Lutz KronebergZur Rezeption der Weber-Revolte
In: Lutz Kroneberg/Rolf Schloesser: Weber-Revolte 1844. Der schlesische Weberaufstand im Spiegel der zeitgenössischen Publizistik und Literatur. Köln, iLv leske republik, 1979
(mit kommentierenden Anmerkungen des Autors aus dem Jahr 2009)
Gerhart Hauptmann, nicht unseren Geschichtsbüchern, ist zu verdanken, wenn heute nach 135 Jahren die Revolte der schlesischen Weber noch nicht in Vergessenheit geraten ist. Erst dem Schlesier Gerhart Hauptmann gelang es mit seinem rund fünfundvierzig Jahre nach dem Aufstand geschriebenen Weber-Drama, eine breite Öffentlichkeit für das Thema zu interessieren. Seit 1890 war von sozialdemokratischer Seite die unverändert schlechte Lage der Textilarbeiter mit den Ereignissen von 1844 verbunden worden. Wie konnte so viele Jahre nach der Revolte ein Drama Auseinandersetzungen provozieren, bei denen es nicht allein um literarische Formprobleme ging, sondern vielmehr um politische und soziale Konflikte der neunziger Jahre? War dies möglich, weil die Staats- und Gesellschaftsordnung des Jahres 1844 noch immer bestand — wie der Berliner Polizeipräsident von Richthofen im Februar 1893 in dem Verfahren um die Freigabe des Weber-Dramas für die öffentliche Aufführung feststellte? Oder hatte etwa Wilhelm Wolff mit seiner Bemerkung aus dem Jahr 1844 recht, die schlesischen Weber seien >die verlornen Posten einer siegreichen Zukunft<?
Was war bis 1890 aus den elend lebenden, zerlumpten, dem Hungertode nahen und gegen ihre Ausbeutung revoltierenden Spinnern und Webern des Jahres 1844 geworden?
Ruhe und Ordnung waren schon wenige Tage nach dem Aufstand durch den konzentrierten Einsatz preußischen Militärs wiederhergestellt. Ober-Präsident von Merekel versuchte auch nach der Revolte, gegenüber der preußischen Regierung jeglichen Notstand in Schlesien zu leugnen. Trotzdem ordnete sie noch vor den Urteilsverkündungen im Prozeß gegen die Aufständischen eine Untersuchung der Notlage in den Webereidistrikten an; beauftragt damit wurde Alexander von Minutoli. Auch die Hilfsvereine, besonders der Breslauer, dem durch die Spendenaufsrufe in der deutschen Presse und die ausführliche Berichterstattung über die Revolte erhebliche, freilich in keiner Weise ausreichende Summen zugekommen waren, setzten ihre Tätigkeit fort. Aber das Geld war bald aufgebraucht und die Öffentlichkeit durch weitere Spendenaufrufe kaum noch zu >milden Gaben< zu bewegen. Strukturprobleme, wie sie Alexander von Minutoli in der schlesischen Textilindustrie erkannt hatte und die seiner Meinung nach nur durch staatliche Investitionshilfen für die notwendige Mechanisierung des Spinnens und durch eine strenge staatliche Überwachung von Produktion und Distribution zu lösen gewesen wären, blieben bestehen. Der preußische Staat ersetzte den Gebrüdern Dierig die während der Revolte beschädigten Jacquard-Webstühle, stellte bescheidene Mittel zur Anschaffung neuer Arbeitsgeräte für die Hand- und Heimweber zur Verfügung und gab zaghafte Hilfen zur Förderung der Maschinenspinnerei. Darin erschöpfte sich die staatliche Hilfe; das schlesische Elend dauerte fort. Erst etwa zwanzig Jahre nach dem Aufstand war das Spinnen in Schlesien überwiegend mechanisiert. Gewebt wurde in den sechziger, aber auch noch in den neunziger Jahren meist mit der Hand- was dieschlesischen Webereidistrikte betrifft. Die übrige deutsche Textilindustrie, in der in den sechziger Jahren noch 40 Prozent aller Lohnabhängigen arbeiteten, war aufgrund der allgemeinen technischen und wirtschaftlichen Entwicklung — nicht zuletzt durch die rasante Ausweitung des Verkehrswesens — dezentralisiert und