Wilhelm Wolff
Karl Marx widmet 1863 Wilhelm Wolff, dem "edlen, treuen Vorkämpfer des Proletariats" sein Hauptwerk "Das Kapital". Wilhem Wolffs Aufsatz "Das Elend und der Aufruhr in Schlesien" erschien 1845 in dem von Hermann Püttmann herausgegebenen "Bürgerbuch"
Das Elend und der Aufruhr in Schlesien 1844
Die blutigen Auftritte in Peterswaldau und Langenbielau zu Anfang des Monats Juni haben das Interesse nicht bloß Deutschlands, sondern auch anderer Länder erregt und die allgemeine Aufmerksamkeit nach Schlesien hingewandt. Unterdes brachten die Zeitungen, wenn auch nicht die hiesigen, so mannigfaltig voneinander abweichende Berichte, unter denen sogar einige die Verunglimpfungen gegen unsere armen Weber so unverschämt und weit trieben, daß ich durch eine möglichst treue Schilderung des Ereignisses der Wahrheit einen Dienst zu erweisen glaube. Doch zuvor müssen wir eine kurze Rundschau halten, um den Zustand, in welchem der schlesische Proletarier, der >arme Mann<, sein Leben verbringt — fast klingt's wie Hohn, solch Dasein als >Leben< zu bezeichnen —, näher kennenzulernen, damit klarwerde, auf welchem Grunde die jetzigen Früchte erwachsen und gereift sind. Ganz besonders aber wird sich unser Blick auf die Zustände der Weber im Gebirge zu richten haben, da hier die unausbleiblichen Folgen eines der Gerechtigkeit, der Gleichheit und Brüderlichkeit feindlichen Prinzips, in welchem unsere jetzigen Verhältnisse sämtlich wurzeln, am ersten, greifbarsten und in der betrübendsten Weise ans Tageslicht getreten sind und nun selbst dem blödesten Auge nicht mehr verborgen bleiben können. Zwar ist das Elend des schlesischen gemeinen Mannes, die Not und Entbehrung des Besitzlosen in unserer Provinz gewiß nicht größer als in manchen andern Teilen Deutschlands, nicht bitterer als das Los der arbeitenden Klassen anderswo. Wir dürfen nur an Frankreich, England und das grüne, aber hungernde Irland denken! Wir haben aber so oft von dummen oder feilen Seelen den glücklichen Zustand Deutschlands, Preußens, Schlesiens, das Nichtvorhandensein des Proletariats auf deutscher und also auch auf schlesischer Erde preisen hören, daß es gut ist, auch hier einmal den Schleier weggerissen und das darunter stehende >große glück< den Augen des Publikums bloßgelegt zu sehen. — Schlesien, <.unter zwei Elemente: das deutsche und slavische geteilt, von zwei religiösen, seit kurzem immer heftiger gegeneinander gehetzten Religionsparteien bewohnt, früh schon wegen seiner vielen Herzogtümer ein Miniaturbild Deutschlands, äußerlich vereinigt unter Friedrich II., sich fortschleppend im überall aufgehäuften mittelalterlichen Unrat, so gut es gehen wollte, trat endlich infolge der Jenaer Schlacht' mit den übrigen Provinzen des preußischen Staates aus der eigentlichen Feudal- in die moderne Entwicklungsperiode über. Das Zunftwesen fiel, eine Masse >Gerechtigkeiten< verschwanden, das bürgerliche Verdienst sollte von nun an dem adligen gleichgelten, die Städte, nicht mehr nach Korporationen und feindlichen Interessen gesondert, ihre Angelegenheiten selbständig besorgen. Die Klöster wurden aufgehoben, ihre Güter eingezogen und zum Teil für einen unglaublichen Spottpreis verkauft, teilweise auch an Adlige verschenkt. Endlich hörte die Erbuntertänigkeit auf; die Kinder des Landmanns durften dem gnädigen Herrn nicht mehr um einige schlesische Taler jährlichen Lohns, halb ungemachtes, selbst nicht vom Vieh beneidetes Essen und reichliche Prügel dienen, wenn sie nicht wollten. Sie brauchten, falls sie ein Handwerk zu erlernen wünschten, sich nicht mehr loszukaufen, keine Abgabe zu zahlen bei der Verheiratung. Der Bauer konnte in ein anderes Dorf sich begeben, ohne Abzugsgeld zu zahlen, und hatte nicht weiter nötig, den dritten Teil seines Feldes für die herrschaftlichen Schafe zur Weide liegen zu lassen. Das Landvolk aber verstand die >Freiheit< zuerst sehr falsch. Es glaubte von Martini 1810 an, ganz >frei< zu sein. Die Auflehnung vieler Orte ward streng unterdrückt und den Landleuten durch königliche Kabinettsordres auseinandergesetzt, daß sie alles übrige nach wie vor zu entrichten hätten. Somit blieben alle Fronden und Hofdienste, alle Geld- und Naturalleistungen, Silberzinsen, Grundgeld, Hundehafer, Garnspinnen, Hühner-, Gänse-, Eier-, Besen- und Wächterzins usw. in voller Kraft. Immerhin war es eine bedeutende Erleichterung; der Bauer fing einigermaßen an, sich als Mensch zu fühlen, und trug gern und willig zur Rettung des Staates nach Kräften, meist über seine Kräfte, bei. Seine Tätigkeit, von einigen drückenden Fesseln befreit, wurde eine ganz andere; mit der Steigerung mehrten sich die Früchte. Zwar arlyitete er auch jetzt noch für den gnädigen Herrn; wenn die Verbesserung seines Ackers, der Neubau seines Hauses der Wirtschaft einen Mehrwert von 2000 Tlrn. verlieh, so gewann der Gutsherr, ohne nur die Hand zu rühren, beim Verkauf 200 Tlr. an Laudemien oder an Marktgroschen. Gleichwohl fuhr ersterer in seinem Fleiße fort. Nach den Gesetzen über >Regulierung der gutsherrlichen und bäuerlichen Verhältnisse< stand es ihm frei, sich abzulösen. Dies geschah an vielen Orten. Eine Masse von Millionen Talern floß in die gutsherrlichen Kassen; beträchtliche Summen an jährlichen Renten übernahm der Bauer und gab Äcker und Wiesen hin. So war er frei. Nur glaube man nicht, die Feudalzeit sei jetzt völlig aus unserer Provinz gewichen: In Nieder- wie noch mehr in Oberschlesien blüht und grünt an tausend Orten der Fron- dienst, und was daran hängt, lustig fort. Das Dreschgärtner- Verhältnis wurde vielfach gelöst, meist zum Vorteil der Gutsherrschaften. Diese warben dann Lohnleute an; und da bei steter und rascher Zunahme der Bevölkerung, und gerade in den unteren Klassen, die Zahl der Arbeitsbewerber auch zunahm, so bekamen sie für geringen Lohn Menschen, soviel sie brauchten. Der Dreschgärtner, an seinen 2 bis 3 Morgen nicht das ganze Jahr Beschäftigung findend, suchte welche nebenbei und drückte so den Lohn herab, während die neuen Dresch- und andere Maschinen viele Menschenhände ersparten. Aber die Besitzenden gewannen; die kleinen weniger, die großen im Unverhältnis mehr. Für letztere wurde das Pfandbrief-System geschaffen; der Bauer erhielt kein Geld unter Vermittlung und Garantie des Staates geliehen. Dennoch ging's. Dagegen blieb der Häusler, der Inlieger, der Tagelöhner, was er gewesen: ein arbeitender Sklave. Doch mit dem Unterschiede, daß er jetzt, am Ende seiner Kräfte oder von zeitiger Krankheit aufgerieben, weit weniger für sich gesorgt sieht als früher. Das Nützlichkeitsprinzip, d. h. die Selbstsucht, ist zur Tagesordnung geworden. Sie rät, dem Armen sowenig als möglich zu geben, wenn er arbeitslos oder -unfähig ist. An vielen Orten auf dem Lande, die ich namhaft machen könnte, erhält der Arme, der sich nichts mehr verdienen kann, wöchentlich 1 Brot und vierteljährlich 1 Metze Graupe, 7 Metze Salz und — 15 Silbergroschen. Wie er damit auskommt, da mag er zusehen. Gibt er sich dem Betteln hin, so wird er ins Korrektionshaus gesperrt oder man verbietet den Wirten, wie ich speziell aus dem Nimptscher Kreise weiß, das Almosengeben bei 5 Tim. Strafe. Der Arbeitslohn ist zwar nicht gestiegen, aber die Abgaben. Der Arme muß jetzt im >Gemeinde-Gebot< eine Menge Schreibereien tragen helfen, die man sonst nicht kannte. Er muß weit mehr an Straßen- und andern