Wirkung der Revolte

Lutz Kro­neberg

Zur Rezep­tion der Weber-Revolte

In: Lutz Kroneberg/Rolf Schloesser: Weber-Revolte 1844. Der schle­sis­che Weber­auf­s­tand im Spiegel der zeit­genös­sis­chen Pub­lizis­tik und Lit­er­atur. Köln, iLv leske repub­lik, 1979

(mit kom­men­tieren­den Anmerkun­gen des Autors aus dem Jahr 2009)

Ger­hart Haupt­mann, nicht unseren Geschichts­büch­ern, ist zu ver­danken, wenn heute nach 135 Jahren die Revolte der schle­sis­chen Weber noch nicht in Vergessen­heit ger­aten ist. Erst dem Schle­sier Ger­hart Haupt­mann gelang es mit seinem rund fün­fund­vierzig Jahre nach dem Auf­s­tand geschriebe­nen Weber-Drama, eine bre­ite Öffentlichkeit für das Thema zu inter­essieren. Seit 1890 war von sozialdemokratis­cher Seite die unverän­dert schlechte Lage der Tex­ti­lar­beiter mit den Ereignis­sen von 1844 ver­bun­den wor­den. Wie kon­nte so viele Jahre nach der Revolte ein Drama Auseinan­der­set­zun­gen provozieren, bei denen es nicht allein um lit­er­arische Form­prob­leme ging, son­dern vielmehr um poli­tis­che und soziale Kon­flikte der neun­ziger Jahre? War dies möglich, weil die Staats– und Gesellschaft­sor­d­nung des Jahres 1844 noch immer bestand — wie der Berliner Polizeipräsi­dent von Richthofen im Feb­ruar 1893 in dem Ver­fahren um die Freigabe des Weber-Dramas für die öffentliche Auf­führung fest­stellte? Oder hatte etwa Wil­helm Wolff mit seiner Bemerkung aus dem Jahr 1844 recht, die schle­sis­chen Weber seien >die ver­lornen Posten einer siegre­ichen Zukunft<?

Was war bis 1890 aus den elend leben­den, zer­lumpten, dem Hunger­tode nahen und gegen ihre Aus­beu­tung revoltieren­den Spin­nern und Webern des Jahres 1844 geworden?

