provinzialbehörden von Meiner Willensmeinung vorläufig in Kenntnis zu setzen und dieselben aufzufordern, diese Angelegenheit zum besonderen Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit und Bestrebungen zu machen, und kräftigst dahin zu wirken, daß dort, wo es an dergleichen Vereinen jetzt noch mangelt, solche baldigst durch Ihr Beispiel und Ihre Ermunterung ins Leben gerufen werden. Sanssouci, den 13. Nov. 1843.                 Friedrich Wilhelm.

An die Staatsminister Eichhorn und Grafen v. Arnim.<

 

Allgemeine Zeitung (Augsburg)

Nr. 197                                  15. Juli 1844

Aus Schlesien, 9. Juli. Man ist von einigen Seiten geneigt, die vor kurzem vorgekommenen bedauerlichen Ereignisse in Langenbielau und Peterswaldau kommunistischen Umtrieben zuzuschreiben, ist aber damit im Irrtum. Eine kurze und wahre Darstellung der Lage der Sachen wird zeigen, daß der Aufstand völlig improvisiert war. In den genannten beiden und einer Anzahl anderer Dörfer des Reichenbacher Kreises ist die Baumwollenweberei eine der Hauptbeschäftigungen der sehr zahlreichen Bevölkerung. Die allerwenigsten dieser Weber arbeiten auf eigene Rechnung, sondern die Mehrzahl bekommt die Garne von den Fabrikanten und erhält einen festgesetzten Lohn. Die letzten Jahre ging das Geschäft zwar ziemlich schwunghaft, erlitt aber zwischendurch Stockungen, von denen die Fabrikanten Veranlassung nahmen, den Lohn herabzusetzen. Mittlerweile wuchs die Zahl der Weber von Jahr zu Jahr und es entstand ein Drängen nach Arbeit, das den Fabrikanten es leichter machte, den Arbeitslohn beliebig zu verkürzen. Gerade in der neuesten Zeit ging es mit dem Geschäft recht gut, dennoch fand nicht nur keine Erhöhung dieses Lohns statt, sondern einzelne Fabrikherren wiesen die Weber, wenn sie eine solche in Anspruch nahmen, mit schroffen Reden zurück. Ein Fabrikant in Peterswaldau, in dessen Haus großer Luxus herrschte, trieb es, so wie seine Kommis, besonders weit. Er verhöhnte die Weber, wenn sie ihre Not und ihr Elend darstellten. So füllte er das Maß bis zum Überfließen, und es brach gegen ihn der erste Sturm der Verzweiflung los. Ähnlich wie mit diesem war es bei einigen Fabrikanten in Bielau; daher, als man von den Vorgängen in Peterswaldau hörte, auch hier die Masse in Gärung geriet. Neben jenen Bezeichneten gibt es aber in den beiden Dörfern noch eine Menge andere, welche ihre Geschäfte zwar nicht so umfangreich betreiben, aber dennoch auch Tausende von Arbeitern beschäftigen. Diese hatten sich der Härte weniger schuldig gemacht, ja mehrere derselben standen bei ihren Webern so in Gunst, daß diese ihnen während des Aufruhrs Sicherheitswachen stellten und ihnen auch nicht das mindeste versehren ließen. Daß einzelnes liederliches Gesindel die Gelegenheit zum Plündern benutzte, darüber wird man sich nicht wundern, sowenig als darüber, daß Meuterer das Feuer zu schüren bemüht waren.

 

Vorwärts! (Paris)

Nr. 64           10. August 1844

Am 27. Juli 1844 erschien in dem Pariser Exil-Organ Vorwärts! ein Artikel unter der Überschrift “Der König von Preußen und die Sozialreform”. In ihm wertete der Junghegelianer Arnold Ruge (1802-1880), der noch Anfang 1844 zusammen mit Karl Marx die Deutsch-Französischen Jahrbücher herausgegeben hatte, die schlesischen Unruhen als eine lokale Hunger-Revolte, die kaum geeignet sei, die Herrschenden in Preußen zu erschrecken. Mit zwei langen Artikeln im Vorwärts! vom 7. und 10. August 1844 vollzieht Marx den ideologischen Bruch mit Ruge und gibt seine knappe Deutung des Weberaufstands.

