Presse vor der Revolte

Priv­i­le­girte Schle­sis­che Zeitung Nr. 2, 3. Jan­uar 1844

Die Not im Riesengebirge

Nach dem, was bis jetzt über den Not­stand der armen Gebirgs­be­wohner veröf­fentlicht wor­den ist, wird wohl nie­mand der Mei­n­ung sein, daß die Lage der Bedrängten allmäh­lich von selbst wieder besser wer­den würde; nie­mand der Mei­n­ung, man müsse die Hungern­den zur Geduld anmah­nen, es werde wieder anders wer­den. Denn wo auf der einen Seite kein Erwerb ist und auf der andern jede Stunde ein Bedürf­nis unab­weis­bar auf Befriedi­gung dringt, da wären Vor­lesun­gen zur Geduld gewiß nicht am Orte. Ein hun­griger Magen hat für alle Trös­tun­gen, insofern sie nicht materieller Natur sind, sehr dicke Ohren. […] Viele Grund­herrschaften wirken zur Lin­derung der Not in ihren Gemein­den auf das men­schen­fre­undlich­ste; allein, was auch geschieht, es reicht kaum hin, die Not für einen gegen­wär­ti­gen Augen­blick zurück­zu­drän­gen. […] Wenn man erwägt, daß diese Leute zum Teil gar nichts, zum Teil wöchentlich nur ein paar Sil­ber­groschen ver­di­enen kön­nen, so ist für sie, wie ger­ing auch die Gabe sein mag, die der einzelne erhält, die Beteilung doch eine große Wohltat. Allein — wir müssen immer wieder hinzufü­gen —, es ist eine vorüberge­hende Hilfe und darum dur­chaus nicht aus­re­ichend. […] Das einzige, die Krankheit gründlich heilende Re­zept ist: Gebt den Leuten Arbeit! […] Es ist eine alte bekan­nte, freilich in unseren Tagen mehr denn sonst überse­hene Wahrheit, daß sich in der Geschichte ein­mal beseit­igte, über­wun­dene oder abgelebte Zustände, Erschei­n­un­gen, Tat­sachen etc. nicht wieder­her­stellen lassen. Es ist viel leichter, wie alle Geschäft­sleute wis­sen, ein neues Geschäft zu grün­den, als ein gesunkenes wieder in Flor zu brin­gen. Wenn man diese Wahrheit auf gesunkene Nahrungszweige anwen­det, so kann man im voraus wis­sen, welchen Erfolg die Bemühun­gen haben wer­den. Darüber sind alle Sachver­ständi­gen bei uns im klaren, daß die Wieder­her­stel­lung der früheren Indus­trie zu den Unmöglichkeiten gehört, auch wenn man Spinnschulen anlegte. Entweder würde man dort das Spin­nen lehren, wie es wei­land Karls des Großen Gemahlin mit ihren Töchtern oder noch früher der Held Herkules in seiner Dien­st­barkeit getrieben, oder mit verbesserten Spin­nrädern, also doch wieder Maschi­nen, bloß unvol­lkomm­ner. Ich bestre­ite nicht, daß man in einer Prov­inz, vielle­icht gar in einem Staate, die Hand­spin­nerei in der beze­ich­neten Weise fördern und die Maschi­nen ste­hen­lassen kön­nte; allein, ob sich die ganze Welt von der Richtigkeit dieser Ansicht überzeu­gen und so alle Maschi­nen über­all zum Still­stand gebracht wür­den, kann ich bis jetzt noch nicht glauben. Insofern das aber nicht geschähe, würde der par­tielle Ver­such gar nichts helfen. Mithin wird dieser Plan wohl seinen Zweck ver­fehlen. Die Maschi­nen sind da, sind ein Pro­dukt der fort­geschrit­te­nen Zeit, ein Ergeb­nis der gesamten Völk­erkul­tur und Volksin­dus­trie und wer­den so wenig von neuen Hand­spinnschulen über­wun­den wer­den, wie die Ref­or­ma­tion durch neue Klöster. Wenn hun­dert Hand­spin­ner die ganze Woche nicht so viel zu pro­duzieren imstande sind als eine Mas­chine in einem Tage oder in einer Stunde, wäre es da nicht Torheit, hun­dert Men­schenkräfte einer Tätigkeit zuzuwen­den, die eben­sogut durch Kräfte der Natur, durch mech­a­nis­che besorgt wer­den kann? Der Grund­satz, alles durch Maschi­nenkräfte besor­gen zu lassen, was durch sie besorgt wer­den kann, und dann die Men­schenkraft, die edle, für solche Geschäfte zu ver­wen­den, wohin keine Maschi­nenkraft reicht, ist ein dur­chaus humaner. Die Maschi­nen sind Mit­tel in der Hand Gottes zur Erlö­sung der Men­schheit, dazu, das Bewußt­sein ihrer Würde zu wecken und sie stets daran zu erin­nern, daß sie die Statthal­ter Gottes auf der Erde sind. Wenn jetzt in Fab­riken diesem Grund­satz nicht gemäß ver­fahren wird, wenn man sogar die Jugend knechten und entwürdi­gen sieht, so ist das nur ein Mißbrauch, dem aufge­set­zlichem Wege ent­ge­genge­treten wer­den muß. (…) Und hier komme ich zu dem Vorschlage, den ich für Hebung des Übel­standes zu machen habe. Man nehme die Kräfte da, wo sie zur Untätigkeit durch die Ver­hält­nisse verurteilt sind, weg, und ver­pflanze sie dahin, wo sie einen Boden für ihre Wirk­samkeit, also auch die Quelle zum Erwerbe ihrer Bedürfnisse finden. Freilich vernehme ich schon den Ruf der Fre­unde von Pal­lia­tivmit­teln:
>Sollen die armen Leute ihre Heimat ver­lassen? Und wohin?< Aber jeder Ein­sichtsvolle wird mit mir darin übere­in­stim­men, daß unsere Heimat da ist, wo sich mit den Unsern ein nüt­zlicher Wirkungskreis eröffnet, und daß es gewiß besser ist, außer­halb des schle­sis­chen Gebirges bei nüt­zlicher Tätigkeit ein mäßiges Auskom­men zu finden, als in den hiesi­gen Bergen ein elen­des, von der Wohltätigkeit anderer nur küm­mer­lich gefris­tetes Leben zu führen. Es käme — und dies erscheint mir als das einzige Ret­tungsmit­tel — hier nur darauf an, aus jeder Gemeinde eine Menge gesunde, arbeits­fähige Fam­i­lien in andere Gegen­den unseres Staates zu verpflanzen. Wer mit der Geo­gra­phie des­sel­ben nur etwas ver­traut ist, wird nicht in Abrede stellen, daß noch große Striche Lan­des unange­baut sind, oder wegen Man­gels an Kul­tur nicht den Grad von Ertrags­fähigkeit besitzen, den sie bei besserem Anbau wohl erlan­gen kön­nten. Wird den armen Fam­i­lien nicht wohl sein, wenn jede eine Scholle Bodens besitzt, den sie anbauen kann!? An ihrem guten Willen wird es nicht fehlen, davon wer­den alle überzeugt sein, die hier das ganze Jahr sehen, wie man sich plagt, den unfrucht­barsten Rän­dern und Klip­pen eine Frucht abzugewin­nen.
Und sollte es für den Staat nicht besser sein, müßte es auch jetzt mit bedeu­ten­den Opfern geschehen, einige tausend Fam­i­lien dahin zu verpflanzen, wo sie als nüt­zliche Bürger für das all­ge­meine Beste wirken kön­nen, als wenn sie hierbleiben, wo sie ein Gegen­stand der Mildtätigkeit sind und ihnen das Leben >keine fre­undliche Gewohn­heit< ist. Die Opfer, welche der Staat jetzt zu brin­gen hätte, wür­den sich in kurzer Zeit zehn­fach verzin­sen. Jetzt zehren sie an der Staat­sein­nahme, dann wür­den sie dieselbe ver­mehren. […] Solange wir noch Boden besitzen, der einer zehn­fach höh­ern Kul­tur fähig ist, mag man die Men­schenkräfte dafür ver­wen­den, der Erde die Früchte abzurin­gen, die sie zu liefern ver­mag. Unsere fleißi­gen und anspruch­slosen Armen wer­den über­all willkom­men sein. Denn bei der Größe der Not haben wir es gewiß ihrem Charak­ter zuzuschreiben, daß sie bis jetzt nicht zu Mit­teln gegrif­fen haben, zu denen die eis­erne Not lei­der zuweilen ver­leitet. Wir wün­schen daher aufrichtig, daß man jeden Vorschlag, sofern er gründliche Abhilfe zum Zweck hat, prüfen möge. […]

Priv­i­le­girte Schle­sis­che Zeitung Nr.10, 12. Jan­uar 1844

Der “Bote aus dem Riesen­ge­birge” enthält fol­gen­des: Se. Exzel­lenz der Hr. Reichs­graf von Schaffgotsch6 haben aus gewohn­ter hoher Milde, den Not­stand der armen Spin­ner erwä­gend, zu bes­tim­men geruht: >daß in sämtlichen Ortschaften zur freien Standesh­errschaft Giers­dorf und Herms­dorf gehörig, Garn auf Sr. Exzel­lenz Rech­nung gekauft wer­den solle, auch den armen Spin­nern eine Kleinigkeit mehr über den jetzt so niedri­gen Preis zahlen zu dür­fen. Bei dem armen Weber in unserem Gebirge ist es nun­mehr dahin gekom­men, da er seine Webe nicht mehr verkaufen kann und seine Stühle leer­ste­hen, kein Garn mehr nötig zu haben, weshalb durch die hohe Gnade Sr. Exzel­lenz viele Fam­i­lien vom bit­ter­sten Elende gerettet wer­den. Da dies Garn mit Ver­lust wieder verkauft wer­den soll, so würde es das gute Werk sehr fördern, wenn recht viele Gar­nkäufer sich an die Verkauf­sstelle mit ihrem Bedarf wen­den möchten. Gott segne das Werk und erhalte uns unsere gnädige Grund­herrschaft noch lange, lange! Möchten sich doch auch milde Men­schen finden, die das Geschick unserer armen Gebirgs-Weber erle­ichtern kön­nten, die jetzt gle­ich den Spin­nern am Hunger­tuche nagen.
Die Orts-Vorstände gedachter Herrschaft<