Ruhe und Ord­nung waren schon wenige Tage nach dem Auf­s­tand durch den konzen­tri­erten Ein­satz preußis­chen Mil­itärs wieder­hergestellt. Ober-Präsident von Merkel ver­suchte auch nach der Revolte, gegenüber der preußis­chen Regierung jeglichen Not­stand in Schle­sien zu leug­nen. Trotz­dem ord­nete sie noch vor den Urteilsverkün­dun­gen im Prozeß gegen die Auf­ständis­chen eine Unter­suchung der Not­lage in den Weberei­dis­trik­ten an; beauf­tragt damit wurde Alexan­der von Min­u­toli. Auch die Hil­fsvere­ine, beson­ders der Bres­lauer, dem durch die Spende­nauf­s­rufe in der deutschen Presse und die aus­führliche Berichter­stat­tung über die Revolte erhe­bliche, freilich in keiner Weise aus­re­ichende Sum­men zugekom­men waren, set­zten ihre Tätigkeit fort. Aber das Geld war bald aufge­braucht und die Öffentlichkeit durch weit­ere Spende­naufrufe kaum noch zu >milden Gaben< zu bewe­gen. Struk­tur­prob­leme, wie sie Alexan­der von Min­u­toli in der schle­sis­chen Tex­tilin­dus­trie erkannt hatte und die seiner Mei­n­ung nach nur durch staatliche Investi­tion­shil­fen für die notwendige Mech­a­nisierung des Spin­nens und durch eine strenge staatliche Überwachung von Pro­duk­tion und Dis­tri­b­u­tion zu lösen gewe­sen wären, blieben beste­hen. Der preußis­che Staat erset­zte den Gebrüdern Dierig die während der Revolte beschädigten Jacquard-Webstühle, stellte beschei­dene Mit­tel zur Anschaf­fung neuer Arbeits­geräte für die Hand– und Heimwe­ber zur Ver­fü­gung und gab zaghafte Hil­fen zur Förderung der Maschi­nen­spin­nerei. Darin erschöpfte sich die staatliche Hilfe; das schle­sis­che Elend dauerte fort. Erst etwa zwanzig Jahre nach dem Auf­s­tand war das Spin­nen in Schle­sien über­wiegend mech­a­nisiert. Gewebt wurde in den sechziger, aber auch noch in den neun­ziger Jahren meist mit der Hand– was dieschle­sis­chen Weberei­dis­trikte bet­rifft. Die übrige deutsche Tex­tilin­dus­trie, in der in den sechziger Jahren noch 40 Prozent aller Lohn­ab­hängi­gen arbeit­eten, war auf­grund der all­ge­meinen tech­nis­chen und wirtschaftlichen Entwick­lung — nicht zuletzt durch die ras­ante Ausweitung des Verkehr­swe­sens — dezen­tral­isiert und mech­a­nisiert wor­den. Die schle­sis­che Tex­til­fer­ti­gung aber, die schon in den dreißiger und vierziger Jahren den Anschluß an die englis­che Konkur­renz nicht hatte hal­ten kön­nen, blieb rück­ständig und war mehr und mehr auch der Bin­nenkonkur­renz aus­ge­setzt. Die schle­sis­chen Spin­ner und Weber, die nicht in die neu ent­stande­nen Indus­triezen­tren, z. B. Berlin und das Ruhrge­biet, abge­wan­dert waren, waren tat­säch­lich >ver­lorne Posten< der Sozialgeschichte. Für sie hatte sich, bei allen poli­tis­chen Umwälzun­gen in Deutsch­land zwis­chen 1844 und 1894, nichts geän­dert: Zeitungs­berichte, die um 1890 die Lebens– und Arbeits­be­din­gun­gen der schle­sis­chen Weber beschrieben, unter­schieden sich kaum von denen aus dein Jahr 1844. (Anmerkung 2009: Aus meiner heuti­gen Ken­nt­nis sind diese Bermerkun­gen zur Tex­tilgeschichte in Schle­sien zwis­chen 1850 und 1900 nicht mehr zu hal­ten. Tex­til­han­delshäuser, die 1844 in Lan­gen­bielau und Peter­swal­dau präsent waren, haben sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun­derts teils prächtig entwick­elt und haben in Schle­sien zehn­tausende von indus­triellen Arbeit­splätzen geschaf­fen. Dabei spielte das Unternehmen der Fam­i­lie Dierig eine her­aus­ra­gende Rolle. Um 1930 war Dierig das grösste Tex­tilun­ternehmen Europas mit 15.000 Beschäftigten. Lan­gen­bielau war inzwis­chen “Dierig-Stadt”. Maßge­blich zum Erfolg des Unternehmens, das heute von Augs­burg aus seine Geschicke lenkt, trug die soziale Qual­ität der Unternehmen­spoli­tik bei. Werk­sarzt, Werk­skinder­garten, Werkswoh­nun­gen und eine Betrieb­srente tru­gen schon den achtziger Jahren des 19. Jahrhun­derts zur Sta­bil­ität und zum nach­halti­gen Erfolg des Unternehmens bei.)

Den Indus­trie– und Fab­rikar­beit­ern ging es in den neun­ziger Jahren besser als den schle­sis­chen Webern. Hatte für jene etwa die >siegre­iche Zukunft< schon begonnen? Sie ver­di­en­ten fast dop­pelt soviel wie ein schle­sis­cher Heimwe­ber, aber auch ihre Löhne lagen immer noch zirka 20 Prozent .unter dem Exis­tenzmin­i­mum. Wirtschaft­skrisen und Kon­junk­turschwankun­gen, mis­er­able Wohn– und Arbeitsver­hält­nisse, fehlende soziale Sicher­heit bei Krankheit und Arbeit­sun­fähigkeit, ein 12stündiger Arbeit­stag ließen in der Arbeit­er­schaft immer mehr das Gefühl, die Erfahrung und das Bewußt­sein sozialer Ungerechtigkeit aufkom­men. Die Arbeiter erre­ichten zwis­chen 1850 und 1890 erst allmäh­lich jenen Grad an Mei­n­ungs­bil­dung, Organ­i­sa­tion und the­o­retis­cher Grund­lage, der sie nicht mehr in einzel­nen Fab­rikan­ten und Kap­i­tal­is­ten den Geg­ner sehen ließ, son­dern in der Staats– und Gesellschaft­sor­d­nung des deutschen Kaiser­re­ichs. Hierin liegt der wichtige Unter­schied, wenn man den Bewußt­seins­stand der revoltieren­den Spin­ner und Weber des Jahres 1844 mit dem der Indus­triear­beiter der achtziger und neun­ziger Jahre ver­gle­icht: Die schle­sis­chen Spin­ner und Weber hat­ten nicht die Staats– und Gesellschaft­sor­d­nung Preußens ändern wollen. Ihr Auf­s­tand richtete sich, auch aus christlich motivierter Empörung über ihre materielle Not, gegen die Han­delsh­er­ren und deren ver­schwen­derischen Reich­tum. Allerd­ings kon­nte man schon 1844 die Aktion der Spin­ner und Weber so inter­pretieren, als zielte sie gegen die staatlichen und wirtschaft­spoli­tis­chen Ord­nung­sprinzip­ien Preußens. Bere­its wenige Tage nach dem Auf­s­tand kommt es in der Presse zu zahlre­ichen Deu­tungsver­suchen. Der Ver­lauf der Revolte wird in allen Einzel­heiten geschildert, die oft auch so zurecht­ges­tutzt wer­den, wie der Kor­re­spon­dent sie haben will; etwa in der Frage, ob denn die Weber die Weinkeller gestürmt und die Wein­vor­räte lediglich ver­nichtet oder ob sie sich erst sinn­los betrunken und dann im Rausch die Gebäude demoliert haben.

