Chronologie

Der Auf­s­tand in Lan­gen­bielau (Bielawa) und Peter­swal­dau (Pieszyce) dauerte vom 3. bis zum 6. Juni 1844. Das über­schaubare his­torische Ereig­nis ist bestens doku­men­tiert in Gericht­sak­ten aus dem Prozess gegen die auf­ständis­chen Weber. Die Akten bieten die sel­tene Gele­gen­heit, eine homo­gene Gruppe von Webern aus der Mitte des 19. Jahrhun­derts in ihrem Denken, Han­deln und sozialen Sta­tus zu beschreiben, ein­schliesslich ihres Gesund­heit­szu­s­tandes und ihrer Klei­dung. Dazu sind aus den Akten ca. 360 Blatt zu tran­skri­bieren. Mit der Arbeit wurde im Okto­ber 2008 begonnen. Die Fer­tig­stel­lung soll bis Ende 2013 erfol­gen. Damit wird die Pub­lika­tion “Weber-Revolte 1844″ aus dem Jahr 1979 von Kroneberg/Schloesser um den bere­its damals avisierten doku­men­tarischen zweiten Teil ergänzt und abgeschlossen.

11. Jan­uar 1844

In Lan­gen­bielau beschw­eren sich Weber darüber, dass Fab­rikan­ten auswär­tige Weber beschäfti­gen, die zu gerin­geren Löh­nen als die Bielauer Weber arbeiten.
Am 11. und 12. Jan­uar sam­meln einige Weber im Dorf Unter­schriften für eine Bittschrift an den Lan­drat von Prittwitz-Gaffron. Unter den sechs Webern, welche die Bittschrift am 13. Jan­uar über­re­ichen, befinden sich die Weber Rohleder, Rauer und Hör­ler. (Vgl. unter den Gefan­genen und Verurteil­ten des Auf­s­tandes auf dieser Hom­pepage unter „Weber-Revolte“ und „Gerichtsakten“

29. Jan­uar 1844

Die Weber Rohleder und Rauer beschließen, alle Weber, welche die Bittschrift unter­schrieben haben, aufzu­fordern, mit ihnen zu den Fab­rikan­ten zu gehen und dort zu fordern, nur Webern aus Lan­gen­bielau Arbeit zu geben. Rohleder zieht seine Infanterie-Uniform an, Rauer bläst mit einem Sig­nal­horn Infanterie-Signale, was unter den Ein­wohn­ern Auf­se­hen erregt. Im Kretscham Lan­gen­bielaus soll der Weber Döring äussern, dass „bin­nen 24 Stun­den ganz Bielau mobil“ sei. Es soll zu Verabre­dun­gen kom­men, die Anla­gen in Bielau zu zer­stören, wobei mit der Dierig´schen Anlage, wo sich einige Jacquard-Webstühle in der Erprobung befan­den, begonnen wer­den solle.

Innen­min­is­ter von Arnim erfuhr von den Jan­u­arun­ruhen in Lan­gen­bielau erst nach dem Juni­auf­s­tand. Duncker vern­immt Weber­meis­ter Rischer, bei dem der Weber Rauer beschäftigt war. Rischer sagt aus, dass Rauer ihm auf die Frage, was denn diese Aktio­nen bezwecken soll­ten, geant­wortet habe: „Wir sor­gen dafür, daß es mit den Webern anders wer­den soll. Wir wollen erstens Auss­chließung aller auswär­ti­gen Weber, zweit­ens Erhöhung des Lohnes für uns selbst und drit­ten Abschaf­fung der Klassen­s­teuer.“ Auf Risch­ers Ein­wand, er habe doch Arbeit und solle sich um solche Dinge nicht küm­mern, antwortete Rauer: „Darauf kommt es nicht an; ich tue es des all­ge­meinen Men­schen­wohls wegen.“

Nach Aus­sage des Webers Burghardt, der im Juni­auf­s­tand eine aktive Rolle spielt, sind die Ereignisse im Jan­uar 1844 in Lan­gen­bielau ein mißglück­ter Aufstandsversuch.

Im Feb­ruar 1844 steigt die Arbeit­slosigkeit, die Löhne sinken. Am 20. April protestieren zwei Weber des Fab­rikan­ten Hoferichter in Peter­swal­dau gegen ihre Ent­las­sung. Mehrere Weber schliessen sich ihnen an. Es kommt zu einem Protestzug. Die bei­den Weber wer­den festgenom­men und zum Schloßge­fäng­nis abge­führt. Demon­stran­ten erzwin­gen aber die Freilas­sung der beiden.

