Forschungsstand

Karl Marx wurde in Ost und West eifrig zitiert mit seinen kurzen, präg­naten Äußerun­gen über den Auf­s­tand. Im Osten wur­den seine Anmerkun­gen zur Richtschnur der Deu­tung des Auf­s­tandes gemacht, im Westen auch kri­tisch hinterfragt.

Hein­rich Wald­mann (1927 – 2008) war seit Mitte der sechziger Jahre zunächst Mitar­beiter, später Leiter des ehe­ma­li­gen Deutschen Zen­tralarchivs, Abteilung Merse­burg. Dor­thin waren Akten des ehe­ma­li­gen Preußis­chen Innen­min­is­teri­ums während des 2. Weltkrieges aus­ge­lagert wor­den, darunter die Akten zum Weber­auf­s­tand von 1844. Nach dem 2. Weltkrieg befan­den diese Akten sich in Obhut der DDR. Hein­rich Wald­mann plante schon Anfang der sechziger Jahre eine umfan­gre­iche Mono­gra­phie zum schle­sis­chen Weber­auf­s­tand. Die jetzt in Berlin-Dahlem im Geheimen Staat­sarchiv – Preußis­cher Kul­turbe­sitz lagern­den Akten lassen erken­nen, dass während der Lagerung in Merse­burg nur ganz wenige His­toriker und Kün­stler aus der DDR die Möglichkeit hat­ten, die Akten einzuse­hen. Benutzern aus der Bun­desre­pub­lik wurde keine Gele­gen­heit gegeben, die Akten einzuse­hen. Ich selbst hatte zweimal Gele­gen­heit, mit Herrn Wald­mann zu tele­fonieren. Ein­mal 1977, als ich einen Ver­wandtenbe­such in der DDR nutzte, um beim Zen­tralarchiv in Merse­burg anzu­rufen und mich nach Möglichkeiten erkundigte, die Akten einzuse­hen. Offizielle Anträge des Ver­lages mit Ref­eren­zen aus der Bun­desre­pub­lik waren nicht beant­wortet wor­den oder nur mit dem Hin­weis, dass die Akten ger­ade zur weit­eren wis­senschaftlichen Bear­beitung in der DDR benötigt wür­den. Dies war auch Herrn Wald­manns trock­ene Antwort bei meinem Anruf aus Magde­burg. Unmit­tel­bar nach der Wende sprach ich erneut tele­fonisch mit Herrn Wald­mann. Ich habe das Gespräch damals nicht ver­tieft. Sach­liche Hin­weise habe ich 1989 von Herrn Wald­mann nicht erhal­ten. Unsere Arbeit kan­nte er, hat sie auch zitiert. Seine 1990 dann fer­tiggestellte Dis­ser­ta­tion (Uni Halle) geht selb­stver­ständlich in einem Umfang auf die Akten ein, wie dies vorher nie der Fall gewe­sen war – und nicht sein kon­nte (vgl. Christina von Hoden­berg, Auf­s­tand der Weber. Die Revolte von 1844 und ihr Auf­stieg zum Mythos, Bonn: Dietz 1997, S. 16f.). Wald­manns Arbeit ist ganz im Ton einer lin­ien­treuen DDR-Geschichtsschreibung ver­fasst (vgl. Hoden­berg, S. 17). Christina von Hoden­berg hat als erste ´westliche´Historikerin die Aktenbestände einge­se­hen und für ihre Pub­lika­tion von 1997 genutzt. „Wieder­ent­deckt“ — wie sie glaubt – hat sie diese Akten nicht. Sie waren immer im Visier von uns und eini­gen His­torik­ern und Lit­er­aturhis­torik­ern. Der von Rolf Schloesser und mir her­aus­gegebene Band „Weber-Revolte 1844. Der schle­sis­che Weber­auf­s­tand im Spiegel der zeigenös­sis­chen Pub­lizis­tik und Lit­er­atur“, Köln iLv leske repub­lik 1979, gibt schon im Titel den Hin­weis auf die Quel­len­lage: in den siebziger Jahren gab es nur die eine Möglichkeit, über diesen Auf­s­tand zu arbeiten, wenn Recherchen ausser­halb des Merse­burger Archivs ergeb­nisträchtig waren – und das waren damals nun mal die Zeitungsarchive Europas, in denen ich den Jahrgang 1844 suchte und viele Artikel über den schle­sis­chen Weber­auf­s­tand fand und diese Artikel inhaltlich und chro­nol­o­gisch sys­tem­a­tisiert habe.

Das wach­sende Inter­esse in den 70er Jahren an sozialer Lit­er­atur des 19. Jahrhun­derts förderte den Gedanken, Lyrik und Prosa der Zeit auf Bezüge zum Auf­s­tand der schle­sis­chen Weber zu sam­meln und zu betra­chten. Der Band „Weber-Revolte 1844“ hat Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre – gefördert durch das Engage­ment des Ver­lages informationspresse-c.w.leske (Köln) und durch die Büchergilde Guten­berg — ins­ge­samt fünf Aufla­gen erfahren und damit zu einer wahrnehm­baren Ver­bre­itung des Themas´Weberaufstand´ beige­tra­gen. In der Edi­torischen Notiz haben Rolf Schloesser und ich auf den Umstand hingewiesen, dass „eine Benutzung der im Zen­tralarchiv Merse­burg (DDR) lagern­den Archiva­lien des ehe­ma­li­gen preußis­chen Innen­min­is­teri­ums (…) nicht möglich“ war, und dass „zu hof­fen (bleibe), daß die Edi­tion eines Tages doch durch einen entsprechen­den Band ergänzt wer­den kann.“ Die Wende war noch zehn Jahre entfernt.