Darüber hin­aus wer­den aber auch soziale und poli­tis­che Grund­satzfra­gen gestellt: Soll Deutsch­land sich zum Indus­tri­es­taat entwick­eln oder besser Agrarstaat bleiben? Wie steht es mit dem Ver­hält­nis von Kap­i­tal und Arbeit? Hat der Social­is­mus und Com­mu­nis­mus (in seinen damals ver­bre­it­eten frühen The­sen) unter Tagelöh­n­ern, Spin­nern, Webern und anderen Pau­perisierten eine Chance? Welchen Ein­fluß hat die Presse auf soziale und poli­tis­che Vorgänge?

Die Fra­gen sind ebenso grund­sät­zlicher Art wie die Antworten: Eduard Pelz zum Beispiel sieht in der >Hän­dear­beit< und in der Abschaf­fung von Maschi­nen die Lösung der sozialen Prob­leme Schle­siens; Karl Grün in einer Organ­i­sa­tion der Arbeit und Indus­trie, die dem Men­schen Frei­heit und Emanzi­pa­tion brin­gen könne; Wil­helm Wolff in einer gerechten und sol­i­darischen Reor­gan­i­sa­tion und Umgestal­tung der Gesellschaft. Aber cs gibt auch Stim­men, die jeglichen Not­stand leug­nen oder ihn in indi­vidu­ellen Unzulänglichkeiten, etwa in Trunk­sucht oder in man­gel­nder Reli­giosität und Moral begrün­det sehen.

Diese Fra­gen, die auch schon vor dem Weber­auf­s­tand vere­inzelt gestellt wor­den waren, bleiben in Preußen und dem späteren Kaiser­re­ich bis in die neun­ziger Jahre und darüber hin­aus aktuell. Bis 1890 ändern sich diese Prob­leme kaum –es kom­men noch viele hinzu; was sich ändert, sind die Antworten und Forderun­gen der Indus­triear­beiter, ihrer The­o­retiker und Funktionäre.

Die schle­sis­chen Weber nehmen an der deutschen Arbeit­er­be­we­gung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun­derts als Gruppe keinen aktiven Anteil, auch treten sie nicht wieder revoltierend in Erschei­n­ung. 1864 entsenden sie eine Abor­d­nung zum preußis­chen König Wil­helm I., um sich über ihre unzure­ichen­den Löhne zu bekla­gen. Eine daraufhin einge­set­zte Unter­suchungskom­mis­sion kommt zu dem Ergeb­nis: der Ver­di­enst der schle­sis­chen Weber liege etwa 25 Prozent unter dem Exis­tenzmin­i­mum. August Bebel bringt 1879 im Selb­stver­lag eine Broschüre >Wie unsere Weber leben< her­aus. Gewährsleute und Weber berichten darin über die katas­trophalen Lebensver­hält­nisse der deutschen Tex­ti­lar­beiter. Die ersten wirtschaftswis­senschaftlichen Unter­suchun­gen zur Weber­frage erscheinen. Die Arbeiten von Gus­tav Schmoller und Alfred Zim­mer­mannes spie­len bei der Diskus­sion in den achtziger Jahren nicht annäh­ernd die Rolle wie die vie­len Zeitungs­berichte, in denen die aktuelle Not der Tex­ti­lar­beiter beschrieben wird. Beson­ders 1891, zwei Jahre bevor Haupt­manns Weber-Drama uraufge­führt wird, greifen sozialdemokratis­che Redak­teure in ihren Blät­tern die Weber­frage auf und beziehen sich auf den Auf­s­tand von 1844.