Gemeinde-Arbeiten teilnehmen als sonst. Leistungen an Kirche und Schule haben sich für ihn erhöht. Dabei zahlt der Inlieger an vielen Orten der Grundherrschaft ein jährliches Schutzgeld von 1 bis 2 lir. Schutzgeld! Grausam ironische Benennung! Er zahlt es zu dem Zweck, um, wenn ihn die Not und seine von der Gesellschaft unbeachtet gebliebene Erziehung, richtiger Verwilderung, sein physisches Elend und seine geistige Verdumpfung zum Verbrecher gemacht haben, die Kosten für sein Unterkommen im Zucht- oder Korrektionshause seinem Gutsherrn bestreiten zu helfen. Unterdes arbeitete das Volk fleißiger als je. Und da nur die Arbeit den Reichtum erzeugt, so stieg der letztere von Jahr zu Jahr. Weil aber der Reichtum denen, die ihn schufen, nur in äußerst homöopathischer Verdünnung zugute kam, so hatten die desto mehr, welche sich der Früchte fremder Arbeit zu bemeistern verstanden und vermochten. Die Wohlhabenheit der Glücklichen tat sich steigend durch größere Pracht, bessere Kleidung, luxuriöses Essen, Wohnen usw. kund. Die Reichen gaben der Armut ein verführerisches Beispiel, mindestens einen Maßstab, an welchem sich das Mißverhältnis zwischen den bloß Konsumierenden und den Produzierenden leicht nachweisen ließ. Soweit es tunlich, suchte der Arme sich auch etwas besser zu kleiden, sobald er einige Groschen erübrigt hatte, und da er die höhern Klassen immer mehr dem bloßen Genuß, oft dem raffiniertesten, verschwenderischsten hingegeben sah, so verlangte er gleichfalls nach einem solchen. Er fand ihn — im Branntwein; denn das Bier war für ihn zu schlecht, besonders aber — zu teuer. Die Gutsherren und die Liqueurfabrikanten in Stadt und Land beeilten sich, dem Bedürfnis zu genügen, das Getränk immer wohlfeiler zu liefern und doch soviel Gewinn daraus zu ziehen als möglich. Der Branntwein wurde nun immer mehr das erste Bedürfnis des Arbeiters; es ersetzte ihm das Fleisch, das Bier und den Wein der Reichen, oft auch das Brot. In Niederschlesien minder gewaltig, stieg der Branntweinsoffdagegen in Oberschlesien zu einer solchen Höhe, daß endlich die katholische Geistlichkeit an seine Ausrottung Hand angelegt hat. Was man auch über die dabei angewandten Mittel denken mag, immerhin ist der Anstoß zu einer neuen Wendung der Dinge auch hier gegeben. Von der Kanzel herab hört dort der Bauer, daß der Branntwein >eine Erfindung des Teufels ist<, er wird durch den Aberglauben von seinem Laster kuriert, er hört, daß der Schänker nur durch ihn reich geworden ist. Der Bauer wird bald einsehen, daß auch der Gutsherr einen recht bedeutenden Vorteil aus seinem Soff zog — durch die hohe Pacht des Schänkers. Der Landmann hat nur noch einen Schritt im Nachdenken zu tun, und er wird begreifen, daß er durch seine Arbeit, seine Mühe, seinen Schweiß noch auf vielerlei Weise den Gutsherrn und andere bereichert. —
Die jungfräuliche Gestalt der Gewerbefreiheit wurde zwar nicht von den Privilegierten, Zünften, Innungen und Zwangsberechtigten, aber von der übrigen Menge mit Freuden begrüßt. In der Stadt wie auf dem Lande konnte nun jeder, ohne ein Meisterstück zu liefern, ohne eine >Gerechtigkeit< zu kaufen, sein Handwerk ausüben. Der ganz natürliche Drang, möglichst schnell selbständig zu werden, einen eigenen Herd zu begründen, lockte, nebst dem Sprichwort: >Handwerk hat einen goldenen Boden<, eine Menge junger Leute zur Ergreifung eines solchen. Man zahlte nur Gewerbsteuer, in der Stadt etwa noch fürs Bürgerrecht und — man war fertig.
Allein, es zeigte sich bald, daß, wenn die Zünfte als Monopole nur eine gewisse Zahl mit der Bedingung einer gewissen Summe hereinließen und alle übrigen, die kein Geld hatten oder der Gunst entbehrten, ausschlossen, mochte aus ihnen werden, was da wollte, die Gewerbefreiheit nicht mehr und nicht weniger als auch auf ein Monopol hinauslief, und zwar auf das Monopol des Kapitals im Bunde mit der Spekulation.
Diesen war jetzt die Herrschaft bloß leichter gemacht; früher gehörte noch ein Meisterstück, Kenntnis des Gewerbszweiges und etwas Nepotismus, ein bißchen Patriziertum und dergleichen dazu; jetzt war die ganz freie Rennbahn eröffnet. Es ist unschwer einzusehen, daß in einem Kampfe der gefesselte oder waffenlose dem freirührigen, wohlgepanzerten und stark bewehrten Streiter unterliegen muß. Dem ersteren gleicht der auf seiner Hände und seines Geistes Arbeit allein und lediglich Angewiesene, während der Kapitalist, der die Mittel und Werkzeuge zur Produktion besitzt, den zweiten repräsentiert. Der bloße Handwerker, der Krämer, der Kleinhändler, der soge nannte Mittelstand, fand sich nach und nach von den reichen Kapitalisten, von den Handelsherren en gros, von den großen Fabrikunternehmern zu seinem Erstaunen nicht bloß überflügelt, sondern in die schnödeste Abhängigkeit versetzt — mit so gewaltigen Mächten war eine vorteilhafte Konkurrenz auf die Dauer unmöglich. Man ward Lohnarbeiter für einen vom hohen Gebieter bestimmten Preis. Ward der Lohn verringert, es blieb nur die Wahl, nach dem niedrigen Satze fortzuarbeiten oder zu — hungern. An Bewerbern um Arbeit fehlte es nicht. Die Bevölkerung wuchs und wächst ja von Jahr zu Jahr. Die unterste Klasse der Proletarier nahm auch in Städten auffallend zu. Häuser— und andere Bauten zogen im Sommer die wenig verdienenden Leute vom Lande herein. Kam der Winter und versiegte die Arbeitsquelle — man war einmal da, man blieb. Die Mädchen und Knechte begaben sich nach der Stadt aufs Dienst; sie machten es billiger und gingen nicht wieder zurück. Daneben Steigung der Miete, der Holz- und Lebensmittel-Preise. Wo die Aeeise" belebt ward, außerdem noch eine Überbürdung des Armen zugunsten des Reichen. Denn während der letztere sich's mit seinen gebratenen Gänsen, Enten, Fasanen, Kapaunen, Rebhühnern, Krammetsvögeln, Hasen, Rehen und Hirschen, für die er keine Steuer zahlt, wohl sein läßt, muß der Arme für sein bißchen Schweine- oder Rindfleisch erst dem Staat und der Kommune abgeben. Ja, hier in Breslau entrichtet der Arme für das Brot, was er ißt, zugleich für den Reichen, der Semmel, Kuchen usw. vorzieht, die Steuer mit. Denn Breslau hat den Zuschlag, den jede Kommune bis auf die Höhe von 50 pCt. zu erheben berechtigt ist, für Weizen und Roggen ganz gleichgestellt, da doch die Semmelesser gewiß eher die Zuschlagssumme aufbringen könnten als die bloßen Brotesser. In den Stadtkommunen mehrte sich nun die Zahl der hilflosen Armen. Das Armenwesen lag und liegt noch an den meisten Orten im argen. Trotz der immer größeren Summen, welche dieser Zweig jährlich erforderte, wurde wenig Ersprießliches damit ausgerichtet. >Bloß nicht sterben< ergab sich etwa für den Armen noch als günstigstes Resultat. Die Schuld liegt gleichwohl nicht an der Art und Weise der Armenpflege, sondern in unsern ganzen Zuständen. Die ganze Gesellschaft ist samt ihrer Grundlage verurteilt und gerichtet, sobald und solange überhaupt noch eine >Armenpflege< existiert. In der Stadt wie auf dem Lande vermehrte Bedürfnisse. Der Handwerker und Geschäftsmann mußte seiner Kunden, des äußern Scheins wegen, um mit seinen Rivalen gleichen Schritt zu halten, vieles feiner einrichten, sich besser kleiden usw. Selbst viele Herrschaften verlangen ausdrücklich von ihren Dienstboten, daß sie sich immer nett und >nach etwas aussehend< herausputzen, weil sie dem Hause Ehre machen müssen. Da wollen die andern auch nicht zurückbleiben.