Rolf Schloesser und ich haben den Band „Weber-Revolte 1844“ als eine damals gebotene Mate­ri­alien­samm­lung gese­hen, die wir durch Kom­mentare und beglei­t­ende Auf­sätze von Rolf Schloesser, Hans Adler und Lutz Kro­neberg in ihren his­torischen und lit­er­arischen Bezü­gen erläutert und inter­pretiert haben. Dabei sind wir zu Ergeb­nis­sen gekom­men, die ohne den all­seits stra­pazierten Begriff vom „Mythos“ auskom­men, sich aber nach meiner Ein­schätzung nicht sehr unter­schei­den von den Ergeb­nis­sen, die Christina von Hoden­berg knapp 20 Jahre später aus der Lek­türe der offiziellen Akten gezo­gen hat.

Nach meiner noch sehr ober­fläch­lichen Ein­sicht in diese Akten im Win­ter 2009 bleibt – was Umfang und Detail­re­ich­tum der dort vor­liegen­den Berichte, Schilderun­gen und Unter­la­gen angeht – auch für weit­ere Arbeit an dem Thema noch einiges zu tun. Doch Vor­sicht: Das Akten­ma­te­r­ial ist sehr umfan­gre­ich und erfordert viele Stun­den des Studi­ums und müh­samen Lesens. Hein­rich Wald­mann hat diese Akten am besten gekannt. Seine stramm ide­ol­o­gisch ori­en­tierte Auswer­tung und Darstel­lung der Quellen stößt allerd­ings schnell an ihre Gren­zen. Doch nie­mand ist nach­tra­gend. Ein Nachruf auf Hein­rich Wald­mann ist erschienen in Heft 4 der Fachzeitschrift „Archivar. Zeitschrift für das Archivwe­sen“ aus dem Jahr 2008, S. 467 f., ein­se­hbar auch online unter http://www.archive.nrw.de/archivar/hefte/2008/index.html. So ein­fach ist das heute.

Lutz Kro­neberg, April 2009

Angela Mar­tin: Im Vor­feld der Rev­o­lu­tion von 1848: Der Weber-Aufstand.
Auch die Deutschen ent­decken die soziale Frage

Marx tobte. Der Vor­waerts, eine deutsche Zeitschrift in Paris, hatte einen Artikel ueber den schle­sis­chen Weber­auf­s­tand veroef­fentlicht, der in jeder Hin­sicht aerg­er­lich war. Diese Erhe­bung, hiess es dort, sei bloss eine lokale Hunger­re­volte gewe­sen, die schnell unter­drueckt wer­den kon­nte und kaum geeignet sei, die Herrschen­den zu beun­ruhi­gen. (1) Im Juni 1844 hat­ten im schle­sis­chen Eulenge­birge die Weber revoltiert. Sie hat­ten die Grund­stuecke der meist­ge­has­sten Kau­fleute und Fab­rikan­ten gestuermt und waren in die Kon­tore, Werk­staet­ten und Wohn­haeuser einge­drun­gen. Dort hat­ten­sie die Garn– und Waren­vor­raete zer­sto­ert, das Mobil­iar zertruem­mert, die Kassen­buecher zer­schnit­ten und Maschi­nen und Werkzeuge demoliert. “Nach zwei Stun­den war ich ein armer Mann mit einem Ver­lust von 30.000 Talern”, klagte Andritzki, einer der geschaedigten Han­delsh­er­ren, nach der Revolte. (2) Der Auf­s­tand kon­nte durch Preussens Mil­i­taer schnell unter­drueckt wer­den, schon nach weni­gen Tagen waren Ruhe und Ord­nung wieder­hergestellt. Trotz­dem ruehrte die Erhe­bung wie kaum ein anderes Ereig­nis dieser Zeit an das Gewis­sen der Poli­tiker und Intellek­tuellen. Die soziale Frage wurde wei­thin disku­tiert, Pau­peris­mus war das Thema: Wuerde die Massen­ver­ar­mung — wie in Frankre­ich und Eng­land — auch in Deutsch­land zu weit­eren Rebel­lio­nen, vielle­icht gar zu rev­o­lu­tion­aeren Erhe­bun­gen fuehren? Oder waren es nur Faulpelze und Trunk­en­bolde, die da revoltiert hat­ten? Und was die Ursachen betraf: Lag es an der Ein­fuehrung von Maschi­nen, wenn die unteren Schichten vere­len­de­ten? Hat­ten sozial­is­tis­che und kom­mu­nis­tis­che Stroe­mu­ngen, wie sie in Wes­teu­ropa sicht­bar gewor­den waren, nun auch in der ver­armten Bevoelkerung Deutsch­lands eine Chance?

Der Vor­waerts hatte mehrfach ueber den Weber­auf­s­tand berichtet, der sich gegen Hunger­loehne, Preis­ab­sprachen der Han­delshaeuser und die Ein­fuehrung von mech­a­nis­chen Web­stuehlen richtete. Auch das Weber­lied von Hein­rich Heine war zuerst im Vor­waerts erschienen. (3) Die Redak­teure und Autoren des Blattes waren Kampfge­faehrten, zum Teil sogar Fre­unde von Marx. Aber was jetzt, am 27. Juli 1844, unter dem Titel Der Koenig von Preussen und die Social­re­form ueber den Weber­auf stand in dieser Zeitung stand, kon­nte man mit Marx nur als “lit­er­arische Schar­la­tanerie” beze­ich­nen. (4) “Es ist unmoeglich”, schrieb der Ver­fasser des inkri­m­inierten Artikels, “die par­tielle Not der Fab­rikdis­trikte in einem unpoli­tis­chen Lande, wie Deutsch­land, als eine all­ge­meine Angele­gen­heit, geschweige denn als einen Schaden der ganzen zivil­isierten Welt zu Anschau­ung zu brin­gen.” (5) Und weiter: “Die deutschen Armen sind nicht klueger als die armen Deutschen, d.h. sie sehen nir­gends ueber ihren Herd, ihre Fab­rik, ihren Dis­trikt hin­aus; die ganze Frage ist von der alles durch­drin­gen­den poli­tis­chen Seele bis jetzt noch ver­lassen.” (6)