Trier’sche Zeitung Nr. 28, 28. Jan­uar 1844

Berlin, 22. Jan. Ihre Maj. die Köni­gin haben in der Nacht einige Stun­den geschlafen, und der Zus­tand Aller­höch­st­der­sel­ben ist befriedi­gend.
Der Ober-Präsident der Prov­inz Posen, v. Beur­mann, ist von Posen hier eingetrof­fen.
Ein Bericht aus Schwei­d­nitz (in der >Bres­lauer Zeitung<) schildert den entset­zlichen Not­stand der armen Weber im schle­sis­chen Gebirge auf eine ergreifende Weise. Er sagt: Der arme Weber ver­di­ent die ganze Woche, wenn er von früh 5 bis in die späte Nacht angestrengt arbeitet, 20, 15, ja 13 Sgr. Davon soll er nun leben mit Weib und Kind ! Dazu will ich denn einen Beitrag liefern aus der Geschichte eines unserer Weber. Den 10. dieses Monats hörte man ein krampfhaftes Stöh­nen eines Men­schen, der, wie man sich bald überzeugte, vor der Türe des lan­drätlichen Amtes zu Schwei­d­nitz in Zuck­un­gen auf dem Boden lag. Er wird von dem Hauswirt men­schen­fre­undlich in die warme Back­stube aufgenom­men und daselbst durch darg­ere­ichtes warmes Getränk und etwas Speise wieder zum Bewußt­sein gebracht. Er war nicht betrunken, Fre­unde der Mäßigkeit und der Entsa­gung, er war vor Hunger in diesen Zus­tand ver­fallen. Er hatte drei Tage mit seinen Kindern nichts gegessen und kam von Leut­manns­dorf mit einer Bittschrift ans lan­drätliche Amt, um Brot für seine Fam­i­lie zu erfle­hen !— Welches sind nun die Kon­se­quen­zen? Der erste Schritt zum Laster ist das Bet­teln, ist dieser über­schrit­ten, dann gibt es keine Schranke mehr, dann hilft auch kein Mitleid, kein Erbar­men, denn was die Inqui­si­tion ver­birgt, das trifft die Strafe des all­wal­tenden Geset­zes. So wird der Men­sch mit seinem erhabenen Geiste, seinem wahrhaft göt­tlichen Inhalte zu Grabe getra­gen ! — Deshalb ist es an der Zeit, daß unsern Webern eine ern­ste und durch­greifende Hilfe gewährt wird. Unsere Weber — ich sage es noch ein­mal — ster­ben vor Hunger mit ihren Kindern, wenn ihnen nicht bald geholfen wird!

Aach­ener Zeitung Nr. 41, 10. Feb­ruar 1844

Aachen, 9. Feb­ruar. All­wärts wird jetzt für die Notlei­den­den im schle­sis­chen Gebirge gesam­melt. An gar vie­len Orten herrscht bit­tere Armut, aber nir­gends ist sie so ver­bre­itet, nir­gend bei uns hat sie einen so furcht­baren Grad erre­icht. Selbst in unserer Prov­inz finden sich an einzel­nen Stellen Arme genug, aber sie leben wenig­stens, es sind Kräfte genug da, die Dürfti­gen vor dem Ver­hungern zu schützen. Dort aber ist die Not all­ge­mein, die Kräfte reichen nicht aus, und wir haben von Unglück­lichen gele­sen, die der Ent­behrung erlegen sind. Die Bewohner des schle­sis­chen Gebirges leben von der Indus­trie, es sind Spin­ner und Weber, ihr Ver­di­enst hängt von dem Ver­di­enst ab, das ihre Broth­er­ren, die Kap­i­tal­is­ten und Speku­lanten, von ihrem eige­nen Kap­i­tale haben. Es ist das Schick­sal aller Fab­rikge­gen­den: Die Beloh­nung der arbei­t­en­den Kraft hängt von dem Genuß ab, welchen die be­lebende Kraft aus der­sel­ben bezieht. Die let­ztere opfert sich nicht für die andere auf und kann es nicht ein­mal, da sie für uner­wartete Wech­selfälle sich vorse­hen muß. Die Preise der fer­ti­gen Arbeit bes­tim­men den Lohn des Arbeit­ers. Der Preis muß fallen, wenn von ander­wärts eine durch die Umstände begün­stigte Konkur­renz ein­tritt. Zu diesen Umstän­den gehört vor allem die größere Bil­ligkeit der Kap­i­tal­ien. Sind diese Umstände so gün­stig, daß sie den Zoll über­wiegen, so wird die fremde Indus­trie die ein­heimis­che erdrücken, und wenn dies nicht, doch den inländis­chen Fab­rikan­ten zwin­gen, den Arbeit­slohn so her­abzu­drücken, daß er zwar gegen die fremde Konkur­renz beste­hen kann, aber seine Arbeiter an ihrem Lohn verkürzen muß. Dazu ist es in Ober­schle­sien gekom­men. Die Unglück­lichen unter­stützen ist edel, und mögen alle Men­schen­fre­unde sich beeilen, diesem Elende abzuhelfen, aber sie kön­nen es nur aufkurze Zeit. Für die Zukunft, damit das Elend sich nicht erneuere, muß etwas anderes geschehen. Eine kleine Broschüre han­delt von dem Ver­fall der Leinen-Fabrikation und der Not im schle­sis­chen Gebirge. Der Ver­fasser hat nur Schle­sien vor Augen, ver­langt vom Staat nur Schutz für das schle­sis­che Fab­rikat. Mit Recht hätte er seine Forderung auch auf das West­fälis­che aus­dehnen kön­nen, denn wenn die Not dort auch nicht so groß, so ist doch auch dort die Indus­trie in sicht­barem Abnehmen. Will man sich einen Begriff von der Lage der schle­sis­chen Arbeiter machen? >Im schle­sis­chen Gebirge<, heißt es, >sind an vie­len Orten die Lebens­mit­tel teurer als in großen Städten.< Und der Ver­di­enst? >Nehmen wir nicht den schlimm­sten Fall<, heißt es weiter, >treten wir nicht in das niedrige, dun­kle, unge­sunde Gemach, das der Arme für jährlichen Zins von 6 oder 8 Tlr. mietet, um darin seinen Web­stuhl, eine morsche, mit Lumpen gefüllte Bettstelle neben ein paar hölz­er­nen Uten­silien unterzubrin­gen, so daß das Häu­flein Kinder wie Maden sich bewe­gen muß, blicken wir nicht in solche, dem reinen Hunger, der bit­ter­sten Not gewid­mete Lokale, gegen die der Viehstall eines Dominialbe­sitzers als Prunk­saal erscheint. Besuchen wir vielmehr den Häusler, der unter eigenem Dach und Fach wohnt und neben­bei 1 bis l 1/2 auch wohl 2 Mor­gen Land besitzt, worauf er mit genauer Not eine Milchkuh zu erhal­ten ver­mag. Seine Ein­nahme ist jährlich, mit Bei­hilfe von Weib und Kind, aller­höch­stens 60 Taler. Die Aus­gaben in einem Durch­schnitts­falle sind fest­ste­hend fol­gende: Grund­s­teuer an den Staat jährlich 1 Tlr. 15 Sgr., Klassen­s­teuer 2 Tlr., Grundzins an die Grund­herrschaft 3 Tlr. 5 Sgr., Jagd– und Spin­n­geld an dito 15 Sgr., Gemein­de­ab­gaben an barem Gelde I Tlr. 10 Sgr. Außer­dem 3 bis 4 Tage Han­dar­beit bei Wegebesserun­gen usw. 20 Sgr., Schul­geld für 2 bis 3 Kinder 4 Tlr., Zins eines auf dem Hause ste­hen­den Kap­i­tals von 100 Tlr. 5 Tlr., Feuerassek­ranz-Beitrag 15 Sgr., Summa 19 Tlr. 5 Sgr. Fol­glich bleiben ihm von seiner Ein­nahme noch 40 Tlr. 25 Sgr. für das ganze Jahr zur Bestre­itung von Repara­turen des Hauses, zur Aus­gle­ichung des Aus­falls in seiner Ein­nahme, den er durch Bestel­lung seines Gartens und durch Man­gel an Arbeit erlei­det, zur Anschaf­fung der notwendig­sten Bek­lei­dung, der Feuerung und Beleuch­tung, endlich zum Ankauf des Brotes und Salzes sowie anderer drin­gen­der Lebens­bedürfnisse, ohne irgen­deinen Krankheits– oder son­sti­gen Unglücks­fall in Anschlag zu brin­gen.< Und wäre wenig­stens das trock­ene Brot noch immer hin­re­ichend zu schaf­fen! Aber trotz sechzehn­stündi­ger täglicher Arbeit ist auch davon nicht ein­mal so viel zu erlan­gen, um den Hunger zu befriedi­gen. Und dieser jam­mer­volle Zus­tand soll nicht rasche Abhilfe ver­lan­gen? >Schafft alle Schutz­zölle ab, sagt der eine, denn dadurch wird die Tätigkeit des Volkes nur nach falschen Rich­tun­gen gedrängt. Wären die Leute nicht Weber, so kön­nten sie, statt 2 Sgr. an dem Web­stuhl, täglich 10 Sgr. an Eisen­bah­nen oder als Mau­rer oder sonst ver­di­enen.< Bis jetzt aber ist kein Man­gel an solchen Arbeit­ern, und man vergißt, daß, wenn alle Weber sich eben­falls zu diesen Arbeiten drängten, der Lohn bald auch da auf Null her­ab­sinken würde. Und wie will man die Leute zwin­gen, einen Dis­trikt, auf welchem keine andere Beschäf­ti­gung möglich ist, zu ver­lassen? Sie wür­den, wo sie sich auch zusam­men­drängten, bald wieder den alten Zus­tand herbeiführen. […]

Erste Beilage zu Nr. 41 der priv­i­le­girten Schle­sis­chen Zeitung, 17 Februar

Aufruf zu einer General-Versammlung behufs Beratung der Mit­tel gegen die Hunger­snot im schle­sis­chen Gebirge