Die Gewerbefreiheit war die letzte Staffel, auf welche sich das Privateigentum stellen mußte, damit seine unheilvollen Konsequenzen selbst dem gewöhnlichsten Verstande klarwerden könnten. Der Handel nach dem Osten ging mehr und mehr ein; der russische Schwager' mochte in diesem Bezuge nichts von Verwandtschaft wissen; die sonst blühenden Grenzstädte verfielen; die Tuchmanufaktur, wie viele andere Zweige, sanken zusehends. Die Kapitalisten hörten deshalb nicht auf, gute Zinsen zu beziehen; ging's nicht auf dem Wege, so wußten sie auf einem andern sich schadlos zu halten. Nur die Handwerker und andere Arbeiter verloren. — Der sonstige Flor unserer Leinenindustrie fing an zu schwinden; die Konkurrenz anderer Länder trat uns in den Weg; ein Teil unserer Kaufleute begann, unsolide Waren zu liefern, er sandte wohlfeile, aber schlechte Leinwand auf den Weltmarkt und war zufrieden, wenn er durch unreelle Bedienung seinen Gewinn in die Tasche stecken konnte. Die Flachskultur blieb ziemlich stehen, wo sie sonst gewesen, d. h. sie blieb schlecht. Die zahlreichen Spinner, welche im flachen Lande wie im Gebirge ehemals einen zwar geringen, aber sichern Verdienst hatten, fanden nur noch zu solchen Preisen mit ihrer Ware Absatz, daß sie oft nicht mehr das Salz in die Suppe gewannen. Die Spinnrädchen wurden nicht verbessert, man bediente sich fortwährend der alten. Das Ausland spann unterdes mit Maschinen; es spann viel und wohlfeil. Nun bauten wir auch Maschinen und machten vollends eine Menge Spinnerhände überflüssig. Daneben traten Baumwollenwaren vielfach an die Stelle der Leinwand. Mindestensebenso nachteilig als auf die Spinner wirkte die neue Gestaltung der Dinge auf die Weber ein. Die Nachkommenschaft eines Webers war von jeher gleichsam vorausbestimmt, wieder am Webstuhl zu sitzen, und wenn sonst noch einige Mitglieder der Familie sich durch Spinnen ernährt hatten, fiel dies hinweg oder brachte nichts ein. Die Bevölkerung mehrte sich, mit ihr der Begehr nach Arbeit, deren gerade immer weniger und täglich minder lohnend wurde. Die kleineren Kaufleute, denen nur unbedeutende Kapitalien zu Gebote standen, richteten wenig mehr aus. Die Macht über die Weber konzentrierte sich in den Händen der reichen Fabrik- und Handelsherren. Von ihnen mehr und mehr abhängig, sah sich der Weber gezwungen, für einen Lohn zu arbeiten, welcher ihn mit den Seinigen am Hungertuche nagen hieß. Aber die Reichen gewannen, wie immer, und wurden immer reicher, während der Arme stets ärmer ward, stets tiefer in Armut und Sklaverei versank. Die Klagen der Weber bezogen sich übrigens weit weniger auf Arbeitslosigkeit als auf den jämmerlichen Verdienst, den die angestrengteste Arbeit eintrug. Aber nicht genug, daß fortwährende Herabsetzung des Lohnes die armen fleißigen Menschen in täglich größeres Elend stürzte, es wurden auch von vielen Fabrikanten unzählige Mittel angewandt, es ihnen unmöglich zu machen, sich aus den Händen derer zu befreien, die an ihrem Schweiß sich bereicherten. Der Weber mußte, weil er selbst von Mitteln entblößt war, das Garn vom Fabrikanten entnehmen und ihm die fertige Leinwand verkaufen. Da der Weber stets für das Garn sich im Vorschuß befand, so war er dem Fabrikanten schon dadurch in die Hände gegeben. Andere, die gerade noch das Garn zu einem Gewebe anzuschaffen imstande waren, erlangten doch keinen bessern Preis. Denn schrieb der Fabrikant letzterm unvertilgbar auf das Stück oder machte sonst ein Zeichen, daß es bereits angeboten worden, so war der Weber, selbst wenn er nicht von der Not zum augenblicklichen Verkauf gedrängt worden wäre, gleichwohl nachzugeben genötigt. Oftmals bin ich im Winter solchen Armen begegnet, die in dem schrecklichsten Wetter, hungrig und frierend, viele Meilen weit ein fertig gewordenes Stück zum Fabrikanten trugen. Zu Hause warteten Frau und Kinder auf die Rückkunft des Vaters; sie hatten seit 17 Tagen bloß eine Kartoffelsuppe genossen. Der
Weber erschrak bei dem auf seine Ware gemachten Gebot; da war kein Erbarmen; die Kommis und Gehilfen begegneten ihm wohl noch obendrein mit empörender Härte. Er nahm, was man ihm reichte und kehrte, Verzweiflung in der Brust, zu den Seinigen. Nicht selten erhielt der Arbeiter seinen Lohn in Gold; der Dukaten wurde ihm mit 3 Tlr. 6 Sgr. angerechnet, und wenn er ihn wieder verausgabte, sah er ihn nur zu 2 Tlr. 28 Sgr., 2 Tlr. 25 Sgr., ja noch niedriger angenommen. Noch andere Fabrikanten hatten ganz das englische Trucksystem eingeführt: Die Weber wurden nicht bar bezahlt, sondern erhielten ihren Lohn zum größten Teil in Waren, deren sie bedurften. Meist im Vorschuß, mußten sie sich die Preise dieser Waren ebenfalls bestimmen lassen; der Fabrikant hatte sie einmal, wie das Sprichwort sagt, im Sacke. Ließ der Weber seinen Klagen freien Lauf und führte er seinen Zustand dem Kaufmann zu Gemüte, so hieß es, die schlechte Handelskonjunktur sei an allem schuld. Gewiß wird niemand leugnen, daß eine unselige, meist aus dem Legitimitäts-Prinzip hergeleitete Politik in bezug auf die süd- und mittelamerikanischen Kolonien, später auf Portugal und Spanien, das ihrige redlich zur Verstopfung der Absatzwege beitrug. Allein, der Weber sah den Fabrikanten demungeachtet in Palästen wohnen, prächtige Equipagen halten, Landgüter kaufen, herrlich essen und trinken, während er selbst, der doch mindestens ebensoviel als der Fabrikant arbeitete, in enger schmutziger Stube, auf modrigem Stroh gelagert, mit Lumpen bedeckt, sich glücklich gepriesen hätte, an dem reichlichen Kartoffelmahl der Mastschweine seines Lohnherrn teilnehmen zu dürfen.