Marx war entruestet ueber den schul­meis­tern­den Ton des Artikels, der mit dem Pseu­do­nym “ein Preusse” unterze­ich­net war. Dieser ange­bliche “Preusse”, wet­terte Marx, ver­stehe nichts von der Geschichte der sozialen Bewe­gun­gen und nehme einen vol­lkom­men falschen Stand­punkt ein. Denn sonst haette er erken­nen muessen, “dass kein einziger der fran­zoe­sis­chen und englis­chen Arbeit­er­auf­s­taende einen so the­o­retis­chen und bewussten Charak­ter besass wie der schle­sis­che Weber­auf­s­tand.” (7)

Marx war nicht nur darue­ber ver­aerg­ert, dass der Vor­waerts die The­sen des “Preussen” gedruckt hatte. Die Sache war beson­ders pein­lich, weil man ver­muten musste, dass er selbst der Ver­fasser sei. Tat­saech­lich hatte den unsaeglichen Artikel jedoch kein “Preusse” geschrieben, son­dern ein Deutscher, der Dres­dener Buerg­er­recht genoss: der Junghegelianer Arnold Ruge. Aus­gerech­net Ruge! Mit dem hatte Karl Marx zwar noch Anfang 1844 gemein­sam die Deutsch-Franzoesischen Jahrbuecher her­aus­gegeben, aber seit einiger Zeit mehrten sich die Dif feren­zen zwis­chen ihnen. Ruge war nicht bereit, die demokra tis­che Bewe­gung mit den Kaempfen des Pro­le­tari­ats zu verbinden. Dass Ruge diese Mei­n­ungsver­schieden­heiten in der Oef­fentlichkeit zu ver­tuschen suchte, aerg­erte Marx ganz beson­ders. Er musste seinen ide­ol­o­gis­chen Bruch mit Ruge klar und oef­fentlich vol­lziehen. Nach elf Tagen erschien im Vor­waerts der erste von zwei lan­gen Beitrae­gen, in denen er sich mit Ruges The­sen auseinan­der­set­zte und grund­saet­zlich mit den Posi­tio­nen des ehe­ma­li­gen Fre­un­des abrech­nete. In diesen Kri­tis­chen Rand­glossen ging Marx auch auf die land­laeu­fi­gen Auf­fas­sun­gen ueber die Masse­n­ar­mut und die im Gefolge der Vere­len­dung zu erwartenden sozialen Unruhen ein. Die indus­trielle Rev­o­lu­tion hatte Anfang des 19. Jahrhun­derts auch in Deutsch­land zu tief­greifenden Krisen­er­schei­n­un­gen gefuehrt. Durch die Ereignisse der Fran­zoe­sis­chen Juli-Revolution, vor allem aber durch die Weber-Revolte von 1844 erhielt die Debatte ueber die “soziale Frage” neue Dimen­sio­nen, und sie stiess auf ein unge­woehn­lich starkes Inter­esse in der Oeffentlichkeit.

Spende­naufrufe und Wohltaetigkeitsvereine.

Schon 1843 began­nen Schrift­steller und Jour­nal­is­ten, die bre­it­ere Oef­fentlichkeit ueber die kaum fass­bare Not in den Weberei­dis­trik­ten zu unter­richten. Bet­tina von Arnim z.B. veroef­fentlichte 1843 in Dies Buch geho­ert dem Koenig einen doku­men­tarischen Bericht ueber die Lage der Weber, Spin­ner und Tageloehner im soge­nan­nten Vogt­land, einer Armenkolonie vor den Toren Berlins. Ihr “Koenigs­buch” wurde viel gele­sen. Nach der Erhe­bung der Weber beschuldigte ein preussis­cher Min­is­ter daher die Autorin, “sie sei Ursache des Auf­s­tandes, sie habe die Leute aufge­hetzt, ihnen Hoff­nun­gen erweckt, durch ihre Reden und Briefe, und schon durch ihr Koenigs­buch!” (8) In der Tage­spresse haeuften sich detail­lierte Schilderun­gen des Webere­lends; sie war voll von Appellen an die Leser, durch mild­taetiges Ver­hal­ten zumin­d­est die schlimm­ste Not zu mildern. Auch Wil­helm Wolff, der spaeter ein Mitar­beiter und Fre­und von Marx wurde, geho­erte damals zu jenen, die das Pub­likum aufruet­teln und Mitleid wecken woll­ten. Darauf zielte jeden­falls sein Augen­zeu­gen­bericht ueber das Obdachlose­na­syl von Bres­lau (Schle­sien), Die Kase­mat­ten, der grosses Auf­se­hen erregte und ihm den Namen “Kasematten-Wolff” ver­schaffte. (9) Erst nach dem Weber-Aufstand begann Wolff, sich auch fuer die Ursachen der Vere­len­dung zu inter­essieren und ein ana­lytis­ches Begriff­sin­stru­men­tar­ium zu entwick­eln, das die buerg­er­liche Mitlei­d­sethik hin­ter sich liess. Eduard Pelz (Pseu­do­nym Treumund Welp), neben Wolff einer der engagiertesten Berichter­stat­ter aus Schle­sien, set­zte eben­falls auf pri­vate und oef­fentliche Wohlfahrt, allerd­ings sah er darin nur eine Not­loe­sung. “,Haen­debeschaef­ti­gung‘ heisst das Radikalmit­tel” schrieb er im Feb­ruar 1844, “weil durch das­selbe allein die rechte Art wohlzu­tun aus­geuebt wer­den kann in einer Zeit, wo der Riese Geist gegen die Haende-Arbeit kuehn und keck anstrebt.” (10) Auch andere Pub­lizis­ten lehn­ten eine Mech­a­nisierung der Tex­tilin­dus­trie ab. Aber wie sollte das ange­bliche ‚Radikalmit­tel‘ die schle­sis­chen Weber vor der englis­chen Konkur­renz schuet­zen, die laengst mit mech­a­nis­chen Web­stuehlen pro­duzierte und zwis­chen 1815 und 1830 den Welt­markt erobert hatte? Vor allem, weil sich die Weberei in Deutsch­land dieser tech­nis­chen Entwick­lung nicht anpassen kon­nte, weil hier noch immer “Haende-Arbeit” ueber­wog, sanken seit 1837 die Tuch­ex­porte, die Preise und damit auch die Loehne fuer die Heimarbeiter.