mechanisiert worden. Die schlesische Textilfertigung aber, die schon in den dreißiger und vierziger Jahren den Anschluß an die englische Konkurrenz nicht hatte halten können, blieb rückständig und war mehr und mehr auch der Binnenkonkurrenz ausgesetzt. Die schlesischen Spinner und Weber, die nicht in die neu entstandenen Industriezentren, z. B. Berlin und das Ruhrgebiet, abgewandert waren, waren tatsächlich >verlorne Posten< der Sozialgeschichte. Für sie hatte sich, bei allen politischen Umwälzungen in Deutschland zwischen 1844 und 1894, nichts geändert: Zeitungsberichte, die um 1890 die Lebens- und Arbeitsbedingungen der schlesischen Weber beschrieben, unterschieden sich kaum von denen aus dein Jahr 1844. (Anmerkung 2009: Aus meiner heutigen Kenntnis sind diese Bermerkungen zur Textilgeschichte in Schlesien zwischen 1850 und 1900 nicht mehr zu halten. Textilhandelshäuser, die 1844 in Langenbielau und Peterswaldau präsent waren, haben sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts teils prächtig entwickelt und haben in Schlesien zehntausende von industriellen Arbeitsplätzen geschaffen. Dabei spielte das Unternehmen der Familie Dierig eine herausragende Rolle. Um 1930 war Dierig das grösste Textilunternehmen Europas mit 15.000 Beschäftigten. Langenbielau war inzwischen “Dierig-Stadt”. Maßgeblich zum Erfolg des Unternehmens, das heute von Augsburg aus seine Geschicke lenkt, trug die soziale Qualität der Unternehmenspolitik bei. Werksarzt, Werkskindergarten, Werkswohnungen und eine Betriebsrente trugen schon den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts zur Stabilität und zum nachhaltigen Erfolg des Unternehmens bei.)
Den Industrie- und Fabrikarbeitern ging es in den neunziger Jahren besser als den schlesischen Webern. Hatte für jene etwa die >siegreiche Zukunft< schon begonnen? Sie verdienten fast doppelt soviel wie ein schlesischer Heimweber, aber auch ihre Löhne lagen immer noch zirka 20 Prozent .unter dem Existenzminimum. Wirtschaftskrisen und Konjunkturschwankungen, miserable Wohn- und Arbeitsverhältnisse, fehlende soziale Sicherheit bei Krankheit und Arbeitsunfähigkeit, ein 12stündiger Arbeitstag ließen in der Arbeiterschaft immer mehr das Gefühl, die Erfahrung und das Bewußtsein sozialer Ungerechtigkeit aufkommen. Die Arbeiter erreichten zwischen 1850 und 1890 erst allmählich jenen Grad an Meinungsbildung, Organisation und theoretischer Grundlage, der sie nicht mehr in einzelnen Fabrikanten und Kapitalisten den Gegner sehen ließ, sondern in der Staats- und Gesellschaftsordnung des deutschen Kaiserreichs. Hierin liegt der wichtige Unterschied, wenn man den Bewußtseinsstand der revoltierenden Spinner und Weber des Jahres 1844 mit dem der Industriearbeiter der achtziger und neunziger Jahre vergleicht: Die schlesischen Spinner und Weber hatten nicht die Staats- und Gesellschaftsordnung Preußens ändern wollen. Ihr Aufstand richtete sich, auch aus christlich motivierter Empörung über ihre materielle Not, gegen die Handelsherren und deren verschwenderischen Reichtum. Allerdings konnte man schon 1844 die Aktion der Spinner und Weber so interpretieren, als zielte sie gegen die staatlichen und wirtschaftspolitischen Ordnungsprinzipien Preußens. Bereits wenige Tage nach dem Aufstand kommt es in der Presse zu zahlreichen Deutungsversuchen. Der Verlauf der Revolte wird in allen Einzelheiten geschildert, die oft auch so zurechtgestutzt werden, wie der Korrespondent sie haben will; etwa in der Frage, ob denn die Weber die Weinkeller gestürmt und die Weinvorräte lediglich vernichtet oder ob sie sich erst sinnlos betrunken und dann im Rausch die Gebäude demoliert haben.