Dabei wird an ihn als erste bedeu­tende Arbeit­er­re­volte auf deutschem Boden erin­nert. Hier­durch sollte Ver­ständ­nis für die his­torische Dimen­sion der aktuellen Kon­flikte geweckt wer­den. Zugle­ich aber auch den Herrschen­den vor Augen geführt wer­den, daß es bei den zahlre­ichen Streiks nicht immer nur bei friedlichen Forderun­gen nach einer Verbesserung der Lebens– und Arbeits­be­din­gun­gen bleiben müsse. Die Rückbesin­nung auf die Weber-Revolte war also zu Anfang der neun­ziger Jahre mit der Ten­denz ver­bun­den, das rev­o­lu­tionäre Poten­tial der Arbeit­er­be­we­gung zu mobil­isieren. Damit schloß sich die nach der Aufhe­bung der Sozial­is­tenge­setze in ihrer Organ­i­sa­tion und ihrem Selb­st­be­wußt­sein erstarkte Sozialdemokratie der Marxschen Deu­tung an, die Revolte sei ein pro­le­tarisch bewußter Arbeiter­aufstand gegen die >Gesellschaft des Pri­vateigen­tums< gewe­sen. Diese Ein­schätzung mutet auf den ersten Blick über­trieben an, vor allem, wenn man bedenkt, daß die schle­sis­chen Weber in der Mehrzahl königstreu und stark von Pietismus oder Katholizis­mus geprägt waren. Aber die Stoßrich­tung und auch die Art des Auf­s­tands bele­gen deut­lich, daß sie zwar nicht den poli­tis­chen Feind oder den Klerus im Auge hat­ten, wohl aber die Fab­rikan­ten, und diese keineswegs nur als einzelne Per­so­nen, son­dern als Vertreter ihrer Klasse. Über das >Bewußt­sein< des einzel­nen Webers wer­den sich schw­er­lich Aus­sagen machen lassen, über das Bewußt­sein der auf­ständis­chen Weber als Gruppe dage­gen sehr wohl. Insofern hatte diese Revolte, die Praxis, dur­chaus >the­o­retis­chen und bewußten Charak­ter». Es war eben kein Auf­s­tand nei­dis­cher und luxu­s­gieriger Hunger­lei­der, eine oft wieder­holte Fehlein­schätzung, die schon 1844 die Krim­i­nal­isierung dieser Gruppe zum Ziel hatte.

Die durch die Revolte aus­gelöste >Weber­lit­er­atur< blieb in ihrer Wirkung, wie auch die übrige soziale Lit­er­atur der vierziger Jahre, zunächst auf die Zeit bis zur Rev­o­lu­tion von 1848/49 beschränkt. Noch 1851 for­mulierte der schle­sis­che Lit­er­arhis­toriker Her­mann Het­tner seine Auf­fas­sung vom >sozialen Drama< so: >Eben weil uns jetzt und in der näch­sten Zukunft fast mehr noch als die poli­tis­chen Kämpfe die sozialen Fra­gen beschäfti­gen wer­den, darum wird auch die kom­mende Dra­matik uns weit mehr soziale als poli­tis­che Kämpfe darstellen.< Aber zwis­chen 1850 und 1880 findet man, von ganz weni­gen und heute zu Recht vergesse­nen Aus­nah­men abge­se­hen, keine sozialen Dramen.