Seit sieben und mehr Jahren haben sich die Unglueck­lichen nicht mehr irgen­dein Klei­dungsstueck beschaf­fen koen­nen, ihre Bedeck­ung besteht aus Lumpen, ihre Woh­nun­gen ver­fallen, da sie die Kosten der Her­stel­lung nicht auf­brin­gen koen­nen”, schrieb Alexan­der Schneer kurz vor dem Auf­s­tand ueber die Lage der schle­sis­chen Weber. (11) Der Hunger in diesen Gebi­eten, so Schneer, treibe die Leute dazu, Viehkartof­feln und Schwarz– oder Viehmehl zu essen, ja sogar den stink­enden Kleis­ter zu verzehren, der in den Webereien gebraucht wurde.

Ein von Schneer befragter Weber erza­ehlte mit Freuden­trae­nen in den Augen: “Er haette bei der man­gel­nden Arbeit das Glueck gehabt, dass in der Naehe zwei Pferde krepiert waeren, deren Fleisch ihn, seinem Weib Antonie und seine drei Kinder eine Zeit­lang erhal­ten. (12) Hunger­ty­phus bre­it­ete sich aus. In eini­gen schle­sis­chen Zeitun­gen wurde berichtet, dass mehr als 50.000 Weber­fam­i­lien dem Hunger­tode aus­geliefert seien. Christliche Naech­sten­liebe — darin sahen viele eine Moeglichkeit, die Not zu lin­dern, unter anderen auch der preussis­che Koenig. Nach der Nieder­schla­gung des Auf­s­tandes erliess Friedrich Wilhe lm IV. eine Kabi­nettsor­dre: Eine “Abhilfe dieser Uebel” sei nur durch die “Vere­ini­gung aller Kraefte christlich mild­taetiger Herzen” moeglich; die beho­erdliche Armenpflege muesse verbessert wer­den, “die Bil­dung wohltaetiger Gesellschaften” sei zu beguen­sti­gen. (13)

Zuchthaus und Zensur

Die guten Worte und die gute Gesin­nung sind wohlfeil”, hoehnte Ruge im Vor­waerts ueber diese Vorschlaege. Mit gewis­sem Recht. Denn das koeniglich-christliche Mit­ge­fuehl hatte seine Gren­zen: Nach der Revolte ord­nete Friedrich Wil­helm IV. speziell fuer die schle­sis­che Presse ver­schaerfte Zen­surbes­tim­mungen an, und die Auf­s­taendis­chen liess er mit schar­fen Strafen bele­gen. Mitte Juni bere­its traf in Bres­lau ein Befehl des Koenigs ein, der ver­langte, dass alles aufge­boten werde, um die Aufwiegler und Ans­tifter des Aufruhrs zu ermit­teln und zur Strafe zu ziehen. 80 Aufruehrer wur­den angeklagt und zu ins­ge­samt 203 Jahren Zuchthaus, 90 Jahren Fes­tung­shaft und 330 Peitschen­hieben verurteilt — Strafen, die viele der aus­ge­mergel­ten, hal­b­ver­hungerten Weber kaum ueber­lebt haben duerften. (14) Die drakonis­chen Urteile und die Zen­sur taten ihre Wirkung: Die Weber blieben in den fol­gen­den Jahren fried­fer­tig, auch wenn sich an ihrer Sit­u­a­tion wenig aen­derte. Daher schlossen sich viele Buerg­er­liche der Mei­n­ung Ruges an, dass der schle­sis­che Auf­s­tand nur eine unbe­deu­tende Hunger­re­volte gewe­sen sei, nicht geeignet, den Koenig und die Beho­er­den zu beunruhigen.

Ruge trat fuer buerg­er­liche Demokratie ein. Der soziale Gegen­satz zwis­chen arm und reich, zwis­chen Kap­i­tal und Arbeit beruehrte ihn wenig. Er war an dem Kon­flikt zwis­chen Adel und Buerg­er­tum inter­essiert, und in dieser Hin­sicht enthielt seine Kri­tik am Weber­auf­s­tand auch Richtiges: Koenig und Adel mussten sich von den Auss­chre­itun­gen in Schle­sien tat­saech­lich kaum bedroht fuehlen, denn diese waren auss­chiesslich sozial motiviert. Der Auf­s­tand hatte sich nicht gegen die poli­tisch Herrschen­den, son­dern gegen die buerg­er­lichen Fab­rikan­ten und Han­delsh­er­ren gerichtet. Adlige wie der Graf Yorck von Warten­burg kon­nten daher gelassen auf die Berichte ueber das Elend der Weber reagieren. “Lasst einige 50 bis 60.000 ver­hungern”, soll er gesagt haben, “hier ist nicht anders zu helfen; die uebri­gen wer­den dann Arbeit haben im Gebirge, oder sie muessen in Gegen­den verpflanzt wer­den, wo wir noch Haende brauchen!” (15)

Die schle­sis­che Bour­geoisie hinge­gen nahm den Auf­s­tand aeusserst ernst und ver­suchte, die staerk­ste Macht des Staates, das Mil­i­taer, auch langfristig gegen die Weber zu mobil­isieren. In Reichen­bach, dem Zen­trum der unruhi­gen Region, sollte dauer­haft eine Gar­ni­son sta­tion­iert wer­den. Denn ganz so leicht, wie Ruge behauptete, kon­nte die Weber-Revolte nicht niedergeschla­gen wer­den. Obwohl der kom­mandierende Offizier das Feuer eroeff­nen liess, elf Men­schen getoetet und mehr als 20 schwer ver­letzt wur­den, beachteten die Auf­s­taendis­chen seinen Befehl zum Auseinan­derge­hen nicht. Im Gegen­teil, es stroemten immer mehr mit Steinen, Aex­ten und Knuep­peln bewaffnete Leute zusam­men und ver­trieben das Mil­i­taer. Erst als am naech­sten Tag die Truppe ver­staerkt wurde, verzichteten die Aufruehrer angesichts der Ueber­ma­cht auf offe­nen Widerstand.