 

Kritische Randglossen zu dem Artikel

>Der König von Preußen und die Sozialreform. Von einem Preußen<

Von Karl Marx

(...)

Der >Preuße< stelle sich dagegen auf den richtigen Standpunkt. Er wird finden, daß kein einziger der französischen und englischen Arbeiter-Aufstände einen so theoretischen und bewußten Charakter besaß wie der schlesische Weberaufstand.

Zunächst erinnere man sich an das Weberlied, an diese kühne Parole des Kampfes, worin Herd, Fabrik, Distrikt nicht einmal erwähnt werden, sondern das Proletariat sogleich seinen Gegensatz gegen die Gesellschaft des Privateigentums in schlagender, scharfer, rücksichtsloser, gewaltsamer Weise herausschreit. Der schlesische Aufstand beginnt gerade damit, womit die französischen und englischen Arbeiter-Aufstände enden, mit dem Bewußtsein über das Wesen des Proletariats. Die Aktion selbst trägt diesen überlegenen Charakter. Nicht nur die Maschinen, diese Rivalen des Arbeiters, werden zerstört, sondern auch die Kaufmannsbücher , die Titel des Eigentums, und während alle andern Bewegungen sich zunächst nur gegen den Industrieherrn, den sichtbaren Feind, kehrten, kehrt sich diese Bewegung zugleich gegen den Bankier, den versteckten Feind. Endlich ist kein einziger englischer Arbeiter-Aufstand mit gleicher Tapferkeit, Überlegung und Ausdauer geführt worden.

 

Weser-Zeitung

Nr. 203                         28. August 1844

Breslau, 17. August. Gönnen Sie mir in Ihrem auch hier sehr geachteten Blatte ein Plätzchen, wo ich mich über unsere Zustände frei und unverhohlen aussprechen darf. Zunächst ein Wort über die Presse! Der aufmerksame Beobachter wird schon längst zwischen preußischer und schlesischer Presse unterschieden und gesehen haben, daß unsere Zeitungen, wie Aschenbrödel in der Ecke kauernd, an harten Brotrinden nagten, während ihre Schwestern, die rheinischen z.B., noch hier und da einen gesunden kräftigen Bissen erwischten. In der Tat, wir sind wieder in dem Jahre 1839, wo wir von Glück sprechen konnten, wenn ein auf das Inland Bezug habender Artikel der Staatszeitung unverstümmelt den Händen des Zensors entschlüpfte. Der erste verkrummte Weberarm, der sich gegen das Eigentum des Herrn Zwanziger erhob, hat Schlesien die Gleichberechtigung mit den übrigen Provinzen des preußischen Staates geraubt und uns einer Spezialverwaltung anheimgegeben, um die wir nicht zu beneiden sind. Der Ober-Präsident, Herr v. Merckel, hatte schon längst mit Mißbilligung auf den Eifer gesehen, mit dem sich unsere Presse der armen Spinner und Weber annahm, man sagt, weil er mit eifersüchtelnder Beharrlichkeit die seiner Obhut anvertraute Provinz dem Könige als ein Eldorado geschildert. Als nun aber jene tragischen Szenen im Gebirge vorfielen, mußte er, um bei seiner Meinung zu bleiben, einen Grund auffinden, der diese Katastrophe veranlaßt haben könnte. Natürlich war es die Presse. Sogleich verordnete er die Verstopfung dieser Quelle wenigstens für so lange Zeit, bis seine in einem detaillierten Berichte niedergelegte Meinung von oben her konzessioniert würde. Vom Wagen aus, der ihn nach dem Orte der Exzesse tragen sollte, dekretierte er verschärfte Zensur, und so ist es geblieben bis auf den heutigen Tag. Wenn man bis jetzt aber bloß vermutet, daß man in Berlin sich zu der v. Merckelschen Ansicht bekannt und für Schlesien Spezial-Zensurinstruktionen gegeben habe, so ist es jetzt außer allem Zweifel. Einem hiesigen Publizisten war ein Artikel vom Zensor gestrichen worden, der einige soziale Fragen behandelte. Das für den Verfasser günstige Erkenntnis des Ober-Zensurgerichts kam aber zu einer Zeit an, wo die Weberunruhen schon ausgebrochen waren. Der Zensor strich den Artikel also noch einmal. Heute, also ungefähr nach 2 Monaten, ist das abermalige Erkenntnis des Ober-Zensurgerichts auf die abermalige Beschwerde des Verfassers jenes Artikels eingegangen und lautet zugunsten des Zensors. Es heißt darin, daß nach Art. X. des Edikts vom 18. Oktober 181932 die Erlaubnis zum Druck nur auf ein Jahr gelte. Der Grund dieser Bestimmung sei, daß die Beurteilung über Zulässigkeit des Abdrucks durch die jedesmaligen Zeitumstände bedingt sei. Nun existiere aber eine Allerhöchste Ordre vom 14. Juli d. J., wonach >Besprechungen von Gegenständen, welche die unteren Volksklassen gegen die höheren, die Armen gegen die Reichen aufzuwiegeln geeignet sein könnten, bis auf weiteres den in der Provinz Schlesien erscheinenden Zeitungen, Wochenblättern und Flugschriften gar nicht gestattet sein sollen<. Wir sind dem Ober-Zensurgerichte dankbar, daß es uns über unsere Lage endlich Gewißheit verschafft hat.

