Wilhelm Wolff

Karl Marx wid­met 1863 Wil­helm Wolff, dem “edlen, treuen Vorkämpfer des Pro­le­tari­ats” sein Hauptwerk “Das Kap­i­tal”. Wil­helm Wolffs Auf­satz “Das Elend und der Aufruhr in Schle­sien” erschien 1845 in dem von Her­mann Püttmann her­aus­gegebe­nen “Bürgerbuch”

Das Elend und der Aufruhr in Schle­sien 1844

Wil­helm Wolff veröf­fentlicht einen gründlich recher­chierten Beitrag in Her­mann Püttmanns “Bürgerbuch”.

Die bluti­gen Auftritte in Peter­swal­dau und Lan­gen­bielau zu Anfang des Monats Juni haben das Inter­esse nicht bloß Deutsch­lands, son­dern auch anderer Län­der erregt und die all­ge­meine Aufmerk­samkeit nach Schle­sien hinge­wandt. Unter­des brachten die Zeitun­gen, wenn auch nicht die hiesi­gen, so man­nig­faltig voneinan­der abwe­ichende Berichte, unter denen sogar einige die Verunglimp­fun­gen gegen unsere armen Weber so unver­schämt und weit trieben, daß ich durch eine möglichst treue Schilderung des Ereignisses der Wahrheit einen Dienst zu erweisen glaube. Doch zuvor müssen wir eine kurze Rund­schau hal­ten, um den Zus­tand, in welchem der schle­sis­che Pro­le­tarier, der >arme Mann<, sein Leben ver­bringt — fast klingt’s wie Hohn, solch Dasein als >Leben< zu beze­ich­nen —, näher ken­nen­zuler­nen, damit klar­w­erde, auf welchem Grunde die jet­zi­gen Früchte erwach­sen und gereift sind. Ganz beson­ders aber wird sich unser Blick auf die Zustände der Weber im Gebirge zu richten haben, da hier die unaus­bleib­lichen Fol­gen eines der Gerechtigkeit, der Gle­ich­heit und Brüder­lichkeit feindlichen Prinzips, in welchem unsere jet­zi­gen Ver­hält­nisse sämtlich wurzeln, am ersten, greif­barsten und in der betrübend­sten Weise ans Tages­licht getreten sind und nun selbst dem blödesten Auge nicht mehr ver­bor­gen bleiben kön­nen. Zwar ist das Elend des schle­sis­chen gemeinen Mannes, die Not und Ent­behrung des Besit­zlosen in unserer Prov­inz gewiß nicht größer als in manchen andern Teilen Deutsch­lands, nicht bit­terer als das Los der arbei­t­en­den Klassen ander­swo. Wir dür­fen nur an Frankre­ich, Eng­land und das grüne, aber hungernde Irland denken! Wir haben aber so oft von dum­men oder feilen See­len den glück­lichen Zus­tand Deutsch­lands, Preußens, Schle­siens, das Nichtvorhan­den­sein des Pro­le­tari­ats auf deutscher und also auch auf schle­sis­cher Erde preisen hören, daß es gut ist, auch hier ein­mal den Schleier weg­geris­sen und das darunter ste­hende >große glück< den Augen des Pub­likums bloßgelegt zu sehen. — Schle­sien, <.unter zwei Ele­mente: das deutsche und slavis­che geteilt, von zwei religiösen, seit kurzem immer heftiger gegeneinan­der gehet­zten Reli­gion­sparteien bewohnt, früh schon wegen seiner vie­len Her­zogtümer ein Miniatur­bild Deutsch­lands, äußer­lich vere­inigt unter Friedrich II., sich fortschlep­pend im über­all aufge­häuften mit­te­lal­ter­lichen Unrat, so gut es gehen wollte, trat endlich infolge der Jenaer Schlacht’ mit den übri­gen Prov­inzen des preußis­chen Staates aus der eigentlichen Feu­dal– in die mod­erne Entwick­lungspe­ri­ode über. Das Zun­ftwe­sen fiel, eine Masse >Gerechtigkeiten< ver­schwan­den, das bürg­er­liche Ver­di­enst sollte von nun an dem adli­gen gle­ichgel­ten, die Städte, nicht mehr nach Kor­po­ra­tio­nen und feindlichen Inter­essen geson­dert, ihre Angele­gen­heiten selb­ständig besor­gen. Die Klöster wur­den aufge­hoben, ihre Güter einge­zo­gen und zum Teil für einen unglaublichen Spottpreis verkauft, teil­weise auch an Adlige ver­schenkt. Endlich hörte die Erbun­tertänigkeit auf; die Kinder des Land­manns durften dem gnädi­gen Herrn nicht mehr um einige schle­sis­che Taler jährlichen Lohns, halb ungemachtes, selbst nicht vom Vieh benei­detes Essen und reich­liche Prügel dienen, wenn sie nicht woll­ten. Sie brauchten, falls sie ein Handw­erk zu erler­nen wün­schten, sich nicht mehr loszukaufen, keine Abgabe zu zahlen bei der Ver­heiratung. Der Bauer kon­nte in ein anderes Dorf sich begeben, ohne Abzugs­geld zu zahlen, und hatte nicht weiter nötig, den drit­ten Teil seines Feldes für die herrschaftlichen Schafe zur Weide liegen zu lassen. Das Land­volk aber ver­stand die >Frei­heit< zuerst sehr falsch. Es glaubte von Mar­tini 1810 an, ganz >frei< zu sein. Die Auflehnung vieler Orte ward streng unter­drückt und den Landleuten durch königliche Kabi­nettsor­dres auseinan­derge­setzt, daß sie alles übrige nach wie vor zu entrichten hät­ten. Somit blieben alle Fron­den und Hof­di­en­ste, alle Geld– und Nat­u­ralleis­tun­gen, Sil­berzin­sen, Grundgeld, Hun­de­hafer, Gar­n­spin­nen, Hühner-, Gänse-, Eier-, Besen– und Wächterzins usw. in voller Kraft. Immer­hin war es eine bedeu­tende Erle­ichterung; der Bauer fing einiger­maßen an, sich als Men­sch zu fühlen, und trug gern und willig zur Ret­tung des Staates nach Kräften, meist über seine Kräfte, bei. Seine Tätigkeit, von eini­gen drück­enden Fes­seln befreit, wurde eine ganz andere; mit der Steigerung mehrten sich die Früchte. Zwar arlyitete er auch jetzt noch für den gnädi­gen Herrn; wenn die Verbesserung seines Ack­ers, der Neubau seines Hauses der Wirtschaft einen Mehrw­ert von 2000 Tlrn. ver­lieh, so gewann der Gut­sherr, ohne nur die Hand zu rühren, beim Verkauf 200 Tlr. an Laudemien oder an Mark­t­groschen. Gle­ich­wohl fuhr ersterer in seinem Fleiße fort. Nach den Geset­zen über >Reg­ulierung der gut­sher­rlichen und bäuer­lichen Ver­hält­nisse< stand es ihm frei, sich abzulösen. Dies geschah an vie­len Orten. Eine Masse von Mil­lio­nen Talern floß in die gut­sher­rlichen Kassen; beträchtliche Sum­men an jährlichen Renten über­nahm der Bauer und gab Äcker und Wiesen hin. So war er frei. Nur glaube man nicht, die Feu­dalzeit sei jetzt völ­lig aus unserer Prov­inz gewichen: In Nieder– wie noch mehr in Ober­schle­sien blüht und grünt an tausend Orten der Fron– dienst, und was daran hängt, lustig fort. Das Dreschgärt­ner– Ver­hält­nis wurde vielfach gelöst, meist zum Vorteil der Gut­sherrschaften. Diese war­ben dann Lohn­leute an; und da bei steter und rascher Zunahme der Bevölkerung, und ger­ade in den unteren Klassen, die Zahl der Arbeits­be­wer­ber auch zunahm, so beka­men sie für gerin­gen Lohn Men­schen, soviel sie brauchten. Der Dreschgärt­ner, an seinen 2 bis 3 Mor­gen nicht das ganze Jahr Beschäf­ti­gung find­end, suchte welche neben­bei und drückte so den Lohn herab, während die neuen Dresch– und andere Maschi­nen viele Men­schen­hände ersparten. Aber die Besitzen­den gewan­nen; die kleinen weniger, die großen im Unver­hält­nis mehr. Für let­ztere wurde das Pfandbrief-System geschaf­fen; der Bauer erhielt kein Geld unter Ver­mit­tlung und Garantie des Staates geliehen. Den­noch ging’s. Dage­gen blieb der Häusler, der Inlieger, der Tagelöh­ner, was er gewe­sen: ein arbei­t­en­der Sklave. Doch mit dem Unter­schiede, daß er jetzt, am Ende seiner Kräfte oder von zeit­iger Krankheit aufgerieben, weit weniger für sich gesorgt sieht als früher. Das Nüt­zlichkeit­sprinzip, d. h. die Selb­st­sucht, ist zur Tage­sor­d­nung gewor­den. Sie rät, dem Armen sowenig als möglich zu geben, wenn er arbeit­s­los oder –unfähig ist. An vie­len Orten auf dem Lande, die ich namhaft machen kön­nte, erhält der Arme, der sich nichts mehr ver­di­enen kann, wöchentlich 1 Brot und vierteljährlich 1 Metze Graupe, 7 Metze Salz und — 15 Sil­ber­groschen. Wie er damit auskommt, da mag er zuse­hen. Gibt er sich dem Bet­teln hin, so wird er ins Kor­rek­tion­shaus ges­perrt oder man ver­bi­etet den Wirten, wie ich speziell aus dem Nimptscher Kreise weiß, das Almosen­geben bei 5 Tim. Strafe. Der Arbeit­slohn ist zwar nicht gestiegen, aber die Abgaben. Der Arme muß jetzt im >Gemeinde-Gebot< eine Menge Schreibereien tra­gen helfen, die