Die Gren­zen poli­tis­cher Reformen

Waehrend Arnold Ruge am Weber­auf­s­tand kri­tisierte, dass ihm “die poli­tis­che Seele” fehle, erkan­nte Marx, dass es den Webern nicht um Poli­tik und die Kon­flikte zwis­chen Aris­tokratie und Buerg­er­tum ging. Mit dem Weber­auf­s­tand wurde vielmehr schlaglichtar­tig ein neuer Klassenkon­flikt sicht­bar, und hier set­zte Marx an: Die Inter­es­sen­ge­gen­saetze zwis­chen den pau­perisierten Arbeit­ern und Handw­erk­ern auf der einen und den Han­delsh­er­ren und Fab­rikan­ten auf der anderen Seite waren weder durch Hil­feleis­tun­gen noch durch Ver­wal­tungsre­for­men aufzu­loe­sen, wie sie uebri­gens auch Ruge forderte. Das kon­nte Marx am Beispiel Eng­lands zeigen, wo man die Arme­nad­min­is­tra­tion reformiert und grosszuegig mit Geldern aus­ges­tat­tet hatte — und trotz­dem nicht mit dem Pau­peris­mus fer­tigge­wor­den war. Eben­sowenig hatte Frankre­ich die Masse­n­ar­mut beseit­i­gen koen­nen. (16)

Also suchte man die Quelle der Armut in der Wohlfahrt selbst. In Eng­land wurde Malthus’ The­o­rie pop­u­laer, dass der Pau­peris­mus ein ewiges Naturge­setz sei: Da die Bevoelkerung unaufho­er­lich die Sub­sis­tenzmit­tel zu ueber­schre­iten strebe, so der englis­che Nation­aloekonom, sei die Wohltaetigkeit eine Nar­rheit, eine foermliche Auf­munterung fuer das Elend. Der Staat koenne daher nichts tun, als die Armen ihrem Schick­sal ueber­lassen und hoech­stens den Tod der Elen­den erle­ichtern. Aehn­liche Auf­fas­sun­gen kur­sierten auch in Deutsch­land. In eini­gen buerg­er­lichen Zeitun­gen wurde gezweifelt, ob die Hil­f­s­mass­nah­men fuer die Weber ueber­haupt ihren Zweck erre­ichen koen­nten. Die Aach­ener Zeitung z.B., ver­legt von einem lib­eralen rheinis­chen Indus­triellen, warf vor dem Auf­s­tand die Frage auf, ob sich die Armen nicht allzu leicht an die Unter­stuet­zun­gen wie an eine bequeme, sichere Rente gewoehnen wuer­den. Den­noch emp­fahl auch die Aach­ener, den vere­len­de­ten Webern zu helfen. (17) Die Angst vor rev­o­lu­tion­aeren Erhe­bun­gen, wie man sie in Eng­land und Frankre­ich erlebt hatte, war gross. So gross, dass allen­thal­ben nicht nur Hilfs– und Unter­stuet­zungsvere­ine ent­standen, son­dern fast alle poli­tis­chen Rich­tun­gen Refor­mvorschlaege zu for­mulieren began­nen. Den “rechten”, klerikalen Fluegel der Reformer ver­trat der kon­ser­v­a­tive katholis­che Philosoph und The­ologe Franz von Baader. Bere­its 1835 veroef­fentlichte er eine Analyse fruehkap­i­tal­is­tis­cher Krisen­er­schienun­gen. Baader wollte Staat und Kirche erhal­ten. Aber ger­ade damit “eine wahrhafte Con­ter­rev­o­lu­tion” Bestand haben koenne, ver­langte er umfassende Refor­men. Mit Blick auf die englis­che Arbeit­er­be­we­gung und die Streiks und Unruhen in Frankre­ich schrieb er, dass die “ueber­all beste­hende leichte Reformier­barkeit” durch Refor­men nicht zu daempfen sei. Denn die Unzufrieden­heit beruhe auf einem “Missver­haelt­nis der Ver­moe­genslosen oder der armen Volk­sklasse hin­sichtlich ihres Auskom­mens zu den Ver­moe­gen­den”. (18) Eine Mei­n­ung, die Marx ohne weit­eres gegen Ruge haette ins Feld fuehren koen­nen; so wurde denn auch behauptet, Marx habe viele Voraus­set­zun­gen seiner The­o­rie bei Baader gefun­den. (19)

Baader erkan­nte die Gren­zen der demokratis­chen Forderung nach einer Ver­fas­sung. Auch in den kon­sti­tu­tionellen Staaten Eng­land und Frankre­ich wuer­den sich die Ange­ho­eri­gen der unteren Schichten nicht “gebor­gen” fuehlen, schrieb er, weil sie auf­grund des Zen­suswahlrechtes keine Buerger seien und in einem “recht­losen, (unbuerg­er­lichen, weil unver­buergten) Zus­tand” leben muessten. (20) Und wer weder mit seinem Herzen noch mit seinem Magen, weder durch Pflicht noch Ehre, an die beste­hende Ver­fas­sung geknuepft sei, koenne sich ihr gegenue­ber nur indif­fer­ent, wenn nicht has­send ver­hal­ten. Baader lehnte sozial-revolutionaere Bestre­bun­gen ab, forderte aber, dass man den Arbeit­ern ein men­schen­wuerdi­ges Leben ermoeglichen muesse, um den Bestand des Staates zu gewaehrleis­ten. Dazu sei Recht im Sinne von Gerechtigkeit das einzige Mit­tel. An den “Pro­le­tairs” (es war Baader, der diesen Begriff in Deutsch­land ein­fuehrte) wuerde aber per­ma­nent Unrecht began­gen, indem sich die Fab­rikher­ren zusam­men­schloessen und durch ille­gale Absprachen die Loehne der Arbeiter “bestaendig tief unter dem nat­uer­lichen Wert und Preis ihrer Ware (naem­lich ihrer Arbeit)” hiel­ten. Die ange­blich freie Konkur­renz des Kap­i­tal­is­mus sei also nicht frei, vielmehr wuerde gegen die Arbeiter das drueck­end­ste Monopol aus­geuebt. (21) Dem wollte Baader legale Assozi­a­tio­nen und Reprae­sen­ta­tio­nen von Arbeit­ern entgegensetzen.