 

Weser-Zeitung

Nr. 268                    13. November 1844

Breslau, 7. Nov. “Magdeburger Zeitung” Die Untersuchungs­Kommission des hiesigen Königl. Oberlandesgerichts, bestehend aus dem Oberlandesgerichtsrat Bergius, Oberlandesgerichtsassessor Weymar und Kammergerichtsassessor Pratsch, macht in der heutigen >Breslauer Zeitung< das Ergebnis der Kriminaluntersuchung wider die Teilnehmer an den schlesischen Arbeiterunruhen im Juni d. J. bekannt.

1) In betreff des Tumults in Langenbielau sind 35 teils zu Festungs-, teils zu Zuchthausstrafe verurteilt worden, unter ihnen z.B. der Weber Burkhardt unter Versetzung in die 2. Klasse des Soldatenstandes, Verlust der Nationalkokarde und des National-Militärabzeichens, zu neunjähriger Festungsstrafe, der Weber Umlauf wegen Tumults zu achtjähriger Festungsstrafe, der Schuhmacher Rohleder unter Versetzung in die zweite Klasse etc. zu siebenjähriger Festungsstrafe, der Weber A. Winkler wegen Tumults zu 6 ½ jähriger Zuchthausstrafe und 30 Peitschenhieben, der Weber Herford wegen Tumults und großen Diebstahls unter Verlust der Nationalkokarde zu 6jähriger, der Weber Franke ebenfalls zu 6jähriger Zuchthausstrafe, noch 3 wegen Tumults zu 6jähriger Festungsstrafe, 5 zu 5jähriger, 6 zu 4 ½ bis 4jähriger, 12 zu 3 ½ bis 3jähriger Zuchthaus- oder Festungsstrafe, 4 zu 2 ½ jähriger Zuchthaus-, 1 zu 1jähriger Festungsstrafe.                           2) In betreff des Tumults zu Peterswaldau wurde ebenfalls gegen 35 erkannt, von denen 2 zu 5jähriger Zuchthaus- oder Fe­stungsstrafe, 3 zu 4jähriger Zuchthausstrafe, 16 zu 3 ½ bis 5jäh­riger Zuchthaus- oder Festungsstrafe, 9 zu 2 ¼ bis 2jähriger Zuchthaus- oder Festungsstrafe, 2 zu 1jähriger Zuchthausstrafe, die übrigen 4 zu milderen Strafen verurteilt wurden.                                                                                                              3) In betreff des Tumults zu Friedersdorf wurden 11 verurteilt. Die höchste Strafe bestand wegen Tumults und Diebstahls unter Verlust der Nationalkokarde in 6jähriger Zuchthausstrafe und 20 Peitschenhieben, die geringste wegen Tumults in 1 ½ jähriger Zuchthausstrafe.                                                                                           4) In betreff des Tumults in Leutmannsdorf wurden von 6 Angeklagten 2 wegen Aufruhrs zu 4jähriger, 1 zu 3jähriger, 1 zu 2 ½ jähriger und 2 zu 2jähriger Zuchthausstrafe verurteilt.