Darüber hinaus werden aber auch soziale und politische Grundsatzfragen gestellt: Soll Deutschland sich zum Industriestaat entwickeln oder besser Agrarstaat bleiben? Wie steht es mit dem Verhältnis von Kapital und Arbeit? Hat der Socialismus und Communismus (in seinen damals verbreiteten frühen Thesen) unter Tagelöhnern, Spinnern, Webern und anderen Pauperisierten eine Chance? Welchen Einfluß hat die Presse auf soziale und politische Vorgänge?
Die Fragen sind ebenso grundsätzlicher Art wie die Antworten: Eduard Pelz zum Beispiel sieht in der >Händearbeit< und in der Abschaffung von Maschinen die Lösung der sozialen Probleme Schlesiens; Karl Grün in einer Organisation der Arbeit und Industrie, die dem Menschen Freiheit und Emanzipation bringen könne; Wilhelm Wolff in einer gerechten und solidarischen Reorganisation und Umgestaltung der Gesellschaft. Aber cs gibt auch Stimmen, die jeglichen Notstand leugnen oder ihn in individuellen Unzulänglichkeiten, etwa in Trunksucht oder in mangelnder Religiosität und Moral begründet sehen.
Diese Fragen, die auch schon vor dem Weberaufstand vereinzelt gestellt worden waren, bleiben in Preußen und dem späteren Kaiserreich bis in die neunziger Jahre und darüber hinaus aktuell. Bis 1890 ändern sich diese Probleme kaum -es kommen noch viele hinzu; was sich ändert, sind die Antworten und Forderungen der Industriearbeiter, ihrer Theoretiker und Funktionäre.
Die schlesischen Weber nehmen an der deutschen Arbeiterbewegung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Gruppe keinen aktiven Anteil, auch treten sie nicht wieder revoltierend in Erscheinung. 1864 entsenden sie eine Abordnung zum preußischen König Wilhelm I., um sich über ihre unzureichenden Löhne zu beklagen. Eine daraufhin eingesetzte Untersuchungskommission kommt zu dem Ergebnis: der Verdienst der schlesischen Weber liege etwa 25 Prozent unter dem Existenzminimum. August Bebel bringt 1879 im Selbstverlag eine Broschüre >Wie unsere Weber leben< heraus. Gewährsleute und Weber berichten darin über die katastrophalen Lebensverhältnisse der deutschen Textilarbeiter. Die ersten wirtschaftswissenschaftlichen Untersuchungen zur Weberfrage erscheinen. Die Arbeiten von Gustav Schmoller und Alfred Zimmermannes spielen bei der Diskussion in den achtziger Jahren nicht annähernd die Rolle wie die vielen Zeitungsberichte, in denen die aktuelle Not der Textilarbeiter beschrieben wird. Besonders 1891, zwei Jahre bevor Hauptmanns Weber-Drama uraufgeführt wird, greifen sozialdemokratische Redakteure in ihren Blättern die Weberfrage auf und beziehen sich auf den Aufstand von 1844.
Dabei wird an ihn als erste bedeutende Arbeiterrevolte auf deutschem Boden erinnert. Hierdurch sollte Verständnis für die historische Dimension der aktuellen Konflikte geweckt werden. Zugleich aber auch den Herrschenden vor Augen geführt werden, daß es bei den zahlreichen Streiks nicht immer nur bei friedlichen Forderungen nach einer Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen bleiben müsse. Die Rückbesinnung auf die Weber-Revolte war also zu Anfang der neunziger Jahre mit der Tendenz verbunden, das revolutionäre Potential der Arbeiterbewegung zu mobilisieren. Damit schloß sich die nach der Aufhebung der Sozialistengesetze in ihrer Organisation und ihrem Selbstbewußtsein erstarkte Sozialdemokratie der Marxschen Deutung an, die Revolte sei ein proletarisch bewußter Arbeiteraufstand gegen die >Gesellschaft des Privateigentums< gewesen. Diese Einschätzung mutet auf den ersten Blick übertrieben an, vor allem, wenn man bedenkt, daß die schlesischen Weber in der Mehrzahl königstreu und stark von Pietismus oder Katholizismus geprägt waren. Aber die Stoßrichtung und auch die Art des Aufstands belegen deutlich, daß sie zwar nicht den politischen Feind oder den Klerus im Auge hatten, wohl aber die Fabrikanten, und diese keineswegs nur als einzelne Personen, sondern als Vertreter ihrer Klasse. Über das >Bewußtsein< des einzelnen Webers werden sich schwerlich Aussagen machen lassen, über das Bewußtsein der aufständischen Weber als Gruppe dagegen sehr wohl. Insofern hatte diese Revolte, die Praxis, durchaus >theoretischen und bewußten Charakter». Es war eben kein Aufstand neidischer und luxusgieriger Hungerleider, eine oft wiederholte Fehleinschätzung, die schon 1844 die Kriminalisierung dieser Gruppe zum Ziel hatte.