>Das soziale Drama im weitesten Sinne des Begriffs stellt den Regelfall der nat­u­ral­is­tis­chen Dra­matik in den achtziger und neun­ziger Jahren dar<. Auch wenn man an die bürgerlich-realistischen Erzäh­ler der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun­derts denkt, z. B. an Adal­bert Stifter, Theodor Fontane, Theodor Storm, Wil­helm Raabe, so wird man das in den vierziger Jahren kurzfristig dominierende Weber-Thema nicht wiederfinden. Robert Prutz und Theodor Fontane gren­zen sich schon zu Beginn der fün­fziger Jahre gegen die soziale Lit­er­atur der vierziger Jahre ab. Im Gegen­satz zu Ernst Dronke, der sich 1846 erk­lärter­maßen nicht als >Bel­letrist< ver­stand, fordern Robert Prutz und Theodor Fontane von einer zukün­fti­gen Lit­er­atur >poet­is­che Verk­lärung< und >Läuterung<. Prutz schreibt 1853: >Das prak­tis­che Leben ver­drängt das ästhetis­che; nicht mehr die Lit­er­atur, son­dern der Staat und die bürg­er­liche Gesellschaft mit ihren unent­behrlichen prak­tis­chen Voraus­set­zun­gen, mit Han­del, Gewerbe etc. bildet die wahre his­torische Auf­gabe unserer Zeit. Auch diese Epoche wird dere­inst eben­falls ihre poet­is­che Verk­lärung finden und eine neue klas­sis­che Poe­sie erzeu­gen, eine Poe­sie der Wirk­lichkeit, des Kampfes, der Arbeit […]. Ja die Anfänge dazu sind zum Teil schon gemacht, und nur ein blödes Auge kann den Kern verken­nen wegen der unansehn­lichen Schale, in welcher der­selbe zur Zeit noch auftritt; in unseren poli­tis­chen Dra­men, unseren sozialen Nov­ellen und Gedichten liegen die Anfänge dazu bere­its vorhan­den […]<.

Ähn­lich wie Prutz urteilt Theodor Fontane im gle­ichen Jahr in seinem Auf­satz >Unsere lyrische und epis­che Poe­sie seit 1848<: >[…] es ist auch noch nicht allzu lange her, daß man (namentlich in der Malerei) Mis­ere mit Real­is­mus ver­wech­selte und bei Darstel­lung eines ster­ben­den Pro­le­tari­ers, den hungernde Kinder umste­hen, oder gar bei Pro­duk­tio­nen jener soge­nan­nten Ten­denz­bilder (schle­sis­che Weber, das Jag­drecht u. dgl. m.) sich ein­bildete, der Kunst eine glänzende Rich­tung vorgeze­ich­net zu haben. Diese Rich­tung ver­hält sich zum echten Real­is­mus wie das rohe Erz zum Met­all: die Läuterung fehlt.<

Fontane und Prutz argu­men­tieren mit ihrer Ken­nt­nis von sozialer Kunst der vierziger Jahre, Prutz auch als Autor von >Weber­lit­er­atur< (vgl. 5. 463 bis 468), Fontane mit dem Hin­weis auf die >schle­sis­chen Weber< (gemeint sind Carl Wil­helm Hüb­n­ers Bilder >Die schle­sis­chen Weber<, und >Das Jagd­recht<) . Die hier ent­wor­fene The­o­rie und spätere Praxis des bürg­er­lichen lit­er­arischen Real­is­mus ges­tat­teten nicht mehr die kon­trastvolle Darstel­lung von arm und reich wie in der Vormärz-Literatur: Das lesende Bürg­er­tum der Restau­ra­tionszeit wollte nicht mehr mit den Fol­gen der eige­nen Wirtschaft­spoli­tik kon­fron­tiert werden.

In der Lit­er­atur wird das Weber-Thema zwis­chen 1851 und 1890 von Autoren des bürg­er­lichen Real­is­mus nicht aufgenom­men. Robert Schwe­ichel (1821–1907), Sozialdemokrat und mit Wil­helm Liebknecht befre­un­det, greift das Weber-Thema in zwei Erzäh­lun­gen auf, die sich nicht auf die Revolte von 1844 beziehen, und für die Maifeier von 1891 der >Volks­bühne< schreibt Bruno Wille ein sozialdemokratis­ches Agi­ta­tion­sstück >Durch Kampf zur Frei­heit<. Am 3. Mai 1891 berichtet der Berliner >Vor­wärts< darüber: >[…] im ersten Akt wird das Elend einer schle­sis­chen Weber­fam­i­lie geschildert. Die Ärm­sten wollen nach Amerika auswan­dern, lassen sich aber durch die jam­mernde alte Mut­ter zurück­hal­ten. Ein Auf­s­tand entsteht, eine Fab­rik wird demoliert, und das Schluß­bild zeigt uns den Kampf der uner­schrock­e­nen Anführer gegen das Mil­itär, das sie zum Abzug zwin­gen. Der zweite Akt führt uns ein Stim­mungs­bild aus dem Jahre 1848 vor, und das lebende Bild zeigt uns zum Schluß den Bar­rikadenkampf in Berlin. Der alte Weber Stein­mann wird in diesem Kampf erschossen, aber sein Sohn kämpft in 40 lan­gen Jahren den Kampf weiter. Er wird Sozialdemokrat. Im drit­ten Akt finden wir ihn wieder mit seinen bei­den Nef­fen, in einem Walde bei Berlin, die Maifeier mit­feiernd. Bevor das lebende Bild aufgerollt wird, treten sich noch ein­mal, wie am Anfang, die Genien der Frei­heit und der Tyran­nei gegenüber. Die Frei­heit siegt, und die Tyran­nei stürzt beim Anblick der in Liebe und Brüder­lichkeit geein­ten Arbeiter aller Län­der gebrochen zu Boden. Dieses Bild zum Schluß stellt die Welt-Maifeier der Arbeit­er­schaft dar.<