 

Vorwärts! (Paris)

Nr. 95                    27. November 1844

 

Vierundzwanzig Peitschenhiebe und zehn Jahre Schanzarbeit

So lautet das bekannte Urteil des Königl. Kriminalgerichtes zu Breslau gegen die Rebellen von Peterswaldau. Wenn eine Epoche dem Grabe zueilt, samt allen ihren Einrichtungen und Gesetzen, samt ihrer Religion und ihrer Moral, dann bäumt sie sich noch mehrmals wild empor in ganzer Scheußlichkeit, dann schleudert sie wütiger als je ihre Strafverordnungen auf die Personen, welche als Vorläufer der neuen Zeit Bahn brechen wollen. Es hat wieder einmal sich aufgerichtet, das blutbespritzte preußische Landrecht, das greise sündige Ungeheuer, und hat sich an Menschen und Menschenblut gelabt.

Vierundzwanzig Peitschenhiebe und zehn Jahre Schanzarbeit ... Wißt Ihr, was das heißt? Seht Ihr in oder bei den königlichen preußischen Festungen ersten Ranges ein Rudel menschenähnlicher Gestalten auf brennender staubiger Chaussee, im Wassergraben, im Straßenkot, auf den Wällen die härteste, widerlichste Arbeit verrichten, die man nur Maschinen übergeben sollte, tragen sie eine schändlich doppelfarbige Kleidung, grün die eine, gelb die andere Hälfte von oben bis unten, ist ihr Hals in einen Ring geschlossen mit zwei weit hinragenden Eisenhörnern, schleppen sie Kette und Kugel am Fuß und marschieren Liniensoldaten mit geladenen Flinten nebenher: dann habt Ihr die preußischen Schanzverdammten vor Euch.

Vierundzwanzig Peitschenhiebe und zehn Jahre Schanzarbeit.

— Wie das die tückischen Herzen der Regierungsknechte und der Kirchenbuben kitzeln muß! Sie reiben sich froh die Hände und blinzeln gen Himmel und sprechen mit Salbung: also geschehe allen, die Gott, König und Geld lästern.

Vierundzwanzig Peitschenhiebe und zehn Jahre Schanzarbeit!

— Warum nicht lieber erschossen oder gehangen? Das wäre >zu radikal<, das wäre >nicht christlich<, das wäre >aufregend<, das wäre vor allen Dingen dreist. Aber Deutschlands Tyrannen sind feige Despoten, ebenso christlich wie ihre Untertanen.

Und wofür diese Strafe?

Dafür, daß sie durch die Fabrikfürsten in tiefste Verzweiflung gestürzt worden.

Dafür, daß ihnen endlich der Blick hell geworden, indem sie eingesehen, daß alle Menschen Brüder sind und gleich und gleiches Lebensrecht besitzen.

Dafür, daß sie den absoluten König höhnten, ihn, der fünfzehn Millionen für Theater und Kirchen verausgabt hat und sich einen Landesvater nennt.