Der Aufruf an die ganze Prov­inz zur Hebung der Not der armen Weber im Gebirge, die Jahrzehnte ihrem Elende und der drück­end­sten Ver­legen­heit über­lassen waren, hat zu unserer größten Freude die leb­hafteste Teil­nahme edler Men­schen­fre­unde von nah und fern angeregt, so daß wir uns der Hoff­nung hingeben, die Lage jener Armen fiir den Augen­blick wirk­lich verbessern zu kön­nen. Aber die Frage, wie soll radikal geholfen und wie soll ver­hütet wer­den, daß in kurzem ein zweiter Aufruf an die Herzen guter Men­schen appel­liere, und vielle­icht vergebens appel­liere, diese Frage zu erledi­gen, macht eine Ver­samm­lung notwendig, in der die Lebens­frage von ein paar tausend Men­schen zugle­ich die Lebens­frage der Sichver­sam­mel­nden wer­den soll. Zu einer solchen Kon­ferenz laden daher Unterze­ich­nete alle Men­schen­fre­unde ein, denen das Wohl ihrer Brüder am Herzen liegt, auf Dien­stag, den 27sten Feb­ruar, zur >Stadt Berlin< in Schwei­d­nitz, nach­mit­tags 2 Uhr.
Da der Zweck der Kon­ferenz ein dop­pel­ter ist, näm­lich: 1) best­mögliche Ver­wen­dung der bere­its einge­gan­genen und noch einge­hen­den Beiträge und 2) eine sorgfältige Besprechung der Weber-Angelegenheiten zu einer möglichst gründlichen Heilung ihres Übels, so wird für den ersten Zweck die Wahl eines Zentral-Komitees, für den zweiten die Kon­sti­tu­ierung eines Zentral-Vereins notwendig wer­den. Die Ten­denz eines solchen Vere­ins ist heilig genug, als daß wir nicht der fes­ten Überzeu­gung sein soll­ten, die Ver­samm­lung werde eine zahlre­iche und eine se– gen­brin­gende sein. Ganz beson­ders mögen daher Sachver­ständige aller Orte, Geistliche, Schullehrer und Scholzen als Repräsen­tan­ten der Gegen­den, in denen eine große Anzahl ver­armter Weber sich aufhält, der Kon­ferenz ihren Bei­s­tand nicht ver­sagen. Let­ztere mögen zugle­ich die Namensverze­ich­nisse, wenig­stens die Zahle­nangaben der zu Unter­stützen­den der Ver­samm­lung vor­legen. Bis zu dieser Kon­ferenz aber ersuchen wir alle bere­its einge­gan­genen und noch einge­hen­den Beiträge vorzube­hal­ten, weil die Verteilung keine vere­inzelte, son­dern eine all­ge­meine und gle­ich­mäßige und erst von dem gewählten Zentral-Komitee ver­an­laßt wer­den soll.
Kauf­mann Här­tel, Dr. Kirschner in Freiburg,
Dr. Pinoff in Schweidnitz

Schle­sis­che Prov­inzial­blät­ter, April 1844

Ein Plan zur Hebung der Not
der armen Spin­ner und Weber im schle­sis­chen Gebirge,
vorgelegt der am 27.Februar d. J. stattge­fun­de­nen
General-Versammlung in Schweidnitz

I

Es soll ein Verein gebildet wer­den, dessen Zweck es sein soll, die Arbeit der Weber und Hand­spin­ner und deren Absatz durch seine innere Organ­i­sa­tion so zu regeln, daß die Arbeiter einen dem Wert der Arbeit entsprechen­den guten Lohn, die Abnehmer eine dem Preise entsprechende gute Ware erhal­ten. Als Mitglie­der dieses Vere­ins wer­den Weber und Hand­spin­ner, ferner Per­sonen jedes Standes, welche Garn, Zwirn oder Lein­wand zu ihrem oder anderer Ver­brauch kaufen, aufgenommen.

II

Der Verein besteht dem­nach ein­er­seits aus Webern und Spin­nern, den Pro­duzen­ten, ander­er­seits aus denen, welche die Arbeit jener zu ihrem Ver­brauch an sich kaufen, den Kon­sumenten. Die Kon­sumenten verpflichten sich, keine andere Lein­wand zu kaufen als solche, die von den Pro­duzen­ten des Vere­ins ange­fer­tigt und von let­zterem verkauft wird.

III

Arbeit und Verkauf der Waren sind auf fol­gende Weise geregelt:

1. Je nach dem Umfange und der Aus­bre­itung des Vere­ins besteht in ver­schiede­nen Städten oder größeren Dör­fern ein Etab­lisse­ment, an dem je nach Bedürf­nis ein oder mehrere redliche und sachver­ständige Män­ner mit anständi­gem, fes­tem Gehalt als Vorste­her angestellt sind. Ihr Geschäft ist:

a) Den Flachs, welcher auf Rech­nung des Vere­ins angekauft wird, an die Spin­ner, welche Vere­ins­mit­glieder sind, zum Spin­nen zuzuteilen.

b) Das Garn, welches ihnen die Spin­ner brin­gen, nach bes­timmter Regel zu tax­ieren und dem Spin­ner seine Arbeit zu bezahlen. Die Höhe der Bezahlung ist je nach den ver­schiede­nen Sorten im voraus fest­ge­setzt, jedoch immer so, daß der Spin­ner seine Arbeit nach Bil­ligkeit und Recht ver­w­ertet sieht. Der Vorste­her hat dem­nach nur über die Qual­ität des Gar­nes zu entscheiden.

c) Das Garn den Webern, welche Mit­glieder des Vere­ins sind, zum Wirken zuzuteilen.

d) Die von diesen daraus gefer­tigte Lein­wand abzuschätzen und die Arbeit den Webern zu bezahlen. Der Wert der Arbeit ist je nach den ver­schiede­nen Lein­wand­sorten, wie der der Handge­spin­ste, im voraus bes­timmt, aber stets so, daß der Weber seine Arbeit belohnt sieht. Der Betrag des Lohnes darf daher nie unter ein gewisses Min­i­mum sinken, welches hinrei­chend sein muß, die notwendi­gen Lebens­bedürfnisse des Webers zu decken. Dies ist möglich, weil durch die Kon­sumenten, welche Vere­ins­mit­glieder sind, ein sicherer Absatz und deshalb auch eine sichere Ein­nahme da ist.

e) Die Lein­wand an die Kon­sumenten des Vere­ins und andere Käufer zu fest­ge­set­zten Preisen zu verkaufen. Die Preise für die ver­schiede­nen Sorten sind so zu bes­tim­men, daß der Über­schuß der Ein­nahme im all­ge­meinen hin­re­icht, um all­ge­meine Zwecke und Bedürfnisse des Vere­ins, namentlich die Besol­dung der Vorste­her, zu bestreiten.

2. In Lan­desteilen, wo sich keine Spin­ner und Weber befinden, wo aber eine hin­längliche Anzahl von Kon­sumenten als Mit­glieder in den Verein aufgenom­men sind, wer­den Etab­lisse­ments errichtet, deren Vorste­her sich nur mit dem Verkauf der Vereins-Leinwand zu den bes­timmten Preisen beschäfti­gen. Diese wer­den nur nach den Trans­portkosten erhöht.

3. Vorste­her, welchen es gelingt, den Verkauf der Ware über die bes­timmte Kon­sum­tion der Vere­ins­mit­glieder auszudehnen, erhal­ten eine ver­hält­nis­mäßige Tantieme davon.

IV

An der Spitze des ganzen Vere­ins steht ein Direk­to­rium, dessen Mit­glieder vom Verein ansehn­lich besol­det wer­den. Ihre wesentlichen Funk­tio­nen sind folgende:

1. Die Vorste­her der Etab­lisse­ments zu beaufsichtigen.

2. Mit Zuziehung der­sel­ben, nach kürz­erer oder län­gerer Zeit, je nach­dem es die Ver­hält­nisse erlauben, die ver­schiede­nen Preise für Garn und Lein­wand festzusetzen.

3. Die Einkäufe des Flach­ses, die Anle­gung der Etab­lisse­ments, die Aus­bre­itung des Vere­ins, die Geld– und Rech­nungs­geschäfte und alle all­ge­meinen Angele­gen­heiten des Vere­ins im großen und ganzen zu leiten, namentlich auch die Geschäfte ins Aus­land zu besor­gen, wenn, wie zu hof­fen steht, der Verein mit seinen Waren dort Absatz findet.

V

Ein Auf­sicht­srat, dessen Mit­glieder keinen täti­gen Anteil an der Führung der Geschäfte haben, auch kein Gehalt beziehen, prüft nach kürz­erer oder län­gerer Zeit die Rech­nungsablage des Direk­to­ri­ums sowie die Beschw­er­den einzel­ner Vere­ins­mit­glieder und beschließt Verbesserun­gen in den Statuten des Vere­ins, wenn deren nötig wer­den.
Dies sind die Grundzüge der Ver­fas­sung eines Vere­ins, welche nach meiner Überzeu­gung wirk­liche Heilmit­tel in sich enthält. Zur weit­eren Empfehlung dieses Planes habe ich nur wenig anzuführen, wenn sich der­selbe nicht durch sich selbst emp­fiehlt. Ich erin­nere, wie ich bere­its oben erwäh­nte, daran, daß große Übel auch große Heilmit­tel erfordern, daß mit kleiner Hilfe nichts gewon­nen wird. Ich erin­nere auch, daß zu jeder großen Unterneh­mung Mut, Ver­trauen und Aus­dauer gehört, und daß diejeni­gen, welche ern­stlich auf die Aus­rot­tung des Übels bedacht sind, ohne diese Eigen­schaften wenig bewirken wer­den und können. — […]

[Anonym]

Erste Beilage zu Nr. 41 der priv­i­le­girten Schle­sis­chen Zeitung, 17. Feb­ruar 1844

[…] kaum ist ein Jahr ver­flossen, seit­dem der Ver­fall unserer Lein­wand­man­u­fak­tur, nicht Fab­rika­tion, sowie das Elend der Spin­ner und Weber öffentlich auf etwas ein­dringliche und gründlichere Weise zur Sprache gebracht wurde, und bere­its regt es sich über­all zur Her­beiführung von Abhilfe, die — wenn auch vorder­hand allerd­ings nur noch pal­lia­tiv — doch gewiß bald gründlich und radikal wer­den dürfte. Während ein­er­seits milde Beiträge zur Begeg­nung der augen­blick­lich­sten Not darge­bracht wer­den, fängt man da und dort schon an, sich zu Vere­inen zusam­men­zustellen, deren Zweck es ist, für best­mögliche Ver­wen­dung der Unter­stützungs­fonds Sorge zu tra­gen. Wo wir aber erst selbst Hand anle­gen und nicht das Han­deln auf die viel­be­lasteten Schul­tern unserer Beamten und Behör­den wälzen, da läßt sich stets wirk­liches Tun erwarten. […] >Hän­debeschäf­ti­gung< heißt das Radikalmit­tel, weil durch das­selbe allein die rechte Art wohlzu­tun aus­geübt wer­den kann in einer Zeit, wo der Riese Geist gegen die Hände-Arbeit kühn und keck anstrebt.