Von der Weber-Revolte zu den aktuellen Kämpfen der Sozialdemokratie. Ger­hart Haupt­mann mußte also die pub­lizis­tis­che und die begin­nende lit­er­arische Rezep­tion des his­torischen Weber­auf­s­tands ken­nen, als er Anfang 1890 mit sys­tem­a­tis­chen Vorar­beiten für sein Drama begann. Er beschaffte sich Lit­er­atur über die schle­sis­chen Weber und besuchte zweimal den >klas­sis­chen<, aber schon etwas >aufgewe­ichten< Boden des schle­sis­chen Auf­s­tands. Die Erstauf­führung seines Werkes >Die Weber. Schaus­piel aus den vierziger Jahren< am 26. Feb­ruar 1893 führte zu einer hefti­gen Diskus­sion in der deutschen Presse. Im Mit­telpunkt stand die Frage, ob das Drama nur his­torische Ereignisse vom Juni 1844 wiedergebe oder ob das Stück nicht vielmehr die aktuelle Lage des Indus­triepro­le­tari­ats im Visier habe. Enthu­si­astisch äußerte sich Franz Mehring (1846–1919), heftig­ster zeit­genös­sis­cher Kri­tiker des deutschen Nat­u­ral­is­mus, über das Drama: >Was an Haupt­mann noch mehr erfreut als sein schönes Tal­ent, das ist die ehrliche Selb­stkri­tik. Vor kaum vier Jahren priesen ‚geniale’ Kri­tiker seinen drama­tisch so ziem­lich und sozial gän­zlich mißglück­ten Erstling ‚Vor Son­nenauf­gang’ über den Schel­len­daus, und diese fade Reklame hätte einen noch sehr jun­gen Dichter wohl berauschen kön­nen. Aber Ger­hart Haupt­mann ist ruhig seinen Weg weit­erge­gan­gen, und daß er kaum drei Jahre später schon aus dem Born des Sozial­is­mus zu schöpfen ver­standen hat, das stellt ihm nur ein ehren­des Zeug­nis aus.< Mit dem >Born des Sozial­is­mus< meinte Franz Mehring den Auf­satz von Wil­helm Wolff (>Das Elend und der Aufruhr in Schle­sien), der im >Deutschen Bürg­er­buch für 1845< erschienen war.

Für das Ver­ständ­nis des Schaus­piels wur­den aber nicht nur Texte herange­zo­gen, die 1844 als sozial­is­tisch gal­ten. Paul Schlen­ther, erster Bio­graph und Fre­und Haupt­manns, schreibt: >Die Weber […] sind ein geschichtliches Drama, dessen Stoff mit

großer Treue aus his­torischen Quellen geschöpft ist. Ein wis­senschaftlicher Forscher hat dem Dichter den Weg zu diesen len geeb­net. Alfred Zim­mer­mann, ein aus der Schule Gus­tav Schmollers her­vorge­gan­gener Nation­alökonom, veröf­fentlichte 1885 bei Korn in Bres­lau ein lehrre­iches Buch über ‚Blüthe und Ver­fall des Leinengewerbes in Schle­sien’.< Und einige Seiten weiter: >Was aber den Stoff bet­rifft, so sei nochmals auf das his­torisch objek­tive Werk Alfred Zim­mer­manns hingewiesen. Lega­tion­srat Zim­mer­mann steht im diplo­ma­tis­chen Reichs­di­enst, sein Buch ist dem staats– und königstreuen Pro­fes­sor Gus­tav Schmoller gewid­met, ein kon­ser­v­a­tiver Zeitungsver­leger hat es ver­legt, königliche Behör­den ver­sorgten es mit Material.<

Hätte Haupt­mann sich in der von Schlen­ther angenomme­nen Weise der Arbeit Zim­mer­manns bedi­ent, kön­nte dem Drama und seinem Autor tat­säch­lich keine sozialkri­tis­che oder gar so­zialrevolutionäre Ten­denz zuge­sprochen wer­den. Zu klären, wie Haupt­mann seine Ken­nt­nisse über die schle­sis­chen Weber und ihren Auf­s­tand erlangt hat, ist deshalb für ein Ver­ständ­nis seines Schaus­piels außeror­dentlich wichtig.