man sonst nicht kan­nte. Er muß weit mehr an Straßen– und andern Gemeinde-Arbeiten teil­nehmen als sonst. Leis­tun­gen an Kirche und Schule haben sich für ihn erhöht. Dabei zahlt der Inlieger an vie­len Orten der Grund­herrschaft ein jährliches Schutzgeld von 1 bis 2 lir. Schutzgeld! Grausam iro­nis­che Benen­nung! Er zahlt es zu dem Zweck, um, wenn ihn die Not und seine von der Gesellschaft unbeachtet gebliebene Erziehung, richtiger Ver­wilderung, sein physis­ches Elend und seine geistige Ver­dump­fung zum Ver­brecher gemacht haben, die Kosten für sein Unterkom­men im Zucht– oder Kor­rek­tion­shause seinem Gut­sherrn bestre­iten zu helfen. Unter­des arbeit­ete das Volk fleißiger als je. Und da nur die Arbeit den Reich­tum erzeugt, so stieg der let­ztere von Jahr zu Jahr. Weil aber der Reich­tum denen, die ihn schufen, nur in äußerst homöopathis­cher Verdün­nung zugute kam, so hat­ten die desto mehr, welche sich der Früchte fremder Arbeit zu bemeis­tern ver­standen und ver­mochten. Die Wohlhaben­heit der Glück­lichen tat sich steigend durch größere Pracht, bessere Klei­dung, lux­u­riöses Essen, Wohnen usw. kund. Die Reichen gaben der Armut ein ver­führerisches Beispiel, min­destens einen Maßstab, an welchem sich das Mißver­hält­nis zwis­chen den bloß Kon­sum­ieren­den und den Pro­duzieren­den leicht nach­weisen ließ. Soweit es tun­lich, suchte der Arme sich auch etwas besser zu klei­den, sobald er einige Groschen erübrigt hatte, und da er die höh­ern Klassen immer mehr dem bloßen Genuß, oft dem raf­finiertesten, ver­schwen­derischsten hingegeben sah, so ver­langte er gle­ich­falls nach einem solchen. Er fand ihn — im Bran­ntwein; denn das Bier war für ihn zu schlecht, beson­ders aber — zu teuer. Die Gut­sher­ren und die Liqueur­fab­rikan­ten in Stadt und Land beeil­ten sich, dem Bedürf­nis zu genü­gen, das Getränk immer wohlfeiler zu liefern und doch soviel Gewinn daraus zu ziehen als möglich. Der Bran­ntwein wurde nun immer mehr das erste Bedürf­nis des Arbeit­ers; es erset­zte ihm das Fleisch, das Bier und den Wein der Reichen, oft auch das Brot. In Nieder­schle­sien min­der gewaltig, stieg der Bran­ntwein­soffdage­gen in Ober­schle­sien zu einer solchen Höhe, daß endlich die katholis­che Geistlichkeit an seine Aus­rot­tung Hand angelegt hat. Was man auch über die dabei ange­wandten Mit­tel denken mag, immer­hin ist der Anstoß zu einer neuen Wen­dung der Dinge auch hier gegeben. Von der Kanzel herab hört dort der Bauer, daß der Bran­ntwein >eine Erfind­ung des Teufels ist<, er wird durch den Aber­glauben von seinem Laster kuri­ert, er hört, daß der Schänker nur durch ihn reich gewor­den ist. Der Bauer wird bald ein­se­hen, daß auch der Gut­sherr einen recht bedeu­ten­den Vorteil aus seinem Soff zog — durch die hohe Pacht des Schänkers. Der Land­mann hat nur noch einen Schritt im Nach­denken zu tun, und er wird begreifen, daß er durch seine Arbeit, seine Mühe, seinen Schweiß noch auf viel­er­lei Weise den Gut­sherrn und andere bere­ichert. —
Die jungfräuliche Gestalt der Gewer­be­frei­heit wurde zwar nicht von den Priv­i­legierten, Zün­ften, Innun­gen und Zwangs­berechtigten, aber von der übri­gen Menge mit Freuden begrüßt. In der Stadt wie auf dem Lande kon­nte nun jeder, ohne ein Meis­ter­stück zu liefern, ohne eine >Gerechtigkeit< zu kaufen, sein Handw­erk ausüben. Der ganz natür­liche Drang, möglichst schnell selb­ständig zu wer­den, einen eige­nen Herd zu begrün­den, lockte, nebst dem Sprich­wort: >Handw­erk hat einen gold­e­nen Boden<, eine Menge junger Leute zur Ergrei­fung eines solchen. Man zahlte nur Gewerb­s­teuer, in der Stadt etwa noch fürs Bürg­er­recht und — man war fer­tig.
Allein, es zeigte sich bald, daß, wenn die Zün­fte als Mono­pole nur eine gewisse Zahl mit der Bedin­gung einer gewis­sen Summe herein­ließen und alle übri­gen, die kein Geld hat­ten oder der Gunst ent­behrten, auss­chlossen, mochte aus ihnen wer­den, was da wollte, die Gewer­be­frei­heit nicht mehr und nicht weniger als auch auf ein Monopol hin­aus­lief, und zwar auf das Monopol des Kap­i­tals im Bunde mit der Speku­la­tion.
Diesen war jetzt die Herrschaft bloß leichter gemacht; früher gehörte noch ein Meis­ter­stück, Ken­nt­nis des Gewerb­szweiges und etwas Nepo­tismus, ein bißchen Patrizier­tum und der­gle­ichen dazu; jetzt war die ganz freie Rennbahn eröffnet. Es ist unschwer einzuse­hen, daß in einem Kampfe der gefes­selte oder waf­fen­lose dem freirühri­gen, wohlgepanz­erten und stark bewehrten Stre­iter unter­liegen muß. Dem ersteren gle­icht der auf seiner Hände und seines Geistes Arbeit allein und lediglich Angewiesene, während der Kap­i­tal­ist, der die Mit­tel und Werkzeuge zur Pro­duk­tion besitzt, den zweiten repräsen­tiert. Der bloße Handw­erker, der Krämer, der Klein­händler, der soge nan­nte Mit­tel­stand, fand sich nach und nach von den reichen Kap­i­tal­is­ten, von den Han­delsh­er­ren en gros, von den großen Fab­rikun­ternehmern zu seinem Erstaunen nicht bloß über­flügelt, son­dern in die schnödeste Abhängigkeit ver­setzt — mit so gewalti­gen Mächten war eine vorteil­hafte Konkur­renz auf die Dauer unmöglich. Man ward Lohnar­beiter für einen vom hohen Gebi­eter bes­timmten Preis. Ward der Lohn ver­ringert, es blieb nur die Wahl, nach dem niedri­gen Satze fortzuar­beiten oder zu — hungern. An Bewer­bern um Arbeit fehlte es nicht. Die Bevölkerung wuchs und wächst ja von Jahr zu Jahr. Die unter­ste Klasse der Pro­le­tarier nahm auch in Städten auf­fal­l­end zu. Häuser— und andere Bauten zogen im Som­mer die wenig ver­di­enen­den Leute vom Lande herein. Kam der Win­ter und ver­siegte die Arbeit­squelle — man war ein­mal da, man blieb. Die Mäd­chen und Knechte begaben sich nach der Stadt aufs Dienst; sie machten es bil­liger und gin­gen nicht wieder zurück. Daneben Stei­gung der Miete, der Holz– und Lebensmittel-Preise. Wo die Aeeise” belebt ward, außer­dem noch eine Über­bür­dung des Armen zugun­sten des Reichen. Denn während der let­ztere sich’s mit seinen gebrate­nen Gänsen, Enten, Fasa­nen, Kapaunen, Reb­hüh­n­ern, Kram­metsvögeln, Hasen, Rehen und Hirschen, für die er keine Steuer zahlt, wohl sein läßt, muß der Arme für sein bißchen Schweine– oder Rind­fleisch erst dem Staat und der Kom­mune abgeben. Ja, hier in Bres­lau entrichtet der Arme für das Brot, was er ißt, zugle­ich für den Reichen, der Sem­mel, Kuchen usw. vorzieht, die Steuer mit. Denn Bres­lau hat den Zuschlag, den jede Kom­mune bis auf die Höhe von 50 pCt. zu erheben berechtigt ist, für Weizen und Roggen ganz gle­ichgestellt, da doch die Sem­me­lesser gewiß eher die Zuschlagssumme auf­brin­gen kön­nten als die bloßen Brotesser. In den Stadtkom­munen mehrte sich nun die Zahl der hil­flosen Armen. Das Armen­we­sen lag und liegt noch an den meis­ten Orten im argen. Trotz der immer größeren Sum­men, welche dieser Zweig jährlich erforderte, wurde wenig Ers­prießliches damit aus­gerichtet. >Bloß nicht ster­ben< ergab sich etwa für den Armen noch als gün­stig­stes Resul­tat. Die Schuld liegt gle­ich­wohl nicht an der Art und Weise der Armenpflege, son­dern in unsern ganzen Zustän­den. Die ganze Gesellschaft ist samt ihrer Grund­lage verurteilt und gerichtet, sobald und solange über­haupt noch eine >Armenpflege< existiert. In der Stadt wie auf dem Lande ver­mehrte Bedürfnisse. Der Handw­erker und Geschäfts­mann mußte seiner Kun­den, des äußern Scheins wegen, um mit seinen Rivalen gle­ichen Schritt zu hal­ten, vieles feiner ein­richten, sich besser klei­den usw. Selbst viele Herrschaften ver­lan­gen aus­drück­lich von ihren Dien­st­boten, daß sie sich immer nett und >nach etwas ausse­hend< her­aus­putzen, weil sie dem Hause Ehre machen müssen. Da wollen die andern auch nicht zurückbleiben.

Die Gewer­be­frei­heit war die let­zte Staffel, auf welche sich das Pri­vateigen­tum stellen mußte, damit seine unheil­vollen Kon­se­quen­zen selbst dem gewöhn­lich­sten Ver­stande klar­w­er­den kön­nten. Der Han­del nach dem Osten ging mehr und mehr ein; der rus­sis­che Schwa­ger’ mochte in diesem Bezuge nichts von Ver­wandtschaft wis­sen; die sonst blühen­den Gren­zstädte ver­fie­len; die Tuch­man­u­fak­tur, wie viele andere Zweige, sanken zuse­hends. Die Kap­i­tal­is­ten hörten deshalb nicht auf, gute Zin­sen zu beziehen; ging’s nicht auf dem Wege, so wußten sie auf einem andern sich schad­los zu hal­ten. Nur die Handw­erker und andere Arbeiter ver­loren. — Der son­stige Flor unserer Leinenin­dus­trie fing an zu schwinden; die Konkur­renz anderer Län­der trat uns in den Weg; ein Teil unserer Kau­fleute begann, unsolide Waren zu liefern, er sandte wohlfeile, aber schlechte Lein­wand auf den Welt­markt und war zufrieden, wenn er durch unreelle Bedi­enung seinen Gewinn in die Tasche stecken kon­nte. Die Flach­skul­tur blieb ziem­lich ste­hen, wo sie sonst gewe­sen, d. h. sie blieb schlecht. Die zahlre­ichen Spin­ner, welche im flachen Lande wie im Gebirge ehe­mals einen zwar gerin­gen, aber sich­ern Ver­di­enst hat­ten, fan­den nur noch zu solchen Preisen mit ihrer Ware Absatz, daß sie oft nicht mehr das Salz in die Suppe gewan­nen. Die Spin­nräd­chen wur­den nicht verbessert, man bedi­ente sich fortwährend der alten. Das Aus­land spann unter­des mit Maschi­nen; es spann viel und wohlfeil. Nun bauten wir auch Maschi­nen und machten vol­lends eine Menge Spin­ner­hände über­flüs­sig. Daneben traten Baum­wol­len­waren vielfach an die Stelle der Lein­wand. Min­destensebenso nachteilig als auf die Spin­ner wirkte die neue Gestal­tung der Dinge auf die Weber ein. Die Nachkom­men­schaft eines Webers war von jeher gle­ich­sam voraus­bes­timmt, wieder am Web­stuhl zu sitzen, und wenn sonst noch einige Mit­glieder der Fam­i­lie sich durch Spin­nen ernährt hat­ten, fiel dies hin­weg oder brachte nichts ein. Die Bevölkerung mehrte sich, mit ihr der Begehr nach Arbeit, deren ger­ade immer weniger und täglich min­der lohnend wurde. Die kleineren Kau­fleute, denen nur unbe­deu­tende Kap­i­tal­ien zu Gebote standen, richteten wenig mehr aus. Die Macht über die Weber konzen­tri­erte sich in den Hän­den der reichen Fab­rik– und Han­delsh­er­ren. Von ihnen mehr und mehr abhängig, sah sich der Weber gezwun­gen, für einen Lohn zu arbeiten, welcher ihn mit den Seini­gen am Hunger­tuche nagen hieß. Aber die Reichen gewan­nen, wie immer, und wur­den immer reicher, während der Arme stets ärmer ward, stets tiefer in Armut und Sklaverei ver­sank. Die Kla­gen der Weber bezo­gen sich übri­gens weit weniger auf Arbeit­slosigkeit als auf den jäm­mer­lichen Ver­di­enst, den die angestrengteste Arbeit ein­trug. Aber nicht genug, daß fortwährende Her­ab­set­zung des Lohnes die armen fleißi­gen Men­schen in täglich größeres Elend stürzte, es wur­den auch von vie­len Fab­rikan­ten unzäh­lige Mit­tel ange­wandt, es ihnen unmöglich zu machen, sich aus den Hän­den derer zu befreien, die an ihrem Schweiß sich bere­icherten. Der Weber mußte, weil er selbst von Mit­teln ent­blößt war, das Garn vom Fab­rikan­ten ent­nehmen und ihm die fer­tige Lein­wand verkaufen. Da der Weber stets für das Garn sich im Vorschuß befand, so war er dem Fab­rikan­ten schon dadurch in die Hände gegeben. Andere, die ger­ade noch das Garn zu einem Gewebe anzuschaf­fen imstande waren, erlangten doch keinen bessern Preis. Denn schrieb der Fab­rikant let­zterm unver­til­gbar auf das Stück oder machte sonst ein Zeichen, daß es bere­its ange­boten wor­den, so war der Weber, selbst wenn er nicht von der Not zum augen­blick­lichen Verkauf gedrängt wor­den wäre, gle­ich­wohl nachzugeben genötigt. Oft­mals bin ich im Win­ter solchen Armen begeg­net, die in dem schreck­lich­sten Wet­ter, hun­grig und frierend, viele Meilen weit ein fer­tig gewor­denes Stück zum Fab­rikan­ten tru­gen. Zu Hause warteten Frau und Kinder auf die Rück­kunft des Vaters; sie hat­ten seit 17 Tagen bloß eine Kartof­fel­suppe genossen. Der
Weber erschrak bei dem auf seine Ware gemachten Gebot; da war kein Erbar­men; die Kom­mis und Gehil­fen begeg­neten ihm wohl noch oben­drein mit empören­der Härte. Er nahm, was man ihm reichte und kehrte, Verzwei­flung in der Brust, zu den Seini­gen. Nicht sel­ten erhielt der Arbeiter seinen Lohn in Gold; der Dukaten wurde ihm mit 3 Tlr. 6 Sgr. angerech­net, und wenn er ihn wieder ver­aus­gabte, sah er ihn nur zu 2 Tlr. 28 Sgr., 2 Tlr. 25 Sgr., ja noch niedriger angenom­men. Noch andere Fab­rikan­ten hat­ten ganz das englis­che Trucksys­tem einge­führt: Die Weber wur­den nicht bar bezahlt, son­dern erhiel­ten ihren Lohn zum größten Teil in Waren, deren sie bedurften. Meist im Vorschuß, mußten sie sich die Preise dieser Waren eben­falls bes­tim­men lassen; der Fab­rikant hatte sie ein­mal, wie das Sprich­wort sagt, im Sacke. Ließ der Weber seinen Kla­gen freien Lauf und führte er seinen Zus­tand dem Kauf­mann zu Gemüte, so hieß es, die schlechte Han­del­skon­junk­tur sei an allem schuld. Gewiß wird nie­mand leug­nen, daß eine unselige, meist aus dem Legitimitäts-Prinzip hergeleit­ete Poli­tik in bezug auf die süd– und mit­te­lamerikanis­chen Kolonien, später auf Por­tu­gal und Spanien, das ihrige redlich zur Ver­stop­fung der Absatzwege beitrug. Allein, der Weber sah den Fab­rikan­ten demu­ngeachtet in Palästen wohnen, prächtige Equipa­gen hal­ten, Landgüter kaufen, her­rlich essen und trinken, während er selbst, der doch min­destens ebenso­viel als der Fab­rikant arbeit­ete, in enger schmutziger Stube, auf mod­rigem Stroh gelagert, mit Lumpen bedeckt, sich glück­lich gepriesen hätte, an dem reich­lichen Kartof­felmahl der Mastschweine seines Lohn­herrn teil­nehmen zu dür­fen.
Einige von Treumund Welp mit­geteilte und mir von mehr als 20 Webern bestätigte Angaben wer­den hier ein notwendi­ges Detail liefern. Der­selbe führt an, daß in vie­len Orten unseres Gebirges >alle Lebens­mit­tel so kost­spielig als in größern Städten, ja oft noch teurer und nicht ein­mal zu haben sind, daß namentlich alle Bäck­er­waren notorisch geringer an Gewicht zu sein pfle­gen<. Daraus kann man die Lage eines Fam­i­lien­vaters, der, mit Bei­hilfe der Seini­gen, wöchentlich 1 Tlr. ver­di­ent, leicht ent­nehmen. >Nehmen wir nicht den schlimm­sten Fall<, sagt Tr. Welp weiter, >treten wir nicht in das niedrige, dun­kle, unge­sunde Gemach, das der ganz Mit­tel­lose vom Armen für jährlichen Zins von 6 oder 8 Tlrn. mietet — blicken wir nicht in solche, dem reinen Hunger, der bit­ter­sten Not gewid­mete Lokale, gegen die der Viehstall eines Dominialbe­sitzers ein Prunk­saal genannt wer­den muß; — besuchen wir den Häusler, der unter eigenem Dach und Fach wohnt und neben­bei 1, 11/2 bis 2 Mor­gen Lan­des besitzt. — Seine Ein­nahme ist jährlich, mit Bei­hilfe von Weib und Kindern, aller­höch­stens 60 Tlr.< Die Aus­gaben sind durch­schnit­tlich fol­gende:
>Grund­s­teuer an den Staat jährlich 1 Tlr. 15 Sgr.
Klassen­s­teuer 2 Tlr. — Sgr.
Grundzins an die Gut­sherrschaft 3 Tlr. 5 Sgr.
Jagd– und Spin­n­geld an die Gut­sherrschaft — Tlr. 15 Sgr.
3 Tage Fel­dar­beit an dieselbe — Tlr. 15 Sgr.
Gemein­de­ab­gaben (bar) 1 Tlr. 10 Sgr.
3 bis 4 Tage Arbeit bei Wegebessern usw. — Tlr. 20 Sgr.
Schul­geld für 2 bis 3 Kinder 4 Tlr. — Sgr.
Zins eines auf dem Hause ste­hen­den Kap­i­tals
von 100 Tlr. 5 Tlr. — Sgr.
Feuerasseku­ranzbeitrag — Tlr. 15 Sgr.
Summa 19 Tlr. 5 Sgr.

Fol­glich bleiben 40 Tlr. 25 Sgr.von der ganzen Ein­nahme der 60 Tlr. zur Bestre­itung von Repara­turen des Hauses, Aus­gle­ichung des Aus­falls im Arbeit­slohne, während man im Garten arbeitet, zur Feuerung, Beleuch­tung, zur Bestre­itung der drin­gend­sten Lebens­bedürfnisse, ohne die Kosten für Kind­taufen, Begräb­nisse usw., ohne Krankheits– und andere Unglücks­fälle in Anschlag zu brin­gen. Der arme Weber zahlt jährlich 2 Tlr. Klassen­s­teuer, der große Besitzer, und hätte er hun­dert Herrschaften, höch­stens 12 TIr. monatlich, im niedrig­sten Falle 4 Tlr.<
Der Schullehrer Schenk gab im Laufe dieses Jahres einen Nach­weis (siehe >Bres­lauer Zeitung<, Nr. 30) über ver­schiedene Sorten, näm­lich 6, 7, 8 und 9 Gebinder-Leinwand, über das dazu nötige Garn, den Preis des­sel­ben und den Preis der daraus gefer­tigten rohen Lein­wand, zu 60 Ellen Länge und 11/2 Ellen Bre­ite angenom­men, ver­di­ent ein Weber bei einem soge­nan­nten 9 Gebinder Schocke: 1 TIr. 13 Sgr. Die dabei nöti­gen Arbeiten sind
fol­gende: Das Garn wird sortiert, gewaschen, getrock­net, gek­lopft, gespult, geschert, gehüllt, auf den Web­stuhl gezo­gen, ange­dreht, geschlichtet und gewebt. Sodann wird es geschauert, her­abgenom­men, gek­lopft, gestem­pelt, gelegt, gepreßt und dann mit banger Angst von einem Kauf­mann zum andern getra­gen, bis man es loswird. An einem solchen Schocke arbeiten Mann, Weib und Kind, und soll es früher als in 2 Wochen fer­tig wer­den, so muß der Weber Tag und Nacht unabläs­sig schaf­fen. Hat er nun mit den Seinen den täglichen Ver­di­enst von 31/2 Sgr. in der Tasche, so muß oder soll er damit die Aus­gaben für Brot, Kartof­feln, Salz, Holz, Licht, Stärke, Seife, Klei­dung, Schuhe und Aus­gaben mancher­lei und der drück­end­sten Art bestre­iten. Sollte man nicht denken, selbst der härteste Amt­spfän­der müßte aus solchen Hüt­ten des Elends mit Entset­zen fliehen? Den Angaben Schenks, der übri­gens seit 36 Jahren als Ele­men­tar­lehrer unter den Webern lebt und also wohlun­ter­richtet ist, mögen sich fol­gende Worte aus einem am 5. Febr. d. J. von dem Pas­tor Hep­che, dem Polizeiver­weser Kobelt und Gerichtss­chreiber Obst in Leut­manns­dorf veröf­fentlichten Aufrufe anschließen:
>Wie leicht die kör­per­liche Anstren­gung auch hier und da zu sein scheint, so ist es doch bei Gesund­heit, Kraft und dem aus­dauernd­sten Heiße, der die Stun­den des Abends bis nach Mit­ter­nacht zu Hilfe nimmt, nicht möglich, ein Gewebe von 140 Ellen (es ist hier von Baum­wol­len­we­bern die Rede) früher als in 6 Arbeit­sta­gen zu vol­len­den, wofür der Fab­rikant ein Almosen von 14 Sil­ber­groschen verabre­icht. — Die Lebensweise jedes Kor­ri­gen­den, jedes Mil­itärsträflings erscheint ungle­ich benei­denswerter um ihrer Sor­gen­frei­heit, Ord­nung und Men­schlichkeit willen als diejenige eines solchen Webers. In alle Häuser tritt die Not mit unwider­stehlicher Gewalt ein, ohn­er­achtet es nicht zu leug­nen ist, daß treue und redliche Fam­i­lien­väter alle ihre Kräfte, ihrer Kinder, ihres Hauses auf­bi­eten, um Hunger und Not von sich abzuwehren und der Gefahr, der Bit­terkeit allmäh­licher Ver­ar­mung zu entrin­nen.<
Der Gut­sherr, der sich unter­des der Her­ab­set­zung der Pfand­briefzin­sen erfreute, dachte nicht daran, seinen >Unter­ta­nen< in den Leis­tun­gen her­abzuset­zen. Er forderte nach wie vor den Grundzins, das Spinn-, Jagd– und Wächter-Geld, die Hofe­tage, das Schutzgeld etc. etc. und befand sich ganz wohl; er litt keine Not. Der Fab­rikant und Lein­wand­kauf­mann magerte trotz der schlechten Kon­junk­tur nicht ab, im Gegen­teil, er sah recht munter und behäbig aus, trank seinen Clic­quot, aß Austern, gab Feten und hing seiner Gemahlin und Fräulein Töchtern für einige tausend Taler Geschmeide um den Hals, während sich da drüben die von Arbeit erschöpfte Armut im dumpfen, stink­enden Winkel, schlaf­los vor Frost und Hunger, auf dem dürfti­gen Lager der Ent­behrung wälzte. Da ertönte der Notruf in Schle­sien und fern­hin durch ganz Deutsch­land. Vere­ine zur Lin­derung der Not bilde­ten sich über­all, ein Hoff­nungsstrahl drang in die Hüt­ten der Armen. Sie hörten von Vorschlä­gen, wie man eine große Assozi­a­tion bilden wolle, in welcher die Weber als Pro­duzen­ten auch Teil­nehmer am Gewinne ihrer eige­nen Pro­dukte wer­den, wie die Kon­sumenten nun unmit­tel­bar von ihnen die Waren beziehen und das ganze Geschäft von eigens dazu angestell­ten, erfahre­nen und besol­de­ten Beamten geleitet wer­den sollte”. Der Notruf hatte zwar nicht die Not her­vorgerufen, wie freilich viele jetzt uns überre­den möchten; und die Verzwei­flung würde ohnedies zum Aus­bruch gekom­men sein, denn >Not kennt kein Gebot<. Allein, wenn die Armen glaubten, nun in Kürze auf eine bessere Gestal­tung ihrer Lage rech­nen zu dür­fen, so sahen sie doch bald, daß sie, wie immer, von der Willkür der Fab­rikan­ten abhin­gen, daß der Lohn hier und da noch weiter her­abging, und wenn auch an vie­len Orten Geld und Lebens­mit­tel verteilt wur­den, so war das eben nur eine Gal­gen­frist, und die milden Spenden bloß ein Tropfen auf eine bren­nend heiße Sand­wüste. Traf es sich nun gar, wie in Salzbrunn, daß für sämtliche Arme des eine Meile lan­gen Dor­fes an einem Win­tertage 38 Met­zen Kartof­feln aus dem lan­drätlichen Amte abge­holt und bei der Verteilung ganz erfroren und selbst fürs Vieh unge­nießbar befun­den wur­den, so war es natür­lich, daß die Weber und Spin­ner an der sehn­lichst erwarteten Hilfe irre wur­den. Einen kleinen Begriff von dem im Gebirge herrschen­den Elende kon­nte man sich schon aus den von einer Menge von Dor­fgerichten einge­sandten, bescheinigten und der ersten Gen­er­alver­samm­lung zu Schwei­d­nitz in betr­eff der Weberangele­gen­heiten über­re­ichten Tabellen und Lis­ten bilden, worin die allerbedürftig­sten, dem Hunger preis­gegebe­nen Per­so­nen namentlich aufge­führt waren. Danach war selbst in kleinem Ortschaften die Zahl der Unglück­lichen über­raschend groß. So befan­den sich in Dorf­bach 31 Per­so­nen, in Grund 38 Per­so­nen, in Neugericht 110 Per­so­nen, in Toschen­dorf 48 Fam­i­lien, in Zedl­itzheyde 72 Fam­i­lien, die aufs Äußer­ste gebracht waren, lauter Weber, Spuler und Spin­ner. Dies alles nur in einem kleinen Teile des Walden­burger Kreises. Und in andern Kreisen ist das Elend noch viel umfan­gre­icher, viel schreck­licher. Wen­den wir uns jetzt nach dem Eulenge­birge, an dessen Fuße sich der erste blutige Akt, min­destens ein Vor­spiel, in dem unaufhalt­baren Proletarier-Drama, im Kampfe des nieder­ge­trete­nen, von der Macht des Geldes und der schlauen Berech­nung zur Mas­chine erniedrigten Men­schen um Wiedergewin­nung seiner Würde, im Kriege der Besit­zlosen gegen die Tyran­nei und Selb­st­sucht des Privat-Eigentums, zu Anfang dieses Monats entwick­elt hat.
Hier in den großen Dör­fern Lan­gen­bielau (13 000 Ein­wohner), Peter­swal­dau (5000 Ein­wohner) und in den übri­gen Dör­fern, wie Arns­dorf, Peilau usw. ist beson­ders die Baum­wol­len­we­berei zu Hause. Die Not der Arbeiter war und ist hier nicht min­der bedeu­tend, ja vielle­icht mehr noch als in andern Gegen­den, obgle­ich man denken sollte, das Elend könne keinen höh­ern Grad erre­ichen, als auf dem es im Lan­deshuter, Hirschberger, Bolken­hainer und andern Kreisen anzutr­e­f­fen ist. Schon im Win­ter, mit begin­nen­dein Feb­ruar, fand in Bielau ein kleiner Auf­s­tand statt. Ein Haufe rief durch Sig­nale die Weber des Dor­fes zusam­men. Man befre­ite einen Kam­er­aden, der einges­perrt wor­den. Durch einige Geschenke wurde die Menge beschwichtigt. Eine Unter­suchung des Vor­falls fol­gte, doch bei der Heim­lichkeit unseres Ver­fahrens blieb dieser Vor­gang selbst in Bres­lau, d. h. unter dem nicht regierungsmäßi­gen Pub­likum, meist unbekannt. Inzwis­chen wurde die Not und das Drän­gen nach Arbeit von einzel­nen Fab­rikan­ten möglichst benutzt, um für gerin­gen Lohn viel Ware zu erhal­ten. Unter diesen ragten die Gebrüder Zwanziger in Peter­swal­dau beson­ders her­vor. Für eine Webe Kat­tun von 140 Ellen, woran ein Weber 9 Tage zu arbeiten hat und wofür andere Lohn­her­ren 32 Sgr. zahlten, gaben sie nur 15 Sgr. Für 160 Ellen Barchent, welches 8 volle Tage angestrengter Arbeit erfordert, entrichteten sie 121/2 und 12 Sgr. Lohn. Ja, sie erk­lärten sich bereit, noch 300 Weber in Arbeit zu nehmen, wofern diese ebenso­viel für 10 Sgr. arbeiten woll­ten. Das bit­ter­ste Elend zwang die Armen, auch unter dieser Bedin­gung zu arbeiten. Von seinen 12 oder respek­tive 10 Sgr. mußte der Weber noch 21/2 bis 3 Sgr. an den Spuler entrichten, alle Staats-, Gemeinde– und gut­sher­rlichen Las­ten tra­gen und — leben! Ach! wenn mich doch einer belehren wollte, warum der faulen­zende Sohn reicher Eltern, der in Bädern, auf Reisen und sonstwo schwel­gende Besitzer von 3, 10 und 100 Gütern und Herrschaften, der müßige Kap­i­tal­ist, die >wohlhabende Jugend des Lan­des<, der Major, Oberst, Gen­eral, der nach unblutigem Kriegsspiel in langer Frieden­szeit sich mit einer Pen­sion von 1000, 1500, 2000 Tlr. usw. zurückzieht, warum diese trotz ihres Nichtar­beit­ens von Jugend auf den­noch her­rlich und in Freuden leben, und der fleißige Arbeiter vertiert und ver­dumpft, aller moralis­chen und intellek­tuellen Entwick­lung beraubt, für seine tägliche müh­same Arbeit von 14 bis 16 lan­gen, lan­gen Stun­den nicht ein­mal so viel gewinnt, daß er min­destens die Bedürfnisse eines Tieres, die Forderun­gen des Magens, befriedi­gen kann! Doch ich gehe weiter.
Das anfangs nicht allzu große Ver­mö­gen der Zwanziger war in kurzer Zeit zu großem Reich­tum angewach­sen. Sechs prächtige Gebäude gaben Zeug­nis davon. Her­rliche Spiegelscheiben, Fen­ster­rah­men von Kirschbaumholz, Trep­pen­gelän­der von Mahag­oni, Klei­der– und Wagen­pracht sprachen der Armut der Weber hohn. Bei der let­zten Lohn­verkürzung sollen die Zwanziger auf der Weber ihre Vorstel­lung, daß sie nun gar nicht mehr beste­hen und selbst nicht mehr Kartof­feln kaufen kön­nten, geäußert haben: sie wür­den noch für eine Quarkschnitte arbeiten müssen, oder, wie andere sagen: die Weber möchten nur, wenn sie nichts anderes hät­ten, Gras fressen; das sei heuer reich­lich gewach­sen. Ich lasse diese Äußerun­gen dahingestellt sein. Ich teile sie nur mit, weil sie in aller Munde sind. Dage­gen kann ich fol­gen­den kurzen Bericht, wie ich ihn Augen­zeu­gen, und zwar glaub­haften Män­nern, nacherzähle, ver­bür­gen.
Ein Gedicht, nach der Volksmelodie: >Es liegt ein Schloß in Öster­re­ich< abge­faßt und von den Webern gesun­gen, ward gle­ich­sam die Mar­seil­laise der Notlei­den­den. Sie san­gen es zumal vor Zwanzigers Hause wieder­holt ab. Einer ward ergrif­fen, ins Haus genom­men, durchgeprügelt und der Ort­spolizei über­liefert. Endlich um 2 Uhr nach­mit­tags, den 4. Juni, trat der Strom über seine Ufer. Eine Schar Weber erschien in Nieder-Peterswaldau und zog auf ihrem Marsche alle Weber aus den Woh­nun­gen rechts und links an sich. Als­dann begaben sie sich nach dem wenig ent­fer­n­ten Kapel­len­berge und ord­neten sich paar­weise und rück­ten so auf das neue Zwanziger­sche Wohnge­bäude los. Sie forderten höheren Lohn und — ein Geschenk! Mit Spott und Dro­hen schlug man’s ihnen ab. Nun dauerte es nicht lange, so stürmte die Masse ins Haus, erbrach alle Kam­mern, Gewölbe, Böden und Keller und zertrüm­merte alles von den prächti­gen Spiegelfen­stern, Trumeaus, Lüster, Öfen, Porzel­lan, Möbel bis auf die Trep­pen­gelän­der herab, zer­riß die Bücher, Wech­sel und Papiere, drang in das zweite Wohnge­bäude, in die Remisen, ins Trock­en­haus, zur Mange, ins Pack­haus und stürzte die Waren und Vor­räte zu den Fen­stern hin­aus, wo sie zer­ris­sen, zer­stückt und mit Füßen getreten oder, in Nachah­mung des Leipziger Meßgeschäfts, an die Umste­hen­den verteilt wur­den. Zwanziger flüchtete sich mit seiner Fam­i­lie in Tode­sangst nach Reichen­bach. Die dasi­gen Bürger, welche einen solchen Gast, der die Weber auch ihnen auf den Hals ziehen kon­nte, nicht dulden woll­ten, ver­an­laßten ihn zur Weit­er­reise nach Schwei­d­nitz. Aber auch hier deuteten ihm die Behör­den an, die Stadt zu ver­lassen, weil sie durch seine Gegen­wart leicht einer Gefahr aus­ge­setzt sein kon­nten, und so fand er endlich hier in Bres­lau Sicher­heit.
Der Polizeiver­weser Christ und ein Gen­darm nah­men zwar in Peter­swal­dau eine Arretierung vor, indes befre­iten die Weber bald den Gefan­genen. Neben Zwanziger wohnt der Fab­rikant Wagenknecht. Er hatte die Weber men­schlicher behan­delt, er blieb ver­schont. Da er ihnen noch ein kleines Geschenk verabre­ichte, brachten sie ihm ein Vivat aus. Bald fan­den sich Weber aus Arns­dorf und Bielau ein. Was bei Zwanziger noch übrigge­blieben, wurde vol­lends zertrüm­mert. Die Nacht unter­brach das Rachew­erk. Ich darf den Vorschlag einiger Weber, die Häuser anzuzün­den und die Ver­w­er­fung des­sel­ben aus dem Grunde, weil die so Beschädigten dann Brandgelder erhiel­ten und es doch darauf ankomme, sie auch ein­mal arm zu machen, damit sie erführen, wie der Hunger tue, als zu charak­ter­is­tisch nicht uner­wähnt lassen. Am fol­gen­den Tage, den 5. Juni, ging es zum drit­ten­mal in die Zwanziger­schen Etab­lisse­ments. Ein Gar­nvor­rat auf dem Boden des Hauses war am 4. Juni nicht ent­deckt wor­den; darum fiel er heute der Ver­nich­tung anheim. Zum Schluß ward selbst an die Dächer Hand gelegt und ihre teil­weise Zer­störung bew­erk­stel­ligt. Nach­dem hier alles zu Ende, begab sich der Haufe zum Fab­rikant F. W. Fell­mann jun. Fell­mann beschwichtigte die Leute, indem er jedem 5 Sgr. zahlte und Brot und But­ter nebst eini­gen Speck­seiten an sie verabre­ichte. Ein Stück Brot und ein Vier­groschen­stück reichten hin, die Wut der von Hunger und Rache Getriebe­nen im Zaum zu hal­ten! Nun ging’s weiter zu E. G. Hofrichters Witwe und Söhne. Die Masse der Weber betrug hier schon an 3000. Auch Hofrichter zahlte ein Geschenk von 5 Sgr. für den einzel­nen, doch erhiel­ten dies nur die ersten, die let­zten weniger.
Von hier bewegte sich der Zug zum >Sechs­gröschel Hilbert<. Hilbert und Andret­zky wohnen in Bielau. Mit ihrem Hause begann die Zer­störung an diesem Orte. Zunächst kam das obere Etab­lisse­ment der Gebrüder Dierig an die Reihe. Der Pas­tor Seif­fert, Schwiegersohn des Dierig, dem seine Frau eine Mit­gift von 20 000 Talern zuge­bracht und der nun wohl bequem von der ruhi­gen Erge­bung des wahren Chris­ten in sein Schick­sal, von den Freuden, die dem Dul­der hie­nieden dort oben winken, sollen sprechen, und zur Ruhe und zum Frieden ermah­nen mochte, soll ins Wasser gewor­fen wor­den sein. Unter­des hat­ten die Kom­mis ihre Fab­rikknechte und andere Leute ver­sam­melt, mit Knüt­teln und was sonst zur Hand lag, bewaffnet und drangen nun unter Anführung des Bauerguts­be­sitzers Werner auf die Weber los. Nach einem hefti­gen Gefecht flo­hen die Weber unter Zurück­las­sung man­nig­faltiger Blut­spuren und mit zer­schla­ge­nen Köpfen zu dem Gebäude hin­aus und fort. Indes fan­den sich die Entwich­enen mit neu Angekomme­nen bald vor dem zweiten Hause Dierigs ein. Beson­ders hat­ten sich viele Weber von denen, die bei Dierig arbeiten, ver­sam­melt. Let­zterer hatte allen, die sein Eigen­tum beschützen und somit sich selbst die Gele­gen­heit, weiter zu arbeiten, erhal­ten wür­den, ein Geschenk von 5 Sgr. zuge­sagt. Mehrere Fremde, die ein­drin­gen woll­ten, waren von den zur Beschützung Bere­itwilli­gen zurück­gewiesen wor­den. Unter­des rückte das schon vor 24 Stun­den aus Schwei­d­nitz requiri­erte Mil­itär in Bielau ein. Ich ver­bürge nicht, ob Pas­tor Seif­fert zu seinem Schwiegervater gesagt hat: jetzt brauche er nicht mehr zu bezahlen, das Mil­itär sei ja da! Genug, so wird es fast all­ge­mein erzählt. Das steht fest, daß sich die Menge soeben in Ord­nung aufzustellen begann, um die auf einem Zettel, der ans Haus gek­lebt wurde, von Dierig ver­sproch­enen 5 Sgr. ent­ge­gen­zunehmen, als das Mil­itär ankam. Dieses ver­schaffte sich durch Rück­wärts­be­we­gung eini­gen Raum. Weber rede­ten es in der Nähe an, und der Kom­mandierende mochte solche Ansprache mit Recht für gefahrbrin­gend hal­ten. Deshalb begab sich der Major von der ersten Stelle weg, um hin­ter dem Hause und auf seinen Seiten eine vorteil­haftere Stel­lung zu wählen. Ein Leut­nant mit 10 Mann wurde in den Garten vor dem Hause beordert. Die Weber formierten zwei Rei­hen, um jeder seine 5 Sgr. zu erhal­ten. Die Austeilung sollte am Hause des Dierig vor sich gehen und jeder bald nach dem Emp­fang durchs Haus hin­durch ins Freie sich ent­fer­nen. Die Ein– und Aus­gänge waren mit Sol­daten besetzt. Es dauerte aber so lange und die Zahlung verzögerte sich so sehr, daß die Masse ungeduldig wurde und, außer­dem beim Anblick der Sol­daten ohne­hin aufgeregt und von eini­gen Unterof­fizieren barsch zur Ord­nung gerufen und bald fest überzeugt, daß sie kein Geld erhal­ten würde, gegen die Trup­pen immer mehr andrängte. Der Major, welcher Dierigs Haus und seine Trup­pen mehr und mehr bedroht sah, ließ Feuer geben.
Infolge dreier Gewehrsal­ven blieben sofort 11 Men­schen tot. Blut und Gehirn spritzte weit hin. Einem Manne trat das Gehirn über dem Auge her­aus. Eine Frau, die 200 Schritte ent­fernt an der Türe ihres Hauses stand, sank regungs­los nieder. Einem Manne war die eine Seite des Kopfes hin­weg­geris­sen. Die blutige Hirn­schale lag ent­fernt von ihm. Eine Mut­ter von 6 Kindern starb densel­ben Abend an mehreren Schußwun­den. Ein Mäd­chen, das in die Strick­stunde ging, sank von Kugeln getrof­fen zu Boden. Eine Frau, die ihren Mann stürzen sah, ging auf den Boden und erhängte sich. Ein Knabe von 8 Jahren wurde durchs Knie geschossen. Bis jetzt sind über­haupt 24 schwer und tödlich Ver­wun­dete, außer den obi­gen 11 Toten, bekan­nt­ge­wor­den. Wie viele ihre Wun­den ver­heim­lichen, läßt sich vielle­icht später erfuhren. Nach den ersten Sal­ven herrschte einige Sekun­den eine Toten­stille. Aber der Anblick des Blutes um und neben ihnen, das Stöh­nen und Röcheln der im Ver­schei­den Begrif­f­e­nen, der Jam­mer der Blessierten trieb die mutig­sten unter den Webern zum Wider­stande. Sie antworteten mit Steinen, die sie von den Stein­haufen der Straße aufrafften. Als nun zwar noch mehrere Schüsse getan und dadurch aber­mals einige Weber ver­wun­det wur­den, gle­ich­wohl aber die Weber auf der einen Seite ent­fliehend, von der andern her zurück­kehrten und unter den fürchter­lich­sten Flüchen und Ver­wün­schun­gen mit Steinen zu wer­fen fort­fuhren, mit Knüt­teln, Äxten usw. vor­drangen, bew­erk­stel­ligte der Major v. Rosen­berger seinen Rück­zug. Hätte er länger gezögert, so war es vielle­icht für immer zu spät. Abends 10 Uhr langte der Major v. Schlicht­ing mit 4 Kom­panien in Peter­swal­dau an. Auch 4 Geschütze trafen von Schwei­d­nitz ein.
Am 6. Juni frühzeitig ging die gedachte Infan­terie und Artillerie nach Bielau ab, doch blieb eine Kom­panie in Peter­swal­dau, die noch am sel­bi­gen Tage, weil es wiederum heftiger gärte, an einer zweiten Sukkurs erhielt. Die Geschütze fuhren in Bielau auf, die Artilleris­ten mit bren­nen­den Lun­ten daneben. In der Nacht vom 5. zum 6. Juni war nach dem Abmarsch der v. Rosen­berg­er­schen Trup­pen das eine Dierigsche Haus mit einem Nebenge­bäude demoliert wor­den. In der Nähe der Dierigschen Häuser wurde nun vom Major v. Schlicht­ing ein Teil seiner Krieger aufgestellt, der andere Teil beim gut­sher­rlichen Schlosse postiert. Es zeigten sich zwar auch an diesem Mor­gen einzelne Haufen, welche sich die Gassen auf– und abbe­wegten. Zwar schien das Blut, welches dick geron­nen vor Dierigs Hause stand, an Pfählen, Planken und auf Stufen mit Gehirn­teilen unter­mis­cht, den unver­wandten Blick der umste­hen­den Weber­masse fes­selte, die im Innern tobende Rache-Furie aufs neue ent­fis­seln zu müssen, allein, die Stärke der mil­itärischen Macht, der Infan­terie und Artillerie, später noch der Kaval­lerie, ließ die Weber keinen weit­ern Wider­stand ver­suchen. Vielmehr zog sich ein Teil von ihnen nach Friedrichs­grund bei Leut­manns­dorf und ver­nichtete die bei dem dor­ti­gen Aus­ge­ber der Zwanziger vorge­fun­de­nen Waren, enthielt sich aber jedes son­sti­gen Angriffs.

Bei den Vor­fällen aller 3 Tage ist wohl zu beachten, daß die Fab­rikan­ten nir­gends per­sön­lich ange­grif­fen oder gemißhan­delt, daß kein Feuer angelegt und auch die Bäck­er­lä­den, gegen welche eben keine gün­stige Stim­mung herrschte, völ­lig ver­schont wur­den. Am 6. Juni hatte sich auch der Herr Ober-Präsident einge­fun­den.
Während nun Bres­lau seine Schützen, Brieg seine Infan­terie (per Eisen­bahn) bis Königszelt und von da nach den Orten der Ver­wüs­tung sandte, und die Husaren von Strehlen gle­ich­falls her­beigekom­men waren, fing es hier in Bres­lau an dem­sel­ben Tage (6. Juni), wo Estaffette auf Estaffette durch die Straßen eilte, abends zu gären, sich in Haufen zu sam­meln und lär­mend hin und her zu ziehen an. Die erwartete Ankunft Prinz Adal­berts und der dabei gehoffte Zapfen­stre­ich hatte außer­dem viele Men­schen auf­den Markt gezo­gen. Man hörte über­all Grup­pen sich über die Weber unter­hal­ten; eine gewisse fieber­hafte Span­nung war bemerk­bar. Doch wur­den in dieser Nacht bloß mehrere Fen­ster auf der Karlsstraße einge­wor­fen. Am fol­gen­den Abende (7. Juni) erneuerte sich der Tumult, nur weit stärker. Der Prinz war gekom­men, aber der Zapfen­stre­ich unterblieb. Der Kom­man­dant v. Zol­likofer redete die auf dem Markt dichtge­drängte Masse an und ermah­nte sie zum ruhi­gen Auseinan­derge­hen. Entset­zliches Pfeifen, Hur­rageschrei und Zis­chen ver­an­laßten ihn, sich sofort wieder in die Hauptwache hineinzubegeben. Die Haupt­straßen waren so voll Men­schen, so dicht gedrängt, daß man weder vor noch zurück kon­nte. Es wogte die Menge mit Toben und Pfeifen auf und ab. Mehrere Kom­panien Infan­terie wur­den nun auf eini­gen Haupt­punk­ten, die Kürassiere auf dem Markte aufgestellt, die übri­gen Trup­pen in den Kaser­nen kon­signiert, die Geschütze bere­it­ge­hal­ten und die Kom­panien der Bürger-Schützen aufge­boten. Starke Kürassier-Patrouillen durchrit­ten die Straßen. Allein, teils der Mutwille, teils der beson­ders in Schnei­dern und Tis­chlern gegen die Juden glim­mende Haß hatte bere­its einen großen Schwarm nach der Karls– und Antonien­straße und durch die gold­ene Rade­gasse getrieben, wo er alle Fen­ster ein­warf und zertrüm­merte. Die Reiter-Patrouillen und dann die übri­gen imposan­ten Trup­pen­massen ver­hin­derten weit­ere Exzesse. An 50 Per­so­nen wur­den arretiert. Die schnell, unge­mein schnell beendigte Unter­suchung hat für 18 von den Einge­fan­genen Frei­heits– und Leibesstrafen zur Folge gehabt. Unter den Verurteil­ten befinden sich meist Handw­erks­ge­sellen und Lehrlinge, auch ein Hausknecht, ein For­men­stecher, ein Hand­lungskom­mis und ein Gärt­ner.
Die Kunde von dem Auf­s­tande der Weber ver­bre­it­ete sich mit Blitzess­chnelle in der Prov­inz. Zwar den hiesi­gen Zeitun­gen wurde sogar eine ganz kurze Notiz vom Zen­sor gestrichen, und später nach lan­gen Kon­feren­zen einiger Mit­glieder der Regierung ein kleiner offizieller Artikel eingerückt. Desto geschäftiger war die Fama. Die über­trieben­sten Gerüchte fan­den gläu­bige Auf­nahme. Was über Organ­i­sa­tion, Zahl und Bewaffnung gefa­belt ward, ist erstaunlich. Um so begieriger griff jeder nach den Zeitun­gen. Sie aber sprachen über alles, nur über das nicht, was alle Gemüter in Bewe­gung set­zte. Und doch war die Teil­nahme für die Weber in den arbei­t­en­den Volk­sklassen all­ge­mein, unter den höh­ern Klassen nicht unbe­deu­tend, hier jedoch von seiten der Reichen und Kap­i­tal­is­ten weit über­wogen durch Oppo­si­tion, Haß und — Furcht. Nach Ver­sicherun­gen glaub­hafter Leute war das ganze Gebirge bereit, >wenn nur erst die Weber kämen<, sich ihnen anzuschließen. Ich selbst hörte ger­ade an den Tagen vom 7. Juni ab auf einer kleinen Reise über­all die entsch­ieden­ste Sprache auf Dör­fern und in der Stadt, daß die Weber recht hät­ten und daß es nur alle so machen soll­ten, dann würde es schon ganz anders wer­den. Gegen die reichen Fab­rikan­ten, gegen den Adel und die Guts­be­sitzer, gegen die Reichen und Vornehmen über­haupt, hörte ich die dro­hend­sten Äußerun­gen. Bald hieß es: 10 000 Weber ziehen nach Freiburg zum Kram­sta, bald: sie hät­ten ihren Weg nach Wüste­giers­dorf und weit­er­hin genom­men. An bei­den let­zt­ge­nan­nten Orten war bere­its Mil­itär zum Schutze aufgestellt. Son­ntags, den 9. [ Juni], erzählte mir ein Bauer aus Jauernik: Er sei, wie die andern im Dorfe und im ganzen Kreise, beordert, mor­gen zu Pferde und mit Stricken verse­hen auf die geflüchteten Weber Jagd zu machen. >Und wenn ich über an Waber foalle<, set­zte er hinzu, >ich war gewieß kenn sahn!< (Und wenn ich über einen Weber falle, ich werde gewiß keinen sehen!) Damit nicht Zuzug und Hilfe von der Graf­schaft und über die Eule her erfolge, hatte man schle­u­nige Maßregeln der Bewachung ergrif­fen. Auf der Sta­tion Königszelt wurde, wie man mir erzählte, ein Kom­mis, der sich heftig gegen die Weber und für die Fab­rikan­ten aussprach, unsanft zur Türe hin­aus­gewiesen, und obgle­ich er ein Fahrbil­lett nach Bres­lau gelöst, erblickte man ihn doch nicht wieder. Ich führe dies bloß als Zeichen der herrschen­den Stim­mung an. — Schon am 6. Juni wur­den eine Menge Ver­haf­tun­gen in Bielau und Peter­swal­dau vorgenom­men und an den fol­gen­den Tagen und Nächten fort­ge­setzt. Ein Teil der Weber hatte sich einst­weilen in die Wälder und Berge begeben. Die, welche des Abends etwa heimkehrten, wur­den gefes­selt und nach Schwei­d­nitz geführt. Hun­dert mögen sich jetzt dort im Gefäng­nis befinden. Eine Spezialkom­mis­sion von dem hiesi­gen Ober­lan­des­gericht ver­fügte sich bald nach Schwei­d­nitz. Die Einge­zo­ge­nen sind der Beschädi­gung frem­den Eigen­tums aus Rache angeklagt und dür­fen sonach einer schw­eren Strafe gewiß sein. Doch haben sie den Trost, daß sie im Zuchthause sich immer besser befinden als in der soge­nan­nten Frei­heit. Sie wer­den wenig­stens nicht ver­hungern, nach­dem sie der Staat in seine Obhut genom­men. Für die Frauen und Kinder wird doch eben­falls einige Hilfe geschafft wer­den, und so mögen sie auch von dieser Seite beruhigt sein. Eine Auf­forderung, respek­tive Anzeige, daß für die Hin­terbliebe­nen derer, die in Bielau erschossen wur­den, eine Samm­lung eröffnet sei, hat der hiesige Zen­sor gestrichen; so wie er über­haupt alles, selbst in den Artikeln der Min­is­ter Rother und Bodelschwingh, mit seinem Rot­s­tift ver­tilgt, was von Not und Elend unter den Webern han­delt. Daß er nur nach >höh­ern Instruk­tio­nen< ver­fährt, ver­steht sich von selbst. Man befürchtet den Ein­fluß der Presse und meint, schon einige Worte dürften hin­re­ichen, um das Gebirge in Aufruhr zu brin­gen. Allein, entweder ist die offizielle Ver­sicherung, es sei die Ruhe über­all zurück­gekehrt, unge­grün­det und man glaubt wirk­lich ihrer nicht sicher zu sein, trotz aller Sol­daten und Bajonette, oder man benutzt bloß die Gele­gen­heit, um die in gewis­sen Regio­nen längst mit bösem Auge ange­se­hene Presse, der man sogar die Schuld an den Vor­fällen beim­ißt, auf lange Zeit hin­aus wiederum mit all den früheren Gewichten zu beschw­eren. So müssen uns die übri­gen Blät­ter Deutsch­lands schad­los hal­ten. Nach Schluß der Unter­suchung haben wir jeden­falls in den hiesi­gen Zeitun­gen einen längern offiziellen Bericht zu erwarten. Wie sollte der uns aber das öffentliche und mündliche Ver­fahren vorm Geschwor­nen­gericht erset­zen? Ich zwei­fle keinen Augen­blick, daß die Kom­mis­sion mit aller Sorgfalt und Gewis­senhaftigkeit zu Werke gehen wird. Allein, beim besten Willen bleiben es eben tote Akten­stücke, was sie hin­ter den Inqui­si­tion­s­mauern zusam­men­schreibt. Die öffentliche Ver­hand­lung vor allem Volk würde so manche Dinge ans Tages­licht brin­gen, die jetzt der ein­same Inquisit entweder gar nicht anführt, oder sie in die Sprache des Richters über­tra­gen und in den Akten ver­graben sieht. Ich meine keineswegs, daß die Geschwor­nen etwa ein gün­stigeres Urteil über die Weber fällen wür­den als unsere Richter. Im Gegen­teil. Denn ger­ade eine bes­timmte Höhe des Pri­vateigen­tums macht erst den Geschwor­nen, und let­zterer fühlt sich in jedem Angriff der Besit­zlosen gegen die Besitzen­den und Reichen selbst aufs näch­ste bedroht, und Frankre­ich und Eng­land zeigen, was der Pro­le­tarier vorn Pro­pri­etär, dieser mag als Lohn­herr oder Geschworner auftreten, zu erwarten hat. Der Nutzen bestände nur darin, daß ein­mal vor den Augen und Ohren des Volkes über die Fol­gen der Aus­beu­tung des Men­schen durch den Men­schen ver­han­delt wer­den kön­nte. Die Unter­suchung dehnt sich übri­gens immer weiter aus. Aus Peter­swal­dau und Bielau haben die dor­ti­gen justi­tiarien an das hiesige Ober­lan­des­gericht geschrieben, ob sie nicht aus­nahm­sweise die große Zahl von meist Weibern und Kindern, die wegen Entwen­dung und Ver­heim­lichung ver­schiedener beim Tumulte aus den Häusern gewor­fener Waren angezeigt wer­den, auf freiem Fuße vernehmen dürften, da ihre Einsper­rung leicht neue Aus­brüche her­beiführen kön­nte und auch die Gefäng­nisse gar nicht für die Menge zure­ichen wür­den. Nach einge­holtem Gutachten der hiesi­gen Regierung ist nun dem gedachten Gerichtsper­sonal von hier aus befohlen wor­den, mit der Ver­haf­tung ohne Aus­nahme vorzuschre­iten.
Es ist den Webern häu­fig der Vor­wurf gewor­den, daß sie lieber bei ihrem Geschäft elend leben als zu etwas anderm greifen woll­ten. Man hat ihnen zu Eisen­bahn– und son­sti­gen Arbeiten ger­aten. Wer aber die abgemagerten, hek­tis­chen und rachi­tis­chen Gestal­ten ins Auge faßt, muß bald davon zurück­kom­men. Und ob sie als Weber oder als Tagear­beiter auf Straßen, herrschaftlichem Acker etc. eine küm­mer­liche Exis­tenz fris­ten, macht über­haupt keinen son­der­lichen Unter­schied. Ein zweiter Tadel besteht darin, daß sie bei ihrer alten Weise, ihren alten Web­stühlen, bei dem Ver­fahren, wie es der Groß­vater getrieben, ste­hen­bleiben und an keine Verbesserung her­an­wollen. Selt­samer Vor­wurf! Während die Gesellschaft sich um die Weber von deren Geburt an nicht weiter küm­mert, als daß sie diesel­ben bis zum 14ten Jahre zum Schulbe­such zwingt, so durch Verkürzung der Arbeit­szeit den Armen noch ärmer macht und ihm in der Schule dafür keinen andern Ersatz gibt als eine Menge auswendig gel­ern­ter Sprüche, Gesänge, Epis­teln, Evan­gelien und etwas Schreiben und Rech­nen — was man alles zusam­men doch wahrhaftig nicht men­schliche Bil­dung nen­nen wird —, ver­langt man von ihnen, sich von Vorurteilen loszu­machen, da doch die höh­ern Klassen mit all ihrer Aufk­lärung und Kul­tur noch weit hart­näck­iger an den ihri­gen hän­gen. Bringt den Webern Bil­dung bei, und damit sie möglich und zugle­ich fürs Leben frucht­bar sei, sorgt auch für ihr kör­per­liches Woh­lerge­hen, und sie wer­den sich leicht in die Fortschritte des men­schlichen Geistes finden. Andere möchten den Weber zum Kolonis­ten in Posen und Ost­preußen machen. Aber erzeugt denn nicht unsere Prov­inz Getreide und Lebens­mit­tel aller Art in solcher Fülle, und kann der Ertrag des Bodens nicht noch so unberechen­bar gesteigert wer­den, daß nicht bloß die jet­zige Bevölkerung, son­dern eine viel größere, ihren hin­länglichen Unter­halt findet? Wer­den nicht jährlich viele 100 000 Schef­fel an Getreide und Mehl aus­ge­führt? Und der Weber sollte auswan­dern, wo so viel Über­fluß? Wo eine Menge Nicht­stuer täglich Unmassen von Fleisch, Wein und Back­ereien vergeudet, da sollte für den Weber kein Stück Brot, kein Glas Bier mehr übrig sein? Der Weber hat lange genug als Kind in der Schule, als Erwach­sener son­ntäglich in der Kirche von der >christlichen Liebe< und >Aufopfer­ung<, von der >Pflicht<, seinem >Näch­sten zu helfen< mit allem, was dem einzel­nen zu Gebote steht, sal­bungsvoll reden hören, und er sollte jetzt vor dieser viel– gepriese­nen Liebe Reißaus nehmen? Er fängt vielmehr an zu ahnen, daß, wenn Mühe, Drangsal und Hunger hie­nieden zur Krone des ewigen Lebens berechti­gen, ihm die Reichen und Gebilde­ten längst dieses Priv­i­legium entris­sen hät­ten, und der Gedanke beginnt in ihm zu tagen, daß da, wo mil­lio­nen­re­iche Fab­rikan­ten, Gut­sher­ren, die 10 000, 20 000 bis 100 000 Mor­gen Lan­des besitzen und viele, viele Tausend jährlich ein­nehmen, es nur einer vernün­fti­gen Gestal­tung der men­schlichen Gesellschaft bedürfe, um schon hie­nieden den Him­mel zu grün­den und aus dem jet­zi­gen Über­fluß der einen den Man­gel der andern zu ergänzen. Es kom­men aber noch andere Ärzte, die brin­gen Schutz­zölle in Vorschlag, wieder andere ein beschränk­endes Gewer­be­polizeige­setz u. dergl. Wer über die Natur des Pri­vateigen­tums und seine Kon­se­quen­zen ern­stlich nachgedacht, wird von Din­gen, die höch­stens einige Zeit als kleines Pal­lia­tiv wirken kön­nten, keine Radikalkur hof­fen. Nur eine Reor­gan­i­sa­tion, eine Umgestal­tung der Gesellschaft auf dem Prinzipe der Sol­i­dar­ität, der Gegen­seit­igkeit und Gemein­schaftlichkeit, mit einem Wort der Gerechtigkeit, kann uns zum Frieden und zum Glücke führen.

Bres­lau, Ende Juni F. W. Wolff