Einige von Treumund Welp mitgeteilte und mir von mehr als 20 Webern bestätigte Angaben werden hier ein notwendiges Detail liefern. Derselbe führt an, daß in vielen Orten unseres Gebirges >alle Lebensmittel so kostspielig als in größern Städten, ja oft noch teurer und nicht einmal zu haben sind, daß namentlich alle Bäckerwaren notorisch geringer an Gewicht zu sein pflegen<. Daraus kann man die Lage eines Familienvaters, der, mit Beihilfe der Seinigen, wöchentlich 1 Tlr. verdient, leicht entnehmen. >Nehmen wir nicht den schlimmsten Fall<, sagt Tr. Welp weiter, >treten wir nicht in das niedrige, dunkle, ungesunde Gemach, das der ganz Mittellose vom Armen für jährlichen Zins von 6 oder 8 Tlrn. mietet — blicken wir nicht in solche, dem reinen Hunger, der bittersten Not gewidmete Lokale, gegen die der Viehstall eines Dominialbesitzers ein Prunksaal genannt werden muß; — besuchen wir den Häusler, der unter eigenem Dach und Fach wohnt und nebenbei 1, 11/2 bis 2 Morgen Landes besitzt. — Seine Einnahme ist jährlich, mit Beihilfe von Weib und Kindern, allerhöchstens 60 Tlr.< Die Ausgaben sind durchschnittlich folgende:
>Grundsteuer an den Staat jährlich 1 Tlr. 15 Sgr.
Klassensteuer 2 Tlr. — Sgr.
Grundzins an die Gutsherrschaft 3 Tlr. 5 Sgr.
Jagd- und Spinngeld an die Gutsherrschaft — Tlr. 15 Sgr.
3 Tage Feldarbeit an dieselbe — Tlr. 15 Sgr.
Gemeindeabgaben (bar) 1 Tlr. 10 Sgr.
3 bis 4 Tage Arbeit bei Wegebessern usw. — Tlr. 20 Sgr.
Schulgeld für 2 bis 3 Kinder 4 Tlr. — Sgr.
Zins eines auf dem Hause stehenden Kapitals
von 100 Tlr. 5 Tlr. — Sgr.
Feuerassekuranzbeitrag — Tlr. 15 Sgr.
Summa 19 Tlr. 5 Sgr.
Folglich bleiben 40 Tlr. 25 Sgr.von der ganzen Einnahme der 60 Tlr. zur Bestreitung von Reparaturen des Hauses, Ausgleichung des Ausfalls im Arbeitslohne, während man im Garten arbeitet, zur Feuerung, Beleuchtung, zur Bestreitung der dringendsten Lebensbedürfnisse, ohne die Kosten für Kindtaufen, Begräbnisse usw., ohne Krankheits- und andere Unglücksfälle in Anschlag zu bringen. Der arme Weber zahlt jährlich 2 Tlr. Klassensteuer, der große Besitzer, und hätte er hundert Herrschaften, höchstens 12 TIr. monatlich, im niedrigsten Falle 4 Tlr.<
Der Schullehrer Schenk gab im Laufe dieses Jahres einen Nachweis (siehe >Breslauer Zeitung<, Nr. 30) über verschiedene Sorten, nämlich 6, 7, 8 und 9 Gebinder-Leinwand, über das dazu nötige Garn, den Preis desselben und den Preis der daraus gefertigten rohen Leinwand, zu 60 Ellen Länge und 11/2 Ellen Breite angenommen, verdient ein Weber bei einem sogenannten 9 Gebinder Schocke: 1 TIr. 13 Sgr. Die dabei nötigen Arbeiten sind
folgende: Das Garn wird sortiert, gewaschen, getrocknet, geklopft, gespult, geschert, gehüllt, auf den Webstuhl gezogen, angedreht, geschlichtet und gewebt. Sodann wird es geschauert, herabgenommen, geklopft, gestempelt, gelegt, gepreßt und dann mit banger Angst von einem Kaufmann zum andern getragen, bis man es loswird. An einem solchen Schocke arbeiten Mann, Weib und Kind, und soll es früher als in 2 Wochen fertig werden, so muß der Weber Tag und Nacht unablässig schaffen. Hat er nun mit den Seinen den täglichen Verdienst von 31/2 Sgr. in der Tasche, so muß oder soll er damit die Ausgaben für Brot, Kartoffeln, Salz, Holz, Licht, Stärke, Seife, Kleidung, Schuhe und Ausgaben mancherlei und der drückendsten Art bestreiten. Sollte man nicht denken, selbst der härteste Amtspfänder müßte aus solchen Hütten des Elends mit Entsetzen fliehen? Den Angaben Schenks, der übrigens seit 36 Jahren als Elementarlehrer unter den Webern lebt und also wohlunterrichtet ist, mögen sich folgende Worte aus einem am 5. Febr. d. J. von dem Pastor Hepche, dem Polizeiverweser Kobelt und Gerichtsschreiber Obst in Leutmannsdorf veröffentlichten Aufrufe anschließen:
>Wie leicht die körperliche Anstrengung auch hier und da zu sein scheint, so ist es doch bei Gesundheit, Kraft und dem ausdauerndsten Heiße, der die Stunden des Abends bis nach Mitternacht zu Hilfe nimmt, nicht möglich, ein Gewebe von 140 Ellen (es ist hier von Baumwollenwebern die Rede) früher als in 6 Arbeitstagen zu vollenden, wofür der Fabrikant ein Almosen von 14 Silbergroschen verabreicht. — Die Lebensweise jedes Korrigenden, jedes Militärsträflings erscheint ungleich beneidenswerter um ihrer Sorgenfreiheit, Ordnung und Menschlichkeit willen als diejenige eines solchen Webers. In alle Häuser tritt die Not mit unwiderstehlicher Gewalt ein, ohnerachtet es nicht zu leugnen ist, daß treue und redliche Familienväter alle ihre Kräfte, ihrer Kinder, ihres Hauses aufbieten, um Hunger und Not von sich abzuwehren und der Gefahr, der Bitterkeit allmählicher Verarmung zu entrinnen.<
Der Gutsherr, der sich unterdes der Herabsetzung der Pfandbriefzinsen erfreute, dachte nicht daran, seinen >Untertanen< in den Leistungen herabzusetzen. Er forderte nach wie vor den Grundzins, das Spinn-, Jagd- und Wächter-Geld, die Hofetage, das Schutzgeld etc. etc. und befand sich ganz wohl; er litt keine Not. Der Fabrikant und Leinwandkaufmann magerte trotz der schlechten Konjunktur nicht ab, im Gegenteil, er sah recht munter und behäbig aus, trank seinen Clicquot, aß Austern, gab Feten und hing seiner Gemahlin und Fräulein Töchtern für einige tausend Taler Geschmeide um den Hals, während sich da drüben die von Arbeit erschöpfte Armut im dumpfen, stinkenden Winkel, schlaflos vor Frost und Hunger, auf dem dürftigen Lager der Entbehrung wälzte. Da ertönte der Notruf in Schlesien und fernhin durch ganz Deutschland. Vereine zur Linderung der Not bildeten sich überall, ein Hoffnungsstrahl drang in die Hütten der Armen. Sie hörten von Vorschlägen, wie man eine große Assoziation bilden wolle, in welcher die Weber als Produzenten auch Teilnehmer am Gewinne ihrer eigenen Produkte werden, wie die Konsumenten nun unmittelbar von ihnen die Waren beziehen und das ganze Geschäft von eigens dazu angestellten, erfahrenen und besoldeten Beamten geleitet werden sollte". Der Notruf hatte zwar nicht die Not hervorgerufen, wie freilich viele jetzt uns überreden möchten; und die Verzweiflung würde ohnedies zum Ausbruch gekommen sein, denn >Not kennt kein Gebot<. Allein, wenn die Armen glaubten, nun in Kürze auf eine bessere Gestaltung ihrer Lage rechnen zu dürfen, so sahen sie doch bald, daß sie, wie immer, von der Willkür der Fabrikanten abhingen, daß der Lohn hier und da noch weiter herabging, und wenn auch an vielen Orten Geld und Lebensmittel verteilt wurden, so war das eben nur eine Galgenfrist, und die milden Spenden bloß ein Tropfen auf eine brennend heiße Sandwüste. Traf es sich nun gar, wie in Salzbrunn, daß für sämtliche Arme des eine Meile langen Dorfes an einem Wintertage 38 Metzen Kartoffeln aus dem landrätlichen Amte abgeholt und bei der Verteilung ganz erfroren und selbst fürs Vieh ungenießbar befunden wurden, so war es natürlich, daß die Weber und Spinner an der sehnlichst erwarteten Hilfe irre wurden. Einen kleinen Begriff von dem im Gebirge herrschenden Elende konnte man sich schon aus den von einer Menge von Dorfgerichten eingesandten, bescheinigten und der ersten Generalversammlung zu Schweidnitz in betreff der Weberangelegenheiten überreichten Tabellen und Listen bilden, worin die allerbedürftigsten, dem Hunger preisgegebenen Personen namentlich aufgeführt waren. Danach war selbst in kleinem Ortschaften die Zahl der Unglücklichen überraschend groß. So befanden sich in Dorfbach 31 Personen, in Grund 38 Personen, in Neugericht 110 Personen, in Toschendorf 48 Familien, in Zedlitzheyde 72 Familien, die aufs Äußerste gebracht waren, lauter Weber, Spuler und Spinner. Dies alles nur in einem kleinen Teile des Waldenburger Kreises. Und in andern Kreisen ist das Elend noch viel umfangreicher, viel schrecklicher. Wenden wir uns jetzt nach dem Eulengebirge, an dessen Fuße sich der erste blutige Akt, mindestens ein Vorspiel, in dem unaufhaltbaren Proletarier-Drama, im Kampfe des niedergetretenen, von der Macht des Geldes und der schlauen Berechnung zur Maschine erniedrigten Menschen um Wiedergewinnung seiner Würde, im Kriege der Besitzlosen gegen die Tyrannei und Selbstsucht des Privat-Eigentums, zu Anfang dieses Monats entwickelt hat.