Dafür, daß sie Eigentum und Geld aufgehoben wünschten, indem ihr einfacher Sinn richtiger sah als die aberwitzige Weisheit der Professoren und Priester.

Dafür, daß sie endlich selber Hand ans Werk legten und niederschmetterten, was ihnen als verworfen erschienen. Dafür vierundzwanzig Peitschenhiebe und zehn Jahre Schanzarbeit!

Die Proletarier Deutschlands haben hier eine Niederlage, aber nur zum Scheine, erlitten. Jene schlesischen Weber sind die verlornen Posten einer siegreichen Zukunft. Wie jedoch dieselbe sich bewerkstelligen möge, ob friedlich oder blutig, dieses wird von der Energie der friedlichen Propaganda abhängen und von dem Grade der Bereitwilligkeit, mit der die deutschen Privilegierten die Ohren öffnen. Bricht aber das Schlimmste herein*, dann könnte eine neue Frage entstehen, nämlich: Ob der kleine deutsche König das ganze große deutsche Proletariat, oder ob umgekehrt das deutsche Proletariat den deutschen König zu Peitschenhieben und Schanzarbeit verurteilen wird? Die Lösung dieses letzteren Dilemmas bleibt der Geschichte überlassen.

* Wir hoffen es nicht.

 

 

Telegraph für Deutschland

Nr. 165                       Oktober 1844

 

Schreiben des Kommunistischen Arbeiterbildungsvereins in London an den Redakteur des >Telegraphen für Deutschland<

Geehrter Herr Redakteur!

Überzeugt von Ihren freisinnigen und gerechten Grundsätzen und aufgemuntert durch Ihre Teilnahme an dem traurigen Lose der arbeitenden Klassen, nehmen wir uns die Freiheit, Sie mit nachfolgender Bitte zu belästigen, und hoffen, daß Sie uns die Erfüllung derselben nicht versagen werden.

Als uns nämlich durch die deutschen Zeitungen die Nachricht von dem Arbeiteraufstande in Schlesien zukam und wir zu gleicher Zeit das furchtbare Elend kennenlernten, welches denselben hervorgerufen, konnten wir nicht anders, als den tiefsten und innigsten Anteil an dem Schicksale unserer unglücklichen Mitbrüder zu nehmen. — Wir konnten und mußten mit ihnen und für sie fühlen, denn auch wir stehen in ähnlichen Verhältnissen wie sie; auch unsere und unserer Familien Existenz hängt von der Laune eines Meisters ab, auch wir leben morgen von dem, was wir heute verdient haben; auch wir haben Hunger gelitten, ja wir leiden ihn oft noch!

Ja! Wir fühlten und fühlen tief, wir erkennen aber auch, daß bloßes Gefühl ohne Tat unfruchtbar und unnütz ist; denn das Gefühl ist nur schätzenswert, wenn es uns zum Handeln treibt. — Deswegen haben wir, eine Anzahl deutscher Arbeiter, eine Sammlung für die schlesischen Weber veranstaltet, deren Betrag von sechs Pfund Sterling wir Ihnen hierbei mit der inständigen Bitte übersenden, denselben womöglich an die Familien derjenigen gelangen zu lassen, welche entweder während der Unruhen geblieben sind oder jetzt infolge derselben im Gefängnisse schmachten. — Unser Scherflein ist klein, aber wir haben getan, was in unseren Kräften stand. Muß doch heutzutage der Arbei­ter, wenn er seinen unglücklichen Mitbrüdern helfen will, es an seinen notwendigsten Bedürfnissen ersparen!

Der Grund aber, warum wir unseren Beitrag bloß für die Familien der Gebliebenen und im Gefängnis Schmachtenden bestimmen, ist: weil wir dieselben als die Märtyrer der heutigen schlechten Organisation der Gesellschaft betrachten.