Priv­i­le­girte Schle­sis­che Zeitung Nr. 45, 22. Feb­ruar 1844

Die Not der Weber– und Spin­ner­fam­i­lien im schle­sis­chen Ge­birge und die Mit­tel, sie zu mildern und ihr abzuhelfen

[…]
Es gibt nur ein Mit­tel gegen Sünde und Not— das ist Arbeit. Jener Spruch des Paradieses, der nur für Tagediebe und Faulen­zer Abschreck­endes hat— >Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen< — ist nicht sowohl ein Fluch als vielmehr der erste Segen Gottes. Aber er enthält auch die Worte >dein< Brot, und die vierte Bitte betet um >unser< Brot, wodurch die Verpflich­tung angedeutet ist, die Men­schenkräfte so zu verteilen, anzustellen, in Anspruch zu nehmen, daß jeder sein Brot essen kann. Das ist die Haup­tauf­gabe, mit der sich jeder beschäfti­gen soll, welchem die Not seiner Brüder wahrhaft zu Herzen geht. […]
Zuvörderst wer­den wir uns voll­ständig davon überzeu­gen müssen, daß es mit dem Spin­nen und Weben als Erwerb­szweig für unsere Gebirgs­bevölkerung aus ist, wahrschein­lich für immer, uns überzeu­gen müssen, daß alle Ver­suche, den gesunke­nen Nahrungszweig durch Kun­sthilfe in die Höhe zu schrauben, verge­blich bleiben wird, wenn auch vielle­icht einzel­nen damit geholfen wer­den möchte. Will man durch Spinnschulen, die sich ander­er­seits bewährt haben sollen, nach­helfen, so läßt sich dage­gen insofern nichts sagen, weil gutes Garn ein­mal besser ist als schlechtes und weil zweit­ens auch in unserem Gebirge stets gespon­nen wer­den wird; allein, man muß nicht glauben, dadurch den Nahrungszweig auf seine frühere Höhe brin­gen zu wollen. Hin ist hin. Maschi­nen und Fab­riken und andere Fak­toren haben auf den bish­eri­gen Erwerb­szweig tötend eingewirkt. Und es ist besser, statt erfol­gloser Wieder­bele­bungsver­suche, wodurch bloß Zeit und Kraft ver­lorengeht, ohne daß dadurch Hilfe erwirkt wird, daran zu denken, auf andere Weise zu helfen. Die Grund­sätze, welche hier wer­den leiten müssen, möchten fol­gende sein. Wo zu viel Arbeit­skräfte sind, müssen sie in Gegen­den verpflanzt wer­den, wo sie fehlen. Wo ein Nahrungszweig einge­gan­gen ist, muß durch vere­inte Bemühun­gen ein anderer geschaf­fen wer­den. […] Wer es weiß, wie beson­ders Gebirgs­be­wohner an ihrer Heimat hän­gen, der wird es sehr begrei­flich finden, daß die Vorschläge zur Auswan­derung, wobei wir keineswegs an Amerika oder auch nur an ein nicht­preußis­ches Land, son­dern nur an einen andern Punkt unseres Staates denken, keinen beson­dern Anklang finden. Desse­nungeachtet darf dieses Heilmit­tel eines krankhaften Zus­tandes nicht ohne weit­eres bei­seite geschoben wer­den. Nur muß man nicht erwarten, daß unsere Gebirgs­be­wohner von selbst ihren heimatlichen Boden, obgle­ich ihnen das >Leben< auf dem­sel­ben keine >fre­undliche Gewohn­heit< ist, ver­lassen wer­den. [. .]
Es gibt eine Menge Arbeiten, die in unserem Gebirge gefer­tigt wer­den kön­nten, die jetzt aus der Ferne bezo­gen wer­den. Wir haben von ebenso sachkundi­gen als für das Wohl ihrer Neben­men­schen erwärmten Män­nern es wieder­holt aussprechen hören, daß z. B. die man­nig­falti­gen Arbeiten aus Stroh — Stro­hflechten —in jedem Dorfe einer Menge Fam­i­lien Brot ver­schaf­fen wür­den, daß eine Menge Holzarbeiten, Kisten, Knieholzwaren, Spiel­sachen usw. hier gefer­tigt wer­den kön­nte. […] Arbeit und nur Arbeit, das ist der Wille Gottes ! Von unseren Webern und Spin­nern ist auch kein Entschluß zu erwarten. Sie sind zu gän­zlicher Wil­len­losigkeit her­abge­sunken und so weit gekom­men, daß sie bei dem Spinnschemel, auf der Weber­bank eher ver­hungern als etwas anderes treiben. […]

Schle­sis­che Chronik Nr. 17, 27. Feb­ruar 1844

In Sachen der Weber und Spinner

Wenn die >Häupter< unserer Fab­rikan­ten und Man­u­fak­tur­is­ten teils in öffentlichen Blät­tern die Volksmei­n­ung, teils in Immediat-Eingaben und Anträ­gen die Min­is­te­rien zugun­sten des Colbert’schen Merkan­til­sys­tems, also ihres eige­nen Vorteils, zu stim­men suchen, so betra­chten sie als einen ihrer stärk­sten Ver­bün­de­ten den Hin­weis auf die gedrückte, erbar­menswerte Lage, in der sich ihre Vor– und Hil­f­sar­beiter, die Weber und Spin­ner, befinden. Sie ver­fehlen dann auch nie, das in der Tat augen­fäl­lige Elend der­sel­ben dem >bei uns mehr und mehr zur Gel­tung gekomme­nen< Adam Smith’schen Indus­triesys­tem mit seinem Grund­satze freien Han­delsverkehrs der Völker untere­inan­der in die Schuhe zu schieben, und somit ihren Forderun­gen von Schutz­zöllen als der einzi­gen Ret­tung aus solcher Not den Weg anzubah­nen. Wir geste­hen offen, daß wir — wenn auch zur Hälfte an den guten Willen und die ehrliche Mei­n­ung der Antrag­steller — doch ganz und gar nicht an diesen Mes­sias aus der Hunger­snot und dem Sklaven­tum unter zivil­isierten Völk­ern glauben. Gesetzt, unsere Staatsmän­ner gin­gen auf jenes Ver­lan­gen ein, und die Fab­rikate rival­isieren­der Natio­nen wür­den durch mächtige Zölle von deutschen Märk­ten aus­geschlossen, würde sich nicht als­bald, bei der Anhäu­fung von — für die Ver­wen­dung bereitlie­genden — Kap­i­tal­ien in den Hän­den einzel­ner, die inländis­che Konkur­renz ver­dop­peln und ver­dreifachen? Bietet nicht der gefürchtet­ste Rival unter den han­del­treiben­den Völk­ern, Eng­land, den schla­gend­sten Beweis dafür, daß bei dem unge­heuren Quan­tum von >Arbeit<, das verbesserte und immer noch verbesserungs­fähige Maschi­nen liefern, bei der über den Bedarf gesteigerten Pro­duk­tion, der men­schliche Arbeiter nun unter den allerungün­stig­sten Ver­hält­nis­sen einen seinen Anstren­gun­gen den­noch nur halb angemesse­nen Lohn empfängt? Und das lehrt uns Eng­land, Eng­land mit seinen überseeis­chen Märk­ten, Eng­land, das die Pyrenäis­che Hal­binsel, das unsere deutschen Han­del­splätze mit seinen Waren über­strömt, — und dessen Arbeiter trotz­dem seit Dezen­nien das­selbe Klagelied — nur ener­gis­cher — sin­gen, das die unsri­gen erst jetzt begin­nen, nun sie um Sein oder Nicht­sein kämpfen! — Wir begreifen die Möglichkeit gün­stiger Ein­wirkung von Schutz­zöllen da, wo, wie bei unsern ober­schle­sis­chen Eisen­berg­w­erken, beson­dere Boden­ver­hält­nisse nur die Begün­s­ti­gung allmäh­licher Entwick­lung und Erstärkung erheis­chen, um dann mit Erfolg sich andern seit Jahren beste­hen­den Genossen an die Seite stellen zu kön­nen; wir begreifen diese Möglichkeit, ohne jedoch das gewün­schte Mit­tel für das beste zu hal­ten; — aber wir verneinen sie bes­timmt z. B. betr­e­ffs unserer Lin­nen– und Baumwollen-Produktion, welche in einem dicht­bevölk­erten Lande wie Deutsch­land über­all gle­ich gut und leicht betrieben wer­den kann, weil arbei­t­ende Kräfte für andere Gewerbe und den Land­bau den­noch über­all im Über­flusse vorhan­den sind. Das Pub­likum würde anfangs mehr bezahlen müssen, der reiche Fab­rikant mehr gewin­nen; in wenig Jahren wäre alles wiederum aus­geglichen; der arme Hil­f­sar­beiter aber wäre nach wie vor in Dürftigkeit und Elend verblieben.
Dies jedoch nur beiläu­fig! Eigentliche Ver­an­las­sung zu diesen Zeilen ist eine Erzäh­lung, die mit­ten unter die schö­nen und echt-christlichen Auf­forderun­gen zur Betä­ti­gung der Näch­sten­liebe an jenen Unglück­lichen, welche die Über­schrift dieses Auf­satzes nennt, mit­ten in die all­ge­meine Teil­nahme nicht bloß des Preußen­lan­des, son­dern von ganz Deutsch­land einen schrillen Mißlaut entsendet, und die wohl einer Mit­teilung und Prü­fung in diesen Blät­tern wert ist, da die hun­dertzüngige Fama sie schon durch unsere ganze Prov­inz ver­bre­itet hat, ohne doch auf diesem Wege sie anders als ein Gerücht zu doku­men­tieren, dem man als solchem nicht recht auf den Leib gehen kann. Ist die Kunde wahr — wie gern bezweifeln wir es noch —, dann würde unsere obige Bemerkung, daß wir nur zur Hälfte an den guten Willen und die ehrliche Mei­n­ung unserer Schutz­zölle heis­chen­den Fab­rikan­ten glauben, der glänzen­den — obwohl trau­ri­gen — Recht­fer­ti­gung nicht ent­behren; ist sie nicht wahr, so wird sie hof­fentlich eine Berich­ti­gung nicht lange erwarten dür­fen, die entweder ihren völ­li­gen Ungrund erweist oder das etwaige Wahre daran zugun­sten­des Angeklagten beleuchtet. Diese ver­an­laßt zu haben, wäre in let­zterem Falle das von uns gebotene Ent­gelt.
>Ein armer Weber kommt zu einem reichen Kauf­mann und bietet ihm eine Webe zum Kaufe. Nach dem Preise gefragt, ver­langt er einen dem Werte der Arbeit dur­chaus angemesse­nen, dessen Richtigkeit jener aber in Abrede stellt, indem er volle fünf Taler — ein Kap­i­tal für unsere Weber — weniger bietet. Es kommt so weit, daß der arme Arbeiter sich zu einem Fuß­falle vor dem Han­delsh­errn erniedrigt. Er müsse bei diesem Preise mit den Seini­gen ver­hungern; damit habe er kaum das Mate­r­ial bezahlt, geschweige den Schweiß und die Mühen seiner Nachtwachen. Umsonst! Der Kauf­mann bleibt bei seinem Gebote ste­hen, und der Weber — Frau und Kinder schreien nach Brot; wer weiß, ob er bald einen anderen Käufer findet? — der Weber gibt mit Trä­nen im Auge seine Arbeit hin. Unmit­tel­bar von den Seinen aber, denen er von dem Gelde erst Brot kaufte, eilt er zu seinem Gut­sherrn, dem er alles erzählt und zuletzt verzwei­flungsvoll erk­lärt: Bis jetzt habe er sich, obwohl mit Kum­mer und Not, doch ehrlich genährt; so aber gehe es nicht mehr, ihm bleibe nur Bet­teln oder Stehlen übrig. Der Gut­sherr läßt sich das äußere Anse­hen der Webe genau und bis ins kle­in­ste beschreiben, und fährt dann augen­blicks zu jenem Kauf­mann, dem er erk­lärt, zu einem bes­timmten Zwecke ein Stück Lein­wand kaufen zu wollen. — Um es kurz zu machen —, unter den vorgelegten Stücken erkennt der Käufer in der Tat die ihm kurz zuvor genau beschriebene Arbeit seines Gutsin­sassen und kauft sie, nach­dem das Hand­lung­shaus ver­sichert hat, sie bil­liger nicht lassen zu kön­nen, um einen Preis, der dem Kauf­mann das Dop­pelte von dem als Profit läßt, das er dem Armen abge­drun­gen. Der Gut­sherr fährt sogle­ich zurück; der Weber, der auf sein Geheiß ihn erwartete, erkennt eben­falls sogle­ich seine Arbeit wieder; und nun soll ersterer, mit Hin­weis auf unzäh­lige ähn­liche Vorkomm­nisse, die ganze Sache Sr. Maj. dem Könige angezeigt haben.<
Soweit die Erzäh­lung, die ich, mit gerin­gen Abwe­ichun­gen im einzel­nen, an drei ver­schiede­nen Orten vor­tra­gen hörte. —Ich erlaube mir einige Bemerkun­gen dazu. Darf man sich wun­dern, daß ger­ade in Fab­rikge­gen­den (man sehe: das Wup­per­tal, die Fab­rikan­tendör­fer des Eulen– und Riesen­ge­birges) der Pietismus so flo­ri­ert? Darf man sich wun­dern, wenn der, welcher trotz aller ehren­werten Anstren­gun­gen einem Leben voll Not, Ent­behrung und Elend sich gle­ich­sam ver­fallen sieht, diese Erde nur als das Jam­mer­tal betra­chtet, aus dem die Erlö­sung ihm nicht früh genug kom­men kann? Darf man sich wun­dern, daß, obwohl er alle Tage mit Fürst und Bauer, mit Mil­lionär und Bet­tler betet: >Unser Vater, der Du bist im Him­mel!< er den­noch Mut und Ver­trauen zu Gott als dem Vater ver­liert, daß er von Tage zu Tage mehr ver­dumpft, sein Unglück als die unab­wend­bare Strafe seiner men­schlichen Sünd­haftigkeit ansieht, und nun mit Heißhunger nach den Trak­tätchen greift, die ihm der Pietismus bietet, die Trös­tun­gen der Blut– und Sün­den­the­o­rie, die Zus­prüche unserer Krummacher-21 und Bon­sorten gierig hört und aufn­immt? Man merke wohl: Despotie und Hier­ar­chie sind immer Hand in Hand gegan­gen. Beide wollen herrschen. Bei­den ist deshalb geistige Frei­heit ein Greuel. Darum — erst ver­dum­men, erst geistig knechten, dann habt ihr freien Tisch! — Wir wollen euch aber diesen freien Platz nicht lassen; wir wollen uns vielmehr jed­erzeit laut, frei und öffentlich gegen geisti­gen und kör­per­lichen Druck erk­lären, weil beide in ebenso enger Verbindung und unmit­tel­barer Wech­sel­wirkung zueinan­der ste­hen wie Geist und Kör­per selbst. Darum auch an alle diejeni­gen, welche von dem Sach­lichen unserer Erzäh­lung genau unter­richtet sind, die drin­gende Bitte, damit nicht zurück­hal­ten zu wollen. Solche Tat­sachen zu veröf­fentlichen, ist Pflicht und Beruf der Presse. Solche Veröf­fentlichung ver­bi­etet keine deutsche Regierung!