Baaders Kap­i­tal­is­muskri­tik war rueck­waerts­ge­wandt und auch reli­gioes motiviert. Nach seinen Vorstel­lun­gen soll­ten sich die Arbeiter in Kor­po­ra­tio­nen nach christlich-mittelalterlichem Vor­bild zusam­men­schliessen und dabei von Priestern beraten und gefuehrt wer­den. Solche legalen Zusam­men­schluesse waeren von der Regierung kon­trol­lier­bar und fol­glich unge­faehrlich. Baader, der in Muenchen einen Lehrstuhl fuer The­olo­gie bek­lei­dete, kan­nte das Prob­lem der Massen­vere­len­dung weniger aus seiner bay­erischen Umge­bung; er bezog sein Wis­sen vielmehr aus vielfaelti­gen Infor­ma­tio­nen ueber Eng­land und Frankre­ich. Daher ist seine Analyse der sozialen Frage weit­sichtiger als vieles, was 1844 in Deutsch­land zum Pau­peris­mus geschrieben wurde.

Die Angst der “wahren Sozialisten”

Die kon­ser­v­a­tive und regierungs­fre­undliche Deutsche All­ge­meine Zeitung bagatel­lisierte am 21. Juni 1844 das Elend der schle­sis­chen Weber und machte aus der sozialen Frage ein Prob­lem der Presse: “In den toerich­sten, unver­ant­wortlich­sten Uebertrei­bun­gen haben wir seit laen­gerer Zeit von der Not unserer Weber hoeren und lesen muessen.” Den Webern gehe es nicht schlechter als allen uebri­gen Tageloehn­ern, und Arbeit gebe es in Strassen­bau und Land­wirtschaft genug. Die Deutsche All­ge­meine Zeitung war nicht das einzige Blatt, das den Ein­fluss von Presse und Flug­blaet­tern fuer die Erhe­bung der Weber ver­ant­wortlich machte. Die Koeniglich-privilegierte Berlin­is­che Zeitung, auch Vos­sis­che Zeitung genannt, berichtete sehr genau ueber den Ver­lauf des Auf­s­tands. In den kom­men­tieren­den Pas­sagen aber wandte sie sich gegen die Aufruehrer: Brot­los seien in der Region vor allem “faule, saum­selige, lieder­liche Men­schen”, und der Auf­s­tand sei nicht zuletzt durch Saufge­lage aus­geloest wor­den. (22)

Die All­ge­meine Zeitung aus Augs­burg, bis in die frue­hen 40er Jahre ein Sprachrohr des lib­eralen Buerg­er­tums, aber 1844 wesentlich zurueck­hal­tender, forderte in ihrer Aus­gabe vom 24. Juni 1844 eine strenge Bestra­fung der Raedels­fuehrer und kri­tisierte, dass in der Tage­spresse “wenig Stim­men des Tadels ueber die schaendliche, in keiner Weise zu recht­fer­ti­gende Ver­let­zung des Eigen­tums” zu lesen waren. Ver­let­zung des Eigen­tums — daran schieden sich die Geis­ter. Selbst die Trier’sche Zeitung, fuer die der “wahre Sozial­ist” Karl Gruen seit 1843 seine Kor­re­spon­den­zen schrieb, schreckte davor zurueck: “Das Lied, das unter den Arbeit­ern von Peter­swal­dau ver­bre­itet war”, heisst es in der Aus­gabe vom 19. Juni 1844, “soll voll von kom­mu­nis­tis­chen Ansichten gewe­sen sein, und ihr ver­wues­ten­der Zug hatte nach ihrer Erk­laerung keine andere Absicht als die, auch die anderen zu ‚armen Leuten‘ zu machen. So zeigt sich der rohe Kom­mu­nis­mus in seiner ganzen neg­a­tiven Gewalt, da es ihm auf die eine oder andere Weise nur auf Aus­gle­ichung ankommt.” Die Trier’sche Zeitung hoffte auf eine Ver­soehnung von Arbeit und Kap­i­tal, die unter einem entwick­el­ten Kap­i­tal­is­mus moeglich sein werde: Die blue­hende Indus­trie sei die Urhe­berin von Frei­heit, Bil­dung und Bequem­lichkeit, die kuem­mer­liche hinge­gen die Mut­ter allen Jam­mers. Gruen und andere “wahre Sozial­is­ten” woll­ten die Lage der Arbeiter auf friedlichem Wege durch “Organ­i­sa­tion der Arbeit” und durch Bil­dung verbessern. Fuer diese Ideen ent­fal­teten sie eine rege pub­lizis­tis­che Taetigkeit. Moses Hess, frue­her Redak­teur der lib­eralen Rheinis­chen Zeitung, dann ein fuehren­der Kopf der “wahren Sozial­is­ten”, verkuen­dete im Juli 1844 in einem Brief eupho­risch, dass bald “das ganze gebildete Deutsch­land sozial­is­tisch” sein werde. (23)

Kom­mu­nis­tis­che Ideen aus Frankreich

Vor dem Auf­s­tand hatte vor allem ein Buch von Lorenz Stein, Der Social­is­mus und Com­mu­nis­mus des heuti­gen Frankre­ich, die Oef­fentlichkeit mit sozialkri­tis­chem Gedankengut ver­traut gemacht. (24) Der Autor war mit einem Stipendium der preussis­chen Regierung nach Paris gegan­gen, um die The­o­rien des Sozial­is­mus und Kom­mu­nis­mus zu studieren — und ueberdies geheime Berichte aber die poli­tis­chen Aktiv­i­taeten der dort leben­den deutschen Wan­der­abeiter zu liefern. Stein lehnte die von ihm dargestell­ten Lehren ab. Aber sein Buch faszinierte die deutschen Zeitgenossen, und ent­ge­gen seiner Absicht gewann er den kom­mu­nis­tis­chen und sozial­is­tis­chen Ideen neue Anhaenger.