Die durch die Revolte ausgelöste >Weberliteratur< blieb in ihrer Wirkung, wie auch die übrige soziale Literatur der vierziger Jahre, zunächst auf die Zeit bis zur Revolution von 1848/49 beschränkt. Noch 1851 formulierte der schlesische Literarhistoriker Hermann Hettner seine Auffassung vom >sozialen Drama< so: >Eben weil uns jetzt und in der nächsten Zukunft fast mehr noch als die politischen Kämpfe die sozialen Fragen beschäftigen werden, darum wird auch die kommende Dramatik uns weit mehr soziale als politische Kämpfe darstellen.< Aber zwischen 1850 und 1880 findet man, von ganz wenigen und heute zu Recht vergessenen Ausnahmen abgesehen, keine sozialen Dramen.
>Das soziale Drama im weitesten Sinne des Begriffs stellt den Regelfall der naturalistischen Dramatik in den achtziger und neunziger Jahren dar<. Auch wenn man an die bürgerlich-realistischen Erzähler der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts denkt, z. B. an Adalbert Stifter, Theodor Fontane, Theodor Storm, Wilhelm Raabe, so wird man das in den vierziger Jahren kurzfristig dominierende Weber-Thema nicht wiederfinden. Robert Prutz und Theodor Fontane grenzen sich schon zu Beginn der fünfziger Jahre gegen die soziale Literatur der vierziger Jahre ab. Im Gegensatz zu Ernst Dronke, der sich 1846 erklärtermaßen nicht als >Belletrist< verstand, fordern Robert Prutz und Theodor Fontane von einer zukünftigen Literatur >poetische Verklärung< und >Läuterung<. Prutz schreibt 1853: >Das praktische Leben verdrängt das ästhetische; nicht mehr die Literatur, sondern der Staat und die bürgerliche Gesellschaft mit ihren unentbehrlichen praktischen Voraussetzungen, mit Handel, Gewerbe etc. bildet die wahre historische Aufgabe unserer Zeit. Auch diese Epoche wird dereinst ebenfalls ihre poetische Verklärung finden und eine neue klassische Poesie erzeugen, eine Poesie der Wirklichkeit, des Kampfes, der Arbeit [. . .]. Ja die Anfänge dazu sind zum Teil schon gemacht, und nur ein blödes Auge kann den Kern verkennen wegen der unansehnlichen Schale, in welcher derselbe zur Zeit noch auftritt; in unseren politischen Dramen, unseren sozialen Novellen und Gedichten liegen die Anfänge dazu bereits vorhanden [. . .]<.
Ähnlich wie Prutz urteilt Theodor Fontane im gleichen Jahr in seinem Aufsatz >Unsere lyrische und epische Poesie seit 1848<: >[. . .] es ist auch noch nicht allzu lange her, daß man (namentlich in der Malerei) Misere mit Realismus verwechselte und bei Darstellung eines sterbenden Proletariers, den hungernde Kinder umstehen, oder gar bei Produktionen jener sogenannten Tendenzbilder (schlesische Weber, das Jagdrecht u. dgl. m.) sich einbildete, der Kunst eine glänzende Richtung vorgezeichnet zu haben. Diese Richtung verhält sich zum echten Realismus wie das rohe Erz zum Metall: die Läuterung fehlt.<
Fontane und Prutz argumentieren mit ihrer Kenntnis von sozialer Kunst der vierziger Jahre, Prutz auch als Autor von >Weberliteratur< (vgl. 5. 463 bis 468), Fontane mit dem Hinweis auf die >schlesischen Weber< (gemeint sind Carl Wilhelm Hübners Bilder >Die schlesischen Weber<, und >Das Jagdrecht<) . Die hier entworfene Theorie und spätere Praxis des bürgerlichen literarischen Realismus gestatteten nicht mehr die kontrastvolle Darstellung von arm und reich wie in der Vormärz-Literatur: Das lesende Bürgertum der Restaurationszeit wollte nicht mehr mit den Folgen der eigenen Wirtschaftspolitik konfrontiert werden.