Aach­ener Zeitung Nr.62, 2. März 1844

Aachen, 29. Feb­ruar. Der Verein für Unter­stützung der Armen im schle­sis­chen Gebirge hat seinen Beruf und seine Zeit ver­standen. Er hat das Rechte begrif­fen und getan, was allein tun muß, wer wirk­lich der Armut zu Hilfe kom­men will. Es liegen uns die von dem­sel­ben ent­wor­fe­nen Statuten vor, welche mit einer Umsicht abge­faßt sind, die als Muster in ähn­lichen Fällen dienen kann. Die Armut ist über­all; sie findet auch über­all einen immer bere­iten Wohltätigkeits-Sinn, welchen ihr Elend rührt und zur Unter­stützung drängt. Aber alle unsere Wohltätigkeit besteht in der Regel nur in direk­ten peku­niären Spenden, höch­stens im Verteilen von Lebens­mit­teln. Die Armen-Verwaltungen, welche über Sum­men im großen ver­fü­gen, ver­fahren nicht anders als der Pri­vat­mann. Sie verteilen das Geld, ohne sich um die Benutzung des­sel­ben zu küm­mern, was auch kaum möglich ist, da, wo viele Arme zu überse­hen sind, ihr innerer Haushalt nicht immer streng zu überwachen ist. Die Unter­stützung wird aber dadurch meist zu einer sicheren Rente, die, weil sie bequem eingeht, keine Anstren­gung weiter erfordert, dazu auf­fordert, in einem Zus­tande zu bleiben, welcher die Entziehung dieser Rente unmöglich macht. Die Zartheit des Gewis­sens oder des Gefühls, welche die Wohltat als eine Last erscheinen läßt und dazu antreibt, sobald als möglich deren Notwendigkeit ent­behrlich zu machen, darf nicht erwartet, wird auch sel­ten angetrof­fen wer­den. Statt also einer Anstren­gung, aus der Dürftigkeit her­auszukom­men, wer­den wir die Geld­spenden nur eine größere Erschlaf­fung, eine Stumpfheit erzeu­gen sehen. [. . 1 Die Bewohner des schle­sis­chen Gebirges sind elend gewor­den, weil sie auf eine Indus­trie beschränkt sind, welche der frem­den Konkur­renz zu erliegen droht. Wir wollen nicht unter­suchen, ob der zu hohe oder zu niedere Schutz­zoll daran schuld, ob die Han­dar­beit dem Maschi­nen­pro­dukt weichen muß; gewiß ist, daß durch Eröff­nung natür­licher Abzugswege, wie sie sich für das Leinen­zeug auswärts dar­bi­eten, dem Ruine vorzubeu­gen war. Aber das Elend ist ein­mal da, ist furcht­bar, wird von Augen­zeu­gen so dargestellt, daß jedes Herz dabei erzit­tern muß. Es muß rasch geholfen wer­den, und kein Men­schen­fre­und wird säu­men, sein Scher­flein beizutragen. […]

Trier’sche Zeitung Nr. 65, 5. März 1844

Bekan­nt­machung

Der schon so oft durch die Tat bewährte Wohltätigkeits-Sinn der Ein­wohner des Wup­per­tals ist auch bei dem großen Not­stande der schle­sis­chen Gebirgs­be­wohner, von welchem uns die Zeitu­gen so ergreifende Schilderun­gen gebracht, kein teil­nahm­sloser Zuschauer geblieben.
Durch die Her­ren Ver­leger der >Elber­felder Zeitung< und des >Elber­felder Kreis­blattes< sind mir in diesen Tagen die in der Expe­di­tion dieser Blät­ter als frei­willige Liebesgaben einge­gan­genen Beiträge zur Lin­derung der Not der schle­sis­chen Gebirgs­be­wohner mit zwei­hun­dert­fün­fzig Talern zur Weit­er­be­förderung über­sandt und noch fernere Sendun­gen in Aus­sicht gestellt.
Indem ich den edlen Gebern namens unserer hart bedrängten schle­sis­chen Brüder hier­durch den her­zlich­sten Dank abstatte, spreche ich zugle­ich den Wun­sch aus, daß das von Elber­feld gegebene schöne Beispiel nicht ohne Nach­folge bleiben möge, daß sich namentlich auch die Redak­tio­nen der übri­gen Zeitun­gen der Prov­inz zur Samm­lung von Gaben für die armen schle­sis­chen Gebirgs­be­wohner ver­an­laßt finden mögen.
Für die Beförderung der eink­om­menden Beiträge werde ich sehr gerne Sorge tra­gen.
Koblenz, den 22. Feb­ruar 1844
Der Ober-Präsident der Rhein­prov­inz
Schaper

Aach­ener Zeitung Nr. 88, 28. März 1844

Aufruf

Jahrzehnte hin­durch waren die Weber und Spin­ner in Schle­sien an Ent­behrun­gen des Not­dürftig­sten gewöhnt, gegen­wär­tig aber ist durch die lange anhal­tende Ungunst der Han­delsver­hält­nisse ihre Not bis auf das Äußer­ste gestiegen.
Es gilt nicht, ein Unglück, das Gott mit einem Schlage ver­hängt hat, abzuwen­den. Es gilt, ein geräuschloses, langsam schle­ichen­des, aber um so verderblicher wirk­endes Elend zu besiegen.
In Bres­lau hat sich am 7. dieses Monats ein Verein gebildet, der sich die Auf­gabe gestellt hat, sowohl augen­blick­lich die Hil­fs­bedürfti­gen zu unter­stützen, als auch für eine dauernde Abhilfe der Not Sorge zu tra­gen, und das unterze­ich­nete Komi­tee hat die Geschäfts­führung des Vere­ins über­nom­men.
Wir begin­nen unsere Tätigkeit mit dem Aufruf an alle Men­schen­fre­unde, uns bei unserem Vorhaben zu unter­stützen. Wir bedür­fen bedeu­ten­der Mit­tel, um unser Ziel auch nur annäh­ernd zu erre­ichen, und gemein­schaftliches Wirken ver­mag allein die Summe des Elends zu bewälti­gen.
Indem das unterze­ich­nete Komi­tee eine zweck­mäßige Ver­wendung der uns zufließen­den Beiträge zu besor­gen ver­spricht, ersuchen wir die verehrlichen Redak­tio­nen deutscher Zeitun­gen und Zeitschriften, diesen Aufruf abzu­drucken, Beiträge zum Be­sten der Notlei­den­den anzunehmen und an unseren mitunter­zeichneten Schatzmeis­ter einzusenden.
Bres­lau, den 15. März 1844

Das Komi­tee des Vere­ins
zur Abhilfe der Not unter den Webern und Spin­nern in Schlesien