Den an Hegel geschul­ten Lorenz Stein stiess ins­beson­dere das Prinzip der Egal­i­taet ab, das von den fran­zoe­sis­chen Kom­mu­nis­ten vertreten wurde. Denn fuer Stein bedeutete der Gewinn von Eigen­tum die Basis fuer per­soen­liche Frei­heit, Bil­dung und Rechte im Staat — Besitz galt ihm als Grund­lage all dessen, was Zivil­i­sa­tion aus­macht. Den­noch forderte er vom Staat getra­gene Refor­men, die auf eine Umverteilung des Reich­tums zie­len soll­ten — andern­falls drohe eine Rev­o­lu­tion des von allem Genuss aus­geschlosse­nen Proletariats.

Die Eigen­tums­frage

Der Weber­auf­s­tand wirkte polar­isierend. Er foerderte die Dif­feren­zierung der ver­schiede­nen Stroe­mu­ngen buerg­er­lichen Denkens in Deutsch­land. Es war vor allem die Eigen­tums­frage, die sogar Gefaehrten im Kampf fuer die Demokratie, darunter auch ein­stige Junghegelianer, tren­nte. Ruge hielt wenig vom “Demoliren der Fab­riken und Maschi­nen”. (25) Sein Mit­stre­iter Marx hinge­gen meinte ger­ade darin den unge­woehn­lich the­o­retis­chen und bewussten Charak­ter der schle­sis­chen Erhe­bung erken­nen zu koen­nen. Marx analysierte den Weber­auf­s­tand vor dem Hin­ter­grund der wes­teu­ropaeis­chen Erfahrun­gen: Weder die fran­zoe­sis­che noch die englis­che Admin­is­tra­tion sei mit der Masse­n­ar­mut fer­tigge­wor­den; es sei Unsinn, ger­ade vom Staate Preussen eine Loe­sung fuer dieses Prob­lem zu erwarten. Denn die Macht des Staates und seiner Ver­wal­tung finde ger­ade dort ihr Ende, wo das buerg­er­liche Leben und seine Arbeit begaen­nen: bei Han­del und Indus­trie, Pri­vateigen­tum und Konkur­renz bei den zwangslaeu­fig unsozialen Ver­haelt­nis­sen, die die buerg­er­liche Gesellschaft charak­ter­isierten. Marx hielt es deshalb fuer richtig, wenn sich die auf­s­taendis­chen Pro­le­tarier nicht mit poli­tis­chen Forderun­gen an Staat und Ver­wal­tung wandten. Im Gegen­satz zu Ruge ver­mis­ste er im Weber­auf­s­tand keineswegs die “poli­tis­che Seele”; er begruesste vielmehr, dass die schle­sis­chen Weber — the­o­retisch und prak­tisch — das Pri­vateigen­tum, die Basis des Staates, unmit­tel­bar ange­grif­fen hat­ten. Ihre “The­o­rie” fand er in dem Lied, das sie vor und waehrend ihrer Revolte gesun­gen haben. Von Poli­tik im engeren Sinne war darin keine Rede. Es the­ma­tisierte vielmehr den uner­traeglichen Wider­spruch zwis­chen dem Hunger­da­sein der Weber und dem Reich­tum der Fab­rikan­ten. Der Inter­pre­ta­tion von Marx zufolge drueck­ten die Weber ger­ade dadurch ihren grund­saet­zlichen Gegen­satz zur Gesellschaft des Pri­vateigen­tums aus. Auch der konkrete Ver­lauf des Auf­s­tands erschien in seiner Deu­tung als ein Beleg, dass die soeben begin­nende deutsche Arbeit­er­be­we­gung im Ver­gle­ich zur englis­chen und fran­zoe­sis­chen the­o­retisch beson­ders hoch entwick­elt sei: “Nicht nur die Maschi­nen, diese Rivalen des Arbeit­ers, wer­den zer­sto­ert, son­dern auch die Kauf­manns­buecher, die Titel des Eigen­tums, und waehrend alle anderen Bewe­gun­gen sich zunaechst nur gegen den Indus­trieherrn, den sicht­baren Feind kehrten, kehrt sich diese Bewe­gung zugle­ich gegen den Bankier, den ver­steck­ten Feind.” (26) Marx berueck­sichtigte dabei nicht, dass die Ver­nich­tung von Besitztiteln seit langem zur Tra­di­tion antifeu­daler Erhe­bun­gen geho­erte. Schon zur Zeit der Fran­zoe­sis­chen Rev­o­lu­tion woll­ten schle­sis­che und saech­sis­che Bauern mit den Doku­menten und Buech­ern der Grund­her­ren auch deren Priv­i­legien und Besitzansprueche ver­nichten. Noch ein weit­eres Argu­ment fuehrte Marx dafuer an, dass “das deutsche Pro­le­tariat der The­o­retiker des europaeis­chen Pro­le­tari­ats” sei: den Bil­dungs­stand bzw. die Bil­dungs­fae­higkeit der deutschen Arbeiter. (27) Als Beispiel nan­nte er Wil­helm Weitling und dessen “geniale Schriften”, darunter Weitlings Buch Garantien der Har­monie und Frei­heit (1842), eine Kri­tik der mod­er­nen Gesellschaft, die vom Pri­vatbe­sitz bes­timmt und in sich gegen­seitig bekaempfende Klassen ges­pal­ten ist.