>Wenn ich nur Mate­r­ial für die Weber hätte<, schrieb der 27jährige Haupt­mann im Juni 1890 in sein Tage­buch und fragte seinen Fre­und Otto Pring­sheim nach Quellen. Dieser antwortete in einem Brief vom 14. Juni 1890: >Hauptwerk über Geschichte der schle­sis­chen Weber ist Alfred Zim­mer­manns Blüthe und Ver­fall des Leinengewerbes in Schle­sien, Bres­lau Korn 1885. Hier find­est Du auch weit­ere Lit­er­atur angegeben. Püttmanns Bürg­er­buch enthält nur einen Auf­satz über die Weber, der nicht von großer Bedeu­tung ist. Wenn ich nicht irre, besitze ich das Buch und will ich es, sobald ich nach Hause komme, her­aus­suchen. Übri­gens wird es auch bei der Königl. Bib­lio­thek in Berlin zu haben sein! Ich bitte Dich aber, bei Deinen Stu­dien vor­sichtig zu sein, damit Dir nicht Unan­nehm­lichkeiten erwach­sen.< Denn Vor­sicht war im Umgang mit sozial­is­tis­chen Quellen geboten: Erst drei Jahre zuvor, im Som­mer 1887, sollte Haupt­mann im Bres­lauer Sozial­is­ten­prozeß als Zeuge gegen seine Fre­unde Alfred Plötz und Fer­di­nand Simon sowie gegen seinen Bruder Carl Haupt­mann aus­sagen, die als Mit­glieder der >Gesellschaft Pacific< der >gemeinge­fährlichen Bestre­bun­gen der Sozialdemo­kratie< bezichtigt wor­den waren. Ger­hart Haupt­mann leugnete in der Vernehmung jede Verbindung dieser Gesellschaft zur Sozialdemokratie, was vom Richter aber als unglaub­würdig gew­ertet wurde. Vor­sicht war auch geboten, weil sozialdemokratis­che Redak­teure, die Heines Gedicht >Die schle­sis­chen Weber< abdruck­ten, in der Regel mit einer hal­b­jähri­gen Gefäng­nis­strafe rech­nen mußten. Aber Haupt­mann ließ sich nicht beir­ren. Er besorgte sich das >Deutsche Bürg­er­buch< und über­nahm von Wil­helm Wolff eine Reihe wichtiger und nur dort vork­om­mender Details. Über die Anre­gun­gen Pring­sheims hin­aus beschaffte Haupt­mann sich weit­ere Lit­er­atur, was sin­ngemäße und wörtliche Über­nah­men aus Alexan­der Schneers Bericht von 1844 bele­gen. Seine kri­tis­che Rezep­tion des Mate­ri­als wird vor allein daran deut­lich, daß er Wolffs Auf­satz und Schneers Bericht als zeitgenössisch-authentische Quellen der vierziger Jahre benutzt und der Arbeit Alfred Zim­mer­manns, in der Wolff mit keinem Wort erwähnt wird, vorzieht.