In der Literatur wird das Weber-Thema zwischen 1851 und 1890 von Autoren des bürgerlichen Realismus nicht aufgenommen. Robert Schweichel (1821-1907), Sozialdemokrat und mit Wilhelm Liebknecht befreundet, greift das Weber-Thema in zwei Erzählungen auf, die sich nicht auf die Revolte von 1844 beziehen, und für die Maifeier von 1891 der >Volksbühne< schreibt Bruno Wille ein sozialdemokratisches Agitationsstück >Durch Kampf zur Freiheit<. Am 3. Mai 1891 berichtet der Berliner >Vorwärts< darüber: >[. . .] im ersten Akt wird das Elend einer schlesischen Weberfamilie geschildert. Die Ärmsten wollen nach Amerika auswandern, lassen sich aber durch die jammernde alte Mutter zurückhalten. Ein Aufstand entsteht, eine Fabrik wird demoliert, und das Schlußbild zeigt uns den Kampf der unerschrockenen Anführer gegen das Militär, das sie zum Abzug zwingen. Der zweite Akt führt uns ein Stimmungsbild aus dem Jahre 1848 vor, und das lebende Bild zeigt uns zum Schluß den Barrikadenkampf in Berlin. Der alte Weber Steinmann wird in diesem Kampf erschossen, aber sein Sohn kämpft in 40 langen Jahren den Kampf weiter. Er wird Sozialdemokrat. Im dritten Akt finden wir ihn wieder mit seinen beiden Neffen, in einem Walde bei Berlin, die Maifeier mitfeiernd. Bevor das lebende Bild aufgerollt wird, treten sich noch einmal, wie am Anfang, die Genien der Freiheit und der Tyrannei gegenüber. Die Freiheit siegt, und die Tyrannei stürzt beim Anblick der in Liebe und Brüderlichkeit geeinten Arbeiter aller Länder gebrochen zu Boden. Dieses Bild zum Schluß stellt die Welt-Maifeier der Arbeiterschaft dar.<
Von der Weber-Revolte zu den aktuellen Kämpfen der Sozialdemokratie. Gerhart Hauptmann mußte also die publizistische und die beginnende literarische Rezeption des historischen Weberaufstands kennen, als er Anfang 1890 mit systematischen Vorarbeiten für sein Drama begann. Er beschaffte sich Literatur über die schlesischen Weber und besuchte zweimal den >klassischen<, aber schon etwas >aufgeweichten< Boden des schlesischen Aufstands. Die Erstaufführung seines Werkes >Die Weber. Schauspiel aus den vierziger Jahren< am 26. Februar 1893 führte zu einer heftigen Diskussion in der deutschen Presse. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob das Drama nur historische Ereignisse vom Juni 1844 wiedergebe oder ob das Stück nicht vielmehr die aktuelle Lage des Industrieproletariats im Visier habe. Enthusiastisch äußerte sich Franz Mehring (1846-1919), heftigster zeitgenössischer Kritiker des deutschen Naturalismus, über das Drama: >Was an Hauptmann noch mehr erfreut als sein schönes Talent, das ist die ehrliche Selbstkritik. Vor kaum vier Jahren priesen ‚geniale' Kritiker seinen dramatisch so ziemlich und sozial gänzlich mißglückten Erstling ,Vor Sonnenaufgang' über den Schellendaus, und diese fade Reklame hätte einen noch sehr jungen Dichter wohl berauschen können. Aber Gerhart Hauptmann ist ruhig seinen Weg weitergegangen, und daß er kaum drei Jahre später schon aus dem Born des Sozialismus zu schöpfen verstanden hat, das stellt ihm nur ein ehrendes Zeugnis aus.< Mit dem >Born des Sozialismus< meinte Franz Mehring den Aufsatz von Wilhelm Wolff (>Das Elend und der Aufruhr in Schlesien), der im >Deutschen Bürgerbuch für 1845< erschienen war.