Hier in den großen Dörfern Langenbielau (13 000 Einwohner), Peterswaldau (5000 Einwohner) und in den übrigen Dörfern, wie Arnsdorf, Peilau usw. ist besonders die Baumwollenweberei zu Hause. Die Not der Arbeiter war und ist hier nicht minder bedeutend, ja vielleicht mehr noch als in andern Gegenden, obgleich man denken sollte, das Elend könne keinen höhern Grad erreichen, als auf dem es im Landeshuter, Hirschberger, Bolkenhainer und andern Kreisen anzutreffen ist. Schon im Winter, mit beginnendein Februar, fand in Bielau ein kleiner Aufstand statt. Ein Haufe rief durch Signale die Weber des Dorfes zusammen. Man befreite einen Kameraden, der eingesperrt worden. Durch einige Geschenke wurde die Menge beschwichtigt. Eine Untersuchung des Vorfalls folgte, doch bei der Heimlichkeit unseres Verfahrens blieb dieser Vorgang selbst in Breslau, d. h. unter dem nicht regierungsmäßigen Publikum, meist unbekannt. Inzwischen wurde die Not und das Drängen nach Arbeit von einzelnen Fabrikanten möglichst benutzt, um für geringen Lohn viel Ware zu erhalten. Unter diesen ragten die Gebrüder Zwanziger in Peterswaldau besonders hervor. Für eine Webe Kattun von 140 Ellen, woran ein Weber 9 Tage zu arbeiten hat und wofür andere Lohnherren 32 Sgr. zahlten, gaben sie nur 15 Sgr. Für 160 Ellen Barchent, welches 8 volle Tage angestrengter Arbeit erfordert, entrichteten sie 121/2 und 12 Sgr. Lohn. Ja, sie erklärten sich bereit, noch 300 Weber in Arbeit zu nehmen, wofern diese ebensoviel für 10 Sgr. arbeiten wollten. Das bitterste Elend zwang die Armen, auch unter dieser Bedingung zu arbeiten. Von seinen 12 oder respektive 10 Sgr. mußte der Weber noch 21/2 bis 3 Sgr. an den Spuler entrichten, alle Staats-, Gemeinde- und gutsherrlichen Lasten tragen und — leben! Ach! wenn mich doch einer belehren wollte, warum der faulenzende Sohn reicher Eltern, der in Bädern, auf Reisen und sonstwo schwelgende Besitzer von 3, 10 und 100 Gütern und Herrschaften, der müßige Kapitalist, die >wohlhabende Jugend des Landes<, der Major, Oberst, General, der nach unblutigem Kriegsspiel in langer Friedenszeit sich mit einer Pension von 1000, 1500, 2000 Tlr. usw. zurückzieht, warum diese trotz ihres Nichtarbeitens von Jugend auf dennoch herrlich und in Freuden leben, und der fleißige Arbeiter vertiert und verdumpft, aller moralischen und intellektuellen Entwicklung beraubt, für seine tägliche mühsame Arbeit von 14 bis 16 langen, langen Stunden nicht einmal so viel gewinnt, daß er mindestens die Bedürfnisse eines Tieres, die Forderungen des Magens, befriedigen kann! Doch ich gehe weiter.
Das anfangs nicht allzu große Vermögen der Zwanziger war in kurzer Zeit zu großem Reichtum angewachsen. Sechs prächtige Gebäude gaben Zeugnis davon. Herrliche Spiegelscheiben, Fensterrahmen von Kirschbaumholz, Treppengeländer von Mahagoni, Kleider- und Wagenpracht sprachen der Armut der Weber hohn. Bei der letzten Lohnverkürzung sollen die Zwanziger auf der Weber ihre Vorstellung, daß sie nun gar nicht mehr bestehen und selbst nicht mehr Kartoffeln kaufen könnten, geäußert haben: sie würden noch für eine Quarkschnitte arbeiten müssen, oder, wie andere sagen: die Weber möchten nur, wenn sie nichts anderes hätten, Gras fressen; das sei heuer reichlich gewachsen. Ich lasse diese Äußerungen dahingestellt sein. Ich teile sie nur mit, weil sie in aller Munde sind. Dagegen kann ich folgenden kurzen Bericht, wie ich ihn Augenzeugen, und zwar glaubhaften Männern, nacherzähle, verbürgen.
Ein Gedicht, nach der Volksmelodie: >Es liegt ein Schloß in Österreich< abgefaßt und von den Webern gesungen, ward gleichsam die Marseillaise der Notleidenden. Sie sangen es zumal vor Zwanzigers Hause wiederholt ab. Einer ward ergriffen, ins Haus genommen, durchgeprügelt und der Ortspolizei überliefert. Endlich um 2 Uhr nachmittags, den 4. Juni, trat der Strom über seine Ufer. Eine Schar Weber erschien in Nieder-Peterswaldau und zog auf ihrem Marsche alle Weber aus den Wohnungen rechts und links an sich. Alsdann begaben sie sich nach dem wenig entfernten Kapellenberge und ordneten sich paarweise und rückten so auf das neue Zwanzigersche Wohngebäude los. Sie forderten höheren Lohn und — ein Geschenk! Mit Spott und Drohen schlug man's ihnen ab. Nun dauerte es nicht lange, so stürmte die Masse ins Haus, erbrach alle Kammern, Gewölbe, Böden und Keller und zertrümmerte alles von den prächtigen Spiegelfenstern, Trumeaus, Lüster, Öfen, Porzellan, Möbel bis auf die Treppengeländer herab, zerriß die Bücher, Wechsel und Papiere, drang in das zweite Wohngebäude, in die Remisen, ins Trockenhaus, zur Mange, ins Packhaus und stürzte die Waren und Vorräte zu den Fenstern hinaus, wo sie zerrissen, zerstückt und mit Füßen getreten oder, in Nachahmung des Leipziger Meßgeschäfts, an die Umstehenden verteilt wurden. Zwanziger flüchtete sich mit seiner Familie in Todesangst nach Reichenbach. Die dasigen Bürger, welche einen solchen Gast, der die Weber auch ihnen auf den Hals ziehen konnte, nicht dulden wollten, veranlaßten ihn zur Weiterreise nach Schweidnitz. Aber auch hier deuteten ihm die Behörden an, die Stadt zu verlassen, weil sie durch seine Gegenwart leicht einer Gefahr ausgesetzt sein konnten, und so fand er endlich hier in Breslau Sicherheit.