Ober-Bürgermeister Pin­der als Vor­sitzen­der
Kauf­mann C. Scharff als Schatzmeis­ter
Regierungs-Assessor Schneer als Protokollführer

Trier’sche Zeitung Nr. 98, 7. April 1844

Vom Rhein. 3. April. […] Die Indus­trie im großen und ganzen ist ein Ele­ment des Staat­sor­gan­is­mus, etwas, das der Staatsweisheit unmit­tel­bar ver­fällt, und wo diese let­ztere vorauszuset­zen ist, da kann es nicht fehlen, daß jetzt das Bedürf­nis gefühlt werde, tätig einzu­greifen, die Pri­vatun­ter­stützun­gen wesentlich zu ergänzen und für die ganze Zukunft die Wiederkehr dieses Grades von Elend unmöglich zu machen. Der Staat aber hat den Schle­siern gegenüber zwei Mit­tel, welche unfehlbar aus­re­ichen müssen, dafern man sie mit der gehöri­gen Energie und in Unge­tren­ntheit anwen­det. Daß eine nationale Indus­trie, welche durch die Miß­gunst der Umstände an den Rand des Verder­bens gekom­men ist, und welche von außen eine gewaltige und kom­pakte Konkur­renz erlei­det, weiser und genü­gen­der Schutz­zölle bedürfe, bis sie auf eignen Beinen zu ste­hen ver­möge, gilt bei uns als eine aus­gemachte Wahrheit. Diese Wahrheit kön­nen wir als etwas objek­tiv Richtiges um so mehr hier voraus­set­zen, als die >Trier’sche Zei­ung< in mehreren Artikeln sich als Anhän­gerin des richti­gen nation­alökonomis­chen Sys­temes noch im vorigen Jahre bewährt hat. [. .] Zollschutz wäre also das erste dringliche Mit­tel zur Abhilfe der Not. Das zweite besteht in der Organ­i­sa­tion der Arbeit.
Es darf nicht sein Bewen­den dabei haben, daß man eine neue Wahrheit bil­ligt und the­o­retisch falsche Ansichten fallen läßt. Man muß auch nach der bessern Überzeu­gung han­deln. Hier ist nun ein Feld gegeben, wo die Arbeit zu organ­isieren ist, wo die Beteiligten keinen Augen­blick Wider­stand ent­ge­genset­zen wer­den, wo sich der Beweis führen läßt, daß der Sozial­is­mus, weit ent­fernt, eine The­o­rie des Umsturzes und der Ver­nich­tung zu sein, etwas prak­tisch höchst Vortr­e­f­fliches, allen Men­schen zu­gute Kom­mendes, die Sit­tlichkeit und den Wohl­stand lediglich Befördern­des ist. Es kommt nur auf die Probe an. Was näm­lich die meis­ten wohl noch nicht klar wis­sen, ist, daß die schle­sis­chen Weber nicht als Masse, nicht ein­mal in Masse dem Verkehr und den Kon­sumenten gegenübertreten, daß sie vielmehr als einzelne, isolierte Indi­viduen von wenig Mit­teln, die von Hand zu Mund leben, der gän­zlichen Willkür der Vorkäufer, der Kap­i­tal­is­ten, der Kau­fleute preis­gegeben sind, welche, ihre augen­blick­liche Ver­legen­heit benutzend, lediglich auf eigne Spekulations­Chancen achten und so den Weber zu einem unter­ge­ord­neten Helfer­shelfer, zu einem Knechte und Sklaven her­ab­drücken.
(…)
Organ­isiere man also die schle­sis­chen Weber, nicht in Zün­fte, son­dern in freie Organ­i­sa­tio­nen, wo jeder frei ist und durch den Ver­band erst recht frei wird. Dann kön­nen diese Assozi­a­tio­nen den Kaufher­ren anders gegenübertreten, und wenn der Grenz­zoll ihnen die Abnahme sichert, so wird es sich bloß fra­gen, welche Assozi­a­tion am besten und probe­haltig­sten pro­duziert. Aus diesem Wet­teifer dürfte sich bin­nen kurzer Zeit eine Blüte der Indus­trie her­ausstellen, die es erlaubte, den Zoll zu erniedri­gen, ganz aufzuheben und den Markt der deutschen Leinen weit über die deutschen Gren­zen hin auszudehnen. Dies klingt vielle­icht fabel­haft und chimärisch. Allein, habt ihr die Assozi­a­tion vielle­icht ein­mal ver­sucht, habt ihr erfahren, was die sol­i­darische Verbindung freier Men­schen vermag?

Beilage zu Nr. 85 der priv­ili­girten Schle­sis­chen Zeitung, April 1844

Offener Brief an die Her­ren C. G. Kram­sta und Söhne in Freiburg

Gestern kam der hiesige Weber­meis­ter und Gemeind­edeputierte Benj. Wag­ner zu mir und sagte: Es wäre mehreren hiesi­gen Webern, die für Ihre Hand­lung arbeit­eten, bei Abliefer­ung ihrer Ware gesagt wor­den: man werde ger­ade ihnen kün­ftig gar keine Arbeit mehr geben oder nur schlechtes Handge­spinst, und daran sei ich schuld! Sie möchten zu mir gehen und mich ver­an­lassen, das zurück­zunehmen, was ich über die Lein­wand­ver­hält­nisse gesagt, denn nur ich sei schuld daran, daß so vieles Garn und so viele Lein­wand keinen Abgang mehr finde!
Ich erlebte nun an mir selbst, was schon bei Herrn Buch­drucker Rieck, dem Redak­teur des >Freiburger Lokalblattes<, ver­sucht ward, dem wegen eines abge­druck­ten Auf­satzes — wie ich hörte von Ihren Fab­rikauf­se­hern — die Fab­rikar­beiter auf den Hals gehetzt wur­den, so daß es sogar bis zu Straße­nau­fläufen kam.
Ein der­gle­ichen Benehmen kann gele­gentlich zu Unfug führen, darum ver­di­ent das­selbe öffentlich gerügt zu wer­den, und wenn ich auch glaube, ver­sichert sein zu dür­fen, daß der ein­sichtige Chef eines achtungswert genan­nten Hand­lung­shauses dabei nicht im Spiele sein könne, so ergibt schon die Ähn­lichkeit und Wieder­hol­ung des Ver­fahrens, daß sich die Geschichte nicht auf ein aus der Luft gegrif­f­enes Gerede basieren kann.
Sie wer­den ein­se­hen, meine Her­ren, daß es an Ihnen ist, Maßregeln gegen mögliche Wieder­hol­un­gen von der­gle­ichen Gebaren Ihrer Untergebe­nen zu tre­f­fen. Es liegt dies gewis­ser­maßen im Inter­esse Ihres Geschäfts, wie ich das Vergnü­gen haben werde, Ihnen sogle­ich schla­gend darzu­tun, indem ich Ihnen den Erfolg der Aufwiegelung gegen mich mit­teile:
Die Weber, denen wahrschein­lich von Ihrem Hand­lungsper­son­ale die Ein­flüsterung und Dro­hung gemacht wor­den ist, kamen gar nicht ein­mal selbst zu mir, um mich zur Rede zu stellen oder mir Vor­würfe zu machen; denn ich erwarb mir durch mein Betra­gen als ihr ältester Gemeind­edeputierter, wie Sie sich bei Nach­frage überzeu­gen wer­den, die Achtung der Leute. Es sprach nur etwa mit einem befre­un­de­ten Nach­bar, wer etwa unschlüs­sig oder zaghaft war, und wis­sen Sie, wie der >arme Mann<, das Volk, urteilte? Man ent­geg­nete: >Laßt euch nicht bange machen; solange Kram­stas an eurer Arbeit zu ver­di­enen wis­sen, wer­den sie euch welche geben und hören sie ganz auf zu han­deln, so treten an ihre Stelle sicher wieder zwanzig andere und es wird wieder wie früher, wo wir nicht von der Gunst oder Ungunst eines einzel­nen abhin­gen und besser bezahlt wur­den !<
Sollte, wider Ver­muten, den­noch jene unvor­sichtige Äußerung von Ihnen aus­ge­gan­gen sein, so gebe ich Ihnen die Ver­sicherung, daß nur, wenn ich meine gewonnene Überzeu­gung als irrtüm­lich anzuerken­nen genötigt wäre, ein Wider­ruf der­sel­ben stat­tfinden kön­nte. In diesem Falle aber sofort, wenn auch mit Trauer im Herzen, denn dann wäre jede Hoff­nung ver­loren, den sei­theri­gen herzzer­reißen­den Jam­mer unserer Spin­ner und Weber gründlich zu heben. Ich halte näm­lich mit dem Ihnen befre­un­de­ten Herrn M. Web­sky dafür, daß die Lein­wand aus Maschi­nenge­spinst ein von der Handge­spin­stlein­wand ganz abwe­ichen­des Pro­dukt sei, daß es sich den Eigen­tüm­lichkeiten der Baum­wol­lengewebe nähere und daß let­ztere endlich einen voll­ständi­gen Sieg über das Flachs­ge­spinst davon­tra­gen müsse. Eng­land hat uns dann für immer aus dem Felde geschla­gen, denn es ist wenig Aus­sicht vorhan­den, daß wir der englis­chen Konkur­renz jemals wer­den die Spitze bieten kön­nen. Ganz anders stellt sich die Sache, wenn wir bei dem Gewebe aus Handge­spinst ste­hen­bleiben und dessen Eigen­tüm­lichkeiten in Gel­tung erhal­ten, wozu uns die Mit­tel in der aufrichti­gen Belehrung und Bedi­enung des Pub­likums zu Gebote ste­hen. Eng­land muß dabei allezeit gegen uns seine sonst mächti­gen Segel stre­ichen, denn es fehlt ihm unser niedriger Arbeits­lohn! —
Solange mir das Irrtüm­liche dieser Ansichten nicht klar bewiesen wird, solange beharre ich auf densel­ben zum Vorteile meines Vater­lan­des ! Einen anderen Vorteil aber kenne ich nicht, habe ich nicht dabei, und keine Absicht als diese, ver­bun­den mit dem
leb­haftesten Wun­sche: Unserer arbeit­samen, in den beja­mernswertesten Umstän­den leben­den Armut nach besten Kräften hil­fre­iche Hand zu bieten, hat meiner Wirk­samkeit zum Grunde gele­gen. — Ver­di­ent mein Betra­gen dem­nach ein Verfah­ren wie das oben gerügte?
Sei­t­en­dorf, am 3. April 1844 Ed[uard] Pelz

Erste Beilage zu Nr. 88 der priv­ili­girten Schle­sis­chen Zeitung, 15. April 1844