Für das Verständnis des Schauspiels wurden aber nicht nur Texte herangezogen, die 1844 als sozialistisch galten. Paul Schlenther, erster Biograph und Freund Hauptmanns, schreibt: >Die Weber [. . .] sind ein geschichtliches Drama, dessen Stoff mit
großer Treue aus historischen Quellen geschöpft ist. Ein wissenschaftlicher Forscher hat dem Dichter den Weg zu diesen len geebnet. Alfred Zimmermann, ein aus der Schule Gustav Schmollers hervorgegangener Nationalökonom, veröffentlichte 1885 bei Korn in Breslau ein lehrreiches Buch über ,Blüthe und Verfall des Leinengewerbes in Schlesien'.< Und einige Seiten weiter: >Was aber den Stoff betrifft, so sei nochmals auf das historisch objektive Werk Alfred Zimmermanns hingewiesen. Legationsrat Zimmermann steht im diplomatischen Reichsdienst, sein Buch ist dem staats- und königstreuen Professor Gustav Schmoller gewidmet, ein konservativer Zeitungsverleger hat es verlegt, königliche Behörden versorgten es mit Material.<
Hätte Hauptmann sich in der von Schlenther angenommenen Weise der Arbeit Zimmermanns bedient, könnte dem Drama und seinem Autor tatsächlich keine sozialkritische oder gar sozialrevolutionäre Tendenz zugesprochen werden. Zu klären, wie Hauptmann seine Kenntnisse über die schlesischen Weber und ihren Aufstand erlangt hat, ist deshalb für ein Verständnis seines Schauspiels außerordentlich wichtig.
>Wenn ich nur Material für die Weber hätte<, schrieb der 27jährige Hauptmann im Juni 1890 in sein Tagebuch und fragte seinen Freund Otto Pringsheim nach Quellen. Dieser antwortete in einem Brief vom 14. Juni 1890: >Hauptwerk über Geschichte der schlesischen Weber ist Alfred Zimmermanns Blüthe und Verfall des Leinengewerbes in Schlesien, Breslau Korn 1885. Hier findest Du auch weitere Literatur angegeben. Püttmanns Bürgerbuch enthält nur einen Aufsatz über die Weber, der nicht von großer Bedeutung ist. Wenn ich nicht irre, besitze ich das Buch und will ich es, sobald ich nach Hause komme, heraussuchen. Übrigens wird es auch bei der Königl. Bibliothek in Berlin zu haben sein! Ich bitte Dich aber, bei Deinen Studien vorsichtig zu sein, damit Dir nicht Unannehmlichkeiten erwachsen.< Denn Vorsicht war im Umgang mit sozialistischen Quellen geboten: Erst drei Jahre zuvor, im Sommer 1887, sollte Hauptmann im Breslauer Sozialistenprozeß als Zeuge gegen seine Freunde Alfred Plötz und Ferdinand Simon sowie gegen seinen Bruder Carl Hauptmann aussagen, die als Mitglieder der >Gesellschaft Pacific< der >gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie< bezichtigt worden waren. Gerhart Hauptmann leugnete in der Vernehmung jede Verbindung dieser Gesellschaft zur Sozialdemokratie, was vom Richter aber als unglaubwürdig gewertet wurde. Vorsicht war auch geboten, weil sozialdemokratische Redakteure, die Heines Gedicht >Die schlesischen Weber< abdruckten, in der Regel mit einer halbjährigen Gefängnisstrafe rechnen mußten. Aber Hauptmann ließ sich nicht beirren. Er besorgte sich das >Deutsche Bürgerbuch< und übernahm von Wilhelm Wolff eine Reihe wichtiger und nur dort vorkommender Details. Über die Anregungen Pringsheims hinaus beschaffte Hauptmann sich weitere Literatur, was sinngemäße und wörtliche Übernahmen aus Alexander Schneers Bericht von 1844 belegen. Seine kritische Rezeption des Materials wird vor allein daran deutlich, daß er Wolffs Aufsatz und Schneers Bericht als zeitgenössisch-authentische Quellen der vierziger Jahre benutzt und der Arbeit Alfred Zimmermanns, in der Wolff mit keinem Wort erwähnt wird, vorzieht.