Der Polizeiverweser Christ und ein Gendarm nahmen zwar in Peterswaldau eine Arretierung vor, indes befreiten die Weber bald den Gefangenen. Neben Zwanziger wohnt der Fabrikant Wagenknecht. Er hatte die Weber menschlicher behandelt, er blieb verschont. Da er ihnen noch ein kleines Geschenk verabreichte, brachten sie ihm ein Vivat aus. Bald fanden sich Weber aus Arnsdorf und Bielau ein. Was bei Zwanziger noch übriggeblieben, wurde vollends zertrümmert. Die Nacht unterbrach das Rachewerk. Ich darf den Vorschlag einiger Weber, die Häuser anzuzünden und die Verwerfung desselben aus dem Grunde, weil die so Beschädigten dann Brandgelder erhielten und es doch darauf ankomme, sie auch einmal arm zu machen, damit sie erführen, wie der Hunger tue, als zu charakteristisch nicht unerwähnt lassen. Am folgenden Tage, den 5. Juni, ging es zum drittenmal in die Zwanzigerschen Etablissements. Ein Garnvorrat auf dem Boden des Hauses war am 4. Juni nicht entdeckt worden; darum fiel er heute der Vernichtung anheim. Zum Schluß ward selbst an die Dächer Hand gelegt und ihre teilweise Zerstörung bewerkstelligt. Nachdem hier alles zu Ende, begab sich der Haufe zum Fabrikant F. W. Fellmann jun. Fellmann beschwichtigte die Leute, indem er jedem 5 Sgr. zahlte und Brot und Butter nebst einigen Speckseiten an sie verabreichte. Ein Stück Brot und ein Viergroschenstück reichten hin, die Wut der von Hunger und Rache Getriebenen im Zaum zu halten! Nun ging's weiter zu E. G. Hofrichters Witwe und Söhne. Die Masse der Weber betrug hier schon an 3000. Auch Hofrichter zahlte ein Geschenk von 5 Sgr. für den einzelnen, doch erhielten dies nur die ersten, die letzten weniger.
Von hier bewegte sich der Zug zum >Sechsgröschel Hilbert<. Hilbert und Andretzky wohnen in Bielau. Mit ihrem Hause begann die Zerstörung an diesem Orte. Zunächst kam das obere Etablissement der Gebrüder Dierig an die Reihe. Der Pastor Seiffert, Schwiegersohn des Dierig, dem seine Frau eine Mitgift von 20 000 Talern zugebracht und der nun wohl bequem von der ruhigen Ergebung des wahren Christen in sein Schicksal, von den Freuden, die dem Dulder hienieden dort oben winken, sollen sprechen, und zur Ruhe und zum Frieden ermahnen mochte, soll ins Wasser geworfen worden sein. Unterdes hatten die Kommis ihre Fabrikknechte und andere Leute versammelt, mit Knütteln und was sonst zur Hand lag, bewaffnet und drangen nun unter Anführung des Bauergutsbesitzers Werner auf die Weber los. Nach einem heftigen Gefecht flohen die Weber unter Zurücklassung mannigfaltiger Blutspuren und mit zerschlagenen Köpfen zu dem Gebäude hinaus und fort. Indes fanden sich die Entwichenen mit neu Angekommenen bald vor dem zweiten Hause Dierigs ein. Besonders hatten sich viele Weber von denen, die bei Dierig arbeiten, versammelt. Letzterer hatte allen, die sein Eigentum beschützen und somit sich selbst die Gelegenheit, weiter zu arbeiten, erhalten würden, ein Geschenk von 5 Sgr. zugesagt. Mehrere Fremde, die eindringen wollten, waren von den zur Beschützung Bereitwilligen zurückgewiesen worden. Unterdes rückte das schon vor 24 Stunden aus Schweidnitz requirierte Militär in Bielau ein. Ich verbürge nicht, ob Pastor Seiffert zu seinem Schwiegervater gesagt hat: jetzt brauche er nicht mehr zu bezahlen, das Militär sei ja da! Genug, so wird es fast allgemein erzählt. Das steht fest, daß sich die Menge soeben in Ordnung aufzustellen begann, um die auf einem Zettel, der ans Haus geklebt wurde, von Dierig versprochenen 5 Sgr. entgegenzunehmen, als das Militär ankam. Dieses verschaffte sich durch Rückwärtsbewegung einigen Raum. Weber redeten es in der Nähe an, und der Kommandierende mochte solche Ansprache mit Recht für gefahrbringend halten. Deshalb begab sich der Major von der ersten Stelle weg, um hinter dem Hause und auf seinen Seiten eine vorteilhaftere Stellung zu wählen. Ein Leutnant mit 10 Mann wurde in den Garten vor dem Hause beordert. Die Weber formierten zwei Reihen, um jeder seine 5 Sgr. zu erhalten. Die Austeilung sollte am Hause des Dierig vor sich gehen und jeder bald nach dem Empfang durchs Haus hindurch ins Freie sich entfernen. Die Ein- und Ausgänge waren mit Soldaten besetzt. Es dauerte aber so lange und die Zahlung verzögerte sich so sehr, daß die Masse ungeduldig wurde und, außerdem beim Anblick der Soldaten ohnehin aufgeregt und von einigen Unteroffizieren barsch zur Ordnung gerufen und bald fest überzeugt, daß sie kein Geld erhalten würde, gegen die Truppen immer mehr andrängte. Der Major, welcher Dierigs Haus und seine Truppen mehr und mehr bedroht sah, ließ Feuer geben.
Infolge dreier Gewehrsalven blieben sofort 11 Menschen tot. Blut und Gehirn spritzte weit hin. Einem Manne trat das Gehirn über dem Auge heraus. Eine Frau, die 200 Schritte entfernt an der Türe ihres Hauses stand, sank regungslos nieder. Einem Manne war die eine Seite des Kopfes hinweggerissen. Die blutige Hirnschale lag entfernt von ihm. Eine Mutter von 6 Kindern starb denselben Abend an mehreren Schußwunden. Ein Mädchen, das in die Strickstunde ging, sank von Kugeln getroffen zu Boden. Eine Frau, die ihren Mann stürzen sah, ging auf den Boden und erhängte sich. Ein Knabe von 8 Jahren wurde durchs Knie geschossen. Bis jetzt sind überhaupt 24 schwer und tödlich Verwundete, außer den obigen 11 Toten, bekanntgeworden. Wie viele ihre Wunden verheimlichen, läßt sich vielleicht später erfuhren. Nach den ersten Salven herrschte einige Sekunden eine Totenstille. Aber der Anblick des Blutes um und neben ihnen, das Stöhnen und Röcheln der im Verscheiden Begriffenen, der Jammer der Blessierten trieb die mutigsten unter den Webern zum Widerstande. Sie antworteten mit Steinen, die sie von den Steinhaufen der Straße aufrafften. Als nun zwar noch mehrere Schüsse getan und dadurch abermals einige Weber verwundet wurden, gleichwohl aber die Weber auf der einen Seite entfliehend, von der andern her zurückkehrten und unter den fürchterlichsten Flüchen und Verwünschungen mit Steinen zu werfen fortfuhren, mit Knütteln, Äxten usw. vordrangen, bewerkstelligte der Major v. Rosenberger seinen Rückzug. Hätte er länger gezögert, so war es vielleicht für immer zu spät. Abends 10 Uhr langte der Major v. Schlichting mit 4 Kompanien in Peterswaldau an. Auch 4 Geschütze trafen von Schweidnitz ein.