Auf den an uns gerichteten Offe­nen Brief des Herrn Ed[uard] Pelz in der Beilage zu Nr. 85 der >Schle­sis­chen Zeitung< erwidern wir: Wir haben eini­gen unserer Sei­t­en­dor­fer Weber angedeutet, daß wir ihnen statt Maschi­nen­garn gutes Handgarn (schlechtes geben wir nie aus) zur Arbeit geben wür­den, um Herrn Pelz Gele­gen­heit zu geben, sich am Orte durch die Tat zu überzeu­gen:
1. wieviel ungle­icher Handgarn als Maschi­nen­garn
2. wieviel schwieriger es ist, ein gutes Schock Lein­wand aus Handgarn als aus Maschi­nen­garn zu ver­fer­ti­gen
3. wieviel mehr Zeit der Weber beim Handgarn braucht
4. wieviel weniger er pro Tag daran ver­di­enen kann und
5. wieviel fes­ter Maschi­nen­garn denn Handgarn ist.
Wenn Herr Pelz ferner als das Urteil des armen Mannes zitiert: >Laßt euch nicht bange machen, solange Kram­stas an eurer A­beit zu ver­di­enen wis­sen, wer­den sie euch welche geben, und wenn sie ganz aufhören zu han­deln, so treten 20 andere an ihre Stelle<, so ist der unter­strich­ene Teil ganz in der Ord­nung; wir wer­den nur Geschäfte fort­führen, welche zeit­gemäß sind und in denen unser gewiß mäßiger Nutzen mit dem des Arbeit­ers sich verbinden läßt. Unternehmungen, welche nicht auf diesen Grund­la­gen ruhen, wer­den nir­gends von Dauer sein. Die Zukunft wollen wir Gott anheim­stellen und fordern Herrn Pelz nur noch auf, insofern der­selbe unpartei­isch sein will, unsre gut arbei­t­en­den Lohn­we­ber auszuschließen (wenn er von herzzer­reißen­dem Jam­mer der Weber schreibt). Wir bezahlen, mit Bezug auf die fes­ten Garne, welche wir zur Ver­ar­beitung geben, die besten Löhne des Gebirges, und viele Weber-Familien arbeiten seit 40 Jahren für uns und sind uns mit Ver­trauen ergeben. Sie wis­sen, daß wir gegen Lohn nur schle­sis­che Weber beschäfti­gen, aufgute Ware hal­ten, welche Schle­sien Ehre bringt, und daß in hiesiger Gegend nie so viel feine gute Lein­wand gemacht wor­den ist als jetzt.

Freiburg, den 12. April 1844 C. G. Kram­sta und Söhne

Weser-Zeitung Nr. 89, 15. April 1844

Berlin, 11. April. Man bietet hier alles auf, um den armen Webern und Spin­nern in Schle­sien zu helfen. Der von der See­hand­lung errichtete Verein läßt von Haus zu Haus seine echten Lin­nen anbi­eten. Dadurch ger­aten aber unsere Leinwandhän­ler, die mit großen Vor­räten sich verse­hen haben, in einige Ver­legen­heit, die sie in keiner Art ver­di­ent haben. Besser wäre es allerd­ings gewe­sen, wenn man früher, wozu die Presse wieder­holt aufge­fordert hat, mit Spanien Handels-Verträge abgeschlossen und sich in kom­merziellen Din­gen nicht um poli­tis­che The­o­rien beküm­mert hätte. [.104 Vor dem Aufstand

Mannheimer Abendzeitung Nr.89, 14. April 1844

An Mannheims Frauen

Als die Brand­fackel Ham­burg in Asche legte, da waren Milli­nen Men­schen eifrig bereit, Hilfe zu leis­ten, und Ströme Goldes flossen den Unglück­lichen zu. Städte und Dör­fer brachten ihre Gaben, Kaiser und Könige beeil­ten sich, kaiser­liche und königliche Spenden zu schicken; jede andere Angele­gen­heit trat in den Hin­ter­grund zurück, bis der schreien­den Not Abhilfe gewor­den. Ham­burgs Brand war ein großar­tiges Ereig­nis und wird nicht in Vergessen­heit ger­aten, solange die Men­schen Geschichte schreiben. Damals waren es vorzüglich die Män­ner, welche ihre Tätigkeit bezeigten, und viele Namen jener Helfer wer­den fortleben und dank­end genannt und gerühmt wer­den.
Ein anderes, vielle­icht gräßlicheres Unglück hat die armen Schle­sier betrof­fen; aber es ist kein Ereig­nis, bei welchem ein unsterblicher Name, bei welchem ewiger Nachruhm gewon­nen wer­den kann, es ist ein ein­faches Fam­i­lienunglück, kein imposantes Schaus­piel, bei dessen großar­tigem, wen­ngle­ich fürchter­lichem Anblicke das Herz erschüt­tert und zu höhren Empfind­un­gen angeregt wird. Es ist ein Fam­i­lienunglück, das nur von dem Herzen einer Frau ganz begrif­fen wer­den kann. Der Frau, welcher der schöne Beruf gewor­den, im stillen zu wirken und zu beglücken, Fam­i­lien­wohl zu befördern. Nur wir kön­nen es daher ganz fassen, das namen­lose Elend, dem Tausende unsrer Mitschwest­ern preis­gegeben sind, mit­fühlen den unge­heuern Schmerz, der das Mut­ter­herz zer­reißt, wenn das Höch­ste, das Einzige, was es besitzt, langsam dem Hunger­tode ent­ge­gen­wankt. Glück­lich diejeni­gen, welche alle­in­ste­hen, allein ster­ben kön­nen, deren Trä­nen keinem ver­schmach­t­en­den Vater, keiner ver­hungern­den Mut­ter stumm aber deut­lich sagen: Ach! Ich kann Euch keine Nahrungsmit­tel reichen, kann Euch die treue Liebe nicht vergel­ten, die Ihr mir bewiesen habt! Glück­lich diejeni­gen, die ihrem Kinde, das sie um Brot fleht, nicht sagen müssen: Ich möchte Dir gerne mein Herzblut opfern, aber Brot — ich habe es nicht!
Wen­den wir uns von diesen zer­mal­menden Szenen hin­weg und denken wir darauf, wie dieser drin­gen­den Not ges­teuert wer­den kann. In andern, weniger drin­gen­den Fällen haben sich Frauen­vere­ine gebildet und viel Gutes und Nüt­zliches gewirkt. Man hat Schmuck, weib­liche Arbeiten und aller­hand Luxu­sar­tikel durch Lot­te­rien zu Gelde gemacht und bedeu­tende Sum­men wur­den erzielt. Konz­erte wur­den von Dilet­tan­tinnen gegeben, die reichen Ertrag geliefert. Zum Besten Ham­burgs hat eine Gesellschaft hiesiger Her­ren eine Vorstel­lung im Schaus­piel­hause gegeben. Kön­nten die hiesi­gen Damen, denen ein solches Tal­ent gewor­den, nicht ein Gle­iches zum Besten der armen bedürfti­gen Schle­sier tun? Wer wird nicht gern das kleine Opfer brin­gen, als Dilet­tan­tin einer Kunst aufzutreten, die zwar in einem roheren Zeital­ter eine ver­achtete war, welche man aber längst von einem würdi­geren Stand­punkte aufz­u­fassen und nach Ver­di­enst zu ehren gewohnt ist? Das schätzbare jet­zige Komi­tee und der geehrte Ober­regis­seur wer­den gewiß mit aller Bere­itwilligkeit so löbliche Zwecke unter­stützen und bemüht sein, die Ein­nahme so wenig als möglich durch unbil­lige Abgaben zu schmälern und zu ver­hüten, daß der Ertrag nicht, wie bei der ange­führten Vorstel­lung, durch Zulas­sung des Pub­likums in die Gen­er­al­probe ver­ringert wird.
Möge diese drin­gende Auf­forderung von Nutzen sein, und der hohe Wohltätigkeitssinn sich, wie immer, auch in diesem Falle bewähren. Kon­nten einst, wie die Geschichte erzählt, Frauen ihren Schmuck und ihre Klein­o­dien zum Opfer brin­gen zur Fort­set­zung des Krieges gegen den Feind ihres Lan­des, so wer­den auch wir fähig sein, diesem hohen Beispiele nachzuah­men und gern etwas aufopfern, um einem quälen­deren Feinde Trotz zu bieten, der in den Rei­hen unserer Mit­men­schen wütet. Wir wer­den gern unsere kleinen Fähigkeiten und Tal­ente zum Besten so vieler Unglück­lichen anstren­gen, einzig von dem schö­nen Bewußt­sein einer guten Tat belohnt. Keine Blät­ter wer­den unsern Ruhm aus­posaunen, keine Votivtafeln31 von unsern Taten sprechen, aber daß wir die Trä­nen der Verzweifel­nden getrock­net, daß wir so manchem Herzen den Glauben an die all­wal­tende
Liebe wieder zurück­gegeben, den es bere­its ver­loren hatte, das, meine Mitschwest­ern, wird uns eine Quelle der Zufrieden­heit und Seligkeit wer­den, wie Lor­beer und Ehren­denkmale sie nim­mer zu schaf­fen imstande wären.
Laßt den Män­nern die Ehre und unvergängliche Namen; Schöner und süßer belohnt uns ein schönes Gefühl.
Mannheim, 12. April 1844

Beilage zur Köl­nis­chen Zeitung Nr.110, 19. April 1844

Dr. Karl Grüns Vor­lesun­gen zum Besten der schle­sis­chen Weber haben einen Ertrag von 138 Tlrn. geliefert, welche Summe der­selbe unterm 5. d. Mts. dem Herrn Ober-Präsidenten der Rhein­prov­inz über­sandte, worauf ihm fol­gen­des Schreiben zug­ing, das hier, den Teil­nehmern gegenüber sogle­ich als Quit­tung, veröf­fentlicht wird:
Die mit Euer Wohlge­boren gefäl­li­gen Schreiben vom 5. d. Mts. mir über­sandten, zur Lin­derung des Not­standes der schle­sis­chen Weber bes­timmten ein­hun­der­tun­dachtund­dreißig Taler habe ich der Königlichen Regierung zu Lieg­nitz zur geeigneten Ver­wen­dung zugestellt. — Indem ich Euer Wohlge­boren hier­von ganz ergebenst in Ken­nt­nis setze, kann ich es mir nicht ver­sagen, Ihnen namens unserer schle­sis­chen Mit­brüder meinen aufrichtig­sten Dank dafür abzus­tat­ten, daß Sie diesen mit Ihrem Tal­ente bere­itwillig zu Hilfe gekom­men sind und ihnen eine so reich­liche Beis­teuer erwirkt haben.
Koblenz, den 10. April 1844
Der Ober-Präsident der Rhein­prov­inz, Schaper
An den Herrn Dr. Karl Grün Wohlge­boren in Köln

Erste Beilage zu Nr. 90 priv­ili­girten Schle­sis­chen Zeitung, 27. April 1844

Lan­gen­bielau, 23. April. Gestern nach­mit­tag hat der hiesige Weber und Landwehr-Unteroffizier Wilh. Krause in Abwe­sen­heit seiner Frau sein zwei­jähriges Kind durch Zuhal­ten des Halses erwürgt und sich dann selbst aufge­hängt. Nahrungslosigkeit machte den Unglück­lichen zum Verbrecher.