Das Weber-Drama wurde in den neunziger Jahren ganz unterschiedlich aufgefaßt: Wurde es auf die Lage des Industrieproletariats bezogen, war Hauptmann ein Verbündeter der Arbeiterbewegung, wurde es vordergründig auf die vierziger Jahre historisiert, blieb für Hauptmann nicht viel mehr als das Lob einer detail- und milieugetreuen, naturalistischen Beobachtungsgabe und einer treffenden, aus Mitleid erfühlten Menschenschilderung. Das Weber-Drama aber bekam in der politischen und sozialen Situation um 1893 seine Brisanz durch Hauptmanns bewußt-kritische Aufnahme von Berichten und Aufsätzen des Jahres 1844, nicht zuletzt durch den leitmotivischen Einbau einiger Strophen des >Blutgerichts<. In der am 3. März 1892 ergangenen Verbotsbegründung des Berliner Polizeipräsidenten heißt es denn auch, daß die >Deklamation des Weberliedes< in einer öffentlichen Aufführung >zu erheblichen Bedenken Anlaß< geben könne. Und aus zeitgenössischen Rezensionen geht hervor, wie sehr das >revolutionäre Weberlied< heftigste Zuschauerreaktionen provozierte, wie die >Wut der auf der Bühne zur Empörung schreitenden Weber [. . .] ein vollklingendes Echo in dem Zorn der aufgestachelten Zuschauer< fand. Mit dem >Blutgericht< bezog sich Hauptmann am deutlichsten auf eine Quelle von 1844; ein Lied, das während der schlesischen Revolte unter den Webern ein solidarisierendes Band gebildet hatte und zusammen mit Heines >Weberlied< inzwischen zu einem Bestandteil sozialdemokratischer und sozialistischer Kulturtradition geworden war. Hauptmann schwieg über die Bezüge seines Dramas zu anderen Texten, weil er annehmen konnte, daß nicht nur ihm diese Texte aus den vierziger Jahren bekannt waren.
Um den politisch-historischen Hintergrund des Weber-Dramas zu verdeutlichen, machte Franz Mehring 1893 den >Bürgerbuch<-Aufsatz Wilhelm Wolffs einem breiteren Publikum bekannt. Mit der erneuten Zugänglichkeit dieser frühen sozialistischen Quelle und des >Blutgerichts<, aber auch durch die häufigen Wiederabdrucke des >Weberliedes< von Heinrich Heine, hatte die Weber-Revolte — über den in diesem Band dokumentierten Zeitraum hinaus — bis in die neunziger Jahre eine literarische Wirkung, die in einem krassen Mißverhältnis zu ihrer politischen Wirkung steht. Denn die schlesischen Weber hatten durch den Aufstand ihre Arbeitsbedingungen nicht bessern können, an der Ausbeutung durch die Handelsherren änderte sich nichts, der Aufstand fiihrte auch nicht zu einem organisatorischen Zusammenschluß. Aber von den vielen Unruhen der vierziger Jahre unterscheidet ihn sein publizistisches Echo und seine Wirkung auf die Literatur. Sie war durch die zahlreichen bis zum Juni 1844 erschienenen Berichte vorbereitet, in denen die Notlage der schlesischen Weber anschaulich beschrieben worden war. Das soziale Gewissen der zeitunglesenden bürgerlichen Öffentlichkeit war schon geweckt, als die Revolte ausbrach. Dieser informierten Öffentlichkeit wurde im Juni 1844 schlagartig klar: Unerträgliche Arbeits- und Lebensbedingungen konnten auch zu einem Aufstand führen. Und da diese nicht nur in Schlesien bestanden, kündigte sich zum ersten Mal die Möglichkeit einer allgemeinen sozialen Revolution in Deutschland an. Das zwang zur Parteilichkeit, die sich aber nur publizistisch und literarisch artikulieren konnte, weil es politische Interessenvertretungen im Sinne von Parteien und Gewerkschaften nicht gab. Das aktive Eingreifen der Arbeiterschaft in die soziale Frage vollzog sich zu Beginn der vierziger Jahre noch weitgehend getrennt von ideologiebildenden Prozessen. So fehlten die Voraussetzungen für unmittelbare politische Nachwirkungen der Weber-Revolte. Ihre Wirkungsgeschichte besteht deshalb lediglich in ihren unterschiedlichen politischen Interpretationen und literarischen Gestaltungen.