Freilich können wir Unruhen wie die schlesischen und böhmischen nur beklagen, weil wir wohl einsehen, daß solche teilweise Aufstände nicht geeignet sind, unserem Stande diejenigen Rechte zu verschaffen, welche ihm gehören und welche er zu erlangen strebt; aber fern sei es auch von uns, unsere unglücklichen Brüder anzuklagen, selbst wenn sie uns Schaden bringen sollten. — Nein! Wir klagen die Gesellschaft an, die uns als Parias behandelt; die uns alle Lasten auferlegt, die uns keine Rechte gewährt; die uns dem Elend und dem Hunger preisgibt.

Ja, wir müssen und wollen unter allen Verhältnissen mit unseren Leidensgenossen sympathisieren, aber auch mit den Männern, deren Bestreben es ist, eine bessere soziale Organisation der Gesellschaft und insbesondere eine Organisation der Arbeit herbeizuführen. Mit Vertrauen blicken wir auf sie, welcher politischen Meinung, welchem Stande sie auch immer angehören mögen, und wünschen und hoffen, daß es ihrem Streben gelingen werde, die große Aufgabe des neunzehnten Jahrhunderts zu lösen — die Emanzipation der arbeitenden Klassen, des Proletariats. Wir von unserer Seite werden nichts fehlen lassen, um uns in den Augen der öffentlichen Meinung einer Emanzipation würdig zu zeigen. Wir haben bereits eingesehen, daß die bloße politische Umgestaltung eines Staates uns zu nichts dienen wür­de, als etwa von andern als unsern jetzigen Meistern ausgebeutet zu werden, und aus diesem Grunde sind uns auch alle die Män­ner fremd, deren Streben rein politischer Tendenz ist. — Uns ist es gleich, ob der Staat monarchisch, konstitutionell oder republika­nisch ist, solange er sich nur auf Gerechtigkeit gründet.

Wir wollen uns endlich einmal aus dem Schlamme erheben, in welchem unser Stand schon seit so langer Zeit versunken ist: — nicht durch Gewalt, sondern durch Bildung unserer selbst, durch gute Erziehung unserer Kinder. Hierzu aber haben wir vor allem eine gesicherte Existenz nötig. Nur wenn der fleißige Arbeiter immer Arbeit und eine seiner Arbeit angemessene Vergütung findet, nur wenn unsere heute uns zu Boden drückenden materiellen Sorgen erleichtert werden, können wir uns zur geistigen Freiheit erheben und uns einer völligen Emanzipation würdig machen.

Dieses, Herr Redakteur, sind die Gefühle, welche uns bewogen, für unsere leidenden Brüder in Schlesien eine Sammlung zu veranstalten; möge unser Tun noch viele Nachahmer finden. Dieses der Zweck, welchen wir uns vorgesteckt und welchen wir ohne Furcht frei und offen bekennen in der festen Überzeugung, daß er gerecht ist und daß er uns der Mitwirkung und des Beifalls aller rechtlichen Männer versichern muß.

Indem wir, geehrter Herr Redakteur, die Veröffentlichung dieses Briefes in Ihrem geschätzten Blatte Ihrem Gutachten anheimstellen, bleiben wir mit größter Hochachtung

Ihre ergebensten

Im Namen und Auftrag des deutschen wissenschaftlichen Arbeitervereins in London:

Karl Schapper Joseph Moll Adolph Lundmann Anton Müller A. Lehmann

London, den 21. September 1844

 

Der Sprecher oder: Rheinisch-Westphälischer Anzeiger

Nr. 104 28.Dezember 1844

 

Aus Schlesien, den 14. Dezember. Verteilung des von den deutschen Arbeitern in London den armen schlesischen Webern gesendeten Geldes.