Illus­trirte Zeitung (Leipzig) Nr.49, 1. Juni 1844

Das alte und das neue Sys­tem der Fabrikation

Bei der fort­ge­set­zten Aufmerk­samkeit, welche die Entwick­lung der Indus­trie von jedem in Anspruch nimmt, der nicht bloß das Wesen der Erschei­n­un­gen nach deren Ober­fläche beurteilt und der begreift, daß Deutsch­land nicht eher eine indus­triell bedeu­tende Nation wer­den kann, als bis es, wie Eng­land und Fran­reich, prak­tisch beurteilend und han­delnd auftritt und aufhört, seine Stun­den nur tief­sin­nig, hoch­po­et­isch oder still­gemütlich hin­ter bunt­ge­mal­ten Fen­ster­scheiben oder in süßer Waldein­samkeit oder am traulichen Herde zu verträu­men, ist es wohl am Orte, darauf hinzudeuten, daß es zwei sehr voneinan­der ver­schiedene Sys­teme der Fab­rika­tion gibt, welche recht scharf ins Auge gefaßt sein wollen, wenn man in irgen­deinem bes­timmten Falle ein richtiges Urteil fällen will. Ganz Deutsch­land wird gegen­wär­tig von der Not der Spin­ner und Weber im schle­sis­chen Gebirge, wie im vorigen Jahr von der der Strumpfwirker, Weber und Klöp­pler im Erzge­birge, bewegt, und zu leicht geneigt ist der Men­schen­fre­und, auf Beschäf­ti­gun­gen, welche solche große Not zulassen, einen streng rich­t­en­den Blick zu wer­fen und das Fab­rik­we­sen im all­ge­meinen als die Quelle aller bekla­genswerten Volk­sü­bel­stände zu betra­chten. Nichts kann aber ungerechter sein als diese Ansicht. Die Nach­läs­sigkeit in der Fest­stel­lung der Begriffe und deren Beze­ich­nun­gen hat es ver­an­laßt, daß man mit dem Aus­druck Fab­rik und Fab­rik­we­sen alle und jede größere sich irgendwo ent­fal­tende Gewer­betätigkeit belegt. Man irrt aber hierin sehr. Die großen Ansamm­lun­gen von einzel­nen in ihren eige­nen Woh­nun­gen arbei­t­en­den Webern, Strumpfwirk­ern, Klöp­p­lerin­nen, Posa­men­tier­ern, Met­all– und Holzarbeit­ern, wie sie in Deutsch­land in Städten und Dör­fern, soge­nan­nten Fab­rikdör­fern und Fab­rik­städten, wohnen, wer­den ganz uneigentlich mit dem Namen Fab­riken, und diejeni­gen Kau­fleute, welche die Erzeug­nisse jener kleinen Gewer­be­treiben­den für den größeren Markt zusam­menkaufen, ebenso unge­hörig mit dem Namen Fab­rikan­ten belegt. Es ist begrei­flich, daß unbe­mit­telte Weber, Strumpfwirker, welche bloß von ihrer Hände Arbeit leben, nicht viel Zeit darauf ver­wen­den kön­nen, ihr Gewebe und Gewirke zu verkaufen, das sie über den unmit­tel­baren Orts­be­darf liefern, weil ihre Zahl nicht wie die ihrer Brüder­handw­erker, der Fleis­cher, Bäcker, mit der Ort­sein­wohn­erzahl im Gle­ichgewicht steht. Daher bildete sich aus dem Bedürf­nis her­aus unter den Unternehmenderen des Gewerbes eine Klasse von Leuten, welche den Arbei­t­en­den das Erzeug­nis abkaufen und es auf Reisen, Märk­ten und Messen vertreiben. Dieses Geschäftsver­hält­nis besteht noch über­all da, wo, durch irgendwelche Umstände begün­stigt, große Ansamm­lun­gen von unab­hängi­gen Arbeit­ern ein und des­sel­ben Gewerbes sich vorfinden, so unter anderm bei der Flachshand­spin­nerei, der Weberei und Strumpfwirk­erei. Die große Konkur­renz aber, die unter den kleinen Händlern mit den Gewer­be­pro­duk­ten, bei der Nei­gung, die ein­tönige Arbeit mit der freieren Bewe­gung beim Kauf und Wiederverkauf zu ver­tauschen, ent­stand, rief in notwendi­ger Folge eine dritte Klasse von Geschäft­sleuten her­vor, welche den kleinen Händlern, die somit zu Vorkäufern, Ver­legern wur­den, die Waren abnah­men und nun einen aus­ge­bre­it­eten Han­del damit trieben, was ihre kleineren Kol­le­gen zu tun nicht ver­mochten. — Auf ganz anderer geschichtlicher Entwick­lung beruht aber das mod­erne Fab­rik­we­sen, wie es sich zuerst in Eng­land, dann in Frankre­ich und endlich in Deutsch­land aus­ge­bildet hat, das Fak­tor­eisys­tem oder das Sys­tem der geschlosse­nen Etab­lisse­ments genannt. Während das alte ursprüngliche Man­u­fak­tursys­tem einzel­ner voneinan­der unab­hängiger und höch­stens nur durch die been­gen­den Bande von Innun­gen zusam­men­hän­gen­der Arbeiter auf den uner­mütlichen Fleiß und die Geschick­lichkeit der Men­schen­hand, auf die größt­mögliche Ver­min­derung der Bedürfnisse sowie auf die Regsamkeit spekulieren­der Verkäufer, Händler und Kau­fleute gewiesen ist, stützt sich das neue Fab­riksys­tem auf Maschi­nenkraft, auf die Fortschritte in den Kün­sten und Wis­senschaften, auf die geistige Befähi­gung des Arbeit­ers, mit der er die Mas­chine zu behan­deln und zu beauf­sichti­gen ver­steht. Jeder Unbe­fan­gene wird daraus mit einem Blicke erken­nen, daß da, wo das Fab­riksys­tem großer geschlossener Gewerb­sanstal­ten mit dem Man­u­fak­tur– Han­dels­be­trieb zer­streut wohnen­der Han­dar­beiter in Mit­be­wer­bung tritt, let­zterer auf die Dauer schlech­ter­d­ings keine Hoff­nung hat zu beste­hen, wenn er auch zeitweilig mit noch so großer Anstren­gung und Unter­w­er­fung unter materielle Ent­behrung gegen seinen Ver­fall ankämpft. Aus diesem Zusam­men­stoß des Alten mit dem Neuen erk­lärt sich zum Teil die begin­nende und fortschre­i­t­ende Zer­rüt­tung mancher unserer Handgewerbe, namentlich der Hand­spin­nerei und Weberei, der Spitzen­fab­rika­tion. Die Strumpfwirk­erei, nur infolge vorüberge­hen­der Kon­junk­turen darnieder­liegend, hat sich schon wieder erhoben. Im Gegen­satz zu jenem Ver­hält­nisse schreibt sich die Blüte unserer Zeug­druck­erei, unserer Tuch­man­u­fak­tur von dem Erfassen des Fab­riksys­tems her. Riesig wür­den auch unsere Maschi­nen­spin­nereien emporwach­sen und einen sehr großen Teil der bei den Handgewer­ben vork­om­menden Men­schen in sich aufnehmen, wenn Erfind­ungskraft, Geist, Unternehmungslust und Kap­i­tal einen Schutz gegen die höchst aus­ge­bildete, unter den gün­stig­sten Ver­hält­nis­sen arbei­t­ende englis­che Spin­nerei erhal­ten kön­nten. Nur allein in der vol­lkom­men­sten Durch­bil­dung des auf Maschi­nen– und Men­schengeis­teskraft gegrün­de­ten, vom Kap­i­tal durch­fluteten mod­er­nen Fab­riksys­tems ist der fortschre­i­t­en­den Ver­ar­mung und Verküm­merung unserer Arbeit­er­bevölkerung Ein­halt zu tun. Man fürchte keine Abhängigkeit des Men­schen Ion der Mas­chine und der Macht des Kap­i­tals: Denn tot ist die Mas­chine ohne den beleben­den Geist des Men­schen und unfrucht­bar das Kap­i­tal ohne seine Tätigkeit, daher sind Mas­chine und Kap­i­tal, Men­schenkraft und Geist ewig unz­ertrennlich abhängig voneinan­der. Es ist eine Anklage, welche die genauesten Erhe­bun­gen als falsch erwiesen haben, daß die Fab­rikar­beiter physisch und moralisch gedrückt sind und ihre Gesund­heit unter­graben wird, während tägliche Tat­sachen uns die schmer­zliche Überzeu­gung in die Hand geben, welcher Jam­mer und welche Not in den Hüt­ten des armen Spin­ners und Webers herrscht, der wohl unab­hängig von der Mas­chine, aber nicht unab­hängig von seinen Lebens­bedürfnis­sen ist. Wir haben durch diese Fest­stel­lung der unter­schei­den­den Merk­male des alten und neuen Arbeitssys­temes unsere Leser nur auf den Stand­punkt zu führe­nun­ter­nom­men, von wo aus sie eine klare Aus­sicht haben in das Getriebe der indus­triellen Bewe­gun­gen unseres Zeital­ters, welche nicht min­der in poli­tis­che als in soziale Fra­gen der Gegen­wart hinüber­spie­len. Kurz zusam­menge­faßt befindet sich der Arbeiter wohl, wo Kunst und Wis­senschaft in Verbindung mit dem Kap­i­tal sich vere­inigt haben, ihm die schw­eren Arbeiten abzunehmen und nur die höhere Tätigkeit seines Geistes zu beanspruchen, oder wo die Art und Weise der Arbeiten dur­chaus die Kun­st­fer­tigkeit der men­schlichen Hand, des wun­der­baren Werkzeugs, erheis­cht. Über­all aber, wo Vorurteil, Eigensinn, Stumpf­sinn und Unken­nt­nis den ungle­ichen Kampf der rohen Kör­perkraft mit dem Geiste fort­set­zen, wo man sich wider die Seg­nun­gen sträubt, welche Kunst und Wis­senschaft den Men­schen aus ihrem reichen Füll­horn bieten, da wer­den Jam­mer und Elend sich unaus­bleib­lich einstellen.