Das Weber-Drama wurde in den neun­ziger Jahren ganz unter­schiedlich aufge­faßt: Wurde es auf die Lage des Indus­triepro­le­tari­ats bezo­gen, war Haupt­mann ein Ver­bün­de­ter der Arbeit­er­be­we­gung, wurde es vorder­gründig auf die vierziger Jahre his­torisiert, blieb für Haupt­mann nicht viel mehr als das Lob einer detail– und milieuge­treuen, nat­u­ral­is­tis­chen Beobach­tungs­gabe und einer tre­f­fenden, aus Mitleid erfühlten Men­schen­schilderung. Das Weber-Drama aber bekam in der poli­tis­chen und sozialen Sit­u­a­tion um 1893 seine Brisanz durch Haupt­manns bewußt-kritische Auf­nahme von Berichten und Auf­sätzen des Jahres 1844, nicht zuletzt durch den leit­mo­tivis­chen Ein­bau einiger Stro­phen des >Blut­gerichts<. In der am 3. März 1892 ergan­genen Ver­bots­be­grün­dung des Berliner Polizeipräsi­den­ten heißt es denn auch, daß die >Dekla­ma­tion des Weber­liedes< in einer öffentlichen Auf­führung >zu erhe­blichen Bedenken Anlaß< geben könne. Und aus zeit­genös­sis­chen Rezen­sio­nen geht her­vor, wie sehr das >rev­o­lu­tionäre Weber­lied< heftig­ste Zuschauer­reak­tio­nen provozierte, wie die >Wut der auf der Bühne zur Empörung schre­i­t­en­den Weber […] ein vol­lk­lin­gen­des Echo in dem Zorn der aufges­tachel­ten Zuschauer< fand. Mit dem >Blut­gericht< bezog sich Haupt­mann am deut­lich­sten auf eine Quelle von 1844; ein Lied, das während der schle­sis­chen Revolte unter den Webern ein sol­i­darisieren­des Band gebildet hatte und zusam­men mit Heines >Weber­lied< inzwis­chen zu einem Bestandteil sozialdemokratis­cher und sozial­is­tis­cher Kul­tur­tra­di­tion gewor­den war. Haupt­mann schwieg über die Bezüge seines Dra­mas zu anderen Tex­ten, weil er annehmen kon­nte, daß nicht nur ihm diese Texte aus den vierziger Jahren bekannt waren.

Um den politisch-historischen Hin­ter­grund des Weber-Dramas zu verdeut­lichen, machte Franz Mehring 1893 den >Bürgerbuch<-Aufsatz Wil­helm Wolffs einem bre­it­eren Pub­likum bekannt. Mit der erneuten Zugänglichkeit dieser frühen sozial­is­tis­chen Quelle und des >Blut­gerichts<, aber auch durch die häu­fi­gen Wieder­ab­drucke des >Weber­liedes< von Hein­rich Heine, hatte die Weber-Revolte — über den in diesem Band doku­men­tierten Zeitraum hin­aus — bis in die neun­ziger Jahre eine lit­er­arische Wirkung, die in einem krassen Mißver­hält­nis zu ihrer poli­tis­chen Wirkung steht. Denn die schle­sis­chen Weber hat­ten durch den Auf­s­tand ihre Arbeits­be­din­gun­gen nicht bessern kön­nen, an der Aus­beu­tung durch die Han­delsh­er­ren änderte sich nichts, der Auf­s­tand fiihrte auch nicht zu einem organ­isatorischen Zusam­men­schluß. Aber von den vie­len Unruhen der vierziger Jahre unter­schei­det ihn sein pub­lizis­tis­ches Echo und seine Wirkung auf die Lit­er­atur. Sie war durch die zahlre­ichen bis zum Juni 1844 erschiene­nen Berichte vor­bere­itet, in denen die Not­lage der schle­sis­chen Weber anschaulich beschrieben wor­den war. Das soziale Gewis­sen der zeitun­gle­senden bürg­er­lichen Öffentlichkeit war schon geweckt, als die Revolte aus­brach. Dieser informierten Öffentlichkeit wurde im Juni 1844 schla­gar­tig klar: Unerträgliche Arbeits– und Lebens­be­din­gun­gen kon­nten auch zu einem Auf­s­tand führen. Und da diese nicht nur in Schle­sien bestanden, kündigte sich zum ersten Mal die Möglichkeit einer all­ge­meinen sozialen Rev­o­lu­tion in Deutsch­land an. Das zwang zur Parteilichkeit, die sich aber nur pub­lizis­tisch und lit­er­arisch artikulieren kon­nte, weil es poli­tis­che Inter­essen­vertre­tun­gen im Sinne von Parteien und Gew­erkschaften nicht gab. Das aktive Ein­greifen der Arbeit­er­schaft in die soziale Frage vol­l­zog sich zu Beginn der vierziger Jahre noch weit­ge­hend getrennt von ide­olo­giebilden­den Prozessen. So fehlten die Voraus­set­zun­gen für unmit­tel­bare poli­tis­che Nach­wirkun­gen der Weber-Revolte. Ihre Wirkungs­geschichte besteht deshalb lediglich in ihren unter­schiedlichen poli­tis­chen Inter­pre­ta­tio­nen und lit­er­arischen Gestaltungen.