20. April 1844

Es geht das Gerücht um, bei dem Fab­rikan­ten Kram­sta in Freiburg sei es zu einem Auf­s­tand der Weber gekom­men und alle Fab­rika­tion­san­la­gen von Kram­sta seien zer­stört worden.

Nach dem Juni­auf­s­tand erk­lärt der Majo­rat­sherr von Lan­gen­bielau, Graf von Sandretzky-Sandraschütz, seit Anfang der vierziger Jahre hiel­ten die Gemein­den Zeitun­gen und legten diese in den Wirtshäusern aus. Sie seien fleis­sig von den Webern gele­sen wor­den und dann mündlich unter den Webern, die nicht lesen kon­nten, weiter ver­bre­itet wor­den.
Früh­jahrsmesse Leipzig 1844

Die Pfar­rer Schnei­der und Kei­tel in Peter­swal­dau wen­den sich gegen die Fab­rikan­ten, die da reich wür­den vom Schweiße der Armen und sich große Paläste bauten. Die bei­den Pfar­rer regen die Kirchgänger zu der Über­legung an, ob die Reichen ihr Eigen­tum recht­mäßig erwor­ben hätten.

Die Gebrüder Dierig schreiben an Lan­drat von Prittwitz-Gaffron: „… Infolgedessen sind eine Menge Leute brot­los gewor­den, größ­ten­teils faule, saum­selige, mit einem Wort lieder­liche Men­schen, echte Pro­le­tarier, die es sich zur Auf­gabe zu machen scheinen, gute und brave Leute zu beun­ruhi­gen, Unzufrieden­heit, Aufruhr usw. anzus­tiften, ja sogar beste­hen­den Geset­zen der Behör­den sich zu wider­set­zen.“ Die Dierigs fordern ener­gis­ches Ein­schre­iten der Behör­den und Bestra­fun­gen der Unruhestifter.

Früh­jahr 1844

Als Nor­mal­lohn für 140 Ellen Kat­tun (9 Arbeit­stage) wur­den im Feb­ruar 1844 32 Sil­ber­groschen bezahlt. Der Fab­rikant Zwanziger drückt den Lohn für 150 bis 160 Ellen Kat­tun auf 12 Sil­ber­groschen. Er würde 300 weit­ere Weber annehmen, wenn diese für 10 Sil­ber­groschen arbeiten woll­ten. Auf den Messen in Frankfurt/Oder und Leipzig verkauft Zwanziger auf­grund seiner niedri­gen Ein­stand­spreise seine Stoffe weit schneller als seine Peter­swal­dauer und Lan­gen­bielauer Konkur­renz. Daraufhin senken auch die übri­gen Fab­rikan­ten die Löhne.

Mai 1844

Das Blut­gericht“ wird in Peter­swal­dau bekannt und ver­bre­itet sich blitzschnell in dem Ort. Der Weber Gebur­tig berichtet später, dass er das Lied nach Ostern mit etwa 15 Weber­burschen erst­mals auf dem Kapel­len­berg gesun­gen habe.

3. Juni 1844

Am Abend des 3. Juni ver­sam­meln sich 20 Weberge­sellen auf dem Feld am Kapel­len­berg, ein beliebter und tra­di­tion­sre­icher Ver­samm­lung­sort. Sie sin­gen „Das Blut­gericht“ und beschliessen, vor das Wohn­haus Zwanzigers zu ziehen und dort „Das Blut­gericht“ zu sin­gen. Sie wer­den von Zwanzigers Leuten ange­grif­fen, der Weber Mäder wird fest­ge­hal­ten und der Ort­spolizei übergeben, die ihn in das Polizeige­fäng­nis auf dem Schloßhof des Grafen von Stolberg-Wernigerode einsperrt. Die Weber Gebur­tig und Eib­ner sam­meln sich mit den übri­gen vor dem Haus des Fab­rikan­ten Wagenknecht und besprechen die Aktio­nen für den näch­sten Tag. Es sollen Weber aus Nieder-Peterswaldau kom­men, um gemein­sam den Weberge­sellen Mäder zu befreien. Danach soll zu Zwanziger gezo­gen wer­den, um Lohn­er­höhung zu fordern. Mehrere Mau­rer ver­sprechen den Webern Unterstützung.

* Die hier dargestellte Chronolo­gie der Ereignisse des Jahres 1844 unter den Webern von Lan­gen­bielau und Peter­swal­dau folgt der unveröf­fentlichten Dissertation

Hein­rich Wald­mann: Unruhen unter den schle­sis­chen Webern 1794 – 1844, Halle 1990 (Sig­natur 1990/284 im Geheimen Staat­sarchiv Preußis­cher Kul­turbe­sitz, Berlin-Dahlem)