In seiner Aus­deu­tung des Weber­auf­s­tands ueber­schaet­zte Marx die Zielset­zung der Revolte und den Bewusst­seins­grad der Aufruehrer. Die Weber, deren Erhe­bung auch reli­gioes motiviert war, hat­ten gegen ihre materielle Not und den ver­schwen­derischen Lebensstil der Han­delsh­er­ren revoltiert. An Preussens wirtschaftlicher Ord­nung woll­ten sie eben­sowenig aen­dern wie an seiner poli­tis­chen. Aber in der Debatte, die der Weber­auf­s­tand aus­loeste, beleuchtete Marx die Ursachen und Fol­gen der Masse­n­ar­mut weitaus schaer­fer als Demokraten oder “wahre Sozial­is­ten”: Der Vere­len­dung der arbei­t­en­den Klasse ist weder mit admin­is­tra­tiven oder pri­vaten Hil­f­sak­tio­nen noch mit poli­tis­chen Refor­men im Sinne Ruges beizukommen.

Angela Mar­tin

Anmerkun­gen:

1) Vgl. Vor­waerts, Nr. 60, 27.7.1844.
2) Zit. nach Hein­rich Wald­mann, Unruhen unter den schlesi–
schen Webern 1793–1844, Diss., Halle 1990, S.112.
3) Vor­waerts, Nr. 55, 10.7.1844.
4) Karl Marx, Kri­tis­che Rand­glossen zu dem Artikel “Der Koe–
nig von Preussen und die Social­re­form”. Von einem Preussen,
in: Vor­waerts, Nr. 63 und 64, 7. und 10.8.1844, in: Karl
Marx, Friedrich Engels, Werke, Bd. 1 (= MEW 1), Berlin 1981,
S. 392–409, hier S.409.
5) Vor­waerts, Nr. 60, 27.7.1844, S.4.
6) ebenda.
7) Marx, Kri­tis­che Rand­glossen, a.a.O., S.404.
8) Karl August Varn­hagen von Ense, Tage­buecher. Aus dem
Nach­lass hrsg. von Lud­milla Ass­ing, Leipzig 1861, Bd. II,
S.315.
9) Vgl. Wil­helm Wolff, Die Kase­mat­ten, in: Bres­lauer Zei–
tung, 18.11.1843; zit. nach Wil­helm Wolff, Aus Schle­sien,
Preussen und dem Reich. Aus­ge­waehlte Schriften, hrsg. und ein–
gel. von Wal­ter Schmidt, Berlin 1985, S.33–35.
10) Erste Beilage zu Nr. 41 der Priv­i­legierten Schle­sis­chen
Zeitung, 17.2.1844, zit. nach Lutz Kro­neberg, Rolf Schloes–
ser, Weber-Revolte 1844. Der Weber­auf­s­tand im Spiegel der
zeitge­noes­sis­chen Pub­lizis­tik und Lit­er­atur. Mit einem Ge–
leit­wort von Bernt Engel­mann, Koeln 1979, S.83.
11) Alexan­der Schneer, Ueber die Noth der Leinen-Arbeiter
in Schle­sien und die Mit­tel ihr abzuhelfen, Berlin 1844,
S.43.
12) ebenda.
13) Zit. nach (Arnold Ruge) Der Koenig von Preussen und die
Social­re­form. Von einem Preussen, in: Vor­waerts, Nr.
60,27.7.1944, S.4.
14) Vgl. Wolf­gang Buet­tner, Weber­auf­s­tand im Eulenge­birge
1844 (= Illus­tri­erte His­torische Hefte, hrsg. v. Zen­tralin–
sti­tut fuer Geschichte der Akademie der Wis­senschaften der
DDR, Nr. 27), Berlin 1982, S.40.
15) Zit. nach Buet­tner, a.a.O., S.12 f.
16) Vgl. MEW 1, S. 397 ff.
17) Vgl. Aach­ener Zeitung, Nr. 62, 2.3.1844.
18) Franz Xaver von Baader, Ueber das der­ma­lige Missver–
haelt­nis der Ver­moe­genslosen oder Pro­le­tairs zu den Ver­moe­gen
besitzen­den Classen der Soci­etaet in Betr­eff ihres Auskom­mens
sowohl in materieller als intel­lectueller Hin­sicht aus dem
Stand­punkte des Rechts, in: ders., Saemtliche Werke, hrsg. v.
Franz Hoff­mann u.a., Bd. VI, zweiter Neu­druck der Aus­gabe
Leipzig 1854, Aalen 1987 (zuerst Muenchen 1835), S.125–144,
hier S.129.
19) Vgl. Johannes Sauter, Lebens­bild Baaders und Erlaeute–
run­gen zu seinen Schriften, in: Franz von Baader, Schriften
zur Gesellschaft­sphiloso­phie, hrsg. und ein­gel. v. Johannes
Sauter, Jena 1925, S. 563–870, hier S.844 f. Marx kan­nte
Baaders Schrift wahrschein­lich nicht, wohl aber die Kapita–
lis­muskri­tik eines anderen Roman­tik­ers, des Schweiz­ers Jean
Charles Leonard Sis­mondi, der eben­falls staatliche Ein­griffe
gegen die ungle­iche Eigen­tumsverteilung forderte, um dadurch
Krisen­er­schei­n­un­gen zu ver­mei­den.
20) Baader, Ueber das der­ma­lige Missver­haelt­nis, a.a.O.,
S.136.
21) ebenda.
22) Koeniglich-privilegierte Berlin­is­che Zeitung. Von
Staats– und gelehrten Sachen, Nr. 144, 22.6.1844.
23) Moses Hess an Karl Marx, 3.7.1844, zit. nach Horst Lade–
macher, Moses Hess in seiner Zeit, Bonn 1877, S.56.
24) Lorenz Stein, Der Social­is­mus und Com­mu­nis­mus des heu–
tigen Frankre­ich, Leipzig 1842.
25) Der Koenig von Preussen und die Social­re­form, a.a.O.
26) MEGA I/2, S.459.
27) ebenda.

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aus: ak 411 vom 12.2.1998
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Zeitung fuer linke Debatte und Praxis