Heute versammelten sich in dem Gasthofe zur Krone in Reichenbach unter Gegenwart der Herren Gerichtsscholzen Neumann und Schnabel aus Langenbielau sowie des Gerichtsscholzen Herrn Schreyer aus Peterswaldau die von denselben ausgewählten ärmsten Familien aus diesen beiden Gemeinden, welche entweder durch den Tod oder durch gefängliche Einziehung ihrer Ernährer in die drückendste Not versetzt worden sind, um nach Verhältnis der Bedürftigkeit die Unterstützung in Empfang zu nehmen, welche das Mitleiden und die Liebe der deutschen Arbeiter in London für sie gesendet. Der Betrag von 6 Pfund Sterling (40 Tlr. 15 Sgr. Preußisch Courant) war durch den Herrn Buchhändler Campe in Hamburg nach Breslau übersendet, und ich, Ferdinand Peinert, Kandidat der Theologie in Olbersdorf bei Reichenbach, mit der Verteilung derselben betraut worden, welches ehrenvollen Auftrages ich mich hiermit entledige.

Mit Rücksichtnahme auf den biederen Brief der deutschen Arbeiter in London, welcher im >Telegraph< und im >Sprecher< abgedruckt ist, und der den versammelten armen Weberfamilien vorgelesen wurde, waren erschienen:

                                                                                                                             empfangen

A. Aus Langenbielau                                                                                          Tlr.  Sgr.

1) Frau Schindler, Witwe des gebliebenen

Färbers Schindler, hat 3 Kinder                                                                      4          -

2) Frau Winzig, Witwe des gebliebenen

Färbers Winzig, hat 3 Kinder                                                                           4          -

3) Der 80jährige Anlauf, dessen Sohn geblieben                                      2         15

4) Die alte Witwe Meyer, deren Sohn geblieben                                         2        15

5) Der Knabe Rauer, dessen Vater eingezogen                                         2           -

 

B. Aus Peterswaldau, wo keiner geblieben

 

 

6) Frau Oertel, zwar ohne Kinder, aber schwanger

2

15

7) Frau Kube, hat ein Kind von 3 Jahren

2

15

8) Frau Schröer, hat 3 Kinder, wovon das eine die Schule besucht

3

15

9) Frau Schwarzer, mit 2 kleinen Kindern

3

10) Frau Koch, mit 3 Kindern und schwanger

4

11) Des Webers Gillner 3 Kinder, ohne Mutter, bei den Großeltern in Pflege

3

15

12) Frau Hübner, mit 1 Kind von 72 Jahr

2

15

13) Frau Krause, hat 1 Kind von 3 Jahren

2

15

14) Die alte Frau Hampel, deren Mann ebenfalls eingezogen ist, aber keine Kinder hat

1

15

Summa

40

15

Mit Tränen des Dankes grüßen die Empfänger ihre braven Brüder in der Ferne!

Zur Beglaubigung unterschrieben:

Schnabel, Ger.-Scholz

Neumann, Ger.-Scholz

Schreyer, dito aus Peterswaldau

Kand. Ferd. Peinert in Olbersdorf, als Kommissionär

Zu vorstehendem Protokoll mag aus dem durch die Zeitungen publizierten, vom Oberlandesgericht zu Breslau gegen die Teilnehmer an den schlesischen Weber-Unruhen gefällten Erkenntnisse bemerkt werden, daß von den Männern, deren Frauen und Kinder oben angeführt sind, der Weber Koch zu 4 Jahren Zuchthaus und 20 Peitschenhieben, der Weber Schreier (oder, wie oben, Schröer) zu 3 ½ Jahren Zuchthaus, die Weber Kube und Krause zu 3 Jahren Festung, der Ziegelstreicher Hampel zu 2 ¼ Jahren Zuchthaus, der Weber Gillner und der Rauher Ertelt (oben: Oertel) zu 2 Jahren Zuchthaus, der Weber Schwarzer zu 2 Jahren Festung und der Weber Hübner zu 5 Jahren Zuchthaus und 30 Peitschenhieben verurteilt worden sind.