Am 6. Juni frühzeitig ging die gedachte Infanterie und Artillerie nach Bielau ab, doch blieb eine Kompanie in Peterswaldau, die noch am selbigen Tage, weil es wiederum heftiger gärte, an einer zweiten Sukkurs erhielt. Die Geschütze fuhren in Bielau auf, die Artilleristen mit brennenden Lunten daneben. In der Nacht vom 5. zum 6. Juni war nach dem Abmarsch der v. Rosenbergerschen Truppen das eine Dierigsche Haus mit einem Nebengebäude demoliert worden. In der Nähe der Dierigschen Häuser wurde nun vom Major v. Schlichting ein Teil seiner Krieger aufgestellt, der andere Teil beim gutsherrlichen Schlosse postiert. Es zeigten sich zwar auch an diesem Morgen einzelne Haufen, welche sich die Gassen auf- und abbewegten. Zwar schien das Blut, welches dick geronnen vor Dierigs Hause stand, an Pfählen, Planken und auf Stufen mit Gehirnteilen untermischt, den unverwandten Blick der umstehenden Webermasse fesselte, die im Innern tobende Rache-Furie aufs neue entfisseln zu müssen, allein, die Stärke der militärischen Macht, der Infanterie und Artillerie, später noch der Kavallerie, ließ die Weber keinen weitern Widerstand versuchen. Vielmehr zog sich ein Teil von ihnen nach Friedrichsgrund bei Leutmannsdorf und vernichtete die bei dem dortigen Ausgeber der Zwanziger vorgefundenen Waren, enthielt sich aber jedes sonstigen Angriffs.
Bei den Vorfällen aller 3 Tage ist wohl zu beachten, daß die Fabrikanten nirgends persönlich angegriffen oder gemißhandelt, daß kein Feuer angelegt und auch die Bäckerläden, gegen welche eben keine günstige Stimmung herrschte, völlig verschont wurden. Am 6. Juni hatte sich auch der Herr Ober-Präsident eingefunden.
Während nun Breslau seine Schützen, Brieg seine Infanterie (per Eisenbahn) bis Königszelt und von da nach den Orten der Verwüstung sandte, und die Husaren von Strehlen gleichfalls herbeigekommen waren, fing es hier in Breslau an demselben Tage (6. Juni), wo Estaffette auf Estaffette durch die Straßen eilte, abends zu gären, sich in Haufen zu sammeln und lärmend hin und her zu ziehen an. Die erwartete Ankunft Prinz Adalberts und der dabei gehoffte Zapfenstreich hatte außerdem viele Menschen aufden Markt gezogen. Man hörte überall Gruppen sich über die Weber unterhalten; eine gewisse fieberhafte Spannung war bemerkbar. Doch wurden in dieser Nacht bloß mehrere Fenster auf der Karlsstraße eingeworfen. Am folgenden Abende (7. Juni) erneuerte sich der Tumult, nur weit stärker. Der Prinz war gekommen, aber der Zapfenstreich unterblieb. Der Kommandant v. Zollikofer redete die auf dem Markt dichtgedrängte Masse an und ermahnte sie zum ruhigen Auseinandergehen. Entsetzliches Pfeifen, Hurrageschrei und Zischen veranlaßten ihn, sich sofort wieder in die Hauptwache hineinzubegeben. Die Hauptstraßen waren so voll Menschen, so dicht gedrängt, daß man weder vor noch zurück konnte. Es wogte die Menge mit Toben und Pfeifen auf und ab. Mehrere Kompanien Infanterie wurden nun auf einigen Hauptpunkten, die Kürassiere auf dem Markte aufgestellt, die übrigen Truppen in den Kasernen konsigniert, die Geschütze bereitgehalten und die Kompanien der Bürger-Schützen aufgeboten. Starke Kürassier-Patrouillen durchritten die Straßen. Allein, teils der Mutwille, teils der besonders in Schneidern und Tischlern gegen die Juden glimmende Haß hatte bereits einen großen Schwarm nach der Karls- und Antonienstraße und durch die goldene Radegasse getrieben, wo er alle Fenster einwarf und zertrümmerte. Die Reiter-Patrouillen und dann die übrigen imposanten Truppenmassen verhinderten weitere Exzesse. An 50 Personen wurden arretiert. Die schnell, ungemein schnell beendigte Untersuchung hat für 18 von den Eingefangenen Freiheits- und Leibesstrafen zur Folge gehabt. Unter den Verurteilten befinden sich meist Handwerksgesellen und Lehrlinge, auch ein Hausknecht, ein Formenstecher, ein Handlungskommis und ein Gärtner.
Die Kunde von dem Aufstande der Weber verbreitete sich mit Blitzesschnelle in der Provinz. Zwar den hiesigen Zeitungen wurde sogar eine ganz kurze Notiz vom Zensor gestrichen, und später nach langen Konferenzen einiger Mitglieder der Regierung ein kleiner offizieller Artikel eingerückt. Desto geschäftiger war die Fama. Die übertriebensten Gerüchte fanden gläubige Aufnahme. Was über Organisation, Zahl und Bewaffnung gefabelt ward, ist erstaunlich. Um so begieriger griff jeder nach den Zeitungen. Sie aber sprachen über alles, nur über das nicht, was alle Gemüter in Bewegung setzte. Und doch war die Teilnahme für die Weber in den arbeitenden Volksklassen allgemein, unter den höhern Klassen nicht unbedeutend, hier jedoch von seiten der Reichen und Kapitalisten weit überwogen durch Opposition, Haß und — Furcht. Nach Versicherungen glaubhafter Leute war das ganze Gebirge bereit, >wenn nur erst die Weber kämen<, sich ihnen anzuschließen. Ich selbst hörte gerade an den Tagen vom 7. Juni ab auf einer kleinen Reise überall die entschiedenste Sprache auf Dörfern und in der Stadt, daß die Weber recht hätten und daß es nur alle so machen sollten, dann würde es schon ganz anders werden. Gegen die reichen Fabrikanten, gegen den Adel und die Gutsbesitzer, gegen die Reichen und Vornehmen überhaupt, hörte ich die drohendsten Äußerungen. Bald hieß es: 10 000 Weber ziehen nach Freiburg zum Kramsta, bald: sie hätten ihren Weg nach Wüstegiersdorf und weiterhin genommen. An beiden letztgenannten Orten war bereits Militär zum Schutze aufgestellt. Sonntags, den 9. [ Juni], erzählte mir ein Bauer aus Jauernik: Er sei, wie die andern im Dorfe und im ganzen Kreise, beordert, morgen zu Pferde und mit Stricken versehen auf die geflüchteten Weber Jagd zu machen. >Und wenn ich über an Waber foalle<, setzte er hinzu, >ich war gewieß kenn sahn!< (Und wenn ich über einen Weber falle, ich werde gewiß keinen sehen!) Damit nicht Zuzug und Hilfe von der Grafschaft und über die Eule her erfolge, hatte man schleunige Maßregeln der Bewachung ergriffen. Auf der Station Königszelt wurde, wie man mir erzählte, ein Kommis, der sich heftig gegen die Weber und für die Fabrikanten aussprach, unsanft zur Türe hinausgewiesen, und obgleich er ein Fahrbillett nach Breslau gelöst, erblickte man ihn doch nicht wieder. Ich führe dies bloß als Zeichen der herrschenden Stimmung an. — Schon am 6. Juni wurden eine Menge Verhaftungen in Bielau und Peterswaldau vorgenommen und an den folgenden Tagen und Nächten fortgesetzt. Ein Teil der Weber hatte sich einstweilen in die Wälder und Berge begeben. Die, welche des Abends etwa heimkehrten, wurden gefesselt und nach Schweidnitz geführt. Hundert mögen sich jetzt dort im Gefängnis befinden. Eine Spezialkommission von dem hiesigen Oberlandesgericht verfügte sich bald nach Schweidnitz. Die Eingezogenen sind der Beschädigung fremden Eigentums aus Rache angeklagt und dürfen sonach einer schweren Strafe gewiß sein. Doch haben sie den Trost, daß sie im Zuchthause sich immer besser befinden als in der sogenannten Freiheit. Sie werden wenigstens nicht verhungern, nachdem sie der Staat in seine Obhut genommen. Für die Frauen und Kinder wird doch ebenfalls einige Hilfe geschafft werden, und so mögen sie auch von dieser Seite beruhigt sein. Eine Aufforderung, respektive Anzeige, daß für die Hinterbliebenen derer, die in Bielau erschossen wurden, eine Sammlung eröffnet sei, hat der hiesige Zensor gestrichen; so wie er überhaupt alles, selbst in den Artikeln der Minister Rother und Bodelschwingh, mit seinem Rotstift vertilgt, was von Not und Elend unter den Webern handelt. Daß er nur nach >höhern Instruktionen< verfährt, versteht sich von selbst. Man befürchtet den Einfluß der Presse und meint, schon einige Worte dürften hinreichen, um das Gebirge in Aufruhr zu bringen. Allein, entweder ist die offizielle Versicherung, es sei die Ruhe überall zurückgekehrt, ungegründet und man glaubt wirklich ihrer nicht sicher zu sein, trotz aller Soldaten und Bajonette, oder man benutzt bloß die Gelegenheit, um die in gewissen Regionen längst mit bösem Auge angesehene Presse, der man sogar die Schuld an den Vorfällen beimißt, auf lange Zeit hinaus wiederum mit all den früheren Gewichten zu beschweren. So müssen uns die übrigen Blätter Deutschlands schadlos halten. Nach Schluß der Untersuchung haben wir jedenfalls in den hiesigen Zeitungen einen längern offiziellen Bericht zu erwarten. Wie sollte der uns aber das öffentliche und mündliche Verfahren vorm Geschwornengericht ersetzen? Ich zweifle keinen Augenblick, daß die Kommission mit aller Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit zu Werke gehen wird. Allein, beim besten Willen bleiben es eben tote Aktenstücke, was sie hinter den Inquisitionsmauern zusammenschreibt. Die öffentliche Verhandlung vor allem Volk würde so manche Dinge ans Tageslicht bringen, die jetzt der einsame Inquisit entweder gar nicht anführt, oder sie in die Sprache des Richters übertragen und in den Akten vergraben sieht. Ich meine keineswegs, daß die Geschwornen etwa ein günstigeres Urteil über die Weber fällen würden als unsere Richter. Im Gegenteil. Denn gerade eine bestimmte Höhe des Privateigentums macht erst den Geschwornen, und letzterer fühlt sich in jedem Angriff der Besitzlosen gegen die Besitzenden und Reichen selbst aufs nächste bedroht, und Frankreich und England zeigen, was der Proletarier vorn Proprietär, dieser mag als Lohnherr oder Geschworner auftreten, zu erwarten hat. Der Nutzen bestände nur darin, daß einmal vor den Augen und Ohren des Volkes über die Folgen der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen verhandelt werden könnte. Die Untersuchung dehnt sich übrigens immer weiter aus. Aus Peterswaldau und Bielau haben die dortigen justitiarien an das hiesige Oberlandesgericht geschrieben, ob sie nicht ausnahmsweise die große Zahl von meist Weibern und Kindern, die wegen Entwendung und Verheimlichung verschiedener beim Tumulte aus den Häusern geworfener Waren angezeigt werden, auf freiem Fuße vernehmen dürften, da ihre Einsperrung leicht neue Ausbrüche herbeiführen könnte und auch die Gefängnisse gar nicht für die Menge zureichen würden. Nach eingeholtem Gutachten der hiesigen Regierung ist nun dem gedachten Gerichtspersonal von hier aus befohlen worden, mit der Verhaftung ohne Ausnahme vorzuschreiten.
Es ist den Webern häufig der Vorwurf geworden, daß sie lieber bei ihrem Geschäft elend leben als zu etwas anderm greifen wollten. Man hat ihnen zu Eisenbahn- und sonstigen Arbeiten geraten. Wer aber die abgemagerten, hektischen und rachitischen Gestalten ins Auge faßt, muß bald davon zurückkommen. Und ob sie als Weber oder als Tagearbeiter auf Straßen, herrschaftlichem Acker etc. eine kümmerliche Existenz fristen, macht überhaupt keinen sonderlichen Unterschied. Ein zweiter Tadel besteht darin, daß sie bei ihrer alten Weise, ihren alten Webstühlen, bei dem Verfahren, wie es der Großvater getrieben, stehenbleiben und an keine Verbesserung heranwollen. Seltsamer Vorwurf! Während die Gesellschaft sich um die Weber von deren Geburt an nicht weiter kümmert, als daß sie dieselben bis zum 14ten Jahre zum Schulbesuch zwingt, so durch Verkürzung der Arbeitszeit den Armen noch ärmer macht und ihm in der Schule dafür keinen andern Ersatz gibt als eine Menge auswendig gelernter Sprüche, Gesänge, Episteln, Evangelien und etwas Schreiben und Rechnen — was man alles zusammen doch wahrhaftig nicht menschliche Bildung nennen wird —, verlangt man von ihnen, sich von Vorurteilen loszumachen, da doch die höhern Klassen mit all ihrer Aufklärung und Kultur noch weit hartnäckiger an den ihrigen hängen. Bringt den Webern Bildung bei, und damit sie möglich und zugleich fürs Leben fruchtbar sei, sorgt auch für ihr körperliches Wohlergehen, und sie werden sich leicht in die Fortschritte des menschlichen Geistes finden. Andere möchten den Weber zum Kolonisten in Posen und Ostpreußen machen. Aber erzeugt denn nicht unsere Provinz Getreide und Lebensmittel aller Art in solcher Fülle, und kann der Ertrag des Bodens nicht noch so unberechenbar gesteigert werden, daß nicht bloß die jetzige Bevölkerung, sondern eine viel größere, ihren hinlänglichen Unterhalt findet? Werden nicht jährlich viele 100 000 Scheffel an Getreide und Mehl ausgeführt? Und der Weber sollte auswandern, wo so viel Überfluß? Wo eine Menge Nichtstuer täglich Unmassen von Fleisch, Wein und Backereien vergeudet, da sollte für den Weber kein Stück Brot, kein Glas Bier mehr übrig sein? Der Weber hat lange genug als Kind in der Schule, als Erwachsener sonntäglich in der Kirche von der >christlichen Liebe< und >Aufopferung<, von der >Pflicht<, seinem >Nächsten zu helfen< mit allem, was dem einzelnen zu Gebote steht, salbungsvoll reden hören, und er sollte jetzt vor dieser viel- gepriesenen Liebe Reißaus nehmen? Er fängt vielmehr an zu ahnen, daß, wenn Mühe, Drangsal und Hunger hienieden zur Krone des ewigen Lebens berechtigen, ihm die Reichen und Gebildeten längst dieses Privilegium entrissen hätten, und der Gedanke beginnt in ihm zu tagen, daß da, wo millionenreiche Fabrikanten, Gutsherren, die 10 000, 20 000 bis 100 000 Morgen Landes besitzen und viele, viele Tausend jährlich einnehmen, es nur einer vernünftigen Gestaltung der menschlichen Gesellschaft bedürfe, um schon hienieden den Himmel zu gründen und aus dem jetzigen Überfluß der einen den Mangel der andern zu ergänzen. Es kommen aber noch andere Ärzte, die bringen Schutzzölle in Vorschlag, wieder andere ein beschränkendes Gewerbepolizeigesetz u. dergl. Wer über die Natur des Privateigentums und seine Konsequenzen ernstlich nachgedacht, wird von Dingen, die höchstens einige Zeit als kleines Palliativ wirken könnten, keine Radikalkur hoffen. Nur eine Reorganisation, eine Umgestaltung der Gesellschaft auf dem Prinzipe der Solidarität, der Gegenseitigkeit und Gemeinschaftlichkeit, mit einem Wort der Gerechtigkeit, kann uns zum Frieden und zum Glücke führen.
Breslau, Ende Juni